Der SK Rapid erlebt einen Höhenflug: Nicht nur der Fußballgott ist dafür verantwortlich

Volle Stadien, begeisterte Fans und Siege gegen internationale Top-Klubs: Der SK Rapid erlebt derzeit einen Höhenflug. Verantwortlich dafür ist nicht nur der Fußballgott.

Andreas Dober ist beim SK Rapid als Verteidiger engagiert und folglich nicht unbedingt zuständig fürs Toreschießen. Er hat das auch rund vierzehn Monate lang nicht getan. Doch am Mittwochabend vergangener Woche war die Zeit reif. In der 77. Minute schoss Dober aus etwa 20 Meter Entfernung auf das Tor des SV Kapfenberg und traf unhaltbar ins Kreuzeck.

Zuvor hatte er allerdings, das ist für die Genese nicht unwichtig, den Kapfenberger Abwehrkollegen Milan Fukal aus dem Weg gebombt. Dobers erster Schuss war in Fukals Gesicht gelandet. Der arme Mann ging zu Boden, der Ball wieder zurück zu Dober. Die Flugbahn Richtung Tor war also frei, als der Rapidler zum zweiten Mal drauflosballerte. Die bis dahin ebenbürtigen Kapfenberger verloren 0:1, Rapid konnte mit drei wichtigen Punkten nach Hause fahren, und Fukals Kopfschmerzen werden mittlerweile auch wieder abgeklungen sein.

Fußball ist unfair. Wenn es ohnehin schon gut läuft, kommt meistens noch das Glück dazu. „Aber was macht ein Dummer mit dem Glück?“, fragt Vereinspräsident Rudolf Edlinger selbstbewusst. Den allergrößten Teil ihres aktuellen Hochs können die Rapidler durchaus der eigenen Tüchtigkeit zuschreiben. Wunder waren nicht notwendig, und wenn in Hütteldorf der Fußballgott beschworen wird, hat das mit Übersinnlichem nur sehr am Rande zu tun. Gemeint ist nicht der alte Herr im Himmel, sondern Mittelfeldregisseur Steffen Hofmann.

Als erste österreichische Fußballmannschaft der Geschichte eliminierte Rapid vor ein paar Wochen mit Aston Villa einen Klub der englischen Premier League aus einem internationalen Bewerb. In die Gruppenphase der Europa League starteten die Wiener mit einem überzeugenden 3:0 gegen den Hamburger SV, derzeit Führender in der deutschen Bundesliga. Und in der heimischen Meisterschaft geht es nach einem schwachen Start seit ein paar Wochen ebenfalls wieder aufwärts. Sogar der zum Griesgram neigende Rapid-Trainer wirkt dieser Tage wie ausgewechselt. Peter Pacult verfolgt das Spielgeschehen üblicherweise mit einem Gesichtsausdruck, den andere Menschen für das Erdulden einer Wurzelbehandlung aufsparen.

Neuerdings entkommt ihm gelegentlich ein Grinsen. Und seine Spielanalysen werden immer länger: „Schön, dass wir auch wieder was sagen dürfen“, scherzte der Studiomoderator des Abosenders Sky, nachdem Pacult beim Siegerinterview in Kapfenberg einen für seine Verhältnisse endlosen Wortschwall losgeworden war.

Wiener Watschn. Pacult hat ein Team geformt, das in sich funktioniert – und zwar auch dann, wenn wichtige Spieler gerade verletzt oder gesperrt sind. Die Mannschaft zeigt attraktiven Offensivfußball, ist gut organisiert, taktisch diszipliniert und kampfbetont. Es macht Spaß, den Rapidlern zuzusehen. Vor allem der Triumph gegen den deutschen HSV sorgte auch international endlich wieder für positive Schlagzeilen über den heimischen Fußball. „Ösis verhöhnen die HSV-Versager“, schrieb etwa die Tageszeitung „Bild“. Das „Hamburger Abendblatt“ konstatierte eine „Wiener Watschn für den HSV“. Rapid-Pressesprecher Sharif Shoukry freute sich am meisten über einen Matchbericht auf CNN Sports, der den Erfolg der Österreicher ausgiebig würdigte.

Rapid hat in seiner 111-jährigen Geschichte 32-mal den Meistertitel in der Bundesliga errungen. Zwischen diesen Erfolgen blieb aber Zeit genug für eine Vielzahl sportlicher und finanzieller Abstürze. Vor allem in den vergangenen fünfzehn Jahren ging es in Hütteldorf recht turbulent zu. 1994 wäre der Verein fast in Konkurs gegangen und schaffte nur mit Mühe (und einer Garantie der Bank Austria) den Ausgleich. Zwei Jahre später kam Rapid dann, wie zum Trotz, ins Finale des Europacups der Cupsieger. In der Saison 2001/02 durfte der deutsche Ex-Teamspieler Lothar Matthäus sein Glück als Trainer versuchen. Unter ihm erreichte die Mannschaft den achten Tabellenplatz in der Bundesliga – und damit die schlechteste Platzierung seit Einführung der Meisterschaft. Drei Jahre später wurde Rapid (mit Josef Hickersberger als Trainer) Meister und schaffte die Qualifikation für die Champions League. Dafür überwinterte das Team 2006/07 auf dem letzten Tabellenplatz. Die Folgesaison brachte Rapid den bisher letzten Meistertitel und ein Spiel, über das noch die Enkel der heutigen Matchbesucher reden werden: einen 7:0-Auswärtssieg gegen Red Bull Salzburg.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben den Rapid-Präsidenten ein wenig übermütig gemacht. Er sei „vorsichtig optimistisch“, dass der Verein die Gruppenphase der Europa League überstehen werde, sagt Rudolf Edlinger – um gleich zu verdeutlichen, wie verrückt das wäre. „Wir haben 15 Millionen Euro Jahresbudget, der HSV hat 140.“ Von den sonstigen Rahmenbedingungen nicht zu reden: Den VIP-Sektor im Hanappi-Stadion verglich ein deutscher Reporter vor Jahren mit einer „bulgarischen Disko“. Gemeint war die Optik, nicht das Getränkeangebot.

Bald vorbei? Höhenflüge im österreichischen Fußball sind selten – und meistens kurz. Auch für Rapid können die schönen Tage schnell wieder vorbei sein. Schon am Donnerstag steht die neue Herrlichkeit zur Disposition, wenn Rapid auswärts gegen Celtic Glasgow antreten muss. Doch ein paar positive Entwicklungen im heimischen Vereinsfußball werden von Dauer sein, glaubt Bundesliga-Vorstand Georg Pangl: „Insgesamt beginnt die Arbeit der Vereine Früchte zu tragen. Das gezielte, intensive Arbeiten mit dem Nachwuchs zahlt sich aus.“

Rudolf Edlinger , früher Finanzminister der SPÖ, hat auf jeden Fall einige Sorgen weniger. Allein der Europacup bringt dem Verein zusätzliche Einnahmen von sechs bis sieben Millionen Euro. In normalen Jahren steht der Präsident vor dem Problem, dass Sponsorgelder und Ticketerlöse nur etwas über 80 Prozent des Budgets decken. Der Rest muss von irgendwo anders kommen – zum größten Teil aus dem Spielerverkauf. Auch das glückte heuer ganz nach Wunsch. Die Transfers der Stürmer Jimmy Hoffer (zum italienischen Erstligisten Napoli) und Stefan Maierhofer (zum englischen Pre­mier-League-Verein Wolverhampton) brachten netto fünf Millionen Euro ein.

Rapid-Sportdirektor Alfred Hörtnagl hat sein Büro direkt gegenüber dem Hanappi-Stadion. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er das Eingangstor und die Rückseite der Tribüne. Er weiß, wie es sich anfühlt, vor dem tobenden Westsektor auf den Platz zu laufen. Vor 15 Jahren hat Hörtnagl selbst für Rapid gekickt. Heute ist er unter anderem dafür zuständig, die Mannschaft mit talentiertem Nachwuchs zu versorgen. Um zu zeigen, wie er das macht, nimmt er ein Blatt Papier. Er zeichnet Kreise und Pfeile, spricht von Mentalbetreuung der jungen Spieler, von Coaching, autogenem Training und Persönlichkeitsbildung. „Pro Rapid“ heißt das Programm, mit dem Hörtnagl vor drei Jahren als Sportdirektor begonnen hat. Die jeweils besten Spieler eines Jahrgangs werden umfassend betreut und auf ein Leben als Fußballprofi vorbereitet. Nebenbei müssen sie allerdings buchstäblich um ihr Leiberl rennen: Länger als zwei Jahre sollte keiner bei den Rapid-Amateuren bleiben. Danach geht es ab in die Kampfmannschaft von Rapid, zu einem anderen Bundesliga-Verein oder in die zweite Liga. „Das Ziel ist, dass die jungen Spieler so schnell wie möglich den Nachwuchsbereich verlassen“, sagt Hörtnagl.

Guter Ersatz. Sein Konzept funktioniert offenbar. Als vor einem Jahr der Mittelfeldspieler Ümit Korkmaz an Eintracht Frankfurt verkauft wurde, war der damals 18-jährige Christopher Drazan als Ersatz zur Stelle. Für den Stürmer Jimmy Hoffer rückte Christopher Trimmel nach, den ein Rapid-Talentescout erst vor einem Jahr beim burgenländischen Landesliga-Klub ASK Horitschon entdeckt hatte. Doch das System hat Grenzen, sagt Hörtnagl: „Mehr als ein, zwei Spieler pro Jahr können wir nicht verkaufen. Sonst leidet die Kampfmannschaft.“

Die Fans würden das nicht verstehen. Und mit den Rapid-Anhängern ist nicht zu spaßen. Insgesamt 157 Fanklubs hat der Verein derzeit. Der größte und einflussreichste sind die „Ultras“, die auf der Westtribüne 90 Minuten lang ohne Unterlass singen, trommeln, schreien, Fahnen schwenken und den Gegner auspfeifen. Für diesen harten Kern ist Rapid tatsächlich eine Religion und das Heimspiel ein Hochamt. Als Pfarrer amtiert der langjährige Platzsprecher Andi Marek, der Chor kommt von der Westtribüne, und jedes Rapid-Tor dient den Grün-Weißen als Gottesbeweis.

Weil das Hanappi-Stadion nur 17.500 Besucher fasst, weicht der Verein für die Europa League ins dreimal so große Happel-Stadion aus. Die weitläufige Arena im Prater gilt eigentlich als Stimmungskiller. Aber 50.000 Rapid-Anhänger lieferten im Match gegen den HSV den Beweis, dass sich auch die schlechteste Akustik mit etwas gutem Willen niederbrüllen lässt. Lärmpegel und Atmosphäre waren schlicht überwältigend.

Lieblingsfeind. Solche Fans sind ein Segen – und eine Belastung zugleich. Es kommt vor, dass Rapid-Anhänger den Ausdruck „Schlachtenbummler“ etwas zu wörtlich nehmen. Auf ihrer Homepage trauern die Ultras den schönen Zeiten nach, als die Salzburger Kollegen noch ernst zu nehmende Gegner im Straßenkampf abgaben und „von 400 Wienern quer durch die eigene Stadt gejagt“ wurden. „Durch die Übernahme des Vereins seitens Red Bull wurden wir leider unseres Lieblingsfeinds beraubt“, klagt der Verfasser.

Im eigenen Stadion herrscht seit der Ins­tallierung eines aufwändigen Sicherheitssystems weitgehend Ruhe. Bei Auswärtseinsätzen sind die Rapidler aber nach wie vor gefürchtet. Das Match gegen Celtic Glasgow etwa droht auch abseits des Rasens spannend zu werden. Die ebenfalls temperamentvollen schottischen Fans haben mit den Wienern seit einem so genannten Skandalspiel vor 25 Jahren noch eine Rechnung offen und freuen sich angeblich schon darauf, die 2000 anreisenden Rapid-Fans persönlich kennen zu lernen.

Kein anderer Fußballverein in Österreich kann es in der Massenwirkung mit Rapid aufnehmen. Trotzdem muss Präsident Edlinger jedes Jahr aufs Neue um die Finanzierung des Spielbetriebs kämpfen. Einen großen Teil der Werbepartner rekrutiert er aus seinem früheren Einsatzgebiet als Wiener Stadtrat und Finanzminister; alte Seilschaften werden dabei wohl nicht schaden. Hauptsponsor ist Wien Energie, ein Premiumpartner die OMV. „Seit ich Präsident bin, ist Rapid noch nie einem Spieler oder der Krankenkasse Geld schuldig geblieben“, sagt Edlinger. Im österreichischen Vereinsfußball ist das keine Selbstverständlichkeit.

Über den dringend nötigen Um- oder Neubau des alten Hanappi-Stadions wird seit Langem nachgedacht. Was bislang fehlt, ist ein Finanzier. Nächstes Jahr soll zumindest klar sein, wo die Spieler bis zu einer Neueröffnung trainieren könnten. „Es gibt Gespräche mit der Stadt Wien, wir sind da schon recht weit“, erzählt Edlinger. Mehr will er nicht verraten, weil es sonst gleich wieder Unruhe unter den Fans gibt. Aus dem gleichen Grund wäre auch ein Neubau außerhalb von Hütteldorf undenkbar. Grün-Weiß gehört ans Westende der Stadt. Kathedralen verlegt man nicht.

Eher nicht realisiert wird auch die Einführung eines Fanartikels, den Rudolf Edlinger kürzlich beim Blättern im Katalog eines englischen Klubs entdeckte. Neben den üblichen Textilien, Spielsachen und Nippes fand sich darin auch das Angebot, dem Verein wirklich für immer die Treue zu halten: mit einem Sarg in den Vereinsfarben. Grün-Weiß bis in den Tod? Nein, sagt Edlinger. Er habe kurz darüber nachgedacht. „Aber das geht doch zu weit.“