Der Spion des Kreml: Wie ein russischer Superspion eine diplomatische Krise auslöst

Seit Juni 2007 sorgt eine bilaterale Affäre für ­diplomatische Verstimmungen zwischen Wien und Moskau. Die Protagonisten: ein russischer Spitzen­agent, ein Unteroffizier als Sündenbock und alte Bekannte aus der Eurofighter-Causa. Die Chronik des größten Spionagefalls seit dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Weltraummüll, satellitengestützte Such­systeme, der Einsatz von Atomkraft in der Raumfahrt: Es war ein buntes Programm, das der UN-Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums bei seiner 50. Generalversammlung abwickelte. Teilnehmer von Delegationen aus 56 Mitgliedsstaaten waren nach Wien gereist und erörterten zwischen dem 6. und 15. Juni des Vorjahres in der UNO-City unter anderem die Zukunft der Erforschung des Weltalls und das internationale heliophysikalische Jahr 2007. Höhepunkt des Wiener Weltraumkongresses war die Eröffnung der Aus­stellung „50 Jahre Weltraumzeitalter“. Der Anlass: Am 4. Oktober 1957 hatten die Russen Sputnik I, den ersten künstlichen Satelliten, ins All geschossen.

Ein Konferenzteilnehmer interessierte sich allerdings weniger für Weltraummüll, heliophysikalisches Jahr oder frühere Glanzleistungen seiner Heimat. Wladimir Woschschow, 50, regelmäßiger Wien-Besucher, konzentrierte sich auf Irdisches. Am 11. Juni 2007 fuhr Woschschow, Mitarbeiter der russischen Weltraumagentur Roskosmos, mit einer Begleiterin von seinem Quartier im Wiener Hotel Bellevue zum Westbahnhof und kaufte zwei Tickets nach Salzburg. Der Empfang am Hauptbahnhof der Festspielstadt um halb sieben am Abend geriet jedoch alles andere als herzlich. Beamte des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) stellten sich Woschschow und seiner Begleiterin in den Weg. Die Russen ließen sich ohne Widerstand festnehmen. Sie waren in eine Falle getappt.

Zur gleichen Zeit verhafteten 14 Beamte in Gmunden Harald S. im Haus seines Bruders. S., 51, ist Vizeleutnant beim Bundesheer und dient als Hubschrauber-Bordtechniker beim Fliegerregiment 3 in Hörsching. Nach seiner Festnahme wurde der Oberösterreicher nach Wien zum Verhör gebracht und saß zwei Wochen in U-Haft im Gefangenenhaus Josefstadt. Die Festnahmen waren das Ergebnis jahrelanger Ermittlungen des BVT, des Heeresabwehramts, des Bundeskriminalamts in Wiesbaden sowie deutscher Geheim­dienste. Der Verdacht gegen Wladimir Woschschow wiegt schwer: Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, die deutsche Industrie und die Bundeswehr. Das Zielobjekt: der deutsch-fran­zösische Helikopter Tiger von Eurocopter, einem Tochterunternehmen des Luftfahrtkonzerns EADS. Die deutsche Bundeswehr stellte den hypermodernen Kampfhubschrauber 2003 in Dienst. Vizeleutnant S., so die Vorwürfe der Ermittler, soll Woschschow die notwendigen Kontakte nach Deutschland verschafft und überdies Geheimnisse des Bundesheeres verraten haben. Doch knapp acht Monate nach den spektakulären Festnahmen droht der größte Spionagefall auf österreichischem Boden seit dem Ende der Sowjetunion zum grotesken Debakel zu werden. Der hauptverdächtige Russe ist nicht mehr greifbar. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Wien und Moskau sind angespannt, deutsche Behörden irritiert. Und die Ermittlungen gegen den Vizeleutnant wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit für ein anderes Land (Paragraf 319 Strafgesetzbuch) und zum Nachteil Österreichs (Paragraf 256) drohen im Sand zu verlaufen.

GRU-Agent
Denn die Verdachtsmomente sind alles andere als klar, die Beweislage ist eher dürftig. Dafür tauchen in den Ermittlungsunterlagen Namen auf, die schon im Eurofighter-Untersuchungsausschuss für Aufsehen gesorgt hatten. Nach Erkenntnissen der heimischen Staatsschützer dürfte Wladimir Woschschow im Dienst des militärischen Auslandsgeheimdienstes von Russland, GRU, stehen. Und laut Aktenlage könnten Verbindungen zu Russlands prominentestem Ex-Spion bestehen: Präsident Wladimir Putin. Die Ermittler gingen Hinweisen nach, bei Woschschow handle es sich um einen Halbbruder von Putins Frau Ljudmila. Eine Bestätigung dafür fanden sie freilich nicht. Die russische Botschaft in Wien dementiert. Zumindest kam der enttarnte Agent der russischen First Lady sehr nahe: Woschschow begleitete Ljudmila Putina wiederholt bei Besuchen in Österreich, teils offiziell wie bei der Ski-WM 2001 in St. Anton, teils auch bei diskret gehaltenen privaten Aufenthalten. Im Juli 2007 soll Woschschow gerüchteweise mit der russischen Delegation um Wladimir Putin zur Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 nach Guatemala gereist sein. Der spektakuläre Spionagefall nahm seinen Anfang Mitte der ­neunziger Jahre in Wien. Wladimir Woschschow diente – bis zum Jahr 2000 – als Handelsattaché an der Botschaft. Ein freundlicher, unscheinbarer Mann mit guten Deutschkenntnissen und Interesse an der Fliegerei. Ende 1995 lernte der Diplomat Vizeleutnant Harald S. kennen. Laut Ermittlungsakten hatte der Generalsekretär des Aeroclubs, Sepp Schlager, S. angerufen und gefragt, ob er mit russischen Importeuren ins Geschäft kommen wolle. Der Vizeleutnant handelte im Nebenerwerb – vom Bundesheer offiziell genehmigt – mit Flugzeugmotoren, Flugzeugkomponenten und Werkzeugmaschinen. Im Lauf der Jahre wurden zwischen Woschschow und S. Deals abgewickelt. Ein Staatspolizist hatte S. auf diskrete Anfrage bestätigt, dass der Russe harmlos sei.

Deutsche Quelle
Im Dezember 1997 reisten Offiziere und Unteroffiziere des Fliegerregiments 3 zu einem Besuch des Hubschrauberherstellers Eurocopter nach Ottobrunn, München. Bei der Führung durch das Werk wurde S. von einem deutschen Ingenieur angesprochen: Werner G. Der hatte von den Geschäftskontakten des Vizeleutnants erfahren, plante den Sprung in die Selbstständigkeit als Helikopter-Verkäufer und hoffte auf Aufträge aus Russland. Vizeleutnant S. vermittelte den Kontakt. Zehn Jahre später sollte er dies bereuen. Denn laut vertraulichen Vernehmungsprotokollen deutscher Ermittler war es G., der den österreichischen Vizeleutnant schwer belastete. Beamte des deutschen Bundeskriminalamts in Wiesbaden hatten G., Ingenieur und ausgebildeter Hubschrauberpilot, nach rund zweijähriger Observation im April 2007 festgenommen. In den Verhören gestand er, Woschschow jahrelang vertrauliche Eurocopter-Unterlagen gegen Bezahlung geliefert zu haben. In der Hoffnung auf Strafmilderung entschloss sich G. zur Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden.

Klandestine Treffen
Nach 1997 hatten der Euro­copter-Beschäftigte und der russische Agent einander regelmäßig getroffen: im ehemaligen Jugoslawien, in Bratislava, in München, in Salzburg. In der ­Mozartstadt kam es laut Erkenntnisstand des deutschen Bundeskriminalamts im Dezember 2005 zu einem klandestinen Treffen, in der bayerischen Landeshauptstadt im August 2006. G. übergab laut den Ermittlungen geheimes Material, Woschschow Kuverts mit bis zu 20.000 Euro. Als sein Topinformant für den 11. Juni 2007 abermals Salzburg als Treffpunkt vorschlug, schöpfte Woschschow daher keinen Verdacht. Er schluckte den Köder. Bei seiner Festnahme in Salzburg hatte er rund 12.000 Euro, CD-ROMs und einen USB-Stick bei sich. Nach der Verhaftung durchsuchten BVT-Beamte das Zimmer Woschschows in dessen Wiener Hotel. Sie stellten Kredit- und Bankomatkarten sicher. Woschschow wurde nach Wien überstellt. Die Ermittler waren überzeugt, einen großen Fisch gefangen zu haben. Doch einen Gegner hatten BVT und Justiz unterschätzt: die Diplomatie. In Moskau reagierte man auf die Festnahme Woschschows mit offener Aggression. Es handle sich um einen „unfreundlichen Akt“, der den „bilateralen Beziehungen schaden“ würde. Woschschow sei Mitarbeiter der Welt­raum­agentur Roskosmos, genieße diplomatische Immunität und sei keinesfalls ein Spion. Der österreichische Botschafter in Moskau, Martin Vukovich, wurde ins russische Außenamt zitiert. Noch drei Wochen zuvor hatte Wladimir Putin beim Staatsbesuch in Wien die russisch-österreichischen Beziehungen in höchsten Tönen gelobt und mit Bundespräsident Heinz Fischer Lipizzaner in der Hofreitschule gestreichelt.

Justiz versus UN
Die Wiener Staatsanwaltschaft hatte den Status des Verdächtigen vor dessen Festnahme genau analysiert. Nach Ansicht der Justiz verfügte Woschschow nicht über diplomatische Immunität. Angesichts der russischen Drohungen kontaktierte das österreichische Außenamt die UN. Der Rechtsdienst der Vereinten Nationen erstellte ein Gutachten. Dessen Inhalt: Woschschow habe als Mitglied der russischen Delegation bei der UN-Weltraumkonferenz in Wien über diplomatische Immunität verfügt. Danach ging alles schnell. Woschschow wurde der russischen Botschaft übergeben und verließ auf direktem Weg Österreich. Seine in Salzburg ebenfalls festgenommene Begleiterin war schon zuvor freigelassen worden. Die deutschen Behörden sollen alles andere als begeistert gewesen sein. Schließlich lagen gegen den Russen ein Haftbefehl und ein Auslieferungsantrag der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe vor. Zu seinen Kontakten zu Vizeleutnant S. kann Woschschow nun nicht mehr befragt werden. Der Unteroffizier wurde nach seiner Entlassung aus der U-Haft vom Dienst suspendiert, sein Sold um ein Drittel gekürzt. In seiner einzigen Stellungnahme, einem Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“, beteuerte S. seine Unschuld. Er habe Woschschow keine militärischen oder technischen Geheimnisse verraten und sei dem Bundesheer gegenüber stets ­loyal gewesen. Mittlerweile hat sich auch die Politik der Causa angenommen. Der FPÖ-Abgeordnete Manfred Haimbuchner brachte im November 2007 parlamentarische Anfragen an ­In­­­­­nen- und Verteidigungsminister ein. Haimbuchner: „Ich habe den Eindruck, dass hier ein Sündenbock gesucht wurde, statt Licht in die Verwicklung wesentlich höher gestellter Personen zu bringen.“ Um die Beteiligung des Vizeleutnants an angeblicher Industriespionage nachweisen zu können, brauchen die Anklagebehörden wasserdichte Beweise. Zweifel bestehen. Zu den Bauplänen des Tiger-Kampf­hubschraubers, Woschschows prioritärem Spionageziel, hatte S. überhaupt keinen direkten Zugang. Einziger Belastungszeuge gegen den Vizeleutnant ist der geständige frühere Eurocopter-Ingenieur Werner G., der behauptet, von S. zum Geheimnisverrat angestiftet worden zu sein. Doch wie ein den Ermittlern vorliegendes Fax belegt, hatte G. Vizeleutnant S. um Kontakte zu Woschschow gebeten – und nicht etwa S. den deutschen Techniker dem russischen Agenten zugeführt.

Lange nicht gesehen
S. traf G. das letzte Mal im September 2001. Auch der Kontakt zu Woschschow war lange vor dessen Festnahme abgerissen. S. hatte auf einen Großauftrag für eine geplante Flugzeugfabrik in Wiener Neustadt gehofft. Doch beim letzten von insgesamt drei Besuchen des Vizeleutnants in Moskau teilte Woschschow S. im November 2002 mit, dass das Projekt gestorben sei. Ein letztes Mal trafen die zwei im ­Februar 2003 in St. Pölten zusammen. Danach meldete sich der Russe noch gelegentlich telefonisch mit ­Geburtstagswünschen. Den Kontakt zu seiner sprudelnden Quelle G. in Bayern hielt er freilich aufrecht. Vizeleutnant S. sollte erst wieder gegen Ende 2005 den Namen Woschschow hören. Beamte des Heeresabwehramts und des BVT konfrontierten ihn mit einer über­raschenden Neuigkeit: Bei Woschschow hätte es sich nicht um einen harmlosen Handelsattaché gehandelt, sondern um einen mutmaßlichen russischen Spion. Offenbar war Woschschow schon zu diesem Zeitpunkt ins Visier deutscher und österreichischer Staatsschützer geraten. S. gab bereitwillig Auskunft über seine Kontakte, die er ohnehin nie verheimlicht hatte. 2006 erkundigten sich Abwehramts­agenten erneut nach Woschschow und dessen Verbindungen zu Heeresangehörigen und Politikern. Diese waren durchaus intensiv. Woschschow pflegte Bekanntschaft zu vielen Offizieren des Bundesheeres, unter anderem zum früheren Chef der Luftstreitkräfte, Generalmajor Erich Wolf. Er organisierte für Wolf und andere Offiziere Übungsflüge auf russischen Jets sowie die Teilnahme von MiGs 29 bei Airshows in Österreich. Als Handelsattaché in Wien und auch nach seiner Rückkehr nach Moskau im Jahr 2000 bemühte sich Woschschow, den österreichischen Militärs MiG-Jets als Draken-Ersatz schmackhaft zu machen. Woschschow kannte laut Aktenlage die wesentlichen Männer in Militär und Rüstungsindustrie – und sie kannten ihn. Etwa Erhard Steininger, Geschäftsmann im Waffenbusiness mit jahrzehntelangen engs­ten Verbindungen zum Heer. Der aus dem Eurofighter-U-Ausschuss bekannte Lobbyist für den Eurofighter verfügt über ausgezeichnete Beziehungen nach Russland und soll auch Ljudmila Putina persönlich kennen. Steiningers brisante Kontakte zu ­einem russischen Diplomaten, den Staatsschützer seit 2005 als Spion verdächtigten, dürften für das Heeres­abwehramt durchaus von Interesse gewesen sein. Dessen früherer, im Juni 2007 abgesetzter Chef, Hofrat Erich Deutsch, hätte Steininger dazu sogar in privatem Rahmen befragen können. Die beiden sind Freunde und verbrachten mehrfach gemeinsame, vom EADS-Lobbyisten gern vorfinanzierte Urlaube – zuletzt im März 2007 in Ramsau am Dachstein.

Suspendierung
Bei Vizeleutnant S. reagierte Hofrat Deutsch sensibler. Die früheren Beziehungen des Unteroffiziers zu Woschschow wurden gegen Ende des Jahres 2006 plötzlich als bedenklich eingestuft. S. mutierte vom Informanten des Abwehramts zu einem Sicherheitsrisiko. Zu Jahresbeginn 2007 entzog ihm das Streitkräfteführungskommando die Verlässlichkeitsbescheinigung. Anlass war ein Schreiben von Abwehramtschef Erich Deutsch. Der Regimentskommandant des Vizeleutnants stand zu seinem Untergebenen und bemühte sich lange Zeit vergeblich um Akteneinsicht. Deutsch hatte den Fall als Verschlusssache klassifiziert. Nach der Festnahme des Vizeleutnants versuchten Beamte des Abwehramts nachzustellen, wie S. mit seinen als Unteroffizier eingeschränkten Zugangscodes militärische Geheimnisse – etwa in der Radartechnologie – knacken und verraten hätte können. Das Ergebnis: negativ. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft Wien laufen die Untersuchungen gegen Vizeleutnant S. noch. In Deutschland bereitet sich Werner G. auf seinen Prozess vor. Und in Moskau versieht Wladimir Woschschow Dienst als Mitarbeiter in der russischen Weltraumbehörde.
Bei der nächsten Generalversammlung des UN-Ausschusses für die friedliche Nutzung des Weltraums in Wien wird er jedenfalls fehlen.

Von Gernot Bauer