Der Stand der Dinger

Die Lust des Mannes. Er besitzt ein Pendant zum G-Punkt, kann seinen Orgasmus -vortäuschen, ist weit weniger schwanzgesteuert als sein Ruf und durchleidet ebenso wie die Frau ein Klimakterium. Neue Forschungen revidieren die gängigen Klischees über männliche Sexualität und die Ursachen für Libidoverlust und Potenzstörungen.

Als sie mich küsste und ihren Körper gegen meinen presste, wunderte ich mich, dass ich sofort erregt war. Obwohl Natalie nicht mein Typ war und auch die Atmosphäre, ein unordent-liches Badezimmer im -Neonlicht, nicht viel hergab, verfiel ich doch recht schnell in eine Art Pornomodus …“. So klischee-affirmativ liest sich die Schilderung des 28-jährigen Tischlers Lukas aus Düsseldorf in der Anthologie „Schlechter Sex“ (bei Schwarzkopf & Schwarzkopf), in der 33 Männer Peinlichkeiten und Pannen beim Zur-Sache-Gehen schildern. Wie langweilig. Wieder einmal wird eine Bestätigung dafür gegeben, dass „eine Erektion ein automatischer Vorgang, ein Reflex ist, über den ein Mann nicht nachdenken muss“, so der französische Sexualtherapeut Yves Ferroul im profil-Interview. Doch dann flüstert Natalie dem Objekt ihrer Begierde den Satz „Fick mich!“ ins Ohr. Und Lukas rebelliert: „Dies hatte noch nie ein Mädchen, außer Pornodarstellerinnen vom Bildschirm aus, explizit zu mir gesagt. Dann verlor ich das Gleichgewicht und fiel rücklings in die Badewanne.“ Der One-Night-Stand endete mit einer Noteinlieferung ins Spital und der Diagnose Steißbeinbruch. Und widerlegt die gängige These vom Mann als trieb- und schwanzgesteuertem Wesen, dessen Hirn das Kommando abgibt, sobald sein Mittelstück in die Senkrechte geht. Das männliche Libidoempfinden ist genauso störanfällig wie das der Frau; seelenlose Rein-raus-Rituale besitzen bei Männern einen ähnlichen Irritationsfaktor, wie ihn Frauen seit dem Ausbruch der sexuellen Revolution beklagen.

Die männliche Sexualität erweist sich insgesamt – laut neuesten Forschungen – als weit komplexer und komplizierter als bisher angenommen. Und ist auch nicht so eindimensional orientiert, wie man annimmt. Groß war das Aufsehen, als das Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Frauengesundheitsforschung 2005 eine Studie zum Sexualverhalten der Österreicher vorlegte – suggerierte die Untersuchung doch ungeahnte Liberalität, was das Ausleben gleichgeschlechtlicher Erfahrungen im vermeintlich konservativ liebenden Österreich betrifft: Zwölf Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen gaben demnach an, bereits homosexuelle Erfahrungen gemacht zu haben. Das entsprach nicht dem, was man zuvor als gesichert angenommen hatte – nämlich dass nur rund drei bis vier Prozent der Bevölkerung gleichgeschlechtlich lieben. Die Leiterin der Studie, Beate Wimmer--Puchinger, schränkt ein: „Wir haben nicht den Anspruch gestellt, die reale Verteilung der Homosexualität zu ermitteln, da mit der Beantwortung auch bei größter Anonymität Ängste und Unsicherheiten verbunden sind.“ Die Schlussfolgerung liegt deshalb nahe, dass „homosexuelle Erfahrung“ vielfältig interpretierbar ist und auch pubertäres Experimentieren wie gemeinsames Duschen oder verschämte Berührungen miteinschließt. Dieses gängige Phänomen rangiert in der Gender-Forschung unter dem Begriff „Entwicklungs-Homosexualität“.

Um die jüngsten Entwicklungen und Veränderungen im Sexualverhalten zu sondieren, muss man in die USA schauen: Im vergangenen Oktober wurde die größte amerikanische Sexstudie seit dem Erscheinen des Kinsey-Reports 1948 im renommierten Fachblatt „Journal of Sexual Medicine“ publiziert. Die an nahezu 6000 amerikanischen Männern und Frauen zwischen 14 und 94 Jahren durchgeführte Untersuchung dokumentierte signifikant, dass auch Männer durch die herkömmlichen Beischlafmethoden wie die Missionarsstellung längst nicht mehr die sexuelle Erfüllung finden. „Natürlich ist die klassische Penetration noch immer die am häufigsten praktizierte Form von Sexualität“, so Debby Herbenick, eine Leiterin der Studie, „auffallend ist jedoch, dass beide Geschlechter einander weitaus experimentierfreudiger begegnen als in früheren Jahren. Das Vorspiel ist facettenreicher und avanciert so häufig zum Hauptgang.“ Als „überraschend positiv“ bewertete Herbenick auch „die Einstellung zum oralen Sex“: „Mehr als die Hälfte der Frauen gaben an, von ihren Partnern regelmäßig oral befriedigt zu werden.“ Auch das Phänomen des „Silver Sex“, wie die US-Sexualtherapeutin Ruth Westheimer sexuelle Aktivitäten unter Senioren etikettierte, scheint nicht nur eine Kopfgeburt der Lifestyle--Publizistik zu sein: 38 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen zwischen 60 und 69 Jahren bekennen sich zu einem regelmäßigen Sexualleben, in dem auch Offenheit für zwischengeschlechtliche Innovationen herrscht. Philip Roth, der Potenzneurotiker in der US-Autorenelite, erzählt davon aus dem Blickwinkel der melancholischen Ironie in dem Roman „Demütigung“. Dort stemmt sich der verblassende Theatergott Simon Axler gegen die eigene Vergänglichkeit, indem er sich mit einer „ausgekocht naiven“ Lesbe, die kurz vor der Geschlechtsumwandlung steht, zu Lustspielen, inklusive grünem Dildo und einer weiteren Blondine, hinreißen lässt. „Das männliche Selbstverständnis basiert eben in großem Maß auf sexueller Potenz“, erklärt Roth 2008 im -profil-Interview, „dass Männer bis ins hohe Alter sexuelle Begierde empfinden, hat weniger mit Todesfurcht als mit Freude am -Leben zu tun.“

Schwierige Übung. Im krassen Gegensatz zu der umfassenden US-Studie, der Experten auch als europaweiter Gradmesser Relevanz attestieren (mit dem Zusatz, dass die sexuelle Abenteuerlust in der Alten Welt noch größer ist), erweist sich „der größte Spaß, den man, ohne zu lachen, haben kann“ (Woody Allen), zunehmend als schwierige Übung und störungsanfälliges Betätigungsfeld. Die letzte repräsentative Untersuchung bezüglich Potenzproblemen wurde in Österreich 2004 am Wiener Donauspital im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung an 2870 Männern zwischen 20 und 80 Jahren durchgeführt. Mit dem Ergebnis, dass jeder dritte der Befragten angab, an Erektions- und Ejakulationsproblemen zu leiden. Wobei die erektile Dysfunktion, so der Studienleiter und Urologe Stephan Madersbacher, „meistens ein Marker für Gefäß- und Nervenerkrankungen ist“. Erektions-Problematiker leiden auch an einem 30 bis 50 Prozent höheren Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko. „Wenn ein Mann seinen Präsidenten nicht mehr hochkriegt“, sieht auch die mit 83 Jahren noch immer praktizierende Sexualtherapeutin Ruth Westheimer die Grenzen ihrer Profession, „schicke ich ihn zuallererst einmal zu einem Urologen.“ Abgesehen von physischen Ursachen gilt Stress für beide Geschlechter als größter Libidokiller.

„Die freigesetzten Stresshormone bringen das Gleichgewicht der Substanzen im Schwellkörper durcheinander“, erläutert der Wiener Urologe Walter Stackl die Konsequenzen. Stackl schätzt, dass in Österreich rund eine Million Männer an einem geschwächten Stehvermögen leiden; rund 300.000 davon wären schwer betroffen.
Im Zeitalter einer durch Internet-Pornografisierung nahezu unbeschränkt permissiven Gesellschaft verdichtet sich die sexuelle Unlust innerhalb von Paarbeziehungen zu einem Phänomen mit epidemischen Ausmaßen. Im US-Psychojargon wurde für in Sexlosigkeit lebende Beziehungspartner -bereits das Kürzel DINS (Dual Income, No Sex) geprägt. Der Druck der Finanzkrise, die wachsenden Existenzängste, der Stress durch Familien-zuwachs, ein zunehmend onlineorientiertes Freizeitleben und der rasant steigende Konsum von Antidepressiva, die sich bekannterweise negativ auf den Lustpegel auswirken, bewirken, dass außer dem Fernseher und dem Computer in Langzeitbeziehungen oft nur wenig bis gar nichts läuft. US-Experten schätzten bereits 2003, dass in den USA nahezu ein Fünftel aller Paare in der sexfreien Zone leben. Novum ist in den neuesten Untersuchungen, dass junge Männer zunehmend über einen wachsenden Libidoverlust klagen. Eine Entwicklung, die die Wiener Ärztin und Sexualtherapeutin Elia Bragagna auch aus ihrem Berufsalltag kennt: „In meiner Praxis stehen plötzlich immer mehr junge, hübsche Männer, die über Potenz- und Luststörungen klagen.“ Als Ursache für dieses Phänomen ortet Bragagna „das Leben in einer Kick-Gesellschaft“: „Um den gängigen Leistungsvorstellungen zu entsprechen, gehen diese Männer mit Frauen ins Bett – obwohl ihr Körper das eigentlich gar nicht will. Denn Nähe und Vertrauen sind noch immer die wichtigsten Voraussetzungen für eine funktionierende Sexualität.“

Retrosexualität. Die Panik, nicht so bestückt zu sein und so weit zu ejakulieren wie die Pornovorgaben im Netz, potenziert die Versagensängste der Jungen. Ein sechzehnjähriger Wiener Schüler bringt das Dilemma der überfluteten und überforderten Teenager-Generation auf den Punkt: „Ich weiß zwar ganz genau, was ein Penis-Piercing und ein Cock-Ring ist, nur von der Beschaffenheit der Klitoris habe ich keine Ahnung.“ Besonders in der Migrantenszene hat die wachsende Identitätsverunsicherung zu einer Verherrlichung chauvinistischer Männer-ideale geführt, die durch die Machokultur der HipHop- und Rapper-Szene zusätzlich Rückenwind bekommt. „Ich habe mich schon in der Pubertät voll ausgetobt und nichts, vor allem keine Gelegenheit zum Sex, ausgelassen“, erklärt der aus dem Iran stammende, 26-jährige Wiener Rapper Nazar.
Doch der Drang zur Revitalisierung der Wilde-Kerls-Ideologie scheint nicht nur ein Randgruppenphänomen zu sein. Das US-Magazin „Newsweek“ initiierte vor einigen Wochen einen heftigen medialen Diskurs, als es die „Retrosexualität“ für Männer salonfähig erklärte und das Backlash-Phänomen als gesunde Reaktion gegen „das ständige Lamentieren über den gebrochenen, depressiven und von der Emanzipation überrollten Mann“ wertete. „Kein Wunder“, so das männliche Autoren-Duo, „dass Männer sich Designer-Äxte kaufen, zornig werden, Bier trinken und sich unter ihresgleichen zusammenrotten: Sie sind vom weiblichen Forderungskatalog heillos überanstrengt.“ Um ein frauenkompatibles Beta-Männchen zu sein, müsse man eindrucksvoll am Schalthebel der Macht stehen und daneben – im Gegensatz zu den Alpha-Egomanen – den Blumenservice für die Gefährtin kontaktieren sowie die Windeln seiner Kinder wechseln. Ein rares und herausragendes Beispiel für die Spezies dieser Übermänner wäre -Barack Obama, der – Gesundheitsreform hin, Irak-Konflikt her – noch immer Zeit für eine wöchentliche Date-Night mit Gattin Michelle jenseits des „Weißen Hauses“ findet und mit seinen Töchtern Bio-Beete in dessen Garten anlegt. Und natürlich Brad Pitt, Angelina Jolies Schattenmann und zweites Glied in der fotogensten Miles-and-More-Mischpoche auf diesem Planeten, der jedoch durch das glamouröse Nomadisieren mit sechs Kleinkindern im Schlepptau auf den Paparazzi-Shots zunehmend erschöpfter wirkt. Alles viel zu schön, um wahr zu sein. Und noch eine Entwarnung: Die Retrosexualität und damit verbundene Aktivierung archaischer Männerrituale wird in Kürze genauso démodé wirken wie die vor einigen Jahren als neues Ideal propagierte Metrosexualität, die Feminisierung des Mannes. Nur noch die personifizierte Föhnwelle Karl-Heinz Grasser scheint in der „Seiten-blicke“-Gesellschaft als metrosexuelles Relikt auf und liefert in KHG-Interviews (wortgetreu) Bonmots wie: „Schon wie ich bei uns im Autohaus meiner Eltern gearbeitet habe, haben mich manche verwechselt mit einer Frau.“
Fest steht, dass Mannsein und die Definition von Männlichkeit noch nie so facettenreich und kompliziert war wie heute: im Job, in der Beziehung und im Bett. Das Wiener Vater-Sohn-Duo Edi und Patrick Keck hat kürzlich darüber das höchst amüsante Buch „Eier. Alles, was ein Mann braucht“ geschrieben, in dem der Ruf nach einem neuen Männlichkeitsmodell laut wird: „Dieses Gegenmodell ist kein Mann, der seine feminine Seite entdeckt, sondern einer, der seine maskulinen Stärken kultiviert – ohne ein stumpfer Prolet im Jogging-anzug zu sein.“ Die Schwierigkeit der Übung, sich neu zu positionieren, erweckt selbst in der feministischen Ecke Empathie: „Wir müssen Mitgefühl mit den Männern und Jungs zeigen!“, forderte Alice Schwarzer, im profil-Interview nach Strategien zur Bewältigung der Krise des Mannes befragt. Auch deswegen überprüfte profil im folgenden Text die gängigsten Klischees und Mythen, die über männliches Sexualverhalten im kollektiven Bewusstsein verankert sind, auf ihren aktuellen Realitätsgehalt und neuesten Forschungsstand.

1. Ein großer Penis ist ein sexueller Lottosechser
Vorweg: Der von Freud den Mädchen zugeschriebene Penisneid ist de facto eine rein innermännliche Angelegenheit. Laut einer Untersuchung der deutschen Gesellschaft für Rationale Psychologie gaben 54 Prozent der 2800 befragten Männer an, dass sie mit der Größe ihres Dings nur mäßig zufrieden sind, 16 Prozent attestierten ihrem Mittelstück sogar nur Mickrigkeit. Die Größe des Gemächts ist freilich bisweilen mehr von psychologischer als von praktischer Bedeutung. Nachdem die empfindsame Zone der Vagina nur sieben Zentimeter misst, reicht ein durchschnittlich entwickelter Penis (in Mitteleuropa laut Statistiken 13,5 Zentimeter im erigierten Zustand) bei Weitem. Da ohnehin nur sechs Prozent der Frauen, wie eine französische Orgasmusuntersuchung ergab, durch vaginale Penetration zum Höhepunkt gelangen, können sich Männer mit Größenkomplexen also entspannt zurücklehnen. Wichtiger ist allerdings der Umfang. Die Stimulation der mit 8000 Nervenenden durchzogenen Klitoris steht im Zusammenhang mit der Dicke des männlichen Sexualorgans. Außerdem: „Penisse sind unberechenbar“, so die Sexforscherin Maggie Paley in ihrem Kompendium „Unter dem Feigenblatt“, „die Größe eines schlaffen Glieds sagt nichts darüber aus, wie es im erigierten Zustand aussieht.“ Manche Penisse, die im unerregten Zustand besonders beeindruckend wirken, schwellen bei einer Erektion am wenigsten an. -Paley untersuchte für ihr Buch sämtliche Statistiken und Studien zum besten Stück weltweit. Mit dem Fazit, dass keinerlei Untersuchungen belegen, dass die Nase des Mannes als Signalträger für die Beschaffenheit seines Penis gilt. Grund zur berechtigten Sorge gibt ein Mittelstück, das im erigierten Zustand weniger als 9,3 Zentimeter lang ist und einen kleineren Umfang als 8,9 Zentimeter besitzt. In diesem Fall übernimmt die Krankenkasse die Kosten für -einen chirurgischen Eingriff.

2. Der Mann denkt mit seinem Penis
„Unsere Untersuchungsergebnisse bestätigen die Komplexität der männlichen sexuellen Reaktion.“ Die Forscher des Kinsey Institute konnten ihre Überraschung kaum verbergen. Ihre Bestätigung kam freilich recht spät, nämlich erst kürzlich: In einer Fokusgruppen-Studie hatte der Psychologe Erick Janssen Männer aus allen Altersgruppen zu ihrer Sexualität befragt. Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass vor allem das eigene, aber auch das Selbstvertrauen der Partnerin die sexuelle Erregung des Mannes bestimmt. Damit nicht genug: Auch die emotionale Verbindung zur Partnerin erwies sich in der Studie als zentraler Faktor. Denkt der Mann also doch auch mit dem Herzen? Nun ja. Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher hat in ihrem sexualwissenschaftlichen Standardwerk „Why We Love“ beschrieben, dass nicht nur die Sexualität, sondern auch Liebe und Bindungsfähigkeit triebhaften Charakter haben und hormonell gesteuert werden. Sprich: Auch Steinzeitmänner wollen kuscheln.

3. Männer wollen immer nur das eine
Der Doyen der deutschen Sexualforschung, Volkmar Sigusch, berichtet davon, dass sich „in den letzten 15, 20 Jahren“ zunehmend auch Männer – und vor allem junge Männer – mit einem klassischen Frauenleiden konfrontiert sahen: mangelnder Libido. Auch den Wiener Sexualtherapeuten Johannes Wahala suchen immer mehr Männer auf, die immer weniger sexuelle Lust verspüren. Wahala führt diese Entwicklung auf die wachsende Verunsicherung zurück, die veränderte Beziehungsmuster, neue Rollenbilder und das sexuelle Selbstbewusstsein emanzipierter Frauen beim starken Geschlecht auslösen. Biochemisch lassen sich männliche Libidostörungen aber auch viel schlichter mit einem zu geringen Testosteronspiegel erklären. Die Ursache kann in einem erhöhten Stresspegel liegen oder auch eine reine Altersfrage darstellen: Ab dem 35. Lebensjahr reduzieren die Hoden die Testosteronproduktion – was sich ziemlich umfassend auf die männliche Sexualität auswirkt. Denn das Sexualhormon beeinflusst nicht nur die Funktion des Penis und der Prostata, sondern steuert auch zerebrale Abläufe, die für die sexuelle Erregung ausschlaggebend sind. Außerdem kann Testosteronmangel auch depressive Verstimmungen auslösen. Die Behandlung erfolgt mithilfe von Gels und Injektionen – oder, in weniger gravierenden Fällen, auch optisch: In Studien stieg der Testosteronspiegel bei Männern, denen pornografische Abbildungen gezeigt wurden, messbar an.

4. Männer können keinen Orgasmus vortäuschen
Jede zehnte Frau simuliert – nach einer Studie der Berliner Charité – regelmäßig, die übrigen 90 Prozent zumindest hin und wieder einen Höhepunkt. Männer, so die gängige Lehrmeinung, hätten das erstens nicht nötig und zweitens gar keine Möglichkeit dazu. Weil: Orgasmus gleich Ejakulation. Seltsamerweise gaben in einer Umfrage des deutschen Emnid-Instituts nur 41 Prozent der befragten Männer an, ihrer Partnerin noch nie einen Orgasmus vorgetäuscht zu haben. Was doch darauf hindeutet, dass sich die Mehrheit sehr wohl schon schauspielerische Höhepunkte geleistet hat. Die Gleichsetzung von Orgasmus und Ejakulation hält jedenfalls nicht: Zwar sind beide physiologisch eng miteinander verbunden (die für den männlichen Orgasmus typischen Kontraktionen der Genitalgänge, der Prostata und der Beckenbodenmuskulatur lösen im Normalfall eine Ejakulation aus), allerdings kennen nicht nur Tantra-Fans den „trockenen Orgasmus“, auch wenn dieser, wie der Primarius der Urologischen Abteilung der Wiener Rudolfstiftung, Walter Stackl, erklärt, in den meisten Fällen medizinische Ursachen hat: „Nach Operationen oder der Einnahme bestimmter Medikamente kann es dazu kommen.“ Umgekehrt können auch Ejakulationen ohne Orgasmus auftreten, insbesondere bei nächtlichen Pollutionen. „Aber im Normalfall kommt es bei der Ejakulation zum Orgasmus und umgekehrt.“ Apropos: Laut der Emnid-Studie ist nur für 42 Prozent der Männer der Orgasmus beim Sex das Entscheidende.

5. Viagra ist die Lösung
Ursprünglich als Mittel gegen Bluthochdruck und Angina Pectoris entwickelt, wurde der Wirkstoff Sildenafil 1998 unter dem Markennamen Viagra als Potenzmittel zugelassen. Seither hat der Hersteller Pfizer mit seiner blauen Pille (trotz einer ziemlich aggressiven Konkurrenz aus dem Internet) einen zweistelligen Milliardenbetrag umgesetzt und der männlichen Sexualität ihren größten Schrecken genommen: die erektile Dysfunktion. Allerdings beeinflussen Viagra und ähnliche Medikamente wie Cialis oder Levitra nur den Blutfluss im Penis, und nicht immer ist Impotenz ausschließlich eine Frage des Schwellkörpers. „Wenn die Ursache für die Störung in einem zu niedrigen Testosteronspiegel liegt, kann Viagra nicht helfen. Testosteron ist die Voraussetzung für eine funktionierende Erektion“, erklärt der Urologe Walter Stackl. Einen anderen Einspruch meldet der Sexualtherapeut Johannes Wahala an (siehe Interview Seite 71): „Viagra kann auch zu einer Enttäuschung führen, nämlich dann, wenn man draufkommt, dass es nicht am Nicht-Können liegt, sondern am Nicht-Wollen.“ Wenn eine Erektionsstörung psychische Ursachen hat – was bei 20 bis 30 Prozent der Fälle zutrifft –, wirkt auch Viagra nur eingeschränkt. „Es braucht ein gewisses Mindestmaß an Lustbereitschaft, damit das Medikament überhaupt wirksam wird“, betont auch der Innsbrucker Sexualwissenschafter Josef Aigner.

6. Vorzeitiger Samenerguss ist Schicksal
Wann ist zu früh zu früh? Medizinisch wird der frühzeitige Samenerguss (Ejaculatio praecox) als Ejakulation definiert, die noch vor oder innerhalb einer Minute nach der Penetration einsetzt. Als Störung wird der frühzeitige Erguss allerdings nur dann angesehen, wenn er den Betroffenen oder seine Partnerin effektiv belastet. Etwa 25 Prozent aller Männer sind betroffen; unter jungen Männern stellt die Ejaculatio praecox sogar die häufigste Sexualstörung dar. Ihre genauen Ursachen sind noch nicht geklärt, infrage kommen sowohl zerebrale Mechanismen als auch simple Gewohnheit.„Viele Männer haben ihre Sexualität über die Masturbation dahingehend geprägt, stets sehr schnell zu kommen“, erklärt der Urologe Walter Stackl. Behandelbar ist die Ejaculatio praecox sowohl sexualtherapeutisch als auch medikamentös: Vor Kurzem wurde das Antidepressivum Dapoxetin (unter dem Markennamen Priligy) zugelassen, das den Serotoninspiegel hebt und – kurz vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen – die Zeit bis zur Ejakulation etwa um das Dreifache verlängert. Allerdings nur im Minutenbereich. Stackl: „Wer seine Ejakulation ohnehin eine halbe Stunde lang kontrollieren kann, wird mit Priligy nicht auf eineinhalb Stunden kommen.“ Zum Vergleich: 70 Prozent aller Männer ejakulieren nach drei bis fünf Minuten.

7. Die Prostata ist der G-Punkt des Mannes
Neben den auch in der westlichen Welt bekannten erogenen Zonen des Mannes (Penis, Hoden) wurde in den letzten Jahren in Anlehnung an fernöstliche Traditionen (Taoismus, Tantra) die Prostata als sexuell höchst wirksame Einrichtung identifiziert. Rein physiologisch ist die Vorsteherdrüse für die Produktion eines Sekrets verantwortlich, das etwa 30 Prozent des Ejakulats ausmacht und in der Harnröhre mit den Spermien vermischt wird. Durch Stimulation über den Anus kann sie allerdings auch eine sexuelle Erregung bis hin zum Orgasmus auslösen, der sich nach mancher (subjektiver) Einschätzung vom „gewöhnlichen“ Orgasmus unterscheidet wie der klitorale vom vaginalen bei der Frau. In der Sexualwissenschaft ist dieser Umstand allerdings umstritten, objektiv beobachtbar sind allerdings Muskelkontraktionen, die durch Prostatastimulation ausgelöst werden und jenen beim Orgasmus entsprechen. Die populäre Rede vom „männlichen G-Punkt“ will der Urologe Walter Stackl trotzdem nicht gelten lassen: „Die erogenen Zonen sind tatsächlich auch beim Mann nicht nur auf den Penis und die Hoden beschränkt, sondern über den ganzen Körper verteilt – wenn auch nicht so intensiv wie bei der Frau. Insofern ist es durchaus möglich, dass die Prostatastimulation sexuell erregend wirken kann. Aber wissenschaftlich valide Untersuchungen gibt es dazu noch keine.“

8. Sexsucht ist eine männliche Domäne
Bekennende Sexsüchtige waren und sind nahezu nur Männer – Arthur Schnitzler, John F. Kennedy, David Duchovny, Michael Douglas, Tiger Woods und die tragikomischste Variante Silvio Berlusconi, 73, der selbst die Notärztin im Erdbebengebiet geschmackvollerweise neckisch um eine Mund-zu-Mund-Beatmung bat. Sexsucht ist eine Zwangsstörung, die nach dem Prinzip der Manie funktioniert und ein ähnliches Verhalten wie die Sucht nach psychotropen Substanzen wie Kokain und Heroin zur Folge hat: Kontrollverlust, ständige Erhöhung der Dosierung, in weiterer Folge Verlust der sozialen Bindungen. Männer und Frauen (die weibliche Ausprägung wurde im 19. Jahrhundert mit dem Begriff Nymphomanie etikettiert) sind gleichermaßen gefährdet, doch durch die soziokulturelle Prägung, die promiskuitive Willkür für den Mann gesellschaftlich salonfähig macht, tritt das Phänomen weitaus häufiger bei Männern auf. Eine Studie der Berliner Charité-Klinik schätzt die Zahl der Betroffenen in Deutschland inzwischen auf 50.000. Als häufigste Ursachen für ein wahlloses Sexualverhalten und die damit einhergehende Bindungsunfähigkeit gelten Missbrauchserlebnisse in der Kindheit und narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Durch die Pornografisierung im Internet und virtuellen Jagdplätzen wie Facebook wird, so die Prognosen, Sexsucht massiv ansteigen. Facebook gilt, laut einer jüngsten Erhebung der Vereinigung amerikanischer Scheidungsanwälte, als Ursache für jede fünfte US-Scheidung.

9. Im Alter kriegen ihn Männer weniger hoch
Die Sexualwissenschaft weiß längst: Das sexuelle Verlangen kennt bei beiden Geschlechtern kein Ablaufdatum. Physische Beschränkungen wie abnehmende Potenz bei den Männern und Trockenheit bei Frauen sind in der Regel durch Medikamenttherapien bekämpfbare Beschränkungen. „Viagra hat mein Leben verändert“, erklärt Playboy-Gründer Hugh Hefner, „es ist die größte Erfindung seit der Pille.“ Denn natürlich ist die Erektionsfähigkeit durch den schwindenden Testosterongehalt vermindert. „Ich will den Respekt einer Erektion“, dokumentierte die inzwischen verstorbene Schriftstellerin Dorothea Zeemann im hohen Alter die Wichtigkeit eines solchen Medikaments aus weiblicher Sicht. Die US-Sexualtherapeutin Ruth Westheimer rät übrigens beim Sex im Herbst des Lebens vor allem den Herren zu morgendlichen Begegnungen. Da wäre nämlich der Testosteronspiegel am höchsten: „Nach dem Aufstehen ein kleines Frühstück, dann auf die Toilette und zurück ins Bett!“ Sollten keine Partner und Partnerinnen greifbar sein: „Ihr dürft unter keinen Umständen aufhören, euch selbst zu befriedigen“, so ihr Kommando an die Senioren. Dass im Alter geschlossene Langzeitbeziehungen, was den anhaltenden Lustpegel betrifft, im Vergleich zu jüngeren Generationen sogar resistenter gegen die Inflation des Begehrens sind, wie eine Studie der Universität Göttingen eben bewiesen hat, verwundert. „Im Alter wird Sexualität prinzipiell ganzheitlicher erlebt“, so die Autorin und Pionierin des Tabubruchs, Renate Daimler, „durch den Wegfall von Stress können miteinander neue Zugänge gefunden werden, die auch eine neue Art des Genießens mit sich bringen.“