„Der Starkult ist eine Begleiterscheinung“

Interview: Peter Ruzicka, Intendant der Salzburger Festspiele, über Kulturpessimismus, Ticketpreise und Geldadel, über die Netrebko-Hysterie, seine Budgetnöte und den „Zauberflöten“-Flop.

profil: Herr Ruzicka, hinter Festspielspektakeln wie „La Traviata“, Kusejs „Ottokar“ und der „Zauberflöte“ verblasst der große Rest des Festivalangebots. Ist Ihnen das recht?
Ruzicka: Ich würde den Kreis weiter ziehen: „Die Gezeichneten“ etwa hatte doch ein enormes Echo. Oder „Mitridate“, schon weil diese Produktion gezeigt hat, dass die frühen Werke Mozarts bühnenwirksam sind, dass sie leben – und dass sich unser Projekt 2006, bei dem wir ja eine Fülle auch der Jugendopern Mozarts zeigen werden, auch aus künstlerischen Gründen unbedingt lohnt.
profil: Aber halten Sie die Zuspitzung auf alles überschattende Starproduktionen für notwendig?
Ruzicka: Wir leben nun mal in einem Zeitalter der Ereigniskultur. Wenn allerdings, wie im Falle unserer „Traviata“, dieser so genannte Starkult aufgeht in einem inszenatorisch und sängerisch glänzenden Theaterganzen, kann sich ein einzigartiges Opernereignis ergeben: Da nehmen wir das dann hin als eine Begleiterscheinung, die wir kaum beeinflussen können. Im Übrigen haben wir uns nicht an einen Personenkult angehängt, sondern die Sängerin Netrebko 2002 selbst für die Opernwelt entdeckt.
profil: Kommendes Jahr soll ein Höhepunkt Ihre Intendanz beschließen: das Mozart-Jahr, das mit der „Zauberflöte“ heuer allerdings eine gründlich missglückte Vorpremiere erlebt hat.
Ruzicka: Regisseur Graham Vick ist, was die Sarastro-Welt betrifft, zu Befunden gekommen, die herkömmlichen Seh- und Erlebniserwartungen ziemlich zuwiderlaufen. Das hat da und dort Befremden und Unverständnis ausgelöst. Wir werden für 2006 an der Produktion noch arbeiten, da einige szenische Aspekte noch präziser gefasst werden können. 2003 hatten wir eine ganz ähnliche Situation mit der „Entführung aus dem Serail“, die 2004 mit großer Zustimmung wieder aufgenommen wurde.
profil: Sie wollen 2006 alle 22 Opern Mozarts auf die Bühne bringen. Befürchten Sie nicht, dass das Superlativische, das Ihrem Mozart-Projekt anhaftet, geradewegs in die „Eventkultur“ führt, die Sie so sehr bekämpfen?
Ruzicka: Ich beschäftige mich mit Mozarts Frühwerken nun schon seit Jahren und komme aus dem Staunen nicht heraus – so viele musikalische Wunder gibt es da. Ich bin zuversichtlich, dass unser Zyklus ein neues Kapitel der Mozart-Rezeption aufschlagen wird. Die Alternative wäre gewesen, das zu tun, was alle Opernhäuser dieser Welt tun werden, nämlich die letzten fünf Opern Mozarts herauszubringen. Das wäre für Salzburg zu wenig gewesen.
profil: Es ist auch abzusehen, dass sich der Netrebko-Hype nächstes Jahr noch verstärken wird: Netrebko zur Neueröffnung des Kleinen Festspielhauses im Mozart-Jahr, das klingt nach Verdreifachung der Hysterie. Macht Sie diese Aussicht glücklich?
Ruzicka: Die Eröffnung eines neuen, lang erwarteten Hauses, das auch dringend nötig war in Salzburg, ist nun wirklich etwas Besonderes. Es wird auch erneut eine ORF-Direktübertragung geben. Uns ist deutlich, dass wir da einen ganz besonderen Akzent setzen werden. Wenn die ganze Welt dann auf Salzburg blickt, sehen wir dies eher mit Stolz.
profil: Die Frage des heuer fehlenden Eröffnungsredners hat Aufsehen erregt. Hätten Sie sich als Leiter der Festspiele gegen die Entscheidung der Landeshauptfrau nicht wehren müssen?
Ruzicka: Frau Burgstaller hatte den Wunsch, einmal neue Wege zu gehen, weil in den vergangenen Jahren oft Kritik an der „Redeschlacht“ geübt wurde, die zur Festspieleröffnung meist geboten wurde. Es hat 2005 keine wirkliche Option gegeben für einen Redner, der speziell auch für dieses Jahr und seine musikalische Programmatik eingestanden wäre. Unsere Form eines szenischen Ausblicks hat dennoch viel Zustimmung gefunden, nächstes Jahr werden wir mit einer großen Mozart-Collage zur Eröffnung einen Schritt weiter gehen.
profil: Die finanzielle Situation der Festspiele ist angespannt. Sie arbeiten mit deutlich verringerten Subventionen. Rechnen Sie noch mit Besserungen?
Ruzicka: Für die Budgetprobleme sind zwei Faktoren verantwortlich: Es hat erstens keine Valorisierung stattgefunden, seit ich hier arbeite, zweitens wurden die Subventionsmittel mehrfach um jeweils zwei Prozent gekürzt. Im Ergebnis habe ich für künstlerische Ausgaben knapp 20 Prozent weniger zur Verfügung als noch mein Amtsvorgänger Mortier. Also mussten wir auf Mehreinnahmen setzen, was 2005 wieder aufgegangen ist. Und wir haben sehr kostengünstig produziert, mit deutlichen Einsparungen etwa bei Bühnenbildern. Wir werden einige Überschüsse auf das nächste Jahr transferieren dür-fen, mit Zustimmung unseres Aufsichtsorgans.
profil: Im Mozart-Jahr werden Sie doch ohnehin mit Sondersubventionen bedacht.
Ruzicka: Man könnte zugespitzt sagen, dass die 2,5 Millionen Euro, die uns die öffentliche Hand im nächsten Jahr zuschießen wird, nur die bereits eingetretenen Verluste der Vorjahre kompensieren. Die eigentliche Problematik wird sich für meinen Nachfolger stellen, der ab 2007 vermutlich weiterhin ohne Valorisierung auskommen müssen wird.
profil: Wo ist denn Ihre Schmerzgrenze? Einen Kultur-Tanker wie Salzburg kann man doch nicht bei laufenden Verlusten über Wasser halten.
Ruzicka: Wir sind dazu verdammt, Mehreinnahmen und Minderausgaben zu haben – ohne Veränderung des Qualitätsspiegels. Rücklagen in dem Sinn gibt es nicht; sollte sich die Situation weiter zuspitzen, müsste die öffentliche Hand das Festival entschulden. So sieht das Gesetz es zwar vor, der Weg dorthin ist aber dornig und mit einem Verlustvortrag verbunden. Mortier hat das übrigens einmal erlebt: Er musste ein Riesendefizit im Jahr danach wieder einholen.
profil: Sie haben unlängst scharfe Kritik an Bayreuth und insbesondere an Christoph Schlingensiefs „Parsifal“-Inszenierung geübt. „Das alte Ideal, das dem Wort ,Kultur‘ einmal innewohnte“, werde „einem trügerischen und kurzlebigen Erfolg geopfert“. Sind Sie Kulturpessimist?
Ruzicka: Ich wende mich gegen die Beliebigkeitsästhetik. Ich glaube, dass die Postmoderne sich erfüllt hat und dass es nun darum gehen müsste, im Zuge einer „Zweiten Moderne“ Wege des Durchbruchs zu finden. Das ist ja eher eine optimistische Sicht, wenn ich von einer Überwindung der Postmoderne spreche. Pessimismus wäre gegeben, wenn wir uns dem Satz Adornos widersetzten, wonach wir Dinge tun sollten, von denen wir nicht wüssten, was sie sind.
profil: Sie kritisieren Schlingensief, nehmen aber eine Inszenierung seines Volksbühnen-Kollegen René Pollesch ins Programm. Ist das nicht ästhetisch inkonsequent?
Ruzicka: Generalisieren möchte ich das ohnehin nicht. Schlingensief hat bedeutende Aktionen geliefert. Nur zum „Parsifal“ habe ich eine ganz eigene Auffassung, weil ich mich mit diesem Werk sehr genau befasst habe und glaube, dass die freie, beliebige Illustrationsästhetik Schlingensiefs die Substanz des Werks verfehlt. Mir geht es in meiner Kritik nur darum zu zeigen, wie eine bestimmte Ereigniskultur sich festmacht an Moden und Äußerlichkeiten.
profil: Damit wäre Ihre „Traviata“ das beste Beispiel eines Kultur-Events: modisch, äußerlich, ein abgekartetes populäres Spiel.
Ruzicka: Das trifft die Sache nicht. Die „Traviata“ ist ja ein unglaublich klischeebeladenes Werk. Wenn es dann aber einem großen Regisseur gelingt, diese Oper wirklich neu zu erzählen, sich von der Patina des Falschen zu befreien, ganz klare Zeichen zu setzen und die vielleicht beste Sängerbesetzung der Welt zu verpflichten, dann entsteht etwas tatsächlich Neues.
profil: Gilt es schon als Coup, Netrebko und Villazón zu präsentieren, die ihre Partien nicht nur seit Jahren beherrschen, sondern „La Traviata“ in München 2004 sogar schon gemeinsam gesungen haben?
Ruzicka: In München haben die beiden eine betagte Repertoirevorstellung mit einer einzigen Stellprobe dreimal gesungen. Das ist für uns kein Anlass zu sagen, wir dürfen das nicht. Wir haben die „Traviata“ vor drei Jahren geplant; damals war uns das Münchner Gastspiel gar nicht bekannt.
profil: Ihren viel zitierten Satz vom „Adel des Geldes“, der „den Adel des Geistes“ abgelöst habe, kommentiert Ihr Jedermann Peter Simonischek so: Gerade Salzburg sei auf den Adel des Geldes angewiesen, zudem seien Kunst und Geld durchaus unter einen Hut zu bringen.
Ruzicka: Der Blick auf das Ganze zeigt, dass es funktioniert. Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir gehen – natürlich ergeben sich da und dort Reibungen. Ich bin etwa höchst erstaunt darüber, dass Pina Bausch mit einem Stück, das seit 23 Jahren über die Bühnen der Welt geht, bei uns einen Publikumsexodus auslöst. Wir sind längst aus der Zeit heraus, in der man glauben konnte, dass die Festspiele auf einer ästhetischen Linie vom ersten bis zum letzten Takt durchzuplanen sind.
profil: Sind nicht die horrenden Ticketpreise dafür mit verantwortlich, dass es zu der von Ihnen kritisierten Herrschaft des Geldadels kommen konnte? Die Firmennamen Ihrer Hauptsponsoren prangen in fetten Lettern am Kleinen Festspielhaus.
Ruzicka: Wenn ich dafür sorgen würde, dass die vier Hauptsponsoren sich zurückziehen, müsste ich zur Kenntnis nehmen, dass ich ein bis zwei Premieren weniger herausbringen könnte. Aber die hohen Eintrittspreise sind tatsächlich ein Problem, weil damit ganze gesellschaftliche Gruppen vom Festspielbesuch ausgeschlossen werden. Eine lineare Senkung der Kartenpreise ist allerdings nicht realistisch, das geben die Rahmendaten nicht her. Aber ich werde meinem Nachfolger vorschlagen, im Großen Festspielhaus wenigstens so etwas wie eine Stehplatzkultur einzuführen.
profil: Man könnte anregen, das ausladende Programm der Festspiele konsequent zu reduzieren.
Ruzicka: Das rate ich meinem Nachfolger zu überdenken. Einen solchen Schnitt kann man nur zu Beginn einer neuen Ära setzen. Man kann sich schon fragen, ob es nicht Sinn ergäbe, von über 180 Veranstaltungen auf 120 zurückzugehen. Nicht zuletzt wir Macher haben das Problem, dass immer fünf oder sechs Veranstaltungen parallel laufen. Die Einlassung auf das einzelne Projekt ist sicherlich eine Planungsalternative – die aber vielleicht ohnehin erzwungen wird durch die sich weiter verschlechternden Rahmenbedingungen.

Interview: Stefan Grissemann