Der unterschätzte Strache

Jörg Haider hat schon einmal bewiesen, dass die FPÖ über 30 Prozent erreichen kann. HC Strache kann das wieder schaffen.

Auf die Frage der „Presse“, ob es ihn einmal als Bundeskanzler geben könnte, antwortete Heinz-Christian Strache: „Zunächst einmal interessiert es mich, Bürgermeister von Wien zu werden … Und warum nicht auch einmal Kanzler …“ Die Antwort ist ein für ihn typisches Meisterstück: Indem er behauptet, ausgerechnet die absolut unerreichbare Position des Wiener Bürgermeisters anzustreben, signalisiert er jedem politisch Gebildeten – voran dem Interviewer –, dass seine Aussage natürlich nicht ganz ernst gemeint ist und es also unberechtigt wäre, ihm Größenwahn vorzuwerfen. Aber im gleichen Atemzug signalisiert er allen seinen Anhängern und jenen, die es werden könnten, dass es keine Frucht gibt, die so hoch hinge, dass er sie nicht erreichen könnte. So wie er lachend drei Finger hochreckt, um angeblich drei Bier zu bestellen, spricht er lachend von seiner Kanzlerschaft und meint es todernst: Er will Kanzler werden und glaubt, dass er es werden kann. Derzeit liegt die FPÖ in Umfragen um die 18 Prozent. Anders als die Grünen schneidet sie bei Wahlen immer weit besser ab, denn in der Wahlzelle entfällt das leise Genieren, das mit dem öffentlichen Bekenntnis zu Strache manchmal noch verbunden ist. 20 Prozent bei einer der kommenden Landtagswahlen sind sicher keine unüberwindliche Hürde. Und danach sollte sich niemand in der Hoffnung wiegen, dass über 30 Prozent bei Nationalratswahlen unerreichbar sind.

Irgendwelche Berührungsängste gegenüber Männern, die anderswo in den Verdacht gerieten, Neonazis zu sein, gibt es in Österreich nicht mehr. (Die Behauptung, die Waldheim-Debatte habe zu einer Neu-Besinnung geführt, gilt für eine verschwindende Minderheit.) Man muss zur Kenntnis nehmen, dass dies ein Land ist, in dem man mit jeder Menge Demagogie ohne das geringste Programm ein gutes Drittel der Wählerschaft gewinnen kann. Jörg Haider hat es schon einmal vorgeführt – HC Strache wird es von Neuem beweisen.

"Strache hat längst nicht Haiders Charisma", versucht man sich in der roten und schwarzen Parteizentrale zu beruhigen. Tatsächlich strahlt er nicht die Faszination aus, die Haider selbst für seine Kritiker besaß; er erweckt nicht das gleiche Ausmaß persönlicher Sympathie im privaten Umgang; und man billigt ihm, anders als Haider, auch nicht zu, hinter seiner volkstümlichen Fassade einen beträchtlichen Intellekt zu verstecken. Aber dafür ist er frei von Jörg Haiders größter Schwäche: der Tendenz zur Selbstzerstörung. Strache ist ungleich leichter, glatter und zynischer als Haider – das macht ihn in meinen Augen zum noch gefährlicheren Gegner. Denn gleichzeitig besitzt er eine Reihe von Haiders Qualitäten: Er sieht so aus, wie Haider früher einmal ausgesehen hat – fesch, viel jünger, als er ist, mit jenem leisen Vorstadtcharme, der etwa auch den jungen Hannes Androsch ausgezeichnet hat. Das zieht bei 16-jährigen Neu-Wählern ebenso wie bei Schwiegermüttern. Dazu ist er wie Haider schlagfertig: vermag sich in TV-Diskussionen aus heiklen Situationen lachend herauszumanövrieren und weiß sich in Szene zu setzen.

Zumindest wenn ihm die üblichen Parteiapparatschiks gegenübersitzen, sticht er beinahe wohltuend ab. Und er besetzt das wichtigste der klassischen Haider-Themen – „Ausländer“ – mit fast noch größerer Aggressivität. Aber auch als Streiter gegen „Privilegien“ und vor allem gegen „Brüssel“ steht er ihm in nichts nach. Strache ist ein Turbo-Haider nach der Glättung im Windkanal. Und er hat weit und breit keinen Gegner, wie es Wolfgang Schüssel für Jörg Haider gewesen ist. Wilhelm Molterer ist an der Spitze der ÖVP leider ein Beleg für den ungeheuren Abnützungsprozess, den Politik mit sich bringt: Als ich ihn vor 30 Jahren als schwarze „Hoffnung“ kennen lernte, war er nicht nur kompetent und intelligent, sondern auch locker und originell – heute wirkt er wie ein eingekrampfter Parteisoldat, der in den Bunker lachen geht. Alfred Gusenbauers Außenwirkung habe ich so oft kritisiert – ein fleischgewordener Anrufbeantworter statt eines Diskutanten –, dass ich ihm diesmal fast ein Kompliment machen muss: Gemessen an Molterer, wirkt er im Fernsehen beinahe locker.

Jedenfalls besitzen weder Molterer noch Gusenbauer gegenüber Teenagern oder Schwiegermüttern den geringsten Sex-Appeal – und Männer versetzen sie auch eher selten in Begeisterung. Es mag traurig sein, dass Politiker Sex-Appeal anstelle von Programmen vorweisen müssen, aber in einer Fernsehgesellschaft ist es nun einmal so: Bei Wilhelm & Alfred zappt man sofort weiter, bis man etwas Vergnüglicheres findet. Auch Wolfgang Schüssel war nicht vergnüglich. Aber ihm mussten selbst Gegner brillante Intelligenz und enormes Durchsetzungsvermögen zubilligen. Und wer in solchem Ausmaß als „tüchtig“ wahrgenommen wird, der braucht gemäß einem alten soziologischen Gesetz keine extremen Sympathiewerte, um als „Führungsfigur“ anzukommen. Ich habe ihm zu Recht zugetraut, Haider an die Brust zu nehmen und dort vertrocknen zu lassen. Gusenbauer wie Molterer traue ich das nicht zu: Sie werden es nicht schaffen, gegenüber dem leichtgewichtigen, flachen, aber windschlüpfrigen Heinz-Christian Strache als tüchtige, seriöse Staatsmänner wahrgenommen zu werden, obwohl sie es, an ihm gemessen, zweifellos sind. Das aber kann den politischen Super-GAU für das Land bedeuten.