Der Superverlierer Mickey Rourke: Furioses Comeback des Hollywood-Rabauken

Im Boxring wurden ihm einst die Knochen gebrochen, und seine Exzesse sind Legende. Selbstschutz ist ihm fremd. Mit „The Wrestler“ hat sich Hollywood-Paria Mickey Rourke in die erste Reihe des US-Kinos zurückgespielt.

Von Stefan Grissemann

Ein Oscar wäre ganz in Ordnung, gab Mickey Rourke in einem Interview unlängst zu Protokoll, aber fünf zusätzliche Lebensjahre für seine kranke Loki wären ihm lieber. Sie war zu seiner ständigen Begleiterin geworden, zur „Liebe seines Lebens“, wie er anmerkte; zu Filmfestivals nahm er Loki ebenso selbstverständlich mit wie an seine Drehorte: eine fröstelnde Chihuahua-Hündin an der Seite der wildesten Randfigur Hollywoods. Am Mittwoch vergangener Woche starb sie, stolze 18 Jahre alt, nur vier Tage vor der Oscar-Gala, wo er, als bester Hauptdarsteller nominiert, eine der Hauptrollen des Abends zu spielen hatte.

Wenn die Trauer um den Lieblingshund ihm nun die Stunde seines bislang größten Kino­triumphs verfinstert, so scheint dies zu Mickey Rourke doch perfekt zu passen: Jedem Sieg folgte ein Rückschlag, das war bei ihm stets die Regel. Als derangierter Star des Ringerdramas „The Wrestler“ hatte der 56-Jährige im vergangenen Herbst ein un­geahntes Comeback als Superverlierer hingelegt und dafür seither weit über ein Dutzend Filmpreise, unter ­anderem seinen ersten Golden Globe, erhalten. Mit äußerstem physischem Realismus – neben dem Körperausbau um 20 Kilo Zusatzmuskelmasse erlernte er die strapaziösen Stunts der Profi-Wrestler – verwandelte er seine Darstellung des mittellosen, einsam alternden Ringkämpfers Randy „The Ram“ Robinson (siehe Filmkritik Seite 105) in ein Stück bittere Autobiografie: Man sieht Rourke an, wie persönlich er diesen Stoff nimmt.

Die Selbstzerstörung hat bei Mickey Rourke, geboren in Schenectady, New York, früh begonnen. Als Kind wurde er verprügelt, am Schulweg und daheim, bis er sich diese Zumutungen nicht mehr bieten lassen wollte – und zurückschlug. So entdeckte er das Boxen; bereits als Zwölfjähriger stieg er ­regelmäßig in den Ring. Sein Vater, ein Amateur-Bodybuilder, hatte die Familie früh verlassen.

Das Schauspiel entdeckte Rourke in den siebziger Jahren eher zufällig, verliebte sich aber sofort in diese neue Möglichkeit der Selbstdarstellung: Die Bühne musste ihm wie eine Sonderform der Box­arena erscheinen. In Steven Spielbergs „1941“ übernahm er 1978 eine erste kleine Leinwandrolle. Hollywood entdeckte ihn nur langsam: Michael Cimino verpflichtete ihn 1980 für „Heaven’s Gate“, ein Jahr später erregte er mit einer Nebenrolle in Larry Kasdans „Body Heat“ Aufsehen. Mit Filmen wie „Diner“ und Francis Ford Coppolas Jugendbandendrama „Rumble Fish“ stieg Rourke 1983 zum neuen King of Cool des amerikanischen Autorenfilms auf: Mit großen Parts in Ciminos „Im Jahr des Drachen“ (1985) und in Alan Parkers „Angel Heart“ (1987) bestätigte er seinen Ruf als Enfant terrible des ­US-Kinos. Neben Kim Basinger stilisierte er sich in „9 1/2 Wochen“ (1986) zum erotischen Pin-up, als Charles Bukowskis Alter Ego trat er dagegen 1987 in „Barfly“ auf.

Um 1990 ereilte ihn der Karriereknick Das fiebrige Sexdrama „Wild Orchid“ und der Biker-Nonsens „Harley Davidson and the Marlboro Man“ gerieten zu Flops. Der jähe Misserfolg machte ihn nicht umgänglicher: Rourke galt bald als wandelndes Risikopotenzial, das keine Produktionsversicherung mehr abfangen wollte: Er zertrümmerte Hotelzimmer und Wohnwagen oder kam spätnachmittags mit seiner Motorradgang am Drehort an. Angewidert von der Entwicklung seiner Laufbahn und vom Zustand seines Schauspiels, beschloss Rourke im Frühjahr 1991, das Kino hinzuschmeißen und im Alter von 38 Jahren in den Boxring zurückzukehren. Acht internationale Kämpfe absolvierte er bis Herbst 1994, sechs gewann er, vier davon mit Knockouts. Dabei wurden ihm die Nase, einige Rippen und das Jochbein gebrochen. Als er erkannte, dass er zu alt fürs Profiboxen geworden war, blieb ihm wieder nur der Film. Ein ganzes Jahrzehnt lang drehte er C-Pictures in Serie, von denen es kaum einer je ins Kino schaffte: Ihre Premiere erlebten diese Arbeiten nur noch an den Kassen der Videotheken.

Erst 2005 erfolgte mit Frank Millers Comics-Adaption „Sin City“ die Rehabilitation: Rourke meldete sich in der Oberliga des Fight Club zurück. Der Weg von einem hochstilisierten Ensemblefilm wie „Sin City“ zu einem naturalistischen Solo wie „The Wrestler“ schien dennoch weit. Nun hat Rourke ihn hinter sich, wie so viele schmerzhafte Wege davor: Kämpfe, Gesichtsoperationen und Masochismus haben ihre Spuren hinterlassen, in seinem Gesicht und seiner Psyche. Den Widerspruchsgeist hat er nicht eingebüßt. In den linksliberalen Hollywood-Tenor etwa wollte er nie einstimmen. George W. Bush, meinte er, habe immer einen „guten Job“ gemacht („more power to him!“) – und: „Scheiß auf alle, die ihn hassen!“ Obamas Wahlkampf habe er nicht verfolgt. Seine Schauspielerkolleginnen nannte er (mit Ausnahme von Keira Knightley) in Bausch und Bogen „Hollywood cunts“, aber auch die meisten seiner Geschlechtsgenossen kommen bei Rourke nicht allzu gut weg: Daniel Day-Lewis, ­Kevin Costner und Alec Baldwin hat er Prügel angedroht und Warren Beatty als einen der „gruseligsten Kotzärsche“ bezeichnet, die er je getroffen habe. Mickey Rourke ist eine obszöne Figur, in jeder Hinsicht.

Wer ihn halbwegs heil über die Abgründe seiner Karriere gebracht hat, steht für ihn fest: ein Psychiater, ein katholischer Priester – und seine Hunde, die ihn mehrmals vom Selbstmord abgehalten hätten. Wer er genau sei, wisse er übrigens nach wie vor nicht. Wenn er morgens in den Spiegel blicke, sehe er einen Fremden.