Der Therapie-Wahn: Der Psycho-Boom
und seine manchmal fatalen Folgen

Die Beschäftigung mit psychischen Funktionsstörungen ist zum Massensport geworden. Der Psychoboom heizt eine Industrie an, in der Missbrauch und Inkompetenz fatale Folgen haben können.

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer

Karo will wieder ganz werden. Und runtergehen „zum Spielen“. Doch sie kann nicht mehr mitspielen. Denn in ihrem Inneren rennen „wilde Tiere auf mich zu: – laut, schnell, enorm bedrohlich“. Ihre Seele wird von Panikattacken überschwemmt; ihr Ich ist von einem Zustand bleierner Traurigkeit gelähmt. „Depression ist ein Fucking Event“, erklärt ihr am Ende einer Therapie-Odyssee der „Popstar-Psychiater“ mit dem „Niels-Ruf-Grinsen“, während er an seiner Bionade nippt. Und die 27-jährige Ex-Eventjobberin, die so hilflos aus dem gesellschaftlichen Leistungsplan gekippt und wieder bei ihrer Mutter eingezogen ist, denkt sich: „Kann mich bitte jemand löschen? Ich will nichts mehr schlussfolgern, nachsehen, suchen, verstehen. Nur noch sein. Am liebsten gesund.“

In einer Startauflage von 100.000 Stück wurde „Mängelexemplar“, das Romandebüt der 30-jährigen Ex-VIVA- und MTV-Moderatorin Sarah Kuttner (siehe -Interview) aufgelegt – ein kalkulierter Bestseller. Die Geschichte einer kaputten Mittzwanzigerin ist nicht autobiografisch grundiert, „lag aber irgendwie in der Luft“, so Kuttner. Das Medienecho und die Verkaufszahlen gaben ihr Recht. Der erfolgreiche Einzug des Seelenknacks in die Popliteratur wird – analog zu Charlotte Roches Kickstart für eine neue Welle erotomaner Belle-tristik à la „Feuchtgebiete“ – mit einiger Sicherheit eine ganze Reihe themenverwandter Epigonen nach sich ziehen. Das verwirrte Ich und die Suche nach dessen Heilung treffen den Nerv einer -Gesellschaft, die sich mehr und mehr „in -einem Emergency-Status“ befindet, so die US-Trendforscherin Faith Popcorn. Kein -Wunder, dass auch Popstars und Starlets den Notfall kultivieren und öffentlich -ausleben.

Prinzip Götterdämmerung. Das Bekenntnis zum Psychoknacks scheint mittlerweile zur Selbstvermarktung jeglicher Prominenz von A bis Z zu gehören. Die mediale Celebrity-Kultur füttert uns mit Befindlichkeits-Flashes in Endlosschleife, die das Prinzip Götterdämmerung zum zentralen Inhalt haben: eine sich mühsam aufrecht haltende Amy Winehouse, der nur noch der Mikrofon-ständer einigermaßen Halt gibt; eine knapp vor der Ohnmacht befindliche Lindsay Lohan in der Ecke eines Clubs; die Einstichstellen an Pete Dohertys Unterarmen; Kirsten Dunst beim Einchecken in die Rehab-Klinik, Eva Mendes vor den Toren des gleichen Sucht-Singsings; Britney Spears, die wie ein gehetztes Tier in einem Krankenwagen sitzt: Die Traumfabrik hat eine Metamorphose zur offenen Psychiatrie hinter sich, deren illustrer Patientennachschub unerschöpflich scheint. „Unsere Schmerzen schmecken ungleich besser als unsere Triumphe“, wusste schon Liz Taylor, die Mutter aller schillernden Funktionsstörungen.

Das notorische Outing psychischer Fehlkoppelungen auf Talkshow-Couches, in Bekenntnisbänden und im virtuellen Dorf hat einerseits einen unschätzbaren Beitrag zum kollektiven Erkenntnisstand über seelische Deformationen geleistet, andererseits eine „Das-Ich-als-Opfer-Industrie“ begründet, wie der britische Soziologe und Autor des Buches „Therapy Culture“ Frank Furedi (siehe Interview) meint: „Wir leben in einer Zeit, in der Therapie zum Suchtfaktor wird und die Menschen verlernen, ihre Probleme selbst zu lösen. Stattdessen werfen sie sich in ihrer Ohnmacht vermeintlichen Experten an den Hals.“

Dass die Enttabuisierung psychischer Krankheiten einen immensen zivilisatorischen Fortschritt bedeutet, steht dennoch außer Zweifel. Nach einem Kampf von 15 Jahren hatte der Österreichische Bundesverband der Psychotherapeuten im Jahr 2000 psychotherapeutische Behandlung auf Krankenschein erwirkt und somit wesentlich – und im europäischen Vergleich auch wesentlich verspätet – zur sozusagen amtlichen Anerkennung seelischer Erkrankungen beigetragen, deren Behandlung seit Freuds „Redekur“ fast ein Jahrhundert lang ein Privileg der gebildeten Oberschicht war. Laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger lagen die öffentlichen Aufwendungen für Psychotherapie in Österreich im Jahr 2003 bei 20,4 Millionen Euro, 2007 bereits bei 31 Millionen – ein Zuwachs von mehr als 50 Prozent. Zugleich sank die Selbstmord-rate signifikant: von durchschnittlich 1700 jährlichen Suiziden Mitte der neunziger Jahre auf zuletzt knapp 1300. Im Zeitraum von 2004 bis 2007 stieg die Menge der in Österreich verabreichten Antidepressiva um 27,8 Prozent; allein in Wien wurde im Jahr 2007 eine Million Packungen verschrieben. Im Durchschnitt wird in Österreich fünfmal so viel Geld für Psychopharmaka ausgegeben wie für Psychotherapie.

Mit dem Begriff „Einstellung“ ist im gängigen Sprachgebrauch längst nicht mehr eine Weltanschauung gemeint, sondern die effiziente Dosierung eines Psychopharmaka-Cocktails. Die freie Zugänglichkeit von Psychopillen über Online-Apotheken erhöht freilich das Risikopotenzial von fahrlässigen Medikamentenkonsum. Die chemischen Seelentröster fungieren oft als eine Art Lifestyle-Doping, das glücklicher, leistungsfähiger und funktionstüchtiger machen soll. Mit Slogans wie „Endlich wieder ich“, „Echte Starqualitäten“ und „Werden Sie wieder beziehungsfähig!“ versprechen sie ihren potenziellen Konsumenten ein im Schnellverfahren aufgetuntes Ich ohne Schadstellen und dunkle Flecken. Um das Milliardengeschäft am Rotieren zu halten, verordnet die Pharmaindustrie der Gesellschaft auch ständig neue Krankheiten. Jüngst erhob ein US-Marketing-Unternehmen sogar Schüchternheit zur Krankheit und servierte gleich auch das passende Antidepressivum dazu.

Paradoxon des Psychobooms. Begriffe wie Depression, posttraumatische Belastungsstörung, Borderline-Syndrom, ADHD (Attention Deficit Hyperactivity Disorder), Burn-out, Panikattacken und narzisstische Persönlichkeitsstörung zählen zum Fixinventar der medialen Berichterstattung und werden auch entsprechend großzügig, eilfertig und undifferenziert diagnostiziert. Das Paradoxon des Psychobooms besteht – überspitzt formuliert – darin, dass immer mehr Menschen von Krankheiten geheilt werden, an denen sie nicht leiden, während noch immer viel zu viele psychisch Erkrankte ihren Leidensdruck verdrängen und sich zur Funktionstüchtigkeit zwingen.

Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie geht davon aus, dass etwa fünfmal mehr Menschen Psychotherapie benötigen, als sie tatsächlich in Anspruch nehmen. Derzeit erhalten in Österreich 42.000 Menschen Psychotherapie mit Kassenunterstützung; die Gesamtzahl der heimischen Therapieklienten kann nicht genau erhoben werden, weil Privatzahler nicht statistisch erfasst sind und etwa auch der boomende Branchenzweig der Paartherapie nicht von den Kassen unterstützt wird.

Marianne Springer-Kremser , Vorstand der Uniklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie am AKH Wien, erklärt, „dass etwa ein Viertel aller Depressionsdiagnosen inklusive der begleitenden Medikation laut internationalen Studien falsch sind“. Ein Ansteigen des „Leidenszustands“ beobachte sie in ihrem Arbeitsalltag sehr wohl; allerdings berge die Ungenauigkeit vieler klinisch-psychiatrischen Diagnosen – überwiegend über Fragebögen – ein erhebliches Gefahrenpotenzial. Vielfach werde etwa ein Verlust, auf den normalerweise mit Trauer reagiert wird, pathologisiert oder eine hysterische Neurose fälschlicherweise als Depression identifiziert, weil diese einfacher – sprich: medikamentös – zu behandeln ist.

Die israelische Soziologin Eva Illouz warnt in ihrem eben erschienenen Buch „Die Errettung der modernen Seele“ (Suhrkamp) vor einer obsessiv „durchpsychologisierten Gesellschaft“, in der die Verantwortung zur eigenständigen Konfliktlösung mehr und mehr delegiert und die Ausweitung des psychischen Krankheitsbegriffs haltlos überdehnt wird: „Der Publikumserfolg der Psychologie hängt damit zusammen, dass alle Menschen plötzlich als krank ausgerufen werden, die nicht sie selbst sind oder sich nicht verwirklichen können.“ Der „Zuständigkeitsbereich der Psychologen und Psychotherapeuten“ habe sich deshalb so enorm ausgeweitet, weil sich die Branche aus Geschäftsinteresse „von psychischen Störungen auf das wesentlich größere Feld des neurotischen Unglücks verlegt“ habe. Damit wächst die Macht einer Branche selbst ernannter Experten, die „in einem entpolitisierten Umfeld unhinterfragter Prämissen arbeiten“.

In der Tat: Selbsthilfegruppen für psychische Störungen boomen; Psychoratgeber erzielen gigantische Auflagen; vermeintliche Schnelltherapien wie die umstrittene Familienaufstellung, welche die Psychiaterin Marianne Springer-Kremser als „extrem problematisches und gefährliches Spiel“ einstuft, mutieren zum Wochenend-Hobby. Das Gesundheitsministerium sah sich sogar veranlasst, zum Thema „Aufstellungsarbeit“ eine Informationsbroschüre herauszugeben, in der darauf hingewiesen wird, „dass die psychotherapeutische Technik des ,Aufstellens‘ ohne psychotherapeutisch-fachlich qualifizierte Leitung zu schweren emotionalen Belastungsreaktionen führen kann“.

Psychogelaber. Es gilt der Befund der schottischen Autorin Lorna Martin: „Überall dieses nervige Psychogelaber von Leuten, die über ihre Gewichts-, Selbstwert-, Alkohol- oder Bindungsprobleme jammern und die Schuld dafür ihrem emotional abwesenden Partner und/oder ihrer überkritischen Mutter in die Schuhe schieben.“ Die 38-Jährige hat ihre Ansicht über den Sinn von Therapie, dieser „Quasselkur für Charakterschwache und weinerliche Versagertypen“ (so ihre prätherapeutische Ansicht), allerdings revidiert und ihre Erlebnisse mit einer mehrmonatigen Psychoanalyse öffentlich gemacht. Ihre Kolumne „Conversations with My Therapist“ im britischen Magazin „Grazia“ hatte ein enormes Feedback, kürzlich erschien die Buchfassung ihrer Therapiegeschichte in der deutschen Übersetzung „Das Leben, die Liebe und ein Jahr auf der Couch“ (Fischer).

Martin erweist sich im profil-Gespräch als Bilderbuchrepräsentantin neurotischen Unglücks: „Nach außen hin hatte ich keine Probleme – ich hatte einen guten Job, Freunde, Familie, und trotzdem fühlte sich mein Leben chaotisch an. Ich war ständig in ungesunden Beziehungen gefangen.“ Der damit verbundene Leidensdruck war für Martin der Auslöser, „jemand anderen dafür zu bezahlen, mich selbst zu verstehen, was ja eigentlich ziemlich lächerlich ist“. Dass sie sich überhaupt hilfsbedürftig fühlte, führt sie auch darauf zurück, „dass wir ständig von Klischees, wie Glück und Zufriedenheit auszusehen hat, bombardiert werden. So gesehen ist es kein Wunder, dass man sich manchmal unerfüllt und unglücklich fühlt.“

Natürlich gilt im Zweifel die Formel: besser einen Menschen zu viel therapieren als einen zu wenig. Doch die Seriosität der Verfahren und ihrer Anbieter sollte einem fundierten Check unterzogen werden. In Österreich sind derzeit 21 psychotherapeutische Methoden gesetzlich anerkannt. Auch die Ausbildung der Therapeuten ist vom Psychotherapiegesetz exakt vorgeschrieben und darf nur an vom Ministerium anerkannten Institutionen angeboten werden: Neben dem psychotherapeutischen Propädeutikum im Umfang von zumindest 765 Stunden Theorie und 550 Stunden Praxis ist eine fachspezifische Ausbildung von mindestens 300 Stunden Theorie und 1600 Stunden Praxis zu absolvieren. Nur wer diese Ausbildung erfolgreich durchlaufen hat, darf sich offiziell „Psychotherapeut“ nennen und als solcher praktizieren. Anders liegt der Fall bei verwandten Bereichen wie Coaching oder Supervision, die als freie Berufe von jedem ausgeübt werden können, der sich zu ihnen berufen fühlt. Eine gesetzliche Qualitätskontrolle ist hier nicht vorgesehen.

Psychotherapie ist ein langwieriger , immer wieder von Stillstand und Rückschlägen gekennzeichneter Prozess, der keine hundertprozentige Heilung verspricht, sondern lediglich einen erhöhten Erkenntnisstand über die eigene Persönlichkeit und eingefahrene Verhaltensmuster. Langzeitziel einer Psychotherapie ist es, sich von den selbstzerstörerischen Anteilen dieser Verhaltensmuster zu befreien. Die Gemächlichkeit der psychotherapeutischen Effizienz widerspricht dem Geschwindigkeitsprinzip der Leistungsgesellschaft. Die Modeinstitution Coach entspricht dieser Gesellschaft viel eher. Wo der Psychotherapeut etliche Sitzungen braucht, um die Biografie seines Klienten in Kleinstarbeit zu dechiffrieren, zielt der Coach auf schnelles Abstecken der Probleme und rasche Lösungsansätze. Längst gibt es Coaches für Fitness, Ernährung, Beziehungen, Machtkämpfe am Arbeitsplatz, Haustiere und Sexualleben. Die epidemische Verbreitung der Coachitis ist ein weiteres Symptom für die teuer erkaufte, freiwillige Entmündigung des Individuums. Die Grenzen zwischen verhaltenstherapeutischen Binsenweisheiten und esoterischen Heilsversprechen, die von Kabbala über Edelsteintherapie oder Karma-Astrologie bis zum Schamanismus wenig auslassen, sind dabei fließend. Der neueste Hit im Supermarkt Seele ist der spirituelle Coach; laut dem deutschen Demoskopie-Institut Allensbach richtet sich inzwischen jeder vierte Deutsche nach den Lebenstipps solcher spirituellen „Ratgeber“. Die Heilungsschancen einer deformierten Seele basieren in dieser Branche bestenfalls auf dem Placeboeffekt.

„Mein Leben liegt in Trümmern, bitte helfen Sie mir schnell“ , fleht die von Panik-attacken befallene Nymphomanin Laura -ihren Psychotherapeuten Paul Weston (Gabriel Byrne) in der preisgekrönten HBO-Serie „In Treatment“ an, die Therapie-Sessions zum Kammerspiel im 25-Minuten-Format erhebt und im Sommer im ORF ausgestrahlt wird. Weston, der selbst an Burn-out-bedingten Panikattacken leidet, kontert milde lächelnd: „Hier gibt es im besten Fall nur die Langzeitversion von Hilfe – möglicherweise werden Sie danach rausgehen und alle Fehler, die Sie hier erkannt haben, wieder begehen. Aber zumindest hatten Sie erstmals direkten Augenkontakt zu Ihren Fehlern.“

Es geht aber auch anders – und ganz ohne Augenkontakt: Alexander Bernhaut, Facharzt für Psychiatrie und seit einem halben Jahr wöchentlich im Nachtprogramm ordinierender „Ö3-Lebenscoach“, schätzte im profil-Interview sein Durchschnittstempo für die fachgerechte fernmündliche Diagnose durchaus selbstbewusst ein: „Das geht schnell, fünf Minuten reichen völlig aus.“ Nachsatz: „Manchmal muss man sich aber auch aus dem Fenster lehnen.“