Der Tiergarten Schönbrunn und sein Zoodirektor: Ein Leben im Tiervierteltakt

Mit neuen Ideen, seinem Verkaufstalent und guten Kontakten zur Politik hat Helmut Pechlaner aus seinem Zoo ein erfolgreiches Unternehmen gemacht. Nach dem tragischen Unfall im Elefantenhaus muss er nun erstmals Krisen-PR betreiben. Porträt eines manischen Öffentlichkeitsarbeiters.

Es wird sich vielleicht nie restlos klären lassen, was am 20. Februar kurz nach 10.30 Uhr wirklich passierte. Der einzige Zeuge bemerkte den Unfall erst, als es schon zu spät war.

Bei der so genannten Morgenroutine im Elefantenhaus läuft zunächst alles wie gewohnt. Abu, der kleine Bulle, wird an Fußsohlen und Zehen inspiziert. Dann trottet er in seine Box, um sich duschen zu lassen. So wie jeden Tag. Doch während Pfleger Gerd Kohl das Tier mit dem Wasserschlauch abspritzt, rastet Abu plötzlich aus. Er drückt Kohl gegen die Wand und spießt ihn mit den Stoßzähnen auf. Kohl erleidet einen Schädelbasisbruch und mehrere Einstiche in Bauch und Brust. Er ist sofort tot.

Helmut Pechlaner, Direktor des Tiergartens Schönbrunn, kann sich schwer mit der Ungewissheit abfinden: „Vielleicht ist Abu erschrocken, weil irgendetwas umgefallen ist“, überlegt er, „oder vielleicht war es einfach ein Rempler, mit dem er klar machen wollte, dass er vom Waschen genug hat.“

Am Abend des Unglückstages ist Pechlaner von einem Seminar in der Schweiz nach Österreich zurückgekehrt, am nächsten Morgen gibt er eine Pressekonferenz im Schönbrunner Kaiserpavillon. Pechlaner trägt Schwarz, er spricht leise, er sieht nicht gut aus. Zum zweiten Mal innerhalb von kaum drei Jahren muss er der Öffentlichkeit einen Todesfall in seinem Zoo erklären. Anfang März 2002 war die Tierpflegerin Sabine S. von einem Jaguar getötet worden. Pechlaner hatte noch versucht, der jungen Frau zu helfen, und war dabei selbst verletzt worden.

Damals wie heute gab es Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen in Schönbrunn (siehe Kasten Seite 124). Doch in beiden Fällen erteilte die Kriminalpolizei umgehend Absolution: Ein schuldhaftes Verhalten der Zooleitung sei nicht erkennbar. Es handle sich um tragische Arbeitsunfälle, hieß es sinngemäß.

Nette Wildnis. Wie gefährlich wilde Tiere sein können, vergisst man leicht angesichts prächtiger Dokumentarfilme in „Universum“ und drolliger Tierbaby-Fotos in den Illustrierten. Auch der Tiergarten Schönbrunn hat sehr erfolgreich dazu beigetragen, die Wildnis weichzuspülen. Helmut Pechlaner vermarktete den Zoo immer als eine Art internationalen Bauernhof. Entsprechend stark sind die lieben Viecherln den Österreichern ans Herz gewachsen. Und entsprechend groß war der Schock, als ausgerechnet Abu, der in Wien geborene Publikumsliebling, eine Tragödie auslöste.

Helmut Pechlaner hat wenig Erfahrung im Umgang mit schlechten Nachrichten. Abgesehen vom Jaguar-Unglücksfall konnte er in den vergangenen Jahren ausschließlich Positives vermelden: neue Besucherrekorde, neue Großsponsoren, neue Attraktionen im Zoo. Krisen-PR war nie notwendig – aber Pechlaner beherrscht auch diese: In den ersten Tagen nach dem Unglück gab er bereitwillig Interviews, seine Erschütterung wirkte ehrlich.

Zwar will er nicht ausschließen, dass eine Imagekampagne für den Zoo nötig sein könnte. Aber er selbst wird vermutlich keine brauchen. „Zuallererst muss gesagt werden, dass man vor so einem Zoodirektor wie Herrn Pechlaner den Hut ziehen muss“, empfahl eine Leserbriefschreiberin in der „Kronen Zeitung“. Ein anderer Leser bat Pechlaner, „sein Rücktrittsangebot umgehend rückgängig zu machen und wie bisher weiterzuarbeiten“.

Wenn schon Abu als Liebling der Massen ausfällt, ist es umso wichtiger, dass sein Herrchen die Stellung hält.

Der Direktor als Attraktion. In Pechlaners bisher 13-jähriger Amtszeit als Direktor des Tiergartens Schönbrunn war oft nur sehr schwer zu sagen, wer im Zoo gerade die größte Attraktion darstellte: ein neugeborenes Giraffenbaby? Das Pandapärchen Yang Yang und Long Hui? Oder doch der Direktor selbst? Die Chance, dem berühmten Herrn Pechlaner über den Weg zu laufen, war für einige Zoobesucher wohl ein ebenso starker Anreiz wie das neue Regenwaldhaus oder die herzigen Koalas. Aus dem nicht zwangsläufig glamourösen Job des Zoodirektors hat Pechlaner ein Maximum an Popularität geschöpft. Kaum jemand kannte seinen Vorgänger, den farblosen Beamten Fritz Böck. Helmut Pechlaner nicht zu kennen ist weit über Wiens Stadtgrenzen hinaus praktisch unmöglich.

Der Tiroler hat einige Bücher geschrieben, er ist Kolumnist in mehreren Zeitungen, moderiert regelmäßig die ORF-Reihe „Universum“ und lässt auch sonst wenig Gelegenheiten aus, über sein Lieblingsthema, die Tiere, zu sprechen. Die Wortmeldungen des Doktors der Tiermedizin wirken häufig eher populär als wissenschaftlich. Aber das gehört nun mal zum Geschäft. „In der Methode des Verkaufs ist ein Zoo eben auch eine Showveranstaltung“, hat der PR-Profi schon vor Jahren festgestellt.

Trauriger Ort. Pechlaner war zwölf Jahre lang Leiter des Innsbrucker Alpenzoos, bevor er 1992 nach Wien übersiedelte. Als er seinen Dienst in Schönbrunn antrat, war der Tiergarten den Einheimischen nur sehr sporadisch einen Sonntagsausflug wert, und in manchem Reiseführer wurde explizit vor diesem traurigen Ort gewarnt. Die Gehege waren zu klein, die Tiere zum Teil arg verwahrlost; von den Gebäuden bröckelte der Putz, denn für Renovierungen gab es seit Jahren kein Geld mehr. Pechlaner hatte anfangs nicht einmal einen Schreibtisch. Im Chefbüro saß nämlich noch sein Vorgänger Fritz Böck, der als pragmatisierter Beamter nicht einfach gekündigt werden konnte.

Der Tiergarten war damals gerade von einer Unterabteilung des Wirtschaftsministeriums in eine selbstständige GmbH umgewandelt worden. Der Geschäftsführer hatte also deutlich mehr unternehmerische Freiheiten als seine Vorgänger – und er nutzte sie. Pechlaner keilte Sponsoren aus der Wirtschaft, er initiierte den Verein der Freunde des Tierparks Schönbrunn, und er führte das System der Tierpatenschaften ein. Der Verhaltensforscher Antal Festetics, selbst auch kein Marketing-Laie, kann so viel Verkaufstalent nur bewundern: „Pechlaner würde auch für eine Küchenschabe einen Sponsor finden“, mutmaßte Festetics einmal.

Außerdem sorgte Pechlaner dafür, dass der Zoo bei jeder Gelegenheit ins Gespräch kam. Klein Abus Taufe und seine Geburtstage wurden mit großem Aufwand gefeiert, und einer Giraffengeburt durften die Journalisten sogar live beiwohnen. Das Baby plumpst dabei nämlich aus beträchtlicher Höhe zu Boden – so was ist sehenswert, dachte sich Pechlaner.

Innerhalb weniger Jahre putzte er die barocken Ruinen zu einem modernen, international angesehenen Tierpark auf. Die Besucherzahl stieg von jährlich knapp 700.000 auf zuletzt über 1,7 Millionen. Im Rekordjahr 2003 waren sogar mehr als zwei Millionen Tickets verkauft worden – und das, obwohl der Eintrittspreis mit derzeit zwölf Euro während Pechlaners Regentschaft fast vervierfacht wurde.

Die Grüne Madeleine Petrovic, die seinerzeit im Parlament gegen die Ausgliederung von Schönbrunn und damit indirekt auch gegen Pechlaner gestimmt hatte, sieht die Sachlage mittlerweile deutlich positiver. „Pechlaner hat in Schönbrunn sehr viel verbessert, er ist jemand, der was weiterbringt. Wenn man ihm Geld gibt, kann man sicher sein, dass damit auch etwas passiert.“ Sie sei zwar generell gegen Tiergärten, aber wenn schon, dann solle es so einer sein. Andreas Sax, Kampagnenleiter beim Tierschutzverein Vier Pfoten, pflichtet Petrovic bei: „In Schönbrunn wird gute Arbeit geleistet.“

Minister oder Bürgermeister? Das gilt auch für die wirtschaftlichen Belange: Seine laufenden Ausgaben konnte der Zoo 2004 zu rund 85 Prozent selbst decken. Im Jahr davor wurde sogar ein Gewinn erzielt. Pechlaner gelang es trotzdem, das Wirtschaftsministerium zur Überweisung eines Beitrags zu motivieren. Sein Argument: „Sonst habts ihr keinen Budgetposten mehr für uns, wenn wir wieder was brauchen.“ Das Ministerium gehorchte.

Pechlaner kann gut mit Politikern, vor allem mit jenen der ÖVP. Alle möglichen Jobs seien ihm schon angeboten worden, erzählt er freimütig, vom Bürgermeister in Innsbruck bis zum Umweltminister. Doch die Politik sei nichts für ihn, „zehntausendprozentig nicht“. Enge Kontakte zu den Volksvertretern können aber natürlich nicht schaden. Deshalb spielte Pechlaner gern mit, als die Bundesregierung im Frühling 2000 den Tiergarten besuchte, um im Elend der EU-Sanktionen wenigstens ein paar hübsche Fotomotive zu erheischen. Und vor einem Jahr rührte er emsig die Werbetrommel für das neue Tierschutzgesetz, an dem er selbst mitgearbeitet hatte. Im Gegenzug wurde Pechlaner mit Orden und Auszeichnungen belohnt: Unter anderem ist er Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik.

Schüssel auf Besuch. Den Bundeskanzler kennt Pechlaner schon seit seiner Zeit beim Innsbrucker Alpenzoo. Wolfgang Schüssel, damals Wirtschaftsminister, sei eines Tages hereingeschneit, um den Tiergarten zu besichtigen. Pechlaner ließ sich nicht lange bitten, bot eine Führung, sprach ausführlich über die Wirtschaftslage und lieferte damit die Grundlage für seine Beförderung. Pechlaner: „Bald darauf hat er mich angerufen und gesagt, er braucht mich in Schönbrunn.“

Die Begeisterung des unterkühlten Wieners für den leutseligen Tiroler ist seither nicht kleiner geworden. Als es um die Renovierung der Marchfeldschlösser ging, wandte sich Schüssel neuerlich an Pechlaner. Er habe sich um die zusätzliche Arbeit wahrlich nicht gerissen, behauptet der Zoodirektor, aber irgendwann sei ihm nichts anderes mehr übrig geblieben. Laut Pechlaner habe Schüssel Folgendes zur Auswahl gestellt: „Tust du da draußen mit oder nicht? Weil wenn du nicht mittust, gibt’s kein Geld.“ Pechlaner zuckt kokett mit den Schultern, als er das erzählt. Kann er was dafür, dass ihn alle brauchen?

Hinter Helmut Pechlaners Karriere stecken keine Geheimnisse. Was ihn ausmacht, merkt jeder sofort, der mit ihm zu tun bekommt. Wenn er sich partout etwas einbildet, entwickelt er eine immense Überzeugungskraft. Er breitet die Arme aus (bei den Dingen, die Pechlaner sich partout einbildet, handelt es sich meist um größere Bauwerke), die Stimme wird ein wenig lauter, und es hagelt Argumente. Manchmal dauert es trotzdem länger, bis einer von Pechlaners Träumen wahr wird. Aber Geduld lernt man in der Zoologie.

Das Schönbrunner Regenwaldhaus zum Beispiel galt jahrelang als Spleen des Herrn Direktors. „Alle haben gesagt, ich spinne“, erinnert sich Pechlaner wohlig, „aber ich war überzeugt davon.“ 2002 wurde das Gebäude eröffnet, die Baukosten lagen bei 12,7 Millionen Euro, als Co-Sponsor fungierte unter anderem der bekannt sparsame Billa-Gründer Karl Wlaschek. Pechlaner erzählt gerne, wie er dieses Großprojekt auf Schiene brachte: „Ich hab zum Architekten gesagt: Ich kann dir keinen Auftrag geben, ich hab auch kein Geld. Ich kann dir nicht einmal versprechen, dass du einen Anschlussauftrag kriegst. Aber mach mir bitte trotzdem eine Zeichnung, damit ich was zum Herzeigen hab.“ Mit dem Plan in der Tasche begab sich Pechlaner dann auf Betteltour. „Von dem Moment an hat es funktioniert.“

Die Bühne ist in Wien größer geworden, doch sein Talent für Öffentlichkeitsarbeit bewies Pechlaner schon in Innsbruck. Veronika Kölli, seine ehemalige Sekretärin, erinnert sich jedenfalls an sehr zahlreiche Pressetermine. „Wir hatten wenig Geld für die Werbung“, erklärt sie, „da mussten wir schauen, dass die Journalisten berichten.“

Nur noch privat. Die Unterstellung, er sei eine Art zoologischer Adabei, mag Pechlaner aber nicht auf sich sitzen lassen. „Man wird mich bei keiner Veranstaltung sehen, wo es nicht irgendwie um einen Vorteil für den Zoo geht. Als Privatmann gehe ich nirgends hin, da sitz ich am liebsten daheim und leg die Füße auf den Tisch.“

Ende 2006 will Pechlaner in Pension gehen. Dann ist er zwar erst 60 Jahre alt, aber es wird trotzdem reichen, findet er. Er habe lange genug Führungsverantwortung getragen. Außerdem gebe es da noch den Bauernhof im Südburgenland, für den er derzeit viel zu wenig Zeit habe.

Reinhard Neumayr, Obmann der Freunde des Innsbrucker Alpenzoos und ein guter Bekannter Pechlaners, kann sich den totalen Rückzug ins Privatleben nicht vorstellen. „Er steht schon gern in der Öffentlichkeit. Wenn er mehr Zeit hat, wird er vielleicht mehr Fernsehen machen und noch ein paar Bücher schreiben.“

Helmut Pechlaner wäre dann der erste berühmte Zoodirektor ohne Zoo. Sein Publikum würde das wohl nicht stören.