Der Verlust ist rotweißrot

Der fortgesetzte Glaube, dass die AUA selbstständig bleiben kann, wird zu fortgesetzten Verlusten führen.

Alfred Gusenbauer ist erwartungsgemäß strikt gegen einen Verkauf der AUA-Mehrheit an eine ausländische Fluggesellschaft – die ÖVP ist es aus einer Reihe recht spezieller Gründe ebenfalls: Erstens hat Molterer diesen Kurs vorgegeben und zu verantworten, zweitens liegt Schwechat in Pröllreich, und drittens ist es populär, auf einer „rotweißroten“ Fluglinie zu beharren. Vorerst zumindest. Denn in den kommenden Jahren wird die AUA Österreichs Steuerzahler unglaublich viel Geld kosten, um am Ende dennoch mehrheitlich an einen ausländischen Partner verkauft zu werden. Nur dass die Bedingungen, die ein paar Jahre zuvor noch ziemlich gut gewesen wären, dann reichlich schlecht sein werden. Denn eine kleine Fluglinie, die sich im Eigentum des Staates befindet, kann im internationalen Konkurrenzkampf nur untergehen: siehe Swissair oder selbst die vergleichsweise größere Iberia oder Alitalia. Die Staatsnähe hat überall überhöhte Gehälter fürs Personal und meist auch ein schwaches, weil politisch bestelltes Management mit sich gebracht. Und die geringe Unternehmensgröße (die kleine Flotte) bedeutet geringe Rabatte beim Einkauf der Flugzeuge und eine geringere Flexibilität bei ihrem Einsatz. Es ist betriebswirtschaftlich einleuchtend und am Beispiel der USA ablesbar, dass es im vereinten Europa letztlich nur drei, vier große Fluglinien geben wird. Der Weg, den die AUA gemäß der politischen Vorgabe jetzt nach wie vor gehen soll, wäre allenfalls vor zwanzig Jahren gangbar gewesen: Die ÖIAG nimmt unglaublich viel Geld in die Hand, baut damit Destinationen wie Flotte aus und macht die AUA zu einem europäischen Player.

Zu einer solchen offensiven Strategie haben dem Eigen­tümer Staat sowohl die Mittel wie der Mut gefehlt. (Und wahrscheinlich war das gut so, denn das Risiko, dass der Versuch der Expansion in eine expansive Pleite gemündet wäre, hätte die Chancen wohl um Längen überwogen.) In dem Moment, in dem klar war, dass die AUA nicht zu einem europäischen Player werden wollte und konnte, war angesichts des liberalisierten Marktes ebenso klar, dass sie einen strategischen Partner braucht, bei dem sie unterkriechen kann. Denn eine Partnerschaft, bei der es weiterhin zwei Gesellschaften mit zwei teuren Direktorien und Verwaltungsapparaten gibt, böte nicht die notwendige Kostenreduktion. Alles andere als ein solches Unterkriechen – also der Verkauf einer Mehrheit an einen größeren, stärkeren Partner – war und ist eine Illusion à la „Scheich“. Nationale Politiker neigen zu solchen Illusionen, egal, ob sie Gusenbauer, Molterer oder Berlusconi heißen. Bei der SPÖ ist das wirtschaftliche Denken durch die Rückstände der „Verstaatlichungs“-Ideologie grundsätzlich behindert – bei der ÖVP müsste es „ideologisch“ eigentlich umgekehrt laufen, aber bei der AUA glaubt sie, das Interesse des Landes Niederösterreich wahren zu müssen. (So wie die SPÖ glaubt, die Interessen Wiens in der Flughafenbetriebsgesellschaft wahren zu müssen.) Zum Pech des Steuerzahlers lassen sich auf diesem Umweg kaufmännische Scheinargumente für das Erhalten der AUA vorbringen: Die Bedeutung des Flughafens Schwechat könnte sinken, wenn sie verkauft wird; denn wenn sie beispielsweise der Lufthansa gehörte, müsste sie womöglich vorwiegend Zubringerdienste zum Münchner Flughafen leisten. Diese Argumentation lässt sich mit dem Hinweis erhärten, dass der Flughafen Zürich leichte Einbußen erlitten hat, seit es die Swissair nicht mehr als nationale Schweizer Gesellschaft gibt.

Aber diese Probleme sind harmlos, wenn man sie an den potenziellen Verlusten einer zu schwachen Fluglinie misst. Und vor allem wäre eine solche Konstellation früher oder später auf jeden Fall eingetreten. Denn in einem Europa, in dem es nur mehr drei, vier große Fluggesellschaften gibt, wird das Schicksal jedes Flughafens davon abhängen, wie weit diese großen Gesellschaften ihn nutzen. Wenn sie es für rentabel befinden, Langstreckenflüge nur von München, Paris oder Madrid zu starten, dann werden sie es tun. Wenn sie glauben, dass es genügend Passagiere gibt, die gerne etwas mehr zahlen, wenn sie direkt von Wien/Zürich aus fliegen können, dann werden sie diese Möglichkeit weiter anbieten. Die Vorstellung, dass eine im Staatsbesitz befindliche winzige AUA bei dieser möglichen Schwerpunkt-Verlagerung eine wesentliche Rolle spielen kann, ist einmal mehr illusionär. Persönlich glaube ich, dass Schwechat mit dem fast fertig gestellten Neubau eine Wien und Österreich angemessene Größe hat – aber wenn das doch nicht der Fall sein sollte und der Flughafen zu groß geraten wäre, dann kann ihn die AUA ganz sicher nicht „auffangen“. Nachhaltige wirtschaftliche Stärke ist nur gegeben, wenn der Flughafen für sich genommen (ohne „Unterstützung“ durch die AUA) konkurrenzfähig ist. Nicht nur die Zeit der „nationalen“ halbstaatlichen Fluggesellschaften, sondern auch die Zeit der „nationalen“ halbstaatlichen Flughafenbetriebsgesellschaften ist demnächst vorbei. International tätige private Gesellschaften werden die Flughäfen übernehmen und mit der gleichen Gewissheit kostengünstiger führen, mit der uns die privaten Telefongesellschaften kostengünstiger als die einstigen Staatsmonopole telefonieren lassen.