Der andere Volkstribun

Die erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Helmut Zilk und Jörg Haider – und der große Unterschied.

Jörg Haider schaffte es mit seinem Tod auf die Coverseiten – Helmut Zilk eine Woche später nicht mehr ganz. Tatsächlich hat Haider als Volkstribun und Landeshauptmann von Kärnten die Politik des ganzen Landes geprägt – Helmut Zilk als Volkstribun und Landeshauptmann von Wien nur eine Zeit lang die der Bundeshauptstadt. Leider. Sonst wäre Österreich ein anderes Land. „Er hat in sich die besten und die schlechtesten Eigenschaften eines Politikers vereint“, schrieb Herbert Lackner in einem grandiosen Nachruf auf Helmut Zilk – das Gleiche war eine Woche zuvor über Haider zu lesen. Beide waren sie grandiose Populisten, beide wussten sie jedem das zu sagen, was er gerne hörte, beide liebten sie es, sich als gute Fee unters Volk zu mischen, und badeten in dessen Zuneigung. Mir freilich geht es in diesen Zeilen um das, was sie unterscheidet.

„Bei Ausstellungseröffnungen moderner Künstler“, erinnert sich Lackner, „legte Zilk feurige Bekenntnisse für die Freiheit der Kunst ab, um im nächsten Satz vor aktionis­tischen Ferkeleien zu warnen.“ Genau wie Jörg Haider, wenn er im „Standard“ den „Liberalen“ und in den „Kärntner Nachrichten“ den „Natio­nalen“ hervorkehrte. Nur dass Haider im Grunde seines Herzens ein „Nationaler“ war, auch wenn er nicht log, wenn er sich als „Liberaler“ präsentierte. Während Helmut Zilk im Grunde seines Herzens für die Freiheit der Kunst war, auch wenn er nicht log, wenn er vor Ferkeleien warnte.

Angeblich ist fast jeder Kärntner seinem Landeshauptmann schon einmal persönlich begegnet – zumindest wer abends durch die Wiener Innenstadt gestreift ist, ist auch auf Helmut Zilk gestoßen. Es gibt unzählige Kärntner, die von sich erzählen, wie Haider ihnen geholfen hat, und es gibt unzählige Wiener, die solche Geschichten zu Ehren Helmut Zilks erzählen. Eine habe auch ich erlebt: Die krebskranke Mutter eines Kleinkindes hatte gehofft, die nahen Festtage bereits in der Gemeindewohnung zu verbringen, die ihr prinzipiell zugesagt war – aber dann hatte sich nichts gerührt. Zilk hörte davon, und drei Tage später konnte sie einziehen. In der Früh erhielt sie seinen Anruf: Er hoffe, die Wohnung gefalle ihr, und wünsche ihr frohe Festtage.

Die Frau konnte die Geschichte nicht erzählen, ohne, wie so viele Kärntner bei ihren Geschichten, in Tränen auszubrechen. Worauf es mir ankommt, ist dennoch ein kleiner, aber feiner Unterschied: Zilk griff zwar autoritär in einen Verwaltungsakt ein, aber er nahm den Fall zum Anlass, das Punktesystem zu überarbeiten, nach dem Wohnungen zugeteilt werden. „Es muss sichergestellt sein, dass so eine Frau ohne mein Zutun sofort zu einer Wohnung kommt.“ Herbert Lackner hat schon beschrieben, wie Zilk „nicht einmal in Wahlkämpfen populistischen Versuchungen in Sachen Ausländerpolitik nachgab“: Als der rote Staatssekretär Peter Marizzi Österreichs „Boot“ für „voll“ erklärte, konterte er mit dem Plakat eines aus Italien zugewanderten Eisverkäufers mit dem Text: „Was täten wir ohne die Marizzis.“ Ich möchte diese Geschichte um eine andere bereichern, die heute kein SP-Funktionär verantworten wollte: „Zigeuner“, wie man sie damals noch nannte, nahmen eine Weihnachtsfeier im Stephansdom zum Anlass, einer ganzen Reihe von Andächtigen die Brieftasche zu ziehen. Zilk nutzte seinen Draht zum Wiener Polizeipräsidenten, die Meldung nicht an die Medien weiterzugeben. „Solang es niemanden interessiert, wie schlecht die Zigeuner für ihre KZ-Zeit entschädigt wurden, braucht es auch niemanden zu interessieren, dass es Diebe unter ihnen gibt.“

Ich habe mich manchmal gefragt, wie ein Mensch dieses Zuschnitts für die „Kronen Zeitung“ arbeiten konnte, für die die Geschichte im Stephansdom der Aufmacher gewesen wäre. Warum werfe ich Werner Faymann vor, sich der „Krone“ angebiedert zu haben, während ich Helmut Zilk nicht vorwerfe, für sie geschrieben zu haben? Weil Zilk nicht, wie Faymann, zur „Krone“ ging, um durch sie Popularität zu gewinnen, sondern weil die „Krone“ ihn engagierte, um Nutzen aus seiner Popularität zu ziehen. An Hans Dichands Kampagnen hat er sich als „Ombudsmann“ nie beteiligt – „Das hab ich Gott sei Dank nie müssen. Aber der Dichand war immer ein echter Freund – er war da, wenn es mir schlecht gegangen ist.“ Zilk auch. Als es mir nach dem Kalal-Prozess unglaublich schlecht ging, überredete er Dichand, mir eine Kolumne anzubieten. Ich zog es vor, für die Hälfte des Geldes für andere zu schreiben. „Ich kann dich verstehen“, sagte Zilk, „du hättest dich ja schwer wie ich aus der Politik heraushalten können. Wenn ich dir woanders helfen kann, sag mir’s.“

Er hat mir von Anfang an geholfen. Als ich 1964 nach Jahren, in denen ich alles Mögliche versucht hatte, in den Journalismus zurückkehren wollte, war er der Einzige, der sich an den jungen Reporter erinnerte, der für die „Arbeiter Zeitung“ eine erste Reportage über seine erste Fernsehsendung geschrieben hatte, und empfahl mich dem „Kurier“-Chef Hugo Portisch: „Ich glaube, er kann schreiben, und er mag die Nazis so wenig wie du und ich.“ In den wirklich zentralen Fragen der Politik war Helmut Zilk durchaus nicht „beliebig“: Er hasste alles, was braun oder fremdenfeindlich war; er war ein überzeugter Demokrat; er wollte eine freie, offene Gesellschaft. Er hatte das seltene Talent, das auf ähnlich populäre Weise zu verkaufen wie Jörg Haider Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit.