Der verdrängte Widerstand

Österreich hat energisch gegen Hitler gekämpft – und will es nicht wahrhaben.

Wieso ist dieses Buch erst jetzt in Österreich herausgekommen?“, werde ich immer wieder gefragt, seit sich das Buch meiner Mutter über ihren Widerstand und ihr Überleben in Auschwitz erstaunlich gut verkauft.1) „Ich weiß es nicht“, pflege ich dann zu sagen, „es hat sich bis jetzt niemand dafür interessiert.“

Österreich weiß fast nichts über die gar nicht so wenigen Österreicher, die Widerstand geleistet haben. Ein paar, wie Fritz Molden, haben selber Bücher geschrieben, ein paar, wie Major Carl Szokoll, sind durch Hugo Portischs TV- Dokumentationen bekannt geworden, und neuerdings gibt es das Buch „Österreich gegen Hitler“ des Historikers Gottfried-Karl Kindermann, das den Kampf von Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg gegen den Nationalsozialismus dokumentiert – aber eine wirkliche Rolle im Bewusstsein der Österreicher spielt der Widerstand nicht.

Das ist umso erstaunlicher, als Österreich es diesem Widerstand bekanntlich verdankt, dass es von den Alliierten als Hitlers erstes Opfer eingestuft wurde und dadurch Anspruch auf Wiederherstellung seiner Souveränität erlangte.

„Europas erste Abwehrfront“ nennt Kindermann sein Buch im Untertitel: Als Engländer und Franzosen noch Abkommen mit Hitler schlossen, als alle Nationen 1936 noch zu den Olympischen Spielen nach Berlin reisten, obwohl dort bereits die Rassengesetze galten, hatte Österreich zu deren Boykott aufgerufen und die NSDAP verboten. Wohl haben 1938 zigtausende auf dem Heldenplatz dem Führer zugejubelt, aber noch mehr sind zu Hause geblieben. Hitler ist mit der Wehrmacht einmarschiert, weil er genau wusste, dass er die von Schuschnigg angesetzte Volksabstimmung über den Anschluss verlieren würde.

Dass es in der Folge immer mehr Überläufer gab, dass Hitler spätere Wahlen klar gewonnen hätte, dass ausnehmend viele Österreicher führend am Judenmord beteiligt waren, ist ein anderes, späteres Kapitel, das bei Gott nicht verdrängt werden soll. Aber es ist absurd, wenn es im Bewusstsein vieler junger Österreicher das Wissen um den vorangegangenen Widerstand verdrängt; wenn die Generation unserer Eltern und Großeltern plötzlich nur mehr als eine Ansammlung von Mittätern und Mitläufern gesehen wird.

Es scheint das aktuellste Verdienst des Buches meiner Mutter, dass es aufzeigt, wie verbreitet der Widerstand gegen den Holocaust auch nach dem Anschluss gewesen ist. Dass trotzdem so wenige Menschen gerettet wurden, lag nicht am mangelnden Einsatz, sondern an der Effizienz von SS und Gestapo. Es hieß eben den Tod riskieren, wenn man auch nur Lebensmittelmarken abzweigte, um versteckte Juden zu ernähren. Trotzdem haben Freunde meiner Mutter, die Lehrer Hilde und Robert Lammer, dieses Risiko auf sich genommen – aber wahrscheinlich weiß man nicht einmal an jener Schule, an der sie bis zu ihrem Tod unterrichtet haben, von ihrem Wirken im Krieg.

Als Sandra Maischberger, eine von Deutschlands renommiertesten TV-Moderatorinnen, kürzlich gefragt wurde, wer ihr am meisten imponiert, und „Sophie Scholl“ zur Antwort gab, konnte sie davon ausgehen, dass ihr Publikum weiß, wer das war – fragte man in Österreich nach dem Namen auch nur eines Widerstandskämpfers, wüsste ihn wahrscheinlich gerade ein Promille. Nicht einmal ich kannte etwa Irene Harand, die schon 1930 (!) eine Partei „gegen das Hakenkreuz“ gründete und in selbst verlegten Büchern gegen Hitlers Rassenwahn anschrieb. Und wer, der nicht zufällig soeben die Memoiren seines Bruders Heinrich2) gelesen hat, kennt Wolfgang Treichl, der sich an die Afrikafront meldete, um zu den Engländern überzulaufen und auf ihrer Seite für die Befreiung Österreichs zu kämpfen? 1944 mit dem Fallschirm nahe der Grenze abgesetzt, ließ er sein Leben für Österreich im deutschen Abwehrfeuer.

Treichl war jung, begabt, sah blendend aus, ein glühender Österreicher, der wunderbare Briefe über seine Motive hinterlassen hat – ideal geeignet, um zum Idol junger Menschen zu werden.

Österreich hat seinen Widerstand bis heute nicht für sich entdeckt.

Bei meiner Suche nach einer Erklärung bin ich auf zwei Phänomene gestoßen. Voran ein politisches:
Der Widerstand vor 1938 war in erster Linie ein „vaterländischer“ mit Dollfuß an der Spitze: So viele Fehler er innenpolitisch auch begangen hat, war er doch ein weitsichtiger Patriot in seinem Kampf gegen Hitler – sehr im Gegensatz zu den sozialistischen Führern Otto Bauer und Karl Renner, die nicht von der „Anschluss“-Idee ablassen wollten.

Diese Konstellation hat eine Würdigung des „vaterländischen“ Widerstandes im großkoalitionären Nachkriegsösterreich eminent erschwert, denn die SPÖ will Dollfuß bis heute mit aller Kraft auf den „Austrofaschismus“ reduzieren.

Das zweite Phänomen ist ein psychologisches: Vor allem die vielen Mitläufer hatten ein begreifliches Interesse daran, zu verdrängen, dass es auch viele Gegner gegeben hat. Es ist einfacher, das eigene Fehlverhalten zu entschuldigen, wenn man sich einredet, dass ja „fast alle“ auf Hitler hereingefallen sind und „fast niemand“ Widerstand geleistet hat.
Ein aufrechtes Bewusstsein solchen Widerstandes steht diesem Selbstbetrug entgegen.

Ich möchte es positiv fassen: So wichtig es mir scheint, die Verbrechen der NS-Zeit auch nach 60 Jahren nicht ganz zu vergessen, so sinnvoll erscheint es mir, endlich auch die in dieser Zeit bewiesene Zivilcourage wahrzunehmen und zum Teil eines gesunden Österreich-(Selbst-)Bewusstseins zu machen.