Der gute Wille

Tausendmal belächelt, blieb er das schönste Werkzeug.

„Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut“ Volksmund

Der so genannte Volksmund ist immer dann lehrreich gewesen, wenn es um Landwirtschaft ging. Begrenzt auf vergleichbare Äcker, lieferte er brauchbare Regeln. Er belehrte korrekt, wenn es um die Bestellung der Felder ging. Er riet zu den richtigen Zeitpunkten von Ernte und Lese. Wir verdanken dem Volksmund auch den Tipp, als Bauer und Bäuerin jung zu heiraten, weil man auf dem Traktor schneller älter wird.

Je abstrakter die Themen wurden, desto fragwürdiger wurde der Volksmund. Nur ein hoch gebildeter, urbaner, letztlich böser Geist konnte den angeblichen Volksspruch finden: „Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut.“

Dass dieser Spruch nicht von einfachen Menschen stammt, ist leicht zu erkennen. Es fehlt ihm die Unschuld. Er ist böse, dialektisch, mephistophelisch.

Er ist auch falsch. Er ist oberflächlich beliebt geworden, weil er manchen trägen BürgerInnen einen schönen Vorwand lieferte, erst gar nichts Gutes zu meinen, geschweige denn Gutes zu tun.

Heutige Soziologie belehrt uns, dass in der klugen leisen Mehrheit (die einst Bruno Kreisky eine Atom-Abfuhr erteilte und Österreich mit der höchsten Zustimmungsrate von 66 Prozent in die EU trug) eine enorme Energie für gute Taten schlummert. Diese Taten sind freilich nie frei von Egoismus.
Dies gilt auch für die höchsten HeldInnen. Selbst Lepra-Mutter Teresa, der Lois Lammerhuber den ultimativen Bildband fotografierte, hat sich durch ihre Taten dem lieben Gott näher gefühlt – so wie einst Axel Munthe in der Cholera-Epidemie von Neapel.

Der Schwefelsäure-Spruch „Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut“ gilt vorwiegend für jene falschen Wohltäter, die sich selbst nie liebten. Sie decken auf der Flucht vor sich selbst die anderen mit schriller Wärme zu. Diese Unglücklichen sind keine Hilfe. Sie sind eher Pest, nicht Samariter. Sie führen alte Weiber über die Wiener Ringstraße, ob diese wollen oder nicht.

Dagegen sind jene Altruisten, die Gutes tun und Geld geben, sobald die Kameras der „Seitenblicke“ und von „Licht ins Dunkel“ surren, großartig. Sie sind ungleich aufrichtiger. Sie beschenken sich auch selbst im Weg der Eigenwerbung. So haben die Beschenkten kein Gefühl einer uneinlösbaren Verbindlichkeit. Und bei allen ORF-generierten Aktionen – wie auch bei der Caritas – weiß man, dass die Spendengelder ihr Ziel erreichen.

Der gute Wille ist nicht das Gegenteil von gut. Er steht für das Gute selbst. Auch im Fall eines Fehlschlages bleibt die Intention unverletzt. Ich erzähle dazu eine Geschichte, die mich sympathisch erhöht – deswegen war ich ja gern und egoistisch einer ihrer Helden.

Vor vielen Jahren wurde ich von Caritas, Volkshilfe, „trend“, profil, „Rennbahnexpress“ und Ö3 auserkoren, unsere Afrika-Hilfe-Sendungen (damals: Reis) ins Problemgebiet Gambia zu kontrollieren. Es war so, wie es klingt: arg, hart, heiß, ermüdend, mittendrin verflucht und im Nachhinein in logischem Gegensatz unersetzlich schön.

Es war eine Rallye Paris–Dakar ohne Mitsubishi und KTM, mit uralten Taxis, Bussen und Flussschiffen ähnlich der „African Queen“. Verlor das Projekt an Wert, als ich erkannte, dass wir damals – immerhin die erfolgreichsten Institutionen und Medien ihrer Art – nicht weit genug gedacht hatten? Spätere, klügere Entwicklungshelfer begriffen, dass man weniger den Fisch, eher die Angel liefern sollte. Entwertet dies die damalige Anstrengung von Ö3 bis Caritas?

Antwort: nein. Nehmen wir beispielsweise jenes Dorf meiner Kontroll-Tour, das durch die US-TV-Serie „Roots“ weltberühmt geworden war. Es war trauriger als alles rundum, weil der Ruhm vorbei war, den die anderen Dörfer wenigstens nie gehabt hatten. Die verblichenen Porträt-Posters des „Roots“-Autors Alex Haley, der seine Familiengeschichte auf dieses Ex-Sklavendorf zurückgeführt hatte, hingen in Fasern. Unser Besuch, die Lkws, der Reis, die Gespräche machten dem Dorf wieder Freude. Die Kinder zeichneten mit meinen Ölkreiden begeistert ihre Mütter (nie ihre faulen Väter). Damals erkannte ich: Der Reis, unsere schlichte Vorstellung von Entwicklungshilfe, mag im Einzelfall geholfen haben. Vielleicht hat er Leben gerettet. Das wäre wunderbar und ein Ticket in christliche Himmel. Das Wichtigste aber, das man an Ort und Stelle spüren konnte, waren die zurückgelassenen Kohlestifte, Farbkreiden und Papiere.

Allein schon deshalb war „gut gemeint“ tatsächlich gut, zumindest besser als gar nichts. Die Herausforderung „Entwicklungshilfe“ ist übrigens bis heute ungelöst. Die Kanzlerämter und Außenämter studieren blutleere Statistiken. Die geschichtliche Erbsünde – die Kolonialisierung – kann nicht zurückgedreht werden.

Die wahren Helden der Entwicklungshilfe, die lokalen LehrerInnen und Ärzte ohne Grenzen, interessieren die Medien nicht wirklich. Man schenkt ihnen ab und zu ein Gratisinserat für Spenden. Ab und zu senden Minderheiten-Kult-Kultur-Sender wie arte etwas, auch 3sat ist gut.

Allerdings gibt es auch den umgekehrten Fall. Eine Freundin erzählt ihren großartigen liebevollen, aufwändigen Afrika-Einsatz (Schule, Kirche) meinen Eltern, aber nicht mir. Sie will darin still sein.

Der Volksmund, was wir hier eigentlich sagen wollten, hat nicht immer Recht.