Der Worm, der bleibt

Alfred Worm ist tot. Er steht nicht bloß für Rücktritte und Verurteilungen, sondern für ein neues Bild vom Journalismus. Von Christian Rainer

Was mir von Alfred Worm bleibt, ist eine Papierserviette aus einer Konditorei an der Wiener Kärntner Straße. Dort verhandelte ich mit ihm im Sommer 1998 über eine Rückkehr zu „profil“, das er 1994 in Richtung „News“ verlassen hatte. Auf der Serviette fixierten wir Vertragsbedingungen. Mehr Geld, als er damals aktuell verdiente, wollte er nicht, und auch die Abfertigung, die er bei einem neuerlichen Wechsel verloren hätte, oder eine individuelle Pensionsregelung waren ihm gleichgültig: „Ich werde meine Pension doch ohnehin nicht erleben,“ erklärte er. Worm sagte das gar nicht ironisch, sondern so traurig wie einer, der am Leben hängt, weil er jeden Tag genießt, den er noch auszufüllen vermag. Aus irgendeinem Grund konnte ich ihm nicht widersprechen und wollte sein von ihm in Aussicht gestelltes Ende auch nicht stillschweigend als Koketterie abtun. Ich glaubte ihm.
Jetzt ist der Alfred gestorben. Er hat mit seiner letztgültigen Behauptung recht behalten, ganz so wie er fast immer recht behielt, wenn er als Journalist Dinge in den Raum stellte, die viel zu apokalyptisch klangen, als dass man sie geglaubt hätte.

Worm kam 1998 nicht zurück zu „profil“, wo er, abgesehen von einem kurzen Intermezzo in der Wiener Lokalpolitik, über 20 Jahre gearbeitet hatte. Für eine derartige Heimkehr war er ein zu treuer Mensch. Längst hatte er bei Wolfgang und Helmuth Fellner eine neue Heimat gefunden. Er genoss die neue Umgebung in vollen Zügen – und trotz mancher Aufwallung gegen sein „News“, zu der einer wie er fähig war.
Und welche Bühne er da hatte! Es war ein Paradies für jemanden wie ihn, der stets mehr Seiten mit Texten, Fotos, Faksimilies, Kommentaren füllen wollte, als ein ganzes Magazin ihm hätte bieten können.
Auf eine eigenartige Weise hatte Worm das „profil“ dennoch nie verlassen, was eine reale Rückehr zu einer eigenartigen Angelegenheit gemacht hätte. Wann immer ihm wieder einmal der große Aufriss gelungen war, hatten viele in seiner alten Redaktion das Gefühl, dies sei eine „profil“-Story gewesen, ganz egal, wo sie nun de facto publiziert wurde. Wann immer Worm öffentlich auftrat, verbanden wir automatisch das Gefühl damit, dies sei einer von uns, der da vor die Kameras trat oder eines seiner vielen Bücher vorstellte.

Ich bin mir sicher, dass es einer großen Zahl von Österreichern ähnlich ging, so unabänderlich war die Symbiose, die seinen Namen mit jenem von „profil“ verbunden hat. „profil“ mit Worm und einigen anderen österreichischen Journalistenlegenden hatte ab den frühen siebziger Jahren eine Zeitenwende im Land herbeigeführt. Die Redakteure hatten diese Wende gegen den Widerstand der Mächtigen, manchmal auch gegen die Eigentümer des eigenen Blattes, erzwungen. Sie taten dies mit einem präzisen und unbestechlichen Journalismus, der so überzeugend war, dass er schließlich auch große Teile der Bevölkerung auf die Seite der Journalisten brachte, weg vom Eindruck, dass in den Medien regelmäßig bloß willfährige Pesonen am Werk sind, die selbst nur Instrument einer anderen Macht sein wollen und sein können.
Für dieses neue Bild steht der AKH-Skandal, den Worm aufgedeckt hatte, nicht bloß für ein paar Rücktritte und Verurteilungen, die jene „profil“-Artikel zur Folge hatten.

Am Ende seines Lebens wurde Alfred Worm zum „Journalisten des Jahres“ gewählt, nicht nur wegen seiner ungebrochenen Kraft im Investigativen, sondern vielleicht noch stärker aufgrund einer neuen Kategorie von Journalismus, die sich ihm da aufgetan hatte: das Interview mit Natascha Kampusch. Er meinte, dass er selbst nicht ganz verstanden hatte, warum plötzlich er, der „unerbittliche Enthüllungs- und Aufdeckungsjournalist“ – so nannte ihn Alfred Gusenbauer in einer Laudatio vergangene Woche –, einer jungen Frau gegenübersaß, die er mit jeder allzu direkten Frage hätte verletzen können. Worm bewältigte diese letzte Aufgabe bravourös, indem er sich „zurücknahm und leisetrat“, ganz genau so, wie er es sich am Donnerstag vergangener Woche in einem Interview mit Blick auf den Rest seines Lebens vorgenommen hatte.

Der Rest dieses großartigen Journalisten-Lebens dauerte nur mehr drei Tage.