Design: Baumtische und Umkehrlampen

Seit nunmehr drei Generationen steht die Wiener Auböck-Dynastie für vollendete Gebrauchsästhetik. Nach dem Rest der Welt entdeckt nun auch Österreich den Stilpionier Carl Auböck wieder. In einem opulenten Skizzenband und diversen Ausstellungen wird sein bahnbrechendes Schaffen gewürdigt.

Nachmittags um drei trug sie, immerhin schon über 40, einen erheblich transparenten grünen Morgenrock, die kurzen Fingernägel in frivolem Rot lackiert. Die legendäre Künstler-Muse Alma behandelte die ärmlichen Studenten, die gekommen waren, um ihren damaligen zweiten Ehemann, Bauhaus-Gründer Walter Gropius, zu besuchen, mit nachgerade monströser Arroganz. Von dem Konfekt, das auf dem Vorzimmertisch lag, wurde dem damals knapp 20-jährigen Carl Auböck und seinen Kollegen nicht ein einziges Stück angeboten. Einen kurzen Blick wenigstens durften die Studenten auf die zahlreichen Kokoschka-Gemälde werfen, welche die Weimarer Wohnung des wenig später geschiedenen Ehepaars schmückten.

Alma sei immer mit Kokoschkas Bildern gereist, erzählt der Enkel des Bauhaus-Schülers, der dritte Carl Auböck. „Sie dürfte laut meinem Großvater wirklich nicht sehr sympathisch gewesen sein.“

„Ihr werdet verhungern, ihr seid total verrückt“, hatte Karl Heinrich Auböck, der sein Schaffen Bronzen, vor allem Elefanten in allen Lebenslagen, widmete, gebrüllt, als sein Sohn Carl in Begleitung seiner damaligen Verlobten und späteren Frau Mara 1919 zum Studium ans Bauhaus, die Avantgarde-Hochburg in Weimar, übersiedelte. Carl besaß zu dieser Zeit tatsächlich nicht mehr als seine Soldatenuniform; gemeinsam mit seinem Kumpel Alfred Lipovec teilte er sich ein Paar Schuhe, sein eigenes Paar war beim Trocknen auf dem Ofen verbrannt. Walter Gropius und Lionel Feininger hatten sich persönlich für die Aufnahme des Wiener Exzentrikers eingesetzt, doch 1921 wurde Auböck bereits wieder von der Bauhaus-Studentenliste gestrichen. Die Begründung lautete: „Ohne Abmeldung abgereist.“ Nach Aufenthalten in Italien, wo er sich in der Fertigung von Monstranzen übte, übernahm er 1925 die Wiener Werkstatt des überraschend verstorbenen Vaters und holte zum stilistischen Befreiungsschlag aus.

80 Jahre später wird Carl Auböck, der in Japan, England und vor allem Amerika längst kontinuierlichen Kultstatus genießt, auch in Österreich wieder entdeckt und gefeiert: Sein Enkel Carl Auböck gibt in Eigenregie ein umfassendes Werkverzeichnis heraus; mehrere Ausstellungen widmen sich seiner Innovationskraft.

Der 1954 geborene Architekt, Designer und heutige Geschäftsführer der legendären Werkstätte Carl Auböck in der stillen Bernhardgasse in Wien-Neubau hat die Geschichten des Großvaters nur von seinem Vater überliefert bekommen. Carl Auböck sen., der heute als wichtigster Protagonist der österreichischen Nachkriegs-Designgeschichte gilt, starb 1957: „Er war ein Arbeitsbesessener, hat sich ausgebrannt, obwohl seine meiner Meinung nach besten Entwürfe aus seinen letzten Lebensjahren stammen“, sagt der Enkel.

Gegenwelt. Die Wiener Werkstatt ähnelt einer versunkenen Gegenwelt. Die archaischen Arbeitstische wurden noch vom Großvater entworfen, die wenigen Mitarbeiter werken in dieser Oase bereits meist ein halbes Menschenleben lang. In den Schauräumen sind Vasen, Buchstützen und Skulpturen aus Messing ausgestellt, Schreibtisch-Accessoires aus Rindsleder, kugelförmige Lampen, Kerzenhalter, Bürsten und Bestecke aus Horn. Die vielen Aschenbecher sind laut Auböck damit zu erklären, „dass der Großvater sehr gerne und sehr viel geraucht hat“.

Das Preisspektrum der Produktpalette reicht von 15 Euro bis maximal 2500 Euro. Den weißen Mantel, in dem schon Carl sen. und Carl jun. zeitlebens arbeiteten, hat sich auch der Enkel zur ständigen Uniform gemacht: „Ich bin nun einmal sentimental und werde immer sentimentaler. Ich bin einfach fasziniert von der leidenschaftlichen Besessenheit, mit der die beiden an ihre Arbeit gegangen sind, während die anderen die Welt im Kaffeehaus erfunden haben. Akzeptieren eines kreativen Stillstands gab es da nicht.“

Auböcks Vater, Carl Auböck jun. (1925–1993), hatte einst den Esprit fiebriger Produktivität in die nächste Generation gerettet. Der in Wien und am legendären Massachusetts Institute of Technology ausgebildete Architekt, der mit Kalibern wie dem Designer Charles Eames und den Architekten Richard Neutra und Walter Gropius befreundet war, trat bereits Ende der vierziger Jahre in den kreativen Dialog mit dem Vater ein und wurde später für seine originären Designentwürfe unter anderem auf der Mailänder Triennale mit mehreren Goldmedaillen ausgezeichnet. Als innovativste architektonische Leistungen Auböcks gelten die Musterhaussiedlung in der Hietzinger Veitingergasse, die er in Kooperation mit Roland Rainer gestaltete, das Juweliergeschäftslokal Ciro am Wiener Graben und Teile der Per-Albin-Hansson-Siedlung.

Unter internationalen Design-Aficionados genießen Alltagsgegenstände mit der Werkstätten-Punze Carl Auböck längst Kultwert. Bei einer Versteigerung des Chicagoer Auktionshauses Wright verdreifachten Auböck-Kerzenhalter mit dem Horn-Paravent ihren Schätzpreis auf 3250 Dollar. Vor allem in Japan und Amerika sind Möbel und Objekte wie der inzwischen zum Designklassiker avancierte Baumtisch oder die revolutionäre Umkehrlampe stärker denn je gefragt.

Eskalation. Die für Auböck erzielten Preise bezeichnet der Verwalter des Erbes als „Eskalationen aus Unkenntnis“. Denn der antiquarische Investitionsgedanke ist bei Auböck-Produkten nicht angebracht, „weil wir nie aufgehört haben, diese Dinge in unserer Werkstätte in Serie zu erstellen. Es gab und gibt bei keinem unserer Modelle eine beschränkte Stückzahl. Es ist daher bei allen unseren Produkten von Originalen zu sprechen. Der einzige Mehrwert für Sammler besteht in der Tatsache, dass er ältere und gebrauchtere Stücke besitzen kann.“

Um das Chaos zu strukturieren, betätigte sich Auböck auch als „Archäologe“. Er ordnete die tausenden Entwürfe der in Keller und Archiven verstreuten Skizzenbücher und trug die Relikte des besessenen Schaffens von Großvater und Vater in einem opulenten Werkverzeichnis zusammen, das kommende Woche in limitierter Stückzahl erscheint und in der Wiener Möbelgalerie Lichterloh präsentiert wird. Nach einer aktuellen Auböck-Verkaufsshow wollen die Lichterloh-Betreiber demnächst auch gemeinsam mit Carl Auböck länger nicht produzierte Auböck-Entwürfe wieder in Serie fertigen lassen. „Wir werden mit dem gusseisernen Stehspiegel beginnnen“, so Christoph Stein von Lichterloh, „der um die 500 Euro kosten wird, und diese Kooperation mit anderen Entwürfen bald erweitern.“

Gleichzeitig ist bis Weihnachten in der Wiener Möbelgalerie Rauminhalt (siehe Kasten) eine den Auböck-Werkstätten gewidmete Einzelausstellung zu sehen. Harald Bichler, Betreiber von Rauminhalt, bereitet parallel dazu, in Kooperation mit der Auböck-Werkstätte, eine 300 Stück umfassende Wanderausstellung vor, die in Paris, London, New York, Tokio und Wien Station machen soll. Das aktuelle Auböck-Revival begründet Pichler mit der Tatsache, „dass der Stil sehr dem Zeitgefühl entspricht. Die organischen Formen der fünfziger Jahre erleben jetzt ganz allgemein einen Aufschwung.“ So wie „in den Achtzigern plötzlich der Jugendstil wieder entdeckt wurde“, bekomme nun das „Auböck-Œuvre eine neue Dimension“.

Baumtische, die man vor zwei Jahren noch um 100 bis 200 Euro ergattern konnte, werden heute um 2000 Euro gehandelt. Die ersten Modelle stammen aus dem Jahr 1950. „Mein Großvater hatte die Baumscherzel im Hof eines Holzdrechslers gesehen. Es war die Trümmerzeit. Die Materialknappheit hatte ihn im Umgang mit Abfall erfinderisch gemacht“, so der Enkel.

International. In den USA und in Japan wurde die Bedeutung von Carl Auböck viel früher erkannt als in seiner Heimat, nicht zuletzt deshalb wohl, weil er sich intensiv mit dem „biomorphen Stil“ des amerikanischen Designs der vierziger Jahre auseinander gesetzt hatte und eine starke Neigung zu organischen Formen hatte und bereits mit neuen Materialien wie Horn und Linol experimentierte, als man hierzulande noch in der detailbesessenen, konzeptuellen Ästhetik der Wiener Werkstätten schwelgte.

Außerdem orientierte sich Auböck am japanischen Designer Isamu Noguchi, dessen berühmten „coffee table“ er zuerst kopierte und dann in zahlreichen Varianten weiterentwickelte. Ende der Vierziger entwarf Auböck zwei Klapptische, die man komplett zerlegen konnte, und setzte damit einen Meilenstein in der Geschichte des Industrial Design, der von Ikea Jahrzehnte später für den Massengebrauch adaptiert werden sollte.

Amerikanische Kunden, darunter viele Emigranten, pilgerten bereits nach dem Krieg in die Bernhardgasse. In den New Yorker Nobel-Departmentstores Saks Fifth Avenue und Bloomingdale’s waren Möbel und Objekte aus der Auböck-Werkstatt bereits in den fünfziger Jahren erhältlich, ebenso in London und Tokio.

„Auböck“, so Gerti Traxler, Designbeauftragte des Wiener Dorotheums, „repräsentiert das, was die Amerikaner lieben: Pioniergeist, Einklang mit der Natur, Rustikalität. Meine Auböck-Kunden stammen fast alle aus Amerika. Bei uns setzt er sich erst heute langsam durch.“

Modezar Pierre Cardin erwarb das legendäre Silberbesteck mit der Horngriff-Ausführung für sein Pariser Restaurant Maxim’s; der Edel-Sattler Hermès ließ in der Auböck-Werkstätte über Jahre eine Kollektion von Haar- und Schuhbürsten in Horn fertigen. Auch Wolfgang Joop und der in New York residierende Österreicher Helmut Lang haben sich schon in der Bernhardgasse eingefunden.

„Das Einzigartige an dem Auböck-Clan ist, dass seine Mitglieder bereits sehr früh ihre Nase über den Tellerrand der Heimat gehoben haben“, erklärt Eva B. Ottillinger, Kuratorin des Wiener Hofmobiliendepots. Sie bereitet anlässlich des Staatsvertragsjubiläums die große Ausstellung „Möbeldesign 1945–1955“ vor, „in der ein großes Podest Auböck gewidmet sein wird“. Denn während man das Belvedere für die feierliche Unterzeichnung seinerzeit noch „ganz selbstverständlich“ mit dem Mobiliar von Kaiser Franz Joseph bestückte, „hatte Auböck die stilistische Befreiung vom Mief der Vergangenheit längst verinnerlicht“.