Design: Retro ’n’ Roll

„Clockwork Orange“, James Bond und „Memphis Design“: Die Wohnkultur richtet sich in der jüngsten Vergangenheit ein. Auch Österreich entdeckt den schrillen Charme der sechziger, siebziger und achtziger Jahre.

Machen Sie mal“, sagte Lenny Kravitz zu seinem persönlichen Geschmacks-Verstärker, dem Innenarchitekten Michael Czysz, und drückte ihm eine Million Dollar in die Hand. „Am Ende soll so was wie ‚Clockwork Orange‘ rauskommen. Ich will ein Haus, das besser aussieht als alle Clubs.“

Czysz nahm für das Kravitz-Anwesen in Florida eine stilistische Verbeugung vor Verner Panton vor, dem dänischen Designer, dessen exzentrische Wohnvisionen aus den Siebzigern mit einem gelungenen LSD-Trip zu vergleichen sind. „Wow!“, rief der Popstar, als er den Schlüssel zu seinem neuen knallrot-orangen Retro-Eldorado in die Hand gedrückt bekam; der Einrichtungsprozess hatte nämlich unter Ausschluss des Geldgebers stattgefunden. In Wien existiert übrigens, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit, das Original zu Czysz’ Vision. Für eine Wiener Unternehmerfamilie, die auf ihre Anonymität besteht, gestaltete Panton 1974 einen Partykeller und ein Schwimmbad zu einer Designer-Odyssee in den Weltraum.

Uncool. Geschmack auf Bestellung nach der Kravitz-Methode rangiert bei Retro-Puristen unter „definitiv uncool“. Diese wühlen sich durch Trödelläden und stehlen sich im Morgengrauen auf die Flohmärkte von Paris, London, Amsterdam, New York und auch Wien, um den Panton-„Conechair“ mit diesem seltenen Blumenbezug, Eero Aarnios „Ballchair“ oder eine „Topo“-Lampe des Italieners Joe Colombo aus dem Entwurfsjahr 1970 zu ergattern. Sie bringen ihr Adrenalin auf Touren, wenn sie online auf „eBay“, dem größten Internet-Auktionshaus, mitbieten können. Dort herrscht noch immer die anarchische Demokratie des Zufalls: Schnäppchen sind möglich, aber das Risiko, eine Imitation anstelle des in Aussicht gestellten Originals geliefert zu bekommen, ist niemals ganz auszuschalten – und auch strafrechtlich nicht zu ahnden.

Bei Beutezügen dieser Art ist jedoch immer mehr die Zähigkeit der Konsequenz gefordert. Denn längst hat das Sammeln von Möbeldesign aus den sechziger, siebziger und zunehmend auch aus den achtziger Jahren sich vom Pioniergedanken zu einem veritablen Trend verfestigt.

„Die Gegenstände, die ich um mich habe, müssen immer eine Geschichte erzählen. Ich lebe gerne in der Woge der Melancholie, die sie atmen“, erzählt der Direktor der Wiener Kunsthalle, Gerald Matt, der in seinem Büro dem Vierziger-Glamour frönt und in den eigenen vier Wänden auf „Raumschiff trifft Bond“-Ästhetik aus den Sechzigern setzt. Die mit rotem Leder bezogenen Friseurstühle in seinem Bürovorzimmer stammen zum Beispiel vom Bahnhofsfriseur Lauda aus Bregenz, wo Matt sich dereinst von einem nach Wurstsemmeln riechenden Lehrling eine streichholzkurze Prostestfrisur gegen all die Langhaarigen scheren ließ. Die Rebellion gegen die Uniformität des Designs wird bei Matt in allen Lebensbereichen zum – durchaus geschmäcklerischen – Stilmittel erhoben.

Eklektizismus heißt das schicke Schlagwort zum neuen Wohngefühl in den internationalen Architektur- und Designmagazinen. Die Eklektiker waren jene altgriechischen Philosophen, die sich aus den Lehrern anderer die Gustostückchen pickten und sie miteinander verbanden. Das Zusammentragen und Assemblieren von Stilelementen aus verschiedenen Epochen ist auch die Methode all jener, deren oberstes Geschmacksgebot die Abgrenzung von der Masse postuliert. Ganz nach der Devise: Das verlässlichste Ticket in Richtung Individualismus ist die Flucht in die Vergangenheit.

Mode und Pop haben das Retro-Prinzip längst für sich entdeckt. Die „Wickie, Slime und Paiper“-Epoche der Siebziger, mit ihren Schlaghosen, Plateausohlen, schreienden Farben und entwürdigenden Frisuren, ist mittlerweile fast bis zum Brechreiz abgefeiert, während in der Ambiente-Kultur das Revival von Plastik und Orange, Teppichen mit psychedelischer Mustergebung und skandinavischem Design aus dieser Zeit sich gerade erst zu etablieren beginnt. In Österreich zumindest.

„Im kollektiven Bewusstsein endet der Begriff Antiquität in Österreich noch immer mit dem Jugendstil“, erklärt Christoph Stein, der mit seinen Partnern Dagmar Moser und Markus Pernhaupt vor elf Jahren den Laden Lichterloh in der Wiener Gumpendorferstraße gründete – als Plattform für Designfundstücke von den dreißiger Jahren bis zur Gegenwart. Die Ignoranz, die in Österreich bezüglich moderner Designkultur immer noch herrscht, treibt Stein bisweilen zur Weißglut. So konnte er vor zwei Jahren nur ganz knapp jene Metallkleiderständer vor der Entsorgung retten, die der Architekt Roland Rainer in den fünfziger Jahren für die Wiener Stadthalle entworfen hatte. Tiefe Genugtuung wurde Stein zuteil, als einer der Garderobenständer unlängst bei Sotheby’s in London um 5600 Euro versteigert wurde.

Möbelpolizei. Einen zweiten Scoop landete der „Möbelpolizist“, als er im vergangenen Sommer zufällig bei der Baustelle des altehrwürdigen Wiener Café Museum vorbeifuhr und mitbekam, wie die Joseph-Zotti-Lederbänke aus den Dreißigern gerade zum Abtransport bereitgemacht wurden. „Ein paar konnte ich retten“, erzählt er. „Mir ist es ein Rätsel, das mich sehr wütend macht, wie den zuständigen Behörden solche Dinge dermaßen egal sein können.“

Ihre beste Kundschaft rekrutieren Händler wie die „Lichterlohs“ oder Harry Bichler mit seinem Galeriegeschäft Rauminhalt im Wiener Schleifmühlviertel noch immer im Ausland. Voll Stolz erzählt Stein, dass unlängst der spanische Regisseur und Ausstattungsorgiast Pedro Almodóvar bei ihm online eine Lampe aus den Sechzigern erworben hat.

Verglichen mit dem internationalen Preisniveau ist Wien, so sind sich die Sammler einig, nach wie vor auf einem moderaten Level angesiedelt. Stein und Pichler sehen in ihrer Händlertätigkeit noch immer zusätzlich ein missionarisches Moment. Pichler, der zurzeit in seinen Schauräumen den Möbelentwürfen des Architekten Johannes Spalt eine Ausstellung widmet, ortet einen ernsthaften Aufholbedarf im „Wissen, was österreichische Architekten wie Spalt, Rainer oder Peichl in Sachen Möbeldesign geleistet haben.“ Wertvolle Aufklärungsarbeit in Fragen des internationalen Designs nach 1945 leistet seit einigen Jahren das Wiener Hofmobiliendepot in Mariahilf. Neben einer ständigen Möbelausstellung initiierte das Hofmobiliendepot vor zwei Jahren mit einer Einzelausstellung zu Ehren des dänischen Designers Verner Panton in Österreich einen veritablen Boom. Panton, bis dato hierzulande allenfalls durch seine Muschellampen und die s-förmigen Plastikfreischwinger ein eher diffuser Begriff, „konnte erstmals in seiner bahnbrechenden Visionskraft präsentiert werden“, so die Leiterin des Hofmobiliendepots, Ilsebill Barta. Panton fieberte in den späten Sechzigern und Siebzigern Farbräusche in Orange, Lila und Rot und begleitete den Aufbruch in eine neue Zeit mit Wohnlandschaften von Weltraumformat. Der Schüler des dänischen Design-Pioniers Arne Jacobsen erhob die Farbe zur Protagonistin seiner Designinstallationen und revolutionierte die Sitzästhetik durch neue synthetische Materialien.

„Panton befindet sich preistechnisch gerade wieder ein wenig im Sinkflug“, kommentiert Gerti Traxler, Designverantwortliche im Wiener Auktionshaus Dorotheum. „Den absoluten Höhepunkt hatte er vor zwei Jahren erreicht.“ Prinzipiell sollte der Kunde im freien Verkauf auf folgende Kriterien achten: Entstehungsdatum, Seriennummer, Erhaltungs- beziehungsweise Renovierungsniveau, aktueller Produktionsstatus. Der Wert der Objekte steigere sich auch in Relation zur Zahl musealer Schauen.

Ab 21. Jänner zeigt das Wiener Hofmobiliendepot eine Werkretrospektive des deutschen Designers Luigi Colani, der die Menschheit mit der Kugelküche und spacigen Objekten wie der tropfenförmigen Sonnenbrille oder der Teekanne „Drop“ beglückte. Colani zog sich übrigens bereits vor zwanzig Jahren aus dem Geschäft zurück, „weil er mit den Hirnlosen“, offenbar seinen Auftraggebern, „nichts mehr zu tun haben“ wollte. Der Mythos des mürrischen Eremiten wird dem dräuenden Colani-Hype nur zuträglich sein.

Hausbrauch. Dass der Retrostil einer noch kleinen Elite sich zum Hausbrauch des Mainstreams verdichten wird, ist vorerst nur die Prognose der Designspezialisten. „Die Gegenwart ist designmäßig zu gesichtslos“, erklärt Wolfgang Karolinsky, Kunsthändler, Archivar der Wiener Werkstätte und Designreproduzent, „und wenn jetzt auch die Großinstallateure plötzlich Arne Jacobsen entdecken, dann sei ihnen das herzlich gegönnt.“

„Der beste Witz verliert an Kraft, wenn er zu oft wiederholt wird“, warnte der Architekt Adolf Loos jedoch bereits 1898.
Der Betreiber des Design-Eldorados Depot Guido Eissler fürchtet, dass „durch die künstliche Überhitzung der Markt auch bald wieder zusammenbricht“. Man möge doch seinen eigenen Geschmacksinstinkten wieder mehr Vertrauen schenken und sich auf Entdeckungsreisen begeben, zum Beispiel „frühes Ikea zu sammeln beginnen“.

Neben der Abgrenzung von der Masse erfüllt das Retroprinzip nämlich auch noch eine Kachelofenfunktion. In Zeiten von Krise und Existenzangst bieten Versatzstücke mit Nostalgiefaktor und Wiedererkennungswert so etwas wie emotionale Sicherheit. „Nach dem coolen Minimalismus der Neunziger“, erzählt die Werbegrafikerin Alexandra Pecher, die mit ihrer Familie seit mehreren Jahren in Panton-Orange und Möbeln aus der Epoche lebt, „fühle ich mich in diesen Farben viel wohler. Ich hatte eine glückliche Kindheit, die durch dieses Ambiente wieder heraufbeschworen wird.“