Desperatas

Reicht die Botschaft: Auch reiche Tussis haben Ärger wirklich zum Kultverdacht?

Mit den desperaten Hausfrauen, so las ich in einer der zahllosen Vorausbesprechungen, mit denen uns eingetrichtert werden sollte, dass es sich bei dieser für den deutschen Sprachraum neuen TV-Seifenoper um Kult handelt, mit den desperaten Weibsbildern also erschließe sich die Werbung eine neue Zielgruppe, nämlich die der selbstbewussten Hausfrau.
Die selbstbewusste Hausfrau: eine neue Spezies? Geh bitte! Selbstbewusste Hausfrauen hat es immer schon gegeben, nur hießen sie früher zum Beispiel Honoratiorengattin. Ihr Kennzeichen ist, dass sie Hausarbeit nicht machen müssen, sondern delegieren können. Das Hausfrauliche besteht diesfalls mehr in der Überwachung der ausführenden Personen, manchmal auch in der zweckentfremdeten Benützung derselben (siehe das Verhältnis einer der Serienheldinnen mit ihrem Gärtner).
Was die selbstbewusste von der nicht so selbstbewussten Hausfrau unterscheidet, ist die soziale Stellung des Gatten und das Haushaltsbudget.
Während die sozial schlechter Gestellte staubsaugen und Erdäpfel schälen muss, was auf Dauer einem himmelstürmenden Selbstwertgefühl im Wege steht und vielleicht auch ziemlich langweilig ist, besteht die Tätigkeit der Selbstbewussten eben darin, das Staubsaugen anzuschaffen.
Anschaffende und geldausgebende Hausfrau zu sein ist nicht wirklich, wie uns weisgemacht werden soll, ein Knochenjob. Da gibt es Ärgeres. Mit ein bisschen Selbsteinschätzung (die verhindert, dass frau sich als brachliegendes Genie sieht) und Realismus (der bewirkt, dass sie das Angenehme ihrer Situation in Relation zu den vielen unangenehmen Situationen wahrnimmt, in denen sie sich stattdessen befinden könnte) ist reich verheiratet zu sein nicht das Schlimmste, was einer passieren kann.

Warum es dennoch nicht als Patentrezept empfohlen werden kann, hat zwei einfache Gründe: a) die Vorkommen vermögender Männer halten sich in Grenzen, und b) die Schürfrechte an ihnen werden selten in Normalverdienerinnen-Kreisen gehandelt. Reiche heiraten reich, auch Aschenputtel war die Tochter eines vermögenden Kaufmannes.
Zu erwähnen, dass die Vermögenden nicht zwangsläufig liebenswert und erotisch appetitlich sind, erspare ich mir, denn das sind Normalverdiener auch nicht automatisch, weswegen es theoretisch immer noch ratsamer wäre, mit einem mieselsüchtigen Topmanager zur Familiengründung zu schreiten (wenn frau gerade an Familiengründung interessiert ist) als mit einem mieselsüchtigen Habenichts. Theoretisch. Praktisch, siehe oben: limitierte Topmanager-Edition.
Nein, im Ernst, wie machen die das? Seit Wochen spielt die TV-Berichterstattung unterwürfig mit beim Vermarktungsspektakel um „Desperate Housewives“ und trommelt uns die Ohren voll von wegen Kult und „Sex and the City“-Nachfolge. So und so viele Millionen Amis können nicht irren. Wenn sich in den USA die zu kurz Gekommenen daran begeilen, dass es auch wohlhabenden Tussis nicht so gut geht, dann müssen wir das ebenfalls mit gebührender Ergriffenheit betrachten.
Aber warum sollen wir? Abgesehen davon, dass uns das US-amerikanische suburban life doch eher fremd ist, weil wir anders wohnen, einerseits wegen weniger Platz und mehr Infrastruktur, andererseits wegen (einstweilen noch) niedrigerer sozialer Spannungen: Die Botschaft, dass Geld nicht glücklich mache, ist ein uralter Hut aus dem Fundus der trivialen Unterhaltungsproduktion; wer nicht ganz blöd ist, grämt sich trotzdem, dass es so ungerecht verteilt wird.

Und was die „Sex and the City“-Nachfolge angeht, so ist sie insofern an den Haaren herbeigezogen, als sich Carrie & Co durch unerschütterliche Loyalität im Umgang miteinander, ja, überhaupt durch Fairness anderen Frauenzimmern gegenüber auszeichneten, während die desperaten Hausweiber falsch, hinterhältig und konkurrierend agieren, ein ebenfalls reichlich altbackenes Klischee.
Ach, würde doch der gigantische Aufwand, der diesem ranzigen Schinken zugute kommt, für wirklich spannende, witzige Darstellungen von Familienleben betrieben, zum Beispiel für „Malcolm mittendrin“. Aber der wird bloß als Lückenbüßer eingesetzt und sofort weggelassen, wenn was Wichtigeres stattfindet, nämlich Schpurt. (In einem Punkt herrscht übrigens Einigkeit zwischen den Hausweibern, der Carrie-Gang und einer Reihe weiterer US-SerienprotagonistInnen: Sie verabscheuen die dekadente französische Küche und stehen auf den guten, nahrhaften, bodenständigen Hamburger, wie er im bewährten Fast-Food-Ambiente zu kriegen ist. So viel zur geschickten Vertiefung nationaler Hegemonieansprüche im Zeitalter der Globalisierung.)

Themawechsel: Die Parlamentsberichterstattung zeigte kürzlich Kanzler Schüssel und ÖVP-Klubobmann Molterer, wie sie jegliches Neuwahlansinnen aufgrund der blau-orangen Verwirrnis als Zumutung von sich wiesen. Neuwahlen bedeuteten Streiten statt Arbeiten, erklärte der Kanzler, und Molterer bekräftigte: Das Volk wolle, dass gearbeitet und nicht gestritten werde! Eine demokratiepolitisch interessante Haltung. Schaffen wir doch das Streiten ab! Wozu Wahlen? Im Lichte dieser Betrachtungsweise stellt sich die Frage, ob wir Diktatoren bisher in einem falschen Licht gesehen haben. Alles, was die wollen, ist doch wahrscheinlich auch nur, dass man sie in Ruhe ihr Ding durchziehen sprich: arbeiten lässt. Was kommt als Nächstes? Das Parlament als Quatschbude?