Deutschland ist der Superstar

Deutschland - Deutschland ist der Superstar

Sie gewinnen die Champions League, machen Budgetüberschuss, malen die teuersten Bilder, bauen die besten Autos – und ziehen den Unmut aller anderen auf sich. Warum die Deutschen so erfolgreich sind und das übrige Europa so schlecht damit klarkommt.

Der Naturrasen des Camp-Nou-Stadions in Barcelona ist entweiht. Beine in feuerroten Stutzen mit den Initialen des FC Bayern sind auf ihm herumgetrampelt, oder nein, viel schlimmer: Sie flogen leichtfüßig dahin und ließen nicht vom Ball, bis sie ihn freigaben. Dann landete er umstandslos im Tor. Dreimal in diesem Spiel; im gesamten Champions-League-Halbfinale sieben Mal. Am Ende lag der FC Barcelona darnieder wie eine insolvente spanische Regionalbank. Daneben jubelten die Triumphatoren des deutschen Liga-Ersten FC Bayern.

Für Real Madrid lief es ähnlich. Die Stutzen des Gegners waren gelb, das Ergebnis (3:4) etwas weniger drastisch, aber jubeln durfte Dortmund. Wieder die Deutschen.

Es sind in jüngster Zeit verdammt oft die Deutschen, die mit erhobenen Armen ganz vorne stehen. Die Fußballmannschaften sind nicht zu biegen, Sebastian Vettel gewinnt seit 2010 jedes Jahr die Formel-1-Weltmeisterschaft. Die Künstler, etwa Gerhard Richter, Georg Baselitz oder Andreas Gursky, erzielen Höchstpreise und können sich dicke Autos kaufen, während die deutschen Autobauer dank unerreichten Ingenieursgenies weltweit gefragte Serienkunstwerke vom Band laufen lassen.

Insgesamt machen ihre Erfolge die Bundesrepublik zur europäischen Ausnahmenation. Im abgelaufenen Jahr erzielte der deutsche Staatshaushalt als einziger in Europa einen Überschuss, während etwa Nachbar Frankreich mit einem Minus von 4,8 Prozent sogar das selbst gesteckte Defizitziel von 4,5 Prozent klar verfehlte. Auch die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland so niedrig wie nirgends in Europa – mit Ausnahme Österreichs.

Deutschland ist unbestreitbar Klassenbester.
Die Nation kann stolz auf sich sein, und sie zeigt das auch, am prägnantesten in Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung: „Wir sind Champions League!“, jubilierte das größte Boulevard-Blatt des Landes vergangenen Donnerstag. „Wir sind Papst!“ hatten wir schon. Schon bald könnte „Wir sind Vollbeschäftigung!“ folgen.

Aber sobald die Deutschen über den Rand ihrer großformatigen Lieblingszeitung ins Ausland blicken, erleben sie Verstörendes: Statt Respekt ernten sie Vorwürfe, Wut, Schmähungen. In der höflichsten Formulierung wird Deutschland des „Hegemoniestrebens“ bezichtigt, etwa vom luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn. Bei Demonstrationen in Griechenland oder Zypern wird diese Anschuldigung in Form von Nazi-Symbolen verschärft vorgetragen. „Sündenbock Deutschland“ titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ daraufhin indigniert und wähnte die Heimat „zu Unrecht am Pranger“.

Deutschland hat ein reines Gewissen. Seine Erfolgsgeschichte beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals gab es für das Land nur eine einzige Maxime: Es musste nach der Katastrophe des Nationalsozialismus beweisen, dass es keine Gefahr mehr darstellte und ein vollwertiges Mitglied der westlichen Zivilisationsgemeinschaft werden konnte. Das Misstrauen der übrigen Welt war verständlicherweise groß, und so galt: Deutschland darf keine nennenswerten, nach außen gerichteten politischen Interessen haben. Es hielt sich daran.

In dieser Zeit der Bewährungsproben hatte die deutsche Politik gar keine andere Wahl, als sich dem Aufbau der Wirtschaft zu widmen. Die Folge war ein Aufschwung, der im Wesentlichen bis zum Öl-Schock des Jahres 1973 anhielt. Das „Wirtschaftswunder“ war die Raison d’être des Staates und eine Quelle neuen Selbstbewusstseins.

Die Deutschen perfektionierten ihre Strukturen und machten dabei alles richtig: Eine Vielzahl an Klein- und Mittelbetrieben – der Mittelstand – produzierte technologisch fortschrittliche Güter, die auf dem Weltmarkt Erfolg hatten. Die „duale Ausbildung“ der Jugendlichen, also die Aufteilung in fortführende Schulen und Lehrberufe, schuf ein Reservoir an Fachkräften, deren Prestige, anders als in anderen Ländern, hoch war.

Während die Wirtschaft boomte, schwand allmählich die politische Anrüchigkeit. Die Entnazifizierung und die immer wiederkehrende, intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit ließen Deutschland zu einem „Hypermoral-Standort“ werden, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk formulierte. Krieg war verpönt, Nazi-Gesinnung auf so unbezweifelbare Weise geächtet, dass in Deutschland nie eine nennenswerte rechtsextreme Partei in den Bundestag einzog. Die Rücktrittskultur deutscher Politiker ist beinahe schon beängstigend penibel. Christian Wulff legte sein Amt als Bundespräsident wegen angeblicher Vergehen nieder, die, verglichen mit Anschuldigungen gegen den früheren französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac oder den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, schlicht läppisch waren.

Mit der deutschen Wiedervereinigung kamen ab 1990 enorme Kosten auf die Bundesrepublik zu. Ein erhofftes „zweites Wirtschaftswunder“ blieb aus, und 1999 war Deutschland, in den Worten des britischen Magazins „Economist“, der „kranke Mann des Euro“. Einen „aufgeblähten Wohlfahrtsstaat und exzessive Lohnkosten“ sowie „rapide steigende Lohnnebenkosten“ kritisierte das Blatt – und mit ihm viele Ökonomen.

Deutschland lernte seine Lektion auf schmerzhafte Weise: Die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder verfolgte die „Agenda 2010“, eine Reform des Arbeitsmarktes und des Sozialsystems, die – würde sie von einer konservativen Regierung durchgezogen – wohl die Punze „neoliberal“ bekäme. Das Wachstum kehrte zurück. Der Erfolg ihrer eigenen Volkswirtschaft hat die Deutschen drei Dinge gelehrt:

Der Export ist der Schlüssel zum Wohlstand. Wenn heute der Ökonom Simon Tilford vom Zentrum für Europäische Reform kritisiert, Deutschland mache „den Export zum Fetisch“, so hat er damit Recht – er stößt jedoch in Deutschland auf kein bisschen Problembewusstsein.

Schulden machen ist gefährlich.
Die Mittelstandsbetriebe scheuen das Wirtschaften auf Kredit, auch wenn dies kurzfristig den Profit steigern könnte. Viele dieser Unternehmen sind in Familienbesitz, und ausschlaggebend für die Eigentümer ist, in welchem Zustand der Betrieb an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Das mindert die Risikobereitschaft und hat sich in der jüngsten Krise als weitsichtig erwiesen.

Wenn die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, müssen die Löhne runter.
Dieser Strategie folgten die Regierung Schröder und auch die darauf folgende rot-schwarze Regierung Merkel gemeinsam mit den Gewerkschaften. Im Jahr 2013 hat es Europa mit einem Deutschland zu tun, das wirtschaftlich stark und politisch selbstbewusst ist. Sloterdijk konstatiert dies in seinem Buch „Theorie der Nachkriegszeiten: Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945“: Die Nachkriegszeit nähere sich ihrem Ende, Deutschland, bislang Idiot der europäischen Familie, entwickle „gewöhnliche, alltagspatriotische Verhältnisse“.

Damit jedoch kommen die Europäer noch nicht zurecht. Eine deutsche Kanzlerin, die zu wissen glaubt, was gut für Europa sei, wird als anmaßend empfunden. Prompt wird die Nachkriegszeit wieder heraufbeschworen und Angela-Merkel-Fotos mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuzen dekoriert. Auf einigermaßen groteske Weise wird praktiziert, was Martin Walser 1998 in seiner berühmten – und umstrittenen – „Paulskirchenrede“ als „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ anprangerte.

Vergeblich beteuert Merkel, ihr sei „das Hegemoniale total fremd“. Vielmehr handle sie aus der Überzeugung, dass „Wachstum aus Strukturreformen“ entstehe, denn: „Das ist ja unsere deutsche Erfahrung.“

Doch von den Deutschen will sich niemand etwas verordnen lassen. In Frankreichs regierender Sozialistischer Partei rufen einflussreiche Personen wie der Parlamentspräsident Claude Bartolone zu einer „Konfrontation“ mit der „Austeritätskanzlerin“ auf. Doch selbst innerhalb der Regierung in Paris herrscht keine Einigkeit darüber, ob ein Crashkurs mit Berlin zielführend wäre. Die Tatsache, dass Deutschland in so gut wie allen Belangen besser dasteht, ist nicht von der Hand zu weisen. Martine Aubry, ehemalige Parteichefin der Sozialisten, wies kürzlich darauf hin, dass Frankreich lediglich 1,27 Prozent der weltweiten Exporte nach China liefere, Deutschland hingegen mit 5,33 Prozent mehr als das Vierfache.

Umgekehrt muss Berlin wohl einsehen, dass sich bei aller Freude am Export das deutsche Wesen nicht zur Ausfuhr eignet. Zu diesem Schluss kommt auch der „Economist“: Die Reformen des deutschen Modells mögen jüngeren Datums sein, doch das „darunter liegende Skelett ist uralt, und vielleicht unimitierbar“. Ein riesiger Stock an mittelständischen Familienbetrieben etwa lässt sich nicht nachträglich erfinden. Was also soll der Klassenbeste tun – und was der große Rest der Nachzügler?

Vergangenen Mittwoch gaben der neue italienische Ministerpräsident Enrico Letta und Frankreichs Staatspräsident François Hollande das ulkige Versprechen ab, sie wollten „Europa helfen und Deutschland helfen“. Dahinter steckt der dringende Wunsch nach einem Ende der Sparpolitik – und damit der derzeit wohl bedeutsamste Konflikt in der Eurozone.
Frankreich, Italien und andere müssen diesen Konflikt mit Deutschland austragen, dem der eigene Erfolg scheinbar Recht gibt. „Germanophobe Ausbrüche“ und Versuche, Angela Merkel zum „Sündenbock für französische Misserfolge zu machen“, wie sie das französische Magazin „Le Point“ konstatiert, sind fehl am Platz. Die Nachkriegszeit kommt nicht wieder.

Der FC Bayern und Borussia Dortmund können nicht nur Fußball spielen. Sie schreiben auch wirtschaftlich Gewinne. Bayern wird in diesem Jahr den Rekordumsatz des Vorjahres überbieten, die Borussia-Dortmund-Aktie klettert steil nach oben. Andere europäische Spitzenklubs versinken derweil in Schulden in dreistelliger Millionenhöhe. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, sagt gänzlich unbescheiden: „Wir wollen die beste Mannschaft der Welt werden.“

Darf ein deutscher Vereinsboss so etwas sagen? Er muss.

Mitarbeit: Anna Giulia Fink, Gunther Müller

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*Anmerkung für FC-Barcelona- und Real-Madrid-Fans, Keynesianer, François Hollande, Griechen, Italiener, Portugiesen, Italiener, Zyprioten, Südländer im Allgemeinen, Alfa-Romeo-Fahrer und sonstige Germano-Skeptiker: Glauben Sie nicht, dass uns der Titel leicht gefallen ist!