Deutschland: Zu Gast bei Feinden?

Eine Serie fremdenfeindlicher Attacken vor der Fußball-WM schürt neue Angst um die Sicherheit der Gäste. Doch es sind nicht die Schläger allein. Schmerzlich wird sich die Nation bewusst, dass sie ein Strukturproblem mit den „Fremden“ hat.

Adebowale Ogungbure, 24, hatte sich schon beinahe daran gewöhnt, dass die Zuschauer auf den Rängen, sobald er am Ball ist, gerne mal „Nigger“ und „Bimbo“ brüllen und Affengeräusche machen. Der Fußballer aus Nigeria lebt seit sieben Jahren in Deutschland. Derzeit spielt er in der 4. Liga, für den FC Sachsen Leipzig. Eigentlich mögen sie ihren „Ade“ in Leipzig. Für ihn aber ist es ein Abstieg. Ogungbure hatte Pech, in mehrfacher Hinsicht.

Der Tiefpunkt kam an einem Samstag Ende März, bei einem Spiel gegen den Halle’schen FC. Etlichen Halle-Fans genügte das „Bimbo“-Gebrüll nicht mehr. Nach Spielende stürmten sie auf den Platz und schnappten sich den dunkelhäutigen Spieler, bespuckten, schlugen, würgten ihn. „Nigger raus!“, gellte es von der Tribüne. Bis der Nigerianer den Arm zu einem ironischen Hitlergruß hob. Eine spontane Gegenwehr. Da blieb manchem der Mund offen stehen.

Schuldfrage. Nach dem Zwischenfall ermittelten die Behörden zügig. Gegen den Nigerianer. Schließlich hatte dieser in der Öffentlichkeit ein verbotenes Symbol gezeigt. Die Schläger kamen ungeschoren davon. Seine Mitspieler immerhin malten sich aus Solidarität die Gesichter schwarz an und verkündeten: „Wir sind Ade.“

Die Antwort erfolgte Ende April, als der Club Energie Cottbus II nach Leipzig auf Besuch kam. Dessen Fans hatten sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Statt der Vereinsfarben trugen sie weiße T-Shirts. Aufschrift: „Ihr seid Ade, wir sind weiß.“

Es geht jetzt oft rau zu in Deutschland, vor allem in jenen Gegenden des Ostens, wo organisierte Rechtsradikale, Skinheads, Hooligans und viele so genannte „Stinos“ – stinknormale Jugendliche – längst eine Art Dauerdrohkulisse bilden: ein Gewaltpotenzial, das sich jederzeit an Menschen entladen kann, die dunkelhäutig sind oder schwach wirken, die irgendwie anders denken oder aussehen oder einfach nur im falschen Augenblick am falschen Ort sind.

Vergangene Woche, am „Vatertag“, im Osten gern auch „Männertag“ genannt, wurde dies einmal mehr deutlich. Der Tag ist zu einem Schaulaufen der Verrohung verkommen, enthemmtes Saufen und Prügeln gehören zum Ritual. Tagsüber trinkt man alle Schranken nieder. Abends sucht sich mancher Mann dann sein Opfer. Bei einem offenbar rassistisch motivierten Überfall auf ein privates Fest in Weimar erlitten drei Männer aus Mosambik und Kuba schwere Kopfverletzungen. In Wismar wurde ein Inder auf einem Flohmarkt misshandelt. Auf der Ostsee-Insel Usedom attackierten Rechte eine Fußballmannschaft türkischstämmiger Jugendlicher aus Wolfsburg. In Lübeck tobten Skinheads durch eine Kleingartenanlage im Stadtteil Buntekuh. In der Hauptstadt Berlin wurden laut Polizeiangaben bei unterschiedlichen Zwischenfällen ein Türke, ein Libanese und ein Guineer verletzt. Deutscher Alltag?

Allmählich wird den Verantwortlichen doch ein wenig mulmig. Am 9. Juni startet die Fußball-WM. Deutschland erwartet hunderttausende Besucher. Seit Monaten fiebert die Nation dem Großereignis entgegen, will sich in allerschönsten Farben zeigen – innovativ, freundlich, zukunftsträchtig. Offizieller Slogan der Megaparty: „Die Welt zu Gast bei Freunden“.

Zwischenfälle. Ein paar hässliche Zwischenfälle könnten das kunterbunt-fröhliche Bild schnell ruinieren. Immer mehr fürchten die Sicherheitsmanager nicht nur Terroranschläge, sondern auch das fatale Gebräu aus Frust, Verwahrlosung, Hass und Testosteron unter Deutschjugendlichen, das offenbar jederzeit hochkochen kann. Organisierte Rechtsradikale wollen im WM-Gedränge mit minimalem Aufwand maximalen Stress erzeugen. „Die Welt zu Gast bei Nazis?“, fragt sich nicht nur die Berliner „tageszeitung“.

Heinz Fromm, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, gruselt sich schon vor Aufmärschen der Neonazis. Diese planen etwa, den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad, der so gern den Holocaust leugnet und die Auslöschung Israels beschwört, hochleben zu lassen. „Wir werden alles daransetzen, dass die WM nicht von extremistischen Organisationen zur Verbreitung ihres verabscheuungswürdigen Gedankenguts missbraucht werden kann“, donnert Fromm. Die iranische Mannschaft spielt am 21. Juni in Leipzig. Gegen Angola.

Der Sicherheitsaufwand ist gigantisch. Alle rekrutierbaren Polizisten, Ordner und Wachleute werden auf den Beinen sein. Das Großaufgebot kann die zwölf WM-Stadien vermutlich unter Kontrolle halten. Das Gros der Fans aber wird sich vor Großleinwänden in den Städten sammeln. Das Land ist groß, die Nächte sind lang. Wer Zoff haben will, wird ihn bekommen, vor allem in manchem Kaff im Osten, das Skinheads und NPD-Strategen als ihre „national befreite Zone“ ansehen. „Die Glatzen dürfen uns nicht die WM kaputtmachen“, stöhnt Wolfgang Bosbach, Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Das Problem ist nicht auf Gewaltexzesse beschränkt. Immer augenfälliger wird, dass Deutschland ein fundamentaleres Problem mit „Fremden“ hat, vor allem mit jenen Neubürgern, die es vor gut einem halben Jahrhundert anzuwerben begann. Die wieder aufstrebende Industrienation brauchte damals Arbeitskräfte. 1955 unterzeichnete man mit Italien das erste Anwerbeabkommen; Griechenland, Spanien, die Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien, Jugoslawien und Südkorea folgten. Am 10. September 1964 wurde der millionste „Gastarbeiter“ mit Blumensträußen begrüßt. Der Verband der Arbeitgeber schenkte dem portugiesischen Zimmermann ein zweisitziges Moped.

Bis 1973 kamen 5,1 Millionen Arbeitskräfte. Doch, Überraschung, es waren Menschen, die in der neuen Heimat nicht nur malochen, sondern auch leben wollten. Viele holten ihre Familien nach oder gründeten eine. Selbst die DDR importierte Arbeitskräfte – aus sozialistischen Bruderländern wie Vietnam, Mosambik und Angola. Bei der Wende 1989 arbeiteten etwa 90.000 „Vertragsarbeiter“ in der DDR. Viele flohen Anfang der neunziger Jahre nach ersten rassistischen Ausbrüchen im Osten schnell in die alte Heimat.

„Integrationsverweigerer“. Rund 14 Millionen Menschen „mit Migrationshintergrund“ leben heute in Deutschland. Die eine Hälfte ist dem Pass nach ausländisch, die andere schon eingedeutscht. Dennoch dauerte es bis zum 1. Januar 2000, bis sich das Land ein moderneres Staatsbürgerschaftsrecht gab, das sich nicht mehr an das Prinzip des „ius sanguinis“, an die fixe Idee von Blutsbanden und Abstammung, klammerte. Unter Konservativen galt bis vor Kurzem: „Deutschland ist kein Einwanderungsland.“

Die „ausländischen Mitbürger“ bekommen das bis heute zu spüren. Der Aufenthaltsstatus von Flüchtlingen kann auch nach Jahrzehnten noch ungeklärt sein. Das Asylrecht wurde Anfang der neunziger Jahre stark eingeschränkt. Das neue Staatsbürgerschaftsrecht sollte die Einbürgerung erleichtern. Doch die Hürden bleiben hoch. Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen haben diverse „Gesprächsleitfäden“ und Tests eingeführt, um die prospektiven Neubürger einem Gesinnungs-TÜV zu unterziehen. „Nach dem Willen der CSU sollen ‚Integrationsverweigerer‘ keine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung erhalten“, meldete unlängst die Deutsche Presse-Agentur.

Beim hessischen 100-Fragen-Test müssen Einbürgerungskandidaten etwa beantworten, welches Motiv der Maler Caspar David Friedrich auf Rügen malte, welcher deutsche Arzt die Erreger von Cholera und Tuberkulose entdeckte und welche Personen als „Pioniere des Automobilbaus“ gelten. Viel Freude macht auch die Aufgabe „Erläutern Sie den Begriff ‚Existenzrecht Israels‘“.

Das schrumpfende Deutschland braucht dringend demografischen Input – schon damit das Sozialsystem nicht mangels Einzahlern kollabiert. Doch gerade 127.150 Personen wurden im Jahr 2004 eingebürgert, obwohl rund 4,5 Millionen die Grundvoraussetzung erfüllen: die notwendige Aufenthaltsdauer von acht Jahren. Anfang Mai beschlossen alle 16 deutschen Landesinnenminister, Einbürgerungskurse mit Prüfung bundesweit einzuführen, gepaart mit einem Bekenntnis zur „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“.

Der deutsche Multikulturalismus ist Realität. Bis tief ins linksliberale Lager jedoch herrscht mittlerweile der Konsens: „Multikulti ist gescheitert.“ Durchgreifen sei ihm lieber als „schlaffes Multikulti“, erklärt etwa der Unionsfraktionschef Volker Kauder. Laut ist nun die Klage, viele Immigranten, vor allem die große Zahl der Türken, seien nie recht angekommen in Deutschland, hätten sich in Ghettos und „Parallelgesellschaften“ abgesondert. Doch das Land macht seinen „Fremden“ wenig Angebote, heimisch zu werden. Viele Studien zeigen: Deutschlands Integrationsleistung ist miserabel. Ende vergangenen Jahres konstatierte die OECD, dass Zuwanderer in Deutschland besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind, vor allem die Frauen der zweiten Generation.

Im Februar 2006 kam Vernor Muñoz Villalobos, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung, zur Schulinspektion nach Deutschland. Der Mann war fassungslos, namentlich über das antiquierte 3-Klassen-Schulsystem, das außer Deutschland und Österreich kein moderner Industriestaat mehr kennt. „Es gibt eine ganz klare Verknüpfung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg“, erkannte Muñoz. Und dieser sei „durch das System aufgezwungen und nicht durch das Potenzial des Kindes“. Der UN-Mann verwies auf die tristen Fakten: 42 Prozent der Migrantenkinder schaffen nur den Hauptschulabschluss (deutsche Schüler: 25 Prozent), neun Prozent das Abitur (deutsche: 25 Prozent). Ein Fünftel hat gar keinen Abschluss (deutsche: neun Prozent). Die meisten deutschen Politiker waren heilfroh, als der Professor aus Costa Rica wieder weg war.

Mitte Mai schließlich erschien eine neue PISA-Studie zum Lernerfolg von Migrantenkindern. Im 17-Länder-Vergleich zeigt sich das Versagen des deutschen Systems. In fast allen Industriestaaten verbessern sich die Leistungen der Kinder von Zuwanderern mit der Zeit. Beim Schlusslicht Deutschland dagegen werden sie deutlich schlechter. Im OECD-Schnitt liegen 15-jährige Migrantenkinder 48 „PISA-Punkte“ – rund ein Schuljahr – hinter ihren einheimischen Klassenkameraden. In Deutschland sind es 70 Punkte. Und die Schere geht – so wie auch in Österreich – mit der Zeit immer weiter auseinander. Womöglich, hieß es zur Verteidigung, liege das an den vielen armen Türken in Deutschland. Die Studie widerlegt das Vorurteil. In der Schweiz zum Beispiel schneiden 15-jährige Schüler türkischer Herkunft in Mathematik viel besser ab.

„Schnupperknast“. Aus Sicht vieler Politiker aber sind die „Ausländer“ schlicht nicht „integrationswillig“. CDU-Bildungsministerin Annette Schavan regte kürzlich an, aggressive Schüler in Internate zu stecken. Der Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm, CDU, drohte jungen Integrationsverweigerern mit „Schnupperknast“. Beim Volk bleibt hängen: Die „Fremden“ sind selbst schuld.

Auch deshalb wird die Stimmung rauer. Knapp ein Drittel aller Brandenburger Bürger ist laut einer Studie der Berliner Professoren Oskar Niedermayer und Richard Stöss inzwischen ausländerfeindlich eingestellt. Intoleranz und Gewalt kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sagen Experten, die sich abseits der Erregungszyklen mit dem Problem befassen. Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig zeigt: Ein Viertel der Deutschen bejaht fremdenfeindliche Aussagen. Zudem holt der Westen den Osten ein. Rechtsextreme Einstellungen nehmen besonders bei Höhergebildeten deutlich zu. Die Wissenschafter beobachten einen „breiten ausländerfeindlichen Konsens in der Bevölkerung“.

So stimmten 38 Prozent der Befragten der These zu: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet.“ Weitere 26 Prozent waren unentschlossen. 36 Prozent der Ost- und 41 Prozent der Westbürger finden, Deutsche „sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“. 24 Prozent wünschen sich eine „Partei, die die Volksgemeinschaft verkörpert“, 17 Prozent einen „Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert“.

„Ich glaube, es gibt kleinere und mittlere Städte in Brandenburg und auch anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen“, erklärte der Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye Mitte Mai im Rundfunk offen.

Der Aufschrei war gewaltig. „Verunglimpfung“, schimpfte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, bis vor Kurzem SPD-Chef. Sein Innenminister Jörg Schönbohm rügte die „unglaubliche Entgleisung“. Viele Ossi- und manche Wessi-Politiker warfen Heye vor, das „Klima zu vergiften“. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erklärte apodiktisch: „Es gibt keine No-Go-Areas.“ Berlins „Starfriseur“ Udo Walz, zu dessen Stammkunden die Kanzlerin Angela Merkel zählt, hatte gleich einen guten Tipp für Dunkelhäutige: „Ich denke, wenn man sich richtig bewegt, muss man keine Angst haben.“

Kurz darauf wurde am Bahnhof von Berlin-Lichtenberg Giyasettin Sayan, türkischstämmiger Abgeordneter der Linkspartei, von Rechtsextremen zusammengeschlagen. Er kam ins Krankenhaus. Der Kurde Sayan war hier nicht fremd. Er lebt seit über dreißig Jahren in Deutschland. Er wohnt in Lichtenberg. Es ist sein Wahlkreis. Doch sein Look stimmte an diesem Abend wohl nicht ganz. Seine Angreifer, berichtete Sayan, riefen: „Scheißtürke, wir kriegen dich.“

Wie offen darf man reden in Deutschland? Nicht alle empörten sich über den Nestbeschmutzer Heye. Dessen Warnung vor den dunklen Ecken der Republik sei „ein Stück weit Beschreibung einer leider vorhandenen Realität“, befand Sebastian Edathy, Sozialdemokrat und Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses. Geradezu erleichert zeigten sich türkische Vereine, der Zentralrat der Juden in Deutschland, Amnesty International und Hilfsorganisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung, benannt nach einem Todesopfer rechtsradikaler Gewalt in Brandenburg. Den Skandal erkennt die Stiftungsvorsitzende Anetta Kahane darin, „dass man eine Binsenwahrheit nicht aussprechen darf“.

Doch die Routine der deutschen Öffentlichkeit ist eine andere. Passiert etwas besonders Haarsträubendes, herrscht kurzfristig Aufregung. Der hässliche Alltag jedoch, der Kleinterror, die Pöbelei am Busbahnhof, die Stiefeltritte und das gebrochene Nasenbein schaffen es kaum mehr in die Medien. In etlichen Regionen, wo rechtsradikale Gesinnung und Kultur in den Alltag eingesickert sind, gilt es mittlerweile als ganz normal, dass alle Nichtrechten als „Zecken“ und Menschen anderer Hauttönung als „Kanacken“ oder „Fidschies“ tituliert werden. Selten ist eindeutig zu beweisen, wer dem vietnamesischen Obsthändler wieder die Scheibe eingeschmissen, wer die Döner-Bude wirklich angesteckt hat. „Was auch geschieht in letzter Zeit, es versinkt in einer unheimlichen Stille“, resümiert der Berliner „Tagesspiegel“ beunruhigt.

Von 2003 bis 2005 zählte der Verein Opferperspektive allein in Brandenburg 380 rechtsextreme Angriffe. Opferorganisationen aus Nachbarländern melden ähnlich horrende Zahlen: Sachsen 441 Taten, Sachsen-Anhalt 304, Berlin 230, Mecklenburg-Vorpommern 184, Thüringen 177. Etwa 130 Todesopfer rechtsradikaler Gewalt hat es seit der deutschen Wiedervereinigung gegeben.

Straftaten. Die Brutalität nimmt weiter zu. Deutschlands Kriminalstatistik verzeichnet für 2005 einen erfreulichen Rückgang der Gesamtkriminalität. Augenfälliger Ausreißer: Die Zahl der „Körperverletzungen durch Angriffe rechtsradikaler Täter“ (2004: 640, 2005: 816 Fälle). Die Behörden zählten im vergangenen Jahr 10.400 „gewaltbereite Rechtsextreme“ im Land. Der Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz für 2005 addiert 15.360 „politisch rechts motivierte Straftaten“ – Steigerungsrate: 27,5 Prozent. Die Welt zu Gast bei Schlägern?

Nach Heyes warnenden Worten wollte ein Rat afrikanischer Gruppen in Berlin sogleich eine Deutschland-Karte herausgeben, um WM-Gäste aus Afrika, Lateinamerika und Asien vor jenen Regionen zu warnen, in denen ein Aufenthalt für Menschen mit vom arischen Ideal abweichender Hautpigmentierung lebensbedrohlich werden kann. Doch der Dschungel rechter Gewalt kennt keine klaren Grenzen. Zudem malt etwa der Berliner Verfassungsschutz bereits seit Jahren eine solche Karte für die deutsche Hauptstadtregion („Im Fokus: Rechte Gewalt in Berlin“). Oststadtteile wie Friedrichshain, Lichtenberg und Friedrichsfelde, vor allem entlang der Bundesstraße 1, gelten als Hauptkrisengebiet. In Marzahn-Hellersdorf und in Rudow gibt es ebenfalls eine „Verdichtung rechter Gewalt“.

Im Berliner Gewaltstadtplan spiegelt sich ein deutschlandweit erkennbares Phänomen: Die Häufigkeit rechter Gewaltdelikte verhält sich umgekehrt proportional zur Zahl der „Ausländer“ in der Wohnbevölkerung. Sprich: Je „deutscher“ die Gegend, desto größer der Fremdenhass. In Marzahn-Hellersdorf etwa leben nur 3,7 Prozent Menschen mit nichtdeutschem Hintergrund. Dennoch werden in dem Quartier 16 Prozent aller rechten Gewalttaten in Berlin verübt. Der Stadtteil Neukölln hingegen hat einen Ausländeranteil von 21 Prozent, verzeichnet aber nur fünf Prozent aller Übergriffe.

Auch im umliegenden Brandenburg sind die Problemzonen bekannt. „Subkulturell“ geprägte rechtsextremistische Jugendcliquen meldet der Verfassungsschutz Brandenburg von Angermünde bis Wittstock, in der Landeshauptstadt Potsdam wie im kleinen Templin, wo Kanzlerin Merkel ihre Jugend verbrachte. „Es gibt keine Zonen in der Bundesrepublik Deutschland, in denen das Gewaltmonopol des Staates nicht gilt“, beteuert Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, CDU, fast beschwörend.

Der Ex-Regierungssprecher Heye war von den heftigen Reaktionen auf seine Kampfzonenwarnung zunächst selbst überrascht: „Es ist so, als hätte ich den Pfropf aus einer Flasche gezogen.“ Anfangs versuchte er zurückzurudern, seine Worte zu relativieren. Inzwischen aber scheint er froh darüber zu sein, ein bisschen Krach geschlagen zu haben: „Deutschland hat sich bereits einmal in der Geschichte im Wegschauen besonders hervorgetan – mit fatalen Folgen.“

Von Tom Schimmeck