Diagonale zwischen Krise und Erfolg

Kino. Die Grazer Diagonale geriet auch 2008 zum Austragungsort vielgestaltiger Konflikte. Stefan Grissemann über den engen Zusammenhang von Kino, Klobürsten und Sauermilch.

Man kommt, wenn man das österreichische Gegenwartskino ins Auge fasst, an Toilettenzubehör und Milchwirtschaft nicht vorbei. Vor Jahren schon polemisierte der Komiker Roland Düringer gegen den hiesigen Autorenfilm, der sich seiner Meinung nach vor allem durch den Blick in die Abgründe diverser Klomuscheln definiere. Regiestar Michael Haneke resümierte in jenen Tagen die chronische Mittellosigkeit des Austro-Kinos folgendermaßen: Um Rahm abschöpfen zu können, sei zunächst ausreichend Milch nötig.
Dem Assoziationsfeld zwischen Tiefspülbecken und Milchfett blieb die Grazer Diagonale 2008, das vergangene Woche über die Bühne gegangene Fes­tival des österreichischen Films, jedenfalls treu. In ihrer Eröffnungsrede begründete Diagonale-Intendantin Birgit Flos die dringende Notwendigkeit einer Filmförderungserhöhung mit dem Umstand, dass man ja auch in anderen Branchen, etwa in der Käseherstellung, Geld brauche, um Qualität zu gewährleisten. Danach berichtete der Mime Karl Markovics von seinem Bühnendebüt: Als Siebenjähriger habe er die Titelrolle in dem Stück „Hans im Glück“ gespielt – und bei der anschließenden Tombola eine in bunten Farben leuchtende Klobürste gewonnen. Besonders viel habe sich in seiner Karriere seither nicht geändert.

Wenige Augenblicke später empfing der als bester Schauspieler ausgezeichnete Markovics aus den Händen des Starkünstlers Erwin Wurm eine von diesem gestaltete Skulptur: die Plastik einer Faust mit gestrecktem Mittelfinger. Ein Kunstpreis als Ausdruck umfassender Verachtung: Das gibt’s nur in Österreich; Thomas Bernhard hätte daran seine Freude gehabt.
Der diesjährige Eröffnungsfilm, „back to africa“, Othmar Schmiderers leider ereignis- und erkenntnisarmer Reisefilm durch West- und Zentralafrika, rief Kontroversen eigener Art hervor: Die Filmemacherin Ruth Beckermann nannte das Werk einen „mittelmäßigen TV-Film“, der fast durchwegs „trommelnde und tanzende Afrikaner“ zeige; zudem beklagte sie die Einladung eines ägyptischen Gastredners, des Autors Tarik el Taieb, als „skandalös“ und undifferenziert – „als hätte die arabische Kultur mehr mit Schwarzafrika zu tun als wir“.

In ihrem letzten Jahr als Diagonale-Leiterin bildete Birgit Flos dennoch mit spürbarer Passion die virulenten Debatten und dominanten Ästhetiken des aktuellen österreichischen Kinos ab. Allerdings schien die schiere Materialflut des Festivals den Blick aufs Wesentliche bisweilen zu verstellen: In neun Experimental- und Kurzfilmprogrammen zeigte sie allein schon an die 70 Arbeiten, die sie mit Nebenreihen, Werkschauen und Hommagen flankierte. Mehr Sinn hätte es wohl ergeben, die wenigen tatsächlich herausragenden Werke – etwa Norbert Pfaffenbichlers „Mosaik mécanique“, die radikale Neukonfiguration eines Chaplin-Frühwerks, oder Astrid Ofners Kafka-Variation „Sag es mir Dienstag“ – deutlicher vom Überangebot bloß exzentrischer Produktionen abzusetzen.

Im Feld des Spielfilms blieb Götz Spielmanns konzentrierter Stadt-Land-Thriller „Revanche“ heuer weitgehend konkurrenzlos: Christian Froschs Totalitarismusgroteske „Weiße Lilien“ enttäuschte trotz Stilisierungslust und technischer Raffinesse – David Lynchs bizarre Formensprache ist eben, wie sich zeigt, nicht kopierbar. Und Regisseur Harald Sicheritz wagte sich mit der Glattauer-Adaption „Darum“ (siehe Kasten) zwar weg vom Kabarett, aber nur, um in den Konventionen des Fernsehkrimis abzutauchen. Großes Kino sieht anders aus. Aber hat die Kulturpolitik an großem Kino, das leider nebenbei auch teuer ist, überhaupt Interesse? Roland Teichmann, Direktor des Österreichischen Filminstituts (ÖFI), der größten Kinoförderungsinstitution des Landes, mahnt zur Eile: „Es muss jetzt etwas passieren, sofort.“ Seine Zuversicht, was die nahe Zukunft des hiesigen Films betrifft, hält sich in Grenzen: „Die finanzielle Basis bröckelt uns weg“, sagt er trocken und meint auch die beiden anderen großen Subventionssäulen: das sich zusehends verschärfende Filmförderungs-Desinteresse des ORF ebenso wie den „Paradigmenwechsel“ beim Filmfonds Wien (FFW), der sich „immer stärker als Regionalfilmstelle positioniert“. Die Filmfinanzierungslage sei „relativ dramatisch“, das könne man „nicht mehr wegschminken“. Die Signale aus dem Finanzministerium, was eine ÖFI-Budgeterhöhung betreffe, deutet Teichmann „leise positiv“, aber auch „nicht weiter konkret“. Die acht Millionen Euro mehr, die er für das ÖFI fordere, seien „im Bundeshaushalt so gut wie nichts, dennoch müssen wir dafür auf den Knien herumrutschen“.
So bleibt einstweilen nur die Verzögerungstaktik: Kulturstadtrat Mailath-Pokorny kündigt – branchenüblich unkonkret – an, „in wenigen Wochen Neuerungen zu nennen“, die sich dem Vernehmen nach um die geplante „Vienna Film Commission“ drehen könnte – und um die längst überfällige Trennung von Fernseh- und Kinofilmförderung im FFW, aus dessen Töpfen nicht nur Arbeiten von Haneke, Spielmann und Seidl gefördert werden, sondern auch TV-Serienware wie „Soko Donau“. Vielleicht ist das aber ohnehin schon der richtige Weg: Muss man, um Rahm abschöpfen zu können, die Milch nicht erst sauer werden lassen?