Die verflixte Acht

China. Die bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking sollten eine selbstbewusste weltoffene Großmacht präsentieren. Doch das Sportfest droht ein PR-Desaster für das Reich der Mitte zu werden.

China wollte sich zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele am 8. August 2008 als offene und selbstbewusste Weltmacht präsentieren. Der Zauber der Glückszahl Acht – das chinesische „ba“ ähnelt dem Wort für „reich werden“ – ist zerbrochen. Angesichts eines Jahres voller Desaster kursieren im chinesischen Internet schon apokalyptische Rechnungen: Schneekatastrophe am 25. Jänner – zwei plus fünf plus eins gleich acht. Dann die Tibet-Proteste am 14. März: Eins plus vier plus drei macht acht. Und schließlich das schwerste Erdbeben in der Geschichte der Volksrepublik am 12. Mai: Eins plus zwei plus fünf ergibt ebenfalls acht. Was also kann der kommende 8. August bringen, an dem Olympia 2008 in Peking beginnt?
Chinas olympischer Traum scheint geplatzt zu sein. Dabei hatte sich die Regierung in Peking redlich bemüht und die westliche Kritik an ihrer verschmutzten Umwelt und der beklagenswerten Lage der Menschenrechte artig erduldet. Und sie unternahm auch etwas: Eine Reihe von Gesetzen zur Verbesserung des Rechtsschutzes der Bevölkerung und zur Sicherung von Eigentumsrechten wurde auf den Weg gebracht. Auch der Ökologie wurde Genüge getan: Das IOC lobte die verbesserte Luftqualität. Peking lockerte die Arbeitsbedingungen für ausländische Medien. Selbst als die Unruhen in Tibet begannen, bemühten sich die Behörden anfänglich noch um Deeskalation. Doch dann lief alles aus dem Ruder.
Die Aufstände weiteten sich aus. Sie wurden blutig niedergeschlagen. Und plötzlich stand ganz China am Pranger der Weltöffentlichkeit. Die chinesische Führung wies die letzten ausländischen Journalisten aus Tibet aus und hetzte mit Hasstiraden gegen die „Dalai-Lama-Clique“. Laut dem jüngsten Bericht der Menschenrechtsorganisation amnesty international wurden seit den Unruhen über 1000 Tibeter ohne Anklage und Prozess hinter Gitter gebracht. Boykottaufrufe gegen die Spiele in Peking wurden laut.

Und als Peking das olympische Feuer auf eine „Reise der Harmonie“ um die Welt schickte, machten westliche Tibet-Aktivisten diese zu einem Spießrutenlauf für China. Als ein französischer Protestierer während des Fackellaufs in Paris versuchte, der im Rollstuhl sitzenden Fechterin Jin Jing die Fackel zu entreißen, kochte die nationalistische Stimmung insbesondere unter jungen Chinesen über.
In den vergangenen Wochen wurde die Fackel durch die politisch sensiblen Regionen Xinjiang, Heimat der ebenfalls nach Unabhängigkeit strebenden mos­lemischen Uiguren, und Tibet getragen, was zu einer peinlichen Inszenierung geriet (siehe Kasten). Sicherheitskräfte dominieren das Straßenbild. Hinter ihnen stehen von den Arbeitseinheiten aufgebotene Menschengrüppchen. Sie schwenken mehr chinesische als olympische Flaggen. Der einstudierte Slogan „Los geht’s, China, los geht’s, Olympia“ wird mechanisch und müde skandiert. Das chinesische Staatsfernsehen überträgt nicht live. Nur später ausgewählte Bilder erreichen das chinesische TV-Publikum. Sosehr sich die chinesischen Kameras auch bemühen: Immer wieder müssen auch sie die unbewegten Gesichter der jungen Sicherheitskräfte zeigen. Es sind einfach zu viele, als dass man sie aus der Übertragung heraushalten könnte.

Knapp eineinhalb Monate vor Olympia-Beginn präsentiert sich China in all seiner Ambivalenz gegenüber der Welt, der sich das Reich der Mitte doch in diesem August so spektakulär öffnen wollte. Das gebrochene Verhältnis Chinas zum Westen wird etwa in den Boykottaufrufen gegen den Nachrichtensender CNN manifest. Chinesische Studenten haben eine Anti-CNN-Web­site installiert, auf der sie alle Fehler und Unzulänglichkeiten der westlichen Berichterstattung in Bezug auf Tibet dokumentierten. Gleichzeitig warnen die Blogger aber auch: Wenn man CNN misstraue, müsse man dem chinesischen Staatsfernsehen CCTV noch lange keinen Glauben schenken.

Konfuzius. Auch der im Internet propagierte und von Prominenten unterstützte Boykott der französischen Kaufhauskette Carrefour findet keine ungeteilte Zustimmung. Bai Yansong, der populäre Mode­rator des staatlichen Fernsehens, bezeichnet die Boykottaufrufe als „irrational“ und schädlich für Chinas internationales ­Image, gerade im Vorfeld von Olympia. Selbst die in Paris attackierte Fackelverteidigerin Jin mahnt zur Besonnenheit und zitiert Chinas bekanntesten Philosophen Konfuzius: „Tu anderen nicht an, was du selbst nicht erleiden willst.“
Chinas aggressiver Nationalismus, der sich angesichts der Tibet-Unruhen offenbarte, ist nicht ungebrochen. Studenten, die von einem Auslandsstudium in den USA träumen, Hollywoodfilme den chinesischen vorziehen und lieber eine japanische als eine heimische Digitalkamera kaufen, weil Tokio und nicht Peking Qualität garantiert, zögern bei gegebenem Anlass nicht, Parolen gegen CNN, die oft als übermächtig empfundenen USA oder das allgemein verhasste Japan zu skandieren. Wenn Tokio sofortige Hilfe bei der Bewältigung des Erdbebens anbietet, dann scheuen sich dieselben Studenten jedoch nicht, ein Loblied auf Japan anzustimmen.
Aus Sicht von Wang Guangze, einem kürzlich wegen einer kritischen Artikelserie entlassenen Journalisten einer renommierten chinesischen Wirtschaftszeitung, entspringt Chinas gebrochenes Verhältnis zum Rest der Welt einem Gefühl der Schwäche: „Viele Chinesen fühlen sich dem Westen nach wie vor unterlegen. Bei Kritik fühlen sie sich an den Rand gedrängt, und dann schlägt das Unterlegenheitsgefühl schnell in ein aggressives Überlegenheitsgefühl um.“
Auch die chinesische Führung ist in ihrem Verhältnis zum Westen innerlich gespalten. Unter Deng Xiaoping zielte Chinas internationale Strategie auf Zurückhaltung. Die Devise lautete: bloß keine Konflikte mit anderen Ländern, damit man sich in Ruhe um die eigene Wirtschaftsentwicklung kümmern kann. Dengs Nachfolger wollen freilich für ihr Land einen prominenten Platz in der Welt finden. Ende 2003 formulierte Peking eine neue außenpolitische Doktrin, den „friedlichen Aufstieg“: Geradezu gebetsmühlenartig wurde diese Formel verwendet. Dann plötzlich verschwand das Motto wieder in der Versenkung. Es wird gemunkelt, dass heftige Kontroversen in der Pekinger Führung Ursache dafür waren: Der einen Fraktion soll das Adjektiv „friedlich“ zu sanft, der anderen „Aufstieg“ zu fordernd gewesen seien.
Letzten Endes wolle, so meint Wang, China aufgrund der eigenen fragilen inneren Entwicklung keinen Konflikt mit dem Westen. Aber „solange sich das politische System nicht wandelt, sind Reibungen weiterhin vorprogrammiert“.

Reformen. Selbst viele Kader der kommunistischen Partei hätten das westliche politische System als das bessere erkannt: „Warum sonst schicken sie ihre Kinder dorthin zur Schule, legen ihr Geld da an und besitzen selbst einen ausländischen Pass?“
Auch für Shang Dewen, einen renommierten Wirtschaftsprofessor an der Peking University, sind politische Reformen unerlässlich. Zwar habe aggressiver Nationalismus mittelfristig keine Basis, aber „ohne Reformen ist eine aggressive Entwicklung Chinas auch nicht völlig ausgeschlossen. Ich sage der Führung immer, ihr solltet die asiatischen Demokratien gut studieren“, meint Shang. Japan, Taiwan und Hongkong seien Mischsysteme mit asiatischen Eigenheiten. So müsse auch China bei einem zukünftigen Reformprozess nicht alle seine kulturellen Traditionen aufgeben.
Die Ereignisse der vergangenen Monate haben die tausenden Journalisten, die in den kommenden Wochen nach Peking aufbrechen, gut vorbereitet: Nun wissen sie, dass China nicht nur das Land der in atemberaubendem Tempo wachsenden Ökonomie und der boomenden Wolkenkratzerstädte an der Küste ist. Die jüngsten Katastrophen haben der westlichen Öffentlichkeit eine viel komplexere chinesische Wirklichkeit vor Augen geführt. Auch die Führung weiß, was sie erwartet. Ein Pekinger Funktionär tröstet sich: „Man stelle sich vor, Tibet wäre unmittelbar vor oder, noch ärger, während der Spiele ex­plodiert. Das wäre wirklich ein Desaster ­gewesen.“

Kristin Kupfer, Peking
Mitarbeit: Georg Hoffmann-Ostenhof