Die Akte Kampl sen.

Siegfried Kampl fühlt sich verfolgt. Seit einer Woche steht der 68-jährige Kärntner BZÖ-Mann und Bundesrat im Kreuzfeuer nationaler und internationaler Kritik, nachdem er in der Länderkammer Wehrmachtsdeserteure als „zum Teil … Kameradenmörder“ bezeichnet und von selbst erlebter brutaler „Nazi-Verfolgung“ nach 1945 in Österreich gesprochen hatte.

profil gegenüber klagte er, es werde versucht, ihm durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate etwas zu unterschieben. „Man soll alles, was ich dort gesagt habe, registrieren.“ Und er beharrte darauf, im Juli das formell dritthöchste politische Amt in Österreich, den Vorsitz im Bundesrat, zu übernehmen: „Ich seh keinen Grund, dass ich das nicht werden soll.“ Sollte anders entschieden werden, „wird man mir sagen müssen, warum ich nicht tragbar sein soll“. Die Österreicher würden sich ihr Bild machen und zum Schluss kommen, „um Gottes willen, der hat ja nichts Falsches gesagt“.
Die Wahrheit hat der Haider-Mann der ersten Stunde – Kampl hatte gemeinsam mit Reinhart Gaugg Jörg Haider nach der FP-Machtübernahme im September 1986 stolz auf seinen Schultern getragen – jedoch nicht gesagt. Und er hat das Wesentliche verschwiegen.
In seiner Bundesratsrede am 14. April beschrieb Kampl in abgehackten Worten die Nachkriegszeit: „Nazi-Verfolgung, viele heimatlos, Vertreibung, rechtlos.“ Dem schloss er direkt an: „Mein Beispiel – ich habe sie (sic) mit voller Brutalität gespürt – fünf Geschwister, Mutter 1944 verstorben, Vater drei Jahre in Wolfsberg, am elterlichen Hof rechtlos.“ Es folgte das Bekenntnis zur Aufarbeitung der Geschichte: „Aber dann muss auch alles aufgearbeitet werden, auch jener Teil, bei dem ich sicher nur ein kleines Rädchen bin. Diejenigen, die damals die Rechtlosigkeit, die Unsicherheit erleben und ertragen mussten, waren auch Menschen.“
Siegfried Kampls Vater Franz, dessen Geschichte der Sohn zur drastischen Veranschaulichung der brutalen Verfolgung der Nazis wiedergab, war nicht drei, sondern knapp zwei Jahre im britischen Internierungslager Wolfsberg gewesen. Und er wurde nicht „rechtlos“ zur Verantwortung gezogen: Franz Kampl wurde durch das Volksgericht Graz, Senat Klagenfurt, am 25. Juni 1948 nach Paragraf 7 des Kriegsverbrechergesetzes rechtskräftig zu zehn Monaten Kerker verurteilt.
Laut Gauakt gab der 1904 geborene Franz Kampl im NSDAP Aufnahmebogen an, bereits im Mai 1934 in die Partei eingetreten zu sein. Seine Tätigkeit als Illegaler in der bis März 1938 in Österreich verbotenen NSDAP war „politische Leitung“. Die offizielle Parteiaufnahme erfolgte am 22. Juli 1938, Franz Kampl wurde in seiner Heimatgemeinde Steuerberg NS-Ortsgruppenleiter. Im Juli 1945 wurde er durch das britische Field Secret Service verhaftet und interniert.
1946 eröffneten die österreichischen Behörden gegen Kampl senior ein Verfahren wegen illegaler NS-Zugehörigkeit und ein weiteres Verfahren nach dem Kriegsverbrechergesetz: Mit einem Zweiten wurde er beschuldigt, eine Nachbarin, die sich abfällig über Nazigrößen und den Kriegsverlauf geäußert hatte, denunziert zu haben. Die Frau war daraufhin vor ein NS-Volksgericht gestellt und zu vier Monaten Haft verurteilt worden. Nur durch Glück oder Zufall entging sie einem härteren Los: Es gibt hunderte ähnlicher Akten über Denunziation, auch im dörflichen Umfeld, und unter ihnen Fälle, in denen die Verratenen von der Gestapo in ein KZ überwiesen wurden.

Verzicht. Als Franz Kampl im Juli 1947 aus dem britischen Internierungslager entlassen wurde, ordnete das Innenministerium „Einvernahme und Überstellung“ an. Kampl senior blieb auf freiem Fuß und ging nach der Verurteilung 1948 frei, da die Internierungszeit auf die Haftstrafe angerechnet wurde.
Im Gespräch mit profil nannte Bundesrat Siegfried Kampl als Grund für die Internierung des Vaters, „ins Lager kam jeder, der einmal Ortsgruppenführer war“. Konkret habe man gegen seinen Vater „aber nichts gefunden, man hat gesagt, es liegt nichts gegen ihn vor“. Dass sein Vater rechtskräftig verurteilt wurde, bestreitet Kampl dezidiert: „Er hat nie ein Urteil gekriegt, ist rechtlos gewesen.“
Die Straf- und Entnazifizierungsakten Franz Kampls, aus denen das Gegenteil hervorgeht, liegen im Kärntner Landesarchiv. Sein Gauakt befindet sich im Archiv der Republik in Wien.
Zur Rede im Bundesrat sah sich Kampl durch den Antrag des Grünen Stefan Schennach auf Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure herausgefordert: „Zum Krieg: Deserteure, Kampfeinheit, zum Teil aber Kameradenmörder, Beispiel Eismeer-Front. Russen mit Musik spielen bei den Bunkern um Überläufer. Neun Kameraden im Bunker, darunter ein Cousin von mir, werden von zwei Überläufern erschossen.“ Als profil ihn in der Vorwoche nach näheren Angaben für den von ihm vorgebrachten Fall fragte, unterbrach er das Telefonat, indem er auflegte.
Nach einem Parlamentsbeschluss wurde die Geschichte österreichischer Deserteure aus der Wehrmacht untersucht und in einem fast tausendseitigen Band publiziert (Walter Manoschek, Hg.: „Opfer der NS-Militärjustiz“, Verlag Mandelbaum 2003). Der von Kampl beschriebene angebliche „Kameradenmord“ eines Cousins ist in den Akten bisher nicht nachweisbar und kann daher nicht überprüft werden.
Erste Stellungnahmen des BZÖ warben um Verständnis für den „besonderen Schmerz“ des Bundesrats, verursacht durch „das persönliche Schicksal seiner Familie“, so der Sprecher von Justizministerin Karin Miklautsch. Grüne, SPÖ und dann auch ÖVP-Klubobmann Wilhelm Molterer bezeichneten Kampls Aussagen als inakzeptabel. Die Israelitische Kultusgemeinde und die israelische Botschaft in Österreich äußerten sich besorgt und bestürzt. BZÖ-Chef Jörg Haider wünschte plötzlich keine historischen Debattenbeiträge von Politikern mehr. Noch während er seinen lang gedienten Weggefährten lobte, – „ein konstruktiver Bursche“ – deutete er die Möglichkeit an, an Kampls Stelle einen anderen Bundesrat zu nominieren.
Bundespräsident Heinz Fischer forderte „Respekt“ für den Widerstand gegen Hitler ein und legte dem Bundesrat ausdrücklich persönlichen Verzicht auf das hohe Amt nahe: „Es gibt Gott sei Dank noch Zeit zum Nachdenken.“
Siegfried Kampl hat für die Zeit seines Bundesratsvorsitzes bereits die Direktion des Hauses angewiesen, seine Reise in die Ukraine vorzubereiten. Als Zweck soll er den Besuch von Wehrmachtsfriedhöfen angegeben haben. Erst nach dem Hinweis, dass er als hochrangiger parlamentarischer Repräsentant bei einer derartigen offiziellen Reise den Usancen gemäß dem Parlament der Ukraine einen Besuch abzustatten habe, verfügte er, man solle eine entsprechende Einladung besorgen. Aus Stalingrad hat er die zerfetzte Schuhsohle eines deutschen Soldaten mitgenommen und in eine Vitrine seines Bürgermeisterbüros in Gurk gelegt.

Von Maria Enigl