Die Befreiung Ingrid Betancourts

Kolumbien. Nach der spektakulären Befreiung der französisch-kolumbianischen Politikerin Ingrid Betancourt steht die linke Rebellenorganisation FARC vor dem Aus. Das stürzt auch die millionen­schweren Drogenkartelle in eine Krise.

Irgendwann gingen selbst ihr die Worte aus. Ingrid Betancourt, bis vergangenen Mittwoch, 18.41 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, die prominenteste Geisel der Welt, beschrieb nach ihrer Ankunft auf dem Militärflughafen von Bogotá vor der herbeigeeilten Weltpresse detailliert die Umstände ihrer Befreiung, lobte den „einwandfreien Einsatz“ der kolumbianischen Armee und dankte Gott, dem Präsidenten Alvaro ­Uribe, ihrer zweiten Heimat Frankreich und dessen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Sie sprach mit fester, ruhiger Stimme, in der die Heiterkeit des Augenblicks mitschwang, jenes Augenblicks, den sie sechs Jahre, vier Monate und neun Tage herbeigesehnt hatte. An den sie schon gar nicht mehr geglaubt hatte nach all den Gewaltmärschen, den Krankheiten, den fünf gescheiterten Fluchtversuchen und den frus­trierenden Nachrichten über gescheiterte Verhandlungsversuche.

Es waren druckreife Sätze, gesprochen von einer schlanken, blassen Frau in zu großen Gummistiefeln, Jeans und Tarnwes­te, Sätze, die Kolumbiens Kommentatoren die Heimkehr einer einstigen und möglicherweise künftigen Präsidentschaftskandidatin verkünden ließen. Am nächsten Morgen, nach der ersten Nacht in Freiheit, in der sie keinen Schlaf fand, weil es so viel zu erzählen gab, fuhr sie noch einmal zum Militärflughafen, um ihre Kinder abzuholen, die in den Jahren ihrer Gefangenschaft zu Erwachsenen geworden sind. Und als sie endlich Tochter Melanie und Sohn Lorenzo umarmen konnte, waren die Tränen stärker als alle Worte.

„Nirwana, Paradies – das muss dem ganz ähnlich sein, was ich jetzt fühle“: Als die Befreite ihre Stimme wiederfand, kamen ihr die Vergleichsgrößen abhanden. Das ist auch kaum verwunderlich, an einem Tag, an dem selbst die professionells­ten Beobachter des endlosen kolumbianischen Konflikts vergebens um Form und Formulierungen rangen. „Heute erlebte ich den emotionalsten Moment meines Reporterlebens“, gestand am Mittwoch­abend Sergio Ramos, der langjährige Kolumbien-Korrespondent von CNN en Español. „Uns fehlen die Worte, um die Freude zu beschreiben …“ So begann der Leitartikel des Bogotaner „El Espectador“. Rückblende: Für die gefangene Ingrid Betancourt beginnt der 2. Juli 2008 wie die über 2000 Tage zuvor. Sie steht kurz vor fünf Uhr Früh auf und hört im Radio die Stimme ihrer Mutter, dann die Nachrichten ihrer Kinder. Mehrere Sender leihen den Angehörigen der immer noch 3000 Entführten nachts ihre Frequenzen für aufmunternde Worte an die Geiseln.

Friedenstauben. Um sieben Uhr befiehlt der Guerillakommandant, alle Sachen einzupacken, eine Reise stehe an. Um 13.13 Uhr landet ein weiß getünchter Hubschrauber russischer Fabrikation auf einer Lichtung nahe dem Fluss Apaporis, an Bord zwei Piloten und sechs weitere Personen, gekleidet in T-Shirts, die sie als Mitglieder einer humanitären Gruppe ausweisen. Die Hubschrauberbesatzung verlangt, dass der Geiselwächter „Cesar“ und sein Vize „Gafas“ die Gefangenen auf dem Flug zum neuen FARC-Chef Alfonso ­Cano begleiten sollen. Um 13.36 Uhr hebt der Helikopter ab, an Bord 15 Geiseln in Handschellen: Betancourt, elf kolumbianische Soldaten und Polizisten und drei US-Söldner, die 2003 gekidnappt wurden, nachdem ihr Spähflugzeug abgestürzt war. Der Pilot spricht in sein Mikrofon den vereinbarten Code, der den Militärs signalisiert, dass alle Geiseln an Bord sind.

Um 13.41 Uhr liegen die beiden Guerilleros nackt am Boden des Hubschraubers, überwältigt von den Männern mit den Friedenstauben auf den Hemden. „Wir sind vom kolumbianischen Heer“, ruft deren Anführer den Geiseln zu. „Ustedes estan libres.“ (Sie sind frei.) Die so lange erhoffte Freiheit, sie kommt vollkommen unverhofft.
Den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), dieser einst so mächtigen marxistischen Guerillabewegung, die mit Kokainhandel Abermillionen verdiente und jährlich über 1000 Menschen kidnappte, deren Lösegelder noch weitere zig Millionen einbrachten, kommen am 2. Juli ihre wichtigsten Geiseln abhanden, ohne dass ein einziger Schuss fällt.

Pflanzengift. Welche Schmach für die älteste Guerilla Südamerikas, die lange als marxistischer Monolith galt: stark, reich und unbestechlich. Eine Anti-Staats-Macht mit 20.000 bewaffneten Kämpfern an fast 70 Fronten. Der Verlust ihrer prominentesten Geisel steht symbolisch für den langsamen Niedergang einer müde gewordenen Rebellentruppe. Denn auch die goldenen Zeiten des boomenden Kokainanbaus und -handels sind längst vorbei. 60 Prozent des weltweiten Kokainbedarfs werden nach wie vor von Kolumbien abgedeckt. In einigen Gebieten des Landes erfüllen die FARC quasi staatliche Funktionen, sie ziehen von den Kokabauern Steuern auf Kokablätter ein und beschützen im Gegenzug ihre Ernten. Zudem stellen die FARC Sicherheitsdienste und Infrastruktur für die Drogenhändler bereit. In den neunziger Jahren stieg die kommunistische Guerillabewegung selbst in das lukrative Geschäft ein und begann, eigene Kokainlabors zu betreiben. Ihr Stammgebiet im Süden ist zugleich die größte Kokaanbauregion des Landes. Doch der konsequente Kampf der Regierung Uribe gegen Kokainanbau macht den FARC schon seit Jahren zu schaffen. Flugzeuge der kolumbianischen Regierung, die von den USA mitfinanziert werden, bespritzen die Anbaugebiete mit Pflanzengiften. UN-Programme, bei denen die kolumbianischen Bauern finanziell unterstützt werden, wenn sie ihre Kokaplantagen freiwillig zerstören, zeitigen erste Erfolge. Zudem jagen Drogenbanden aus ehemaligen rechten Paramilitärs, mit denen sich die FARC seit Jahrzehnten blutige Kämpfe liefern, zusehends Markt­anteile ab. Die kolumbianische Regierung schätzt, dass die FARC 2007 nur noch halb so viel mit dem Drogengeschäft einnehmen wie 2003.
Was aber bedeutet der stetige Niedergang der FARC langfristig für die Kokainproduktion in Kolumbien? Laut einer Statistik der Unodc (United Nations Office on Drugs and Crime) sind seit dem Jahr 2000 die kolumbianischen Kokaplantagen um 40 Prozent geschrumpft. In Zukunft, heißt es weiter in dem Bericht, könne der Kampf gegen den Kokaanbau leichter werden, da sich die Guerillagruppe FARC in Auflösung befinde.

Desertationen. Nach Ingrid Betancourts Befreiung strotzt die Regierung in Kolumbien vor Selbstbewusstsein. Vizepräsident Francisco Santos frohlockte bereits: „Wenn die Bedingungen für die Drogenschmuggler schwieriger werden, suchen sie sich andere Gebiete. Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass Afrika und nicht mehr Kolumbien der größte Kokainproduzent der Welt sein wird.“ Ähnlich optimistisch beurteilt Aldo Lale-Demoz, Chef der Unodc in Kolumbien, die Situation. „Natürlich ist die massive Kokainproduktion nicht vorbei, statt der FARC werden andere Gruppierungen das Geschäft übernehmen.“ Langfristig, dessen ist sich Lale-Demoz sicher, werde Kolumbien aber nicht mehr weltweiter Kokainproduzent Nummer eins sein. Neben ihren schrumpfenden Einnahmen müssen die FARC auch territoriale Verluste hinnehmen. Seit zwei Jahren führt Juan Manuel Santos das Verteidigungsministerium. Der frühere Minister für Wirtschaft und Außenhandel, der einst eine junge, kämpferische Ingrid Betancourt in seinem Ministerium anstellte, hat die Armee von Grund auf reformiert. Er hat die Aufklärung forciert und gewährleistet, dass Belohnungen für Informanten schnell und zuverlässig ausgezahlt werden.

Fünf Millionen Dollar Kopfgeld und die Aussicht auf Strafmilderung bewogen Anfang März etwa den FARC-Kämpfer alias „Rojas“, seinen Boss zu ermorden, dessen rechte Hand abzuschneiden und diese samt dem Computer des Toten den Behörden zu übergeben. Das Opfer war „Ivan Rios“, das jüngste von sieben Mitgliedern des leitenden FARC-Sekretariats. Der Königsmörder „Rojas“ war es auch, der nach seiner Festnahme der bedrängten FARC-Kommandantin „Karina“ empfahl, die Waffen niederzulegen. Im Mai ergab sich die Kommandantin der 47. Front, eingekesselt von der Armee. Zuvor hatten die FARC bereits ihre beiden obersten Bosse verloren: Am 1. März wurde FARC-Boss Raúl Reyes in dessen Camp auf ecuadorianischem Territorium erschossen. Die nach dem Angriff erbeuteten drei Laptops aus Reyes’ Besitz sind für das kolumbianische Militär von unschätzbarem Wert. Und am 26. März starb Manuel Marulanda, der FARC-Führer der ersten Stunde, der seit 1948 in den Wäldern gegen den Staat kämpfte.

Militärcoups. Kein Zweifel: Die FARC erleben das schlimmste Jahr seit ihrer Gründung 1964. Monatlich setzten sich 300 ­Rebellen ab, 2007 desertierten laut Armee­angaben 2480 FARC-Kämpfer. Offenbar kommen die FARC mit ihren teilweise unter Zwang ausgeführten Rekrutierungen kaum noch nach. Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch schätzt, dass ein Drittel der noch etwa 8000 FARC-Kämpfer jünger als 18 Jahre ist. Viele davon sind Mädchen. Außerdem treten – auch durch die Reyes-Computer – die FARC-Verbindungen zu Venezuelas Staats­chef Hugo Chavez immer klarer zutage, was diesen offenbar dazu bewog, den FARC zu empfehlen, ihren Kampf einzustellen. Wenn er das ernst meint, dürfte er allerdings auch keine weiteren Waffenlieferungen mehr zulassen. Und er müsste den Drogenverkehr über sein Territorium unterbinden.

Es ist gewiss zu früh, den endgültigen Abgesang auf die FARC und in weiterer Folge den kolumbianischen Kokainboom anzustimmen.
Aber: Was bleibt dem neuen Boss Alfonso Cano nach diesem wohl schlimms­ten Tiefschlag? Er hat alle Trümpfe verloren. Die drei Amerikaner und vor allem Ingrid Betancourt brachten den FARC weltweite Aufmerksamkeit. Weil sie militärisch unter Druck standen, suchten sie in möglichst langwierigen Verhandlungen möglichst viel Publicity, vor allem im Ausland. Noch haben die FARC zwar mehrere hundert Geiseln in ihrer Gewalt. International werden sie damit aber für wenig Aufmerksamkeit sorgen können. Deswegen befürchten viele Beobachter nun eine militärische Antwort der Guerilla. Und sie erwarten auch weitere Coups der Militärs.

Von Andreas Fink, Buenos Aires, und Gunther Müller