Die Berlinale gab sich künstlerisch wertvoll

Die 58. Filmfestspiele in Berlin drohten sich zwischen Politanspruch und Prominentengier aufzureiben. Die Kunst behielt trotzdem das letzte Wort.

Es entspricht dem Wesen des Hype, erst lautstark Aufsehen zu erregen, sich anschließend jedoch in Schall und Rauch aufzulösen. Gelegenheit zur experimentellen Überprüfung dieser These bot das 58. Berliner Filmfest am Mittwoch vergangener Woche. Eine Atmosphäre stufenlos intensivierbarer Hysterie machte sich an jenem Tag wie auf Bestellung in ganz Berlin breit, als eine amerikanische Geschäftsreisende der Stadt einen Kurzbesuch abstattete: Die demnächst auch schon in ihr sechstes Lebensjahrzehnt tanzende Pop-Querulantin Madonna hatte einen Film mitgebracht, den es, weil sie selbst ihn inszeniert hatte, zu bestaunen galt und dessen strategisch korrekt gewählter Titel schon so klang, als handle es sich um einen ihrer Songs: „Filth and Wisdom“ (Dreck und Weisheit).

Wie sich wenig später herausstellte, war das späte Regiedebüt der Musikerin nicht der Rede wert: Die krude arrangierte Boulevard-Sexkomödie mutete wie eine überlange Werbeeinschaltung für die New Yorker Spaßguerillatruppe Gogol Bordello an, insbesondere für deren ukrainischen Frontmann Eugene Hütz. Madonnas Film­erstling blieb eine Mangelerscheinung: viel zu wenig Filth, null Wisdom. Aber die Berlinale 2008 hielt an der zweifelhaften Methode, lieber schlechte Filme zu zeigen als keine Stars, eisern fest. Im Gegenzug, so die Ratio der Festivalleitung, biete man ja reichlich politischen Zündstoff.

Etwas angestrengt versuchte Direktor Dieter Kosslick daher auch heuer wieder, kontemporäre Konfliktlagen in größtmöglicher Vollständigkeit im Programm unterzubringen: von den Foltermethoden des US-Militärs in den Verliesen von Abu Ghraib (in Errol Morris’ ultrareißerischer Doku „Standard Operating Procedure“) bis zu Afrikas Kindersoldaten (in der umstrittenen, in Österreich koproduzierten Bestsellerverfilmung „Feuerherz“), von großstädtischer Kriminalität (in José Padilhas reaktionärem Rio-Polizeifilm „Tropa de Elite“) bis zu den immer noch spürbaren Erschütterungen der Massaker des Zweiten Weltkriegs (in Andrzej Wajdas jüngstem Historiendrama „Katyn“). Die politische Debatte blieb dabei flach wie die Leinwand, auf die sie projiziert wurde.

Promi-Gier und Polit-Plattitüde: Das ist das Berlinale-Fegefeuer, das man – jedes Jahr wieder – erst durchschreiten muss, um auf der anderen Seite, gleichsam geläutert, an tatsächlich relevantes Kino heranzukommen. Aber auch das gab es, glücklicherweise, auf diesem Festival zu sehen. Auf drei herausragende Wettbewerbsteilnehmer konnten sich am Ende alle Beobachter einigen: Paul Thomas Andersons monumentales Ölgemälde „There Will Be Blood“ überraschte in dieser Liste kaum; der um Daniel Day-Lewis’ kraftmeierische Performance konzipierte Film war bereits mit dem Vorschuss hymnischer US-Kritiken und der sicheren Oscar-Pole-Position in die Berlinale gestartet.

Alltagsleben. Zwei ganz andere Filme aber, die sich weniger dem Monumentalen als den komischen Zumutungen des Alltagslebens verschrieben hatten (und dabei durchaus auf existenzielle Tiefe Wert legten), kratzten ernsthaft am Lack der epischen Dimensionen des Anderson’schen Psychodramas: In „Lake Tahoe“, der von dem jungen mexikanischen Filmemacher Fernando Eimbcke lakonisch erzählten Chronik einer Automotor-Ersatzteilsuche, stapft ein um seinen Vater trauernder Teen­ager nach einem Blechschaden durch die Straßen seiner Stadt. Der Versuch des Protagonisten, den Wagen wieder fahrtüchtig zu machen, wird von allerhand seltsamen Zeitgenossen behindert und verzögert: ein exzellent fotografiertes Sozialpanorama, eine kleine, an das Frühwerk Jim Jarmuschs gemahnende Groteske der gestohlenen Zeit.

Eine weitere der vielen, eher ziellos vagabundierenden Figuren dieses Festivals geriet dann zum Ausnahmeereignis: Die britische Schauspielerin Sally Hawkins, 32, stolpert als unbeugsame Frohnatur in ­Mike Leighs neuem Film, programmatisch „Happy-Go-Lucky“ genannt, durch eine Komödie von erstaunlicher Durchschlagskraft und höchsten Sympathiewerten. Mit seinem pointiert geschriebenen Londoner Screwball-Lustspiel um eine autonome Volksschullehrerin stellt Leigh die Kategorie des Feel-good-Movie auf eine ungekannte neue Ebene. Die Charme-Offensive des britischen Kinos geht voran. Zwischen Stadt und Land schließlich streunen die Helden des zentralen österreichischen Beitrags zur Berlinale 2008: Götz Spielmanns „Revanche“, einer der meistbeachteten Filme der Panorama-Schiene, kreist um Schuld und Rache – eine junge Frau (Irina Potapenko) kommt, weil sie im Fluchtauto eines Wiener Bankräubers (Johannes Krisch) sitzt, durch die Schüsse eines Polizisten (Andreas Lust) zu Tode. Der Flüchtige nimmt, um Vergeltung zu üben, Kontakt zu dem im Waldviertel lebenden Todesschützen auf – und findet einen in Selbstvorwürfen Verstrickten, Verzweifelten vor: ein Spiegelbild des Rachesüchtigen. „Revanche“ ist, trotz mancher Dialogschwächen, psychologisch so komplex wie fotografisch subtil (Kamera: Martin Gschlacht). Spielmanns Figuren sind in stetiger Bewegung, auf der Suche nach (und der Flucht vor) sich selbst. Auch sie: Vagabunden.

Von Stefan Grissemann, Berlin