Die Bullyparade

Kein Mannschaftssport ist schneller, schmerzhafter und schlauer als die wilde Jagd gut gepolsterter Gladiatoren nach einer faustgroßen Hartgummischeibe. Die Besten der Welt prallen ab Samstag in Innsbruck und Wien aufeinander. Die zwei Seelen des Sports – Fair Play und Faustrecht – sind fast ein Modell für den Weltfrieden.

Natürlich geht’s auch beim Eishockey um die große Kohle. Und zwar seit jeher. Als Österreich am 24. Februar 1947 bei der WM in Prag Schweden mit 2:1 besiegte, skandierten 11.000 Tschechen ein inbrünstiges „At zije Rakousko“ (Es lebe Österreich!) – aus gutem Grund: Nur dank dieser Sensation im allerletzten Spiel des Turniers (Schwedens König hatte seiner Mannschaft bereits telegrafisch zum Titel gratuliert) wurde Gastgeber CSSR doch noch Weltmeister. Der blutjunge Pavel Kohout erinnerte sich Jahrzehnte später in „Österreich II“ an den dramatischen Abend, den er in der Oper verbrachte. Der Bassbariton in einem „Barbier von Sevilla“ stürmte die Bühne und hub – nicht ganz werktreu, dafür aus voller Kehle – an: „Geht zum Doktor Bartolo und sagt ihm, dass Österreich Schweden geschlagen hat.“ Die goldenen Stadtväter setzten tags darauf den Beweis ihrer grenzüberschreitenden Verbundenheit, quasi als Vorreiter von „Nachbar in Not“, mit zwei Waggons Kohle und Zucker auf die Schiene. Dass ein Waggon zwischen Prag und Wien auf der Strecke blieb, vermochte nur den Brennwert zu halbieren, wohl kaum jedoch die Symbolkraft. Die „Bande“ hat einen hübschen Doppelsinn im Eishockey: Die, an die man kracht, ist zugleich die Einfriedung für eine globale Glaubensgemeinschaft. Diese (nunmehr dritte!) Bande, die der Spieler, ist eine fanatisch friedfertige Radaubruderschaft, deren rührendstes Ritual im nahtlosen Übergang vom Faust- zum Handschlag besteht.

Biss. Der Zauber der Blessur! Der sportweltgewandte Werner Schneyder, 68, als (ganz jung zugereister) Kärntner oft mehr auf Kufen denn auf Kindesbeinen zugange, erarbeitete sich den Zutritt zu den Heimspielen des KAC, indem er in den Drittelpausen den Schnee vom Natureis schaufelte. Ein halbes Leben später dringt er zu den Wurzeln vor, wenn er schreibt: „Für das Gebiss ist dieser Sport absolut ungesund, aber wenn Sportjournalisten sagen, einer Mannschaft fehle der Biss, dann meinen sie das nicht so.“ Jede längere Laufbahn wird, ohne Ansehen der Person, irgendwann einmal zur Leere – zumindest im Kiefer.
Peter Friese, 48, vom grazilen Gladiator (bei Stadlau und WEV) zum gefeierten Gastronomen („Zum Schwarzen Kameel“) gereift, büßte dereinst dank eines einzigen Crosschecks fünf Vorderzähne ein: „Ich war aber nicht der Typ des jähzornigen Rächers. Ich habe immer ein bisserl zugewartet. Ein Schlag gegen den Knöchel zwei Minuten später tut viel mehr weh …“ Dr. Arthur Marczell, 56, ein trickreicher Torjäger der Sechziger, ist heute Krebschirurg im Wiener Hanusch-Krankenhaus und wird in der Rückblende auf seine einschneidendsten Erfahrungen gern medizynisch: „Ich trug durch die Cuts im Gesicht gelegentlich die Zunge nach außen.“ Derzeit lässt sich der „Doc“ – als Rekordpromovent schon zu aktiven Zeiten Marczells Nom de Guerre – die zweite Hüfte operieren. Aber statt über Spätfolgen zu seufzen, schwärmt er vom „früh einordnen“. Dem Eishockey habe er Tugenden wie Teamgeist und Selbstdisziplin zu schulden.

Faustisches Prinzip. Gordie Howe hingegen, der in der „Hall of Fame“ zum „Mister Hockey“ geadelte kanadische Eisheilige, rühmt sich noch mit 77 retrospektiv seiner Raubeinigkeit. Ein Vierteljahrhundert lang (zuletzt sogar in einer Linie mit seinem Sohn) beherzigte Howe, nicht von ungefähr „Hau“ ausgesprochen, im Zweikampf zweierlei: 1. das ungeschriebene faustische Prinzip – Verzicht auf die gegenüber bloßen geballten Händen unmännlichen und dazu noch verletzungsträchtigeren (Fehde-)Handschuhe; 2. Infight-Instinkt, also einen gesunden Riecher. Auf die Frage, ob es je einen Nasenbeinbruch gab, sagte er voll Leidenschaft: „Bei mir nicht, aber bei elf anderen Typen.“
In ähnliche Kerben hauen die in tausendundeiner Schlacht gehärteten „Kriegs“-Kameraden wie Gord Kluzak („Mein Arzt hat seine Jacht nach mir benannt“) oder Charlie Simmer („Der Doktor empfahl mir, wenn ich zwei Pucks sehe, soll ich den linken nehmen“).
Moment! Krieg? Einspruch! Allenfalls Ersatzkrieg. Eishockey ist nämlich (abgesehen von den ideologisch und realpolitisch „besetzten“ Blutfehden der späten sechziger Jahre zwischen den entzweiten Brüdern UdSSR und CSSR) kein arglistig vorgetäuschtes Schaulaufen zum Zweck vorsätzlicher Körperverletzung. Dafür ist dieses, von Sporthistorikern bisweilen der nordamerikanischen Urbevölkerung zugeschriebene Kräftemessen (siehe Kasten „Indianer mit Schläger“) bei weitem zu intelligent, zu inspiriert und auch zu integer (siehe Kasten „Viel fairer als Fußball“). Signifikant, wie viele Ex-Cracks die Kurve zu überdurchschnittlichen Karrieren danach kratzten: Schuller, Hausner, Salat, Platzer, Voves – Unternehmer, Ärzte, Manager, Landeshauptmannstellvertreter.

Konfliktlösung. Apropos: Eishockey taugt, meine ich, weniger zum Ersatzkrieg denn zum Krieg der Stellvertreter. Jemand vertritt mich, hier mittels einer – auf exakt die Abmessungen der Spielfläche (schadens-)begrenzten – Entsorgung meiner aufgestauten Aggressionen. Eishockey bietet mithin, über die erhobenen Reize wie Tempo, Technik, Taktik und Tumulte hinaus, noch diesen nahezu missionarisch anmutenden Zusatznutzen: die geordnete Triebabfuhr bei den Fans. Dadurch, dass unten (auf dem Eis) schon „alles“ passiert – und zwar im Gegensatz zum Fußball anständiger und männlicher, also: anständig männlich –, muss es oben (auf den Rängen) kein Feuer mehr unterm Dach geben. Konflikte werden sofort ausgetragen und daher nicht später nach Haus getragen.
Fußball, schrieb Peter Handke in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, hat eine Seele. Zum einen ist damit der Gummibalg unter der Lederhaut bezeichnet, zum anderen wohl auch metaphorisch das aufgeblasene Image und Innenleben.
Beim Eishockey hat man das Spielgerät rasch ausgetauscht. Anstelle eines behäbigen Balls wurde die schelmische Scheibe zum springenden Punkt. Dass Puck wörtlich „Kobold“ bedeutet, lässt sich an der Tücke seiner Flug- und Flitzbahn erahnen. Weit mehr als 200 km/h erreicht der kleine Schwarze, spätestens seit dem dank rasanter Weiterentwicklung von Ausrüstung und Schusstechnik möglich gewordenen „slapshot“. Eine durchschlagende Innovation, die auch aus den unerschrockensten Haudegen unter den Torleuten, die als weithin bestaunte Alpha-Tiere ihres Rudels noch bis in die siebziger Jahre hinein auf jeden Kopf- oder Gesichtsschutz verzichtet hatten, Freddie-Krüger-Prototypen machte. Man reagiert, was das Regelwerk betrifft, generell nicht so schwerfällig wie im Fußball. Weil Massenraufereien und die dadurch verursachten Umstände (Zeitverlust, Eisreinigung, Erstversorgung) überhand nahmen, wurden sie verboten. Besser gesagt: Man „erlaubte“ – unter dem inoffiziellen Titel „right to fight“ – die körperliche Kurzform der Insultik, also die Prügelei Mann gegen Mann. Sehr viele Fußballer lieben Eishockey. Hans Krankl, 52, Teamchef und Goleador i. R., bewies in jungen Jahren auch (spiegel-)blankes Talent und Eiseskälte beim Einnetzen: „Ich bin eben auf die Welt gekommen, um Tore zu schießen.“

I have a dream. Wie mannigfaltig ist doch die Magie dieses Sports, selbstredend in der Version „höchstes Niveau“. Kein Spiel der Welt ist so schlau. Keines verlangt so viel motorisches, strategisches und antizipatives Koordinationsgeschick – stets ein Sperrfeuer an Herausforderungen, stets im Höchsttempo, in hinderlicher Verpackung, auf glattem Terrain, mit gefährlichen Gegnern und Spielgeräten aus der Facharbeiter-Liga. Dahingegen erinnere ich mich an das erste große Match meines Lebens, was nicht nur für mein Langzeitgedächtnis spricht. WM 1967 in Wien. USA gegen Ostdeutschland. 0:0. Ein Jahrzehnte-Ereignis. Statt des im Eishockey üblichen Gemeinschaftsgefühls auch nur eines einzigen Treffers nahm ich auf Befehl meines Vaters a) einen ins Publikum verflogenen Puck und b) einen über die Bande entsorgten zersplitterten (ostdeutschen!) Schläger mit nach Hause. Mir erscheint das heute noch unverfroren, nicht zuletzt dem damaligen Ostdeutschland gegenüber.
Seit Friedrich Torberg mit seiner Hinwendung zum Wasserball („Die Mannschaft“, 1935) den Beweis führen wollte, „dass Juden nicht wasserscheu sind“, frage ich mich, ob das auch für den Aggregatzustand Eis seine Gültigkeit hat. Könnte Israel bei deser WM mithalten? Die Antwort lautet ja, aber nur, wenn rund 35 Topstars aus den Profiligen Kanadas und der USA ein in der Verfassung des Staates Israel verankertes Recht in Anspruch nehmen – und aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln dessen Staatsbürgerschaft beantragen. I have a dream: Zu „Do-to-ho!“ (Tschechien), „Scheibu“ (Russland) und „Go, Canada, go!“ mischt sich schon demnächst ein „Shalom!“ in die Stimmen der Welt. Frieden im Ersatz-Krieg Eishockey.

Von Dieter Chmelar