Die Denkmaschine

Porträt. In seinen Kinofilmen rechnet er mit deutscher Geschichte ab, in seinen Kulturmagazinen mit der faulen Über- einkunft, dass Kunstsinn und Intelligenz im Privatfernsehen keine Basis hätten. Und seine dritte Karriere als Schriftsteller erhält nun mit einem Erzählband zum Kino neuen Antrieb. Diese Woche wird der große Kulturgeneralist Alexander Kluge 75.

Man braucht kein gutes Auge, um Alexander Kluge jederzeit wiederzuerkennen. Es genügt schon, ihn zu hören: Der hochmelodische, weiche Tonfall dieser Stimme, die schon Kluges Kinofilme stets begleitet hat und nun im spätabendlichen Fernsehen aus dem Off spitzfindige Fragen stellt, ist, wenn man sich ihm einmal anvertraut hat, schwer wieder zu vergessen. Dabei ist dieser Mann deutlich mehr als bloß gut bei Stimme, sondern mit einiger Sicherheit der einzige Mensch der Welt, der zu Hause neben dem Büchnerpreis für literarische Exzellenz zwei Grimme-Preise für wegweisende Fernseharbeit und den Goldenen Löwen des Filmfestivals in Venedig im Regal stehen hat.
„Traurig, traurig, sieht man hin, sieht man nicht hin, traurig, traurig!“ Dieses Motto hat Kluge, der am Mittwoch dieser Woche 75 wird, seinem Film „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ 1968 auf die Erfolgsreise nach Venedig mitgegeben: Am deprimierenden Zustand der Welt, soll das heißen, ändert die Frage, ob man sich mit ihm befassen will oder nicht, wenig. Kluge hat seine Entscheidung in dieser Hinsicht längst getroffen: Als Autor müsse er das, was traurig ist, traurig darstellen, nicht künstlich beschönigen. Zugleich aber ist er als Erzähler stets auch auf der Suche nach gangbaren Auswegen, nach schönen Zufällen. Die einfache Intensität der Bilder und Sätze Ovids sind ihm da eine Stütze. Kluge sagt: „Ich bin nicht gegen das Poetische, wenn ich Tristesse einspare.“

Assoziationssehnsucht. Wer immer sich auf ein Gespräch mit Alexander Kluge einlässt, muss damit rechnen, sich innerhalb weniger Minuten von einem gegebenen Ausgangspunkt so weit entfernt zu haben, dass eine Chance auf Rückkehr zumindest einige argumentative Anstrengung erfordert. In seiner Assoziationssehnsucht ist Kluge so schnell wie präzise: Die Wege, die ihn von Richard Wagner zu Jean-Luc Godard führen und von Othello über Elektra zu Walt Disney, kennt er (buchstäblich) wie im Schlaf. Seine Konzentration stelle er augenblicklich her, sagt er, „so, wie man einschläft. Ich lösche alle übrigen Eindrücke und schaue nach innen.“ Das funktioniere immer, auf die Minute genau, auch seine Mutter habe das schon gekonnt.
Als Jurist, Filmarbeiter, Kunstliebhaber, Opernexperte, Theoretiker und Literat ist Alexander Kluge einer der Letzten seiner Art: ein Universalgelehrter alter Schule, dabei ohne jede Scheu vor der Berührung mit dem Zeitgemäßen, den Kunsttabubrüchen und Denkregelverstößen. Vielleicht ist er auch, weil er ahnt, dass seine Spezies zusehends rarer wird, so manisch auf der Suche nach Partnern, die seine unbändige Lust am dialogischen Gedankenspiel teilen, nach Diskutanten, deren geistige Wendigkeit mit seiner eigenen mithalten kann, nach unerhörten Ideen, die man eben nicht nur austauschen, sondern in den Sendungen konservieren, festhalten kann. Kluges Interviews schließen nichts und niemanden aus, solange nur gewährleistet ist, dass eine Form des hochgebildeten privaten Wahnsinns vorliegt: Von Pornografieforschern und Trauermarschspezialisten bis zum Hirnspezialisten reicht die Liste seiner Gesprächspartner. Unter seinen Stammgästen finden sich Geistesverwandte wie der Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der Philosoph Joseph Vogl und der Schauspieler Peter Berling, mit dem Kluge in seinen Programmen gern kleine Maskeraden veranstaltet.
Angesichts der enormen Produktivität, die Kluge an den Tag legt – neben dem Schreiben konzipiert und produziert er allwöchentlich als geschäftsführender Gesellschafter der Development Company for Television Programs (DCTP) Fernsehmagazine wie „Facts & Fakes“, „10 vor 11“ und „News & Stories“ –, ist seine Nervosität längst zu einem Wesenszug avanciert: Die Spannung, unter der er steht, tut der grundsätzlichen Freundlichkeit, mit der Kluge inmitten einer Vorhölle der Produktions-Deadlines, klingelnden Telefone, Mitarbeiteranfragen und eingehenden Interviewwünschen agiert, offenbar keinerlei Abbruch.
In Kluges Arbeit laufen Literatur, Musik, Film, Fernsehen und Wissenschaft unaufhörlich ineinander: Viele seiner Musikmagazine handeln auf sehr filmische Weise von der Oper, während er sein Kino, etwa in „Die Macht der Gefühle“ 1983, gern musikalisch-reflexiv gestaltet. (Dieser Tage erscheinen die ersten Teile einer DVD-Edition seines filmischen Gesamtwerks.) Im Grunde arbeitet Alexander Kluge auch im Fernsehen an einem einzigen synästhetischen Großunternehmen. Das Schreiben hat dabei eine fixierte Position: Seinem mehrtausendseitigen erzählerischen Werk, das Kluge zwischen 2000 und 2006 in drei Bänden bei Suhrkamp publiziert hat („Chronik der Gefühle“, „Die Lücke, die der Teufel lässt“, „Tür an Tür mit einem anderen Leben“), fügt er nun eine weitere Veröffentlichung hinzu: „Geschichten vom Kino“, ausgehend von eigenen Erlebnissen – Kluge war 1958 Assistent des Regisseurs Fritz Lang, als dieser „Der Tiger von Eschnapur“ drehte – und dichterisch ausgebauten filmhistorischen Tatsachen.

Fernsehen der Autoren. Eine (schreiberische) Rückkehr zum Kino mag Kluge darin nicht sehen: Schließlich habe er den Film „nie verlassen“. Er sei in den achtziger Jahren nur vom „Kino der Autoren“ zum „Fernsehen der Autoren“ übergegangen – und zwar bruchlos. „Zwar ist der Film eine ganz andere Disziplin als das Buch, aber einen absoluten Gegensatz gibt es da für mich nicht. Im Film löscht jede Einstellung gewissermaßen alle früheren, während man im Buch ja blättern kann. Bei den Büchern fehlen mir die Musik und die Bewegung, im Film eher die vielen vertrauenswürdigen Autoren, die es in der Literatur gibt.“

Das Autobiografische ist Kluges Zentrum, seine Kunst- und Weltbilder gehen gleichsam systematisch auf seine Kindheits- und Lebenserfahrungen zurück. Wenn Kluge ans Kino denkt, scheint er gleich auch an den Krieg zu denken. Er war 13, als der Zweite Weltkrieg in Europa endete, ein Junge aus Halberstadt in Norddeutschland. Das Ende eines Krieges sei „ein ganz starkes Gefühl, weil die Realitäten sich dabei tatsächlich verändern“, sagt Kluge heute. Der nächste Assoziationssprung folgt sofort, in eine neue Erzählung hinein: „In Beirut gibt es ein Kino, das durch Raketenangriff zerstört worden ist, nur der Betonboden ist geblieben. Der Kinounternehmer hat nun zwei Projektoren gerettet, die er unter ein Zelt stellt. Die äußere Handlung – Bürgerkrieg, Kampf, Bombardements – bleibt draußen, während im Zelt Ruhe herrscht. Die Projektoren rattern beruhigend. Und die Zuschauer sehen schlechte Filme, aber sie fühlen sich sicher, weil eine Rakete selten zweimal dasselbe Ziel trifft. Solche Geschichten haben für mich auch mit 1945 zu tun. Damals wurde das Kino Capitol, unser Kino in Halberstadt, am 8. April durch Bomben zerfetzt. Mich bewegt nun sehr, dass die Kassiererin, die auch die Projektionen arrangiert hat, noch die Katastrophe, die Dramatik des Bombenangriffs in vier Vorstellungen einteilen möchte.“

Es sei eine Eigenschaft von Autoren, „sich in fremde Personen, die sie kennen gelernt haben, mimetisch hineinzuversetzen“, meint Kluge. „Ich kann Ihnen etwa Adorno auf eine Stunde nachahmen. Ebenso aber auch die Kassiererin des Capitol oder den Kinovorführer, der mir einst sagte, man müsse die Filmkopien füttern, weil sie eigentlich eine Art Lebewesen seien. Da erfinde ich nichts, sondern denke mich in jemanden hinein. Dadurch beginnen die Erzählungen zu schillern: zwischen Fake und Fact.“
An Neidern und Feinden hat Kluge in den vergangenen zwei Jahrzehnten jedenfalls gewonnen, seit er sich durch clevere Nutzung einer Gesetzesnische fixe Sendeplätze bei den Privatsendern RTL, VOX und Sat.1 gesichert hat. Seine Fernseharbeit, da ist er sicher, wird aber wie gewohnt weiterlaufen – trotz des regelmäßigen gerichtlichen Einspruchs mächtiger Konkurrenten. Er sei ja nicht allein, sondern mit der BBC, dem „Spiegel“, „Focus“, der „Süddeutschen Zeitung“ und der „NZZ“ alliiert. Das Gesetz schreibt unabhängige Kulturfensterprogramme in den privaten Sendern vor. Aber, so Kluge: „Natürlich kann jeder, der Kulturmagazine macht und in einer Allianz auftritt, sich ebenfalls bewerben.“ 2008 werde es neue Bewerbungen geben. Die Medienbehörden hofft Kluge aber durch die Qualität seiner Arbeit und „die Gesamtkoalition, die wir bilden“, auch weiterhin auf seiner Seite
zu haben.

Anspruch. Kluges Fernsehen mag in seinen Formen und Sujets exzentrisch, auch bewusst minoritär wirken; um die Quote ist indes auch Kluge bemüht. Er liebt es, von Spitzenwerten einzelner Sendungen zu berichten, die ein größeres Publikum offenbar schon durch ihre eigenwilligen Inszenierungen am Wegzappen gehindert haben. Tatsächlich sind Kluges Programme, die von der stilistischen Raffinesse des vormaligen Kinoregisseurs zeugen, suggestiv gestaltet: dazu angetan, den arglosen Zapper zu verwirren, aus dem Tritt zu bringen – und eben längerfristig zu fesseln. Als Anwalt des Zuschauers fühlt sich Kluge jedenfalls, nicht aber als Anwalt des Programmdirektors („der wär mir egal“). Sein Respekt vor den Zuschauern beruht darauf, „dass ich denen etwas zutraue“.

Seinen 75. Geburtstag am Mittwoch dieser Woche will Kluge, wie gewohnt, nicht zur Kenntnis nehmen. Der mediale Mehrwert von Jubiläum, neuem Buch und Film-Box lässt ihn kalt. „Ich feiere meine Geburtstage nicht. Und wenn ich bei der Berlinale mein Buch vorstelle, so ist das Business as usual.“ Dass sein Kinowerk, bislang nur verstreut zu sehen gewesen, nun kompakt auf DVD erscheinen wird, bedeutet ihm dann allerdings doch einiges: „Das bewegt mich. Aber mit meinem Geburtstag hat das nichts zu tun.“

Von Stefan Grissemann