"Die Dummköpfe sollen ihre Ohren waschen"

Interview. Der große Filmkomponist Ennio Morricone über die unterschätzte Kunst des Soundtracks, snobistische Kritiker und sein Verhältnis zu "Harry Popper".

profil: Maestro, wie komponiert man eigentlich einen Soundtrack? Was müssen Sie über einen Film wissen, um die Musik dafür zu schreiben?
Morricone: Es gibt kein allgemein gültiges Rezept. Wenn ich einen Regisseur gut kenne, reicht mir seine Beschreibung des Films. Wie er den Film anlegen will, ist sehr wichtig für mich. Wenn der Film schon abgedreht ist, dann folgt eine Diskussion mit dem Regisseur über seinen Streifen, und damit hat es sich.
profil: Zu welchen Regisseuren haben Sie eine besondere Verbindung?
Morricone: Zu allen, mit denen ich gearbeitet habe und arbeite, denn wenn es kein Feeling gibt, dann interessiert mich keine Zusammenarbeit.
profil: Ist es schon einmal vorgekommen, dass Ihnen ein Regisseur klipp und klar sagte, dass ihm Ihr Soundtrack nicht gefalle?
Morricone: Nein, das ist mir noch nie passiert. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil vorher alles ausdiskutiert wird.
profil: Sind Soundtracks eine universelle Sprache der Musik?
Morricone: Soundtracks gibt es erst seit dem vergangenen Jahrhundert. Musikwissenschafter und Musikhistoriker werden sich damit noch auseinandersetzen müssen – jene Leute also, die diese Musik heute noch auf snobistische Weise ignorieren. Filmmusik ist eine der wichtigsten Kunstformen des 20. Jahrhunderts und wird sogar immer wichtiger. Leider müssen sich Kritiker auch mit all der schlechten Filmmusik auseinandersetzen, die komponiert wird, Musik von üblen Dilettanten. Die Musikhistoriker müssen also auch über jene Esel schreiben, die nicht für den Film komponieren können.
profil: Meinen Sie damit Filmkomponisten, die nicht wie Sie an einem Konservatorium studiert haben?
Morricone: Ich meine jene Typen, die immer nur mit einem Synthesizer herumlaufen.
profil: Gibt es gute Soundtracks, die einen schlechten Film retten können?
Morricone: Eine mittelmäßige Musik funktioniert auch in einem wirklich guten Film. Aber eine tolle Musik hilft einem mittelmäßigen Film in keiner Weise.
profil: Wie kam es eigentlich dazu, dass eine Ihrer Kompositionen zur Hymne der spanischen Sozialisten wurde?
Morricone: Es handelt sich um ein Thema aus dem Film „Novecento“ von Bernardo Bertolucci. Ich habe nicht speziell für die Sozialisten komponiert, nur fürs Kino, für einen Film, bei dem es auch um die Arbeiterbewegung geht. Die Sozialisten haben das Motiv dann für sich adoptiert.
profil: Hat Ihnen jemals ein Regisseur vorgeschrieben, was und wie Sie zu komponieren haben?
Morricone: Wenn jemand mich nur als einen Sklaven sieht, dann lehne ich jede Zusammenarbeit ab. Ohne Dialog gibt es keine Kooperation.
profil: Was ist der Unterschied zwischen der so genannten ernsten Musik und der Filmmusik?
Morricone: Auch Filmmusik kann ernste Musik sein. Deshalb ist für mich die Bezeichnung „ernste Musik“ vollkommen falsch. Was Sie ernste Musik nennen, würde ich eher als absolute Musik bezeichnen, Musik, die durch nichts bedingt wird, die nur aus dem Willen eines Komponisten entsteht. Filmmusik hingegen ist angewandte Musik. Sie entsteht aus einem Anlass heraus, als Begleitung zu etwas anderem. Filmmusik ist also komplementär zum cineastischen Werk.
profil: Wo komponieren Sie? Hier in Ihrer geräumigen Wohnung hoch über dem römischen Verkehrschaos?
Morricone: In meinem Studio, hier am Schreibtisch.
profil: Nicht am Klavier?
Morricone: Nur die Ohrfixierten komponieren am Klavier.
profil: Das hört sich nach Kritik an.
Morricone: Richtig! Das soll es auch sein.
profil: 1950 komponierten Sie Volkslieder für das Radio, 1952 Ihre erste Hintergrundmusik für eine Radio-Dichtung. War das der Beginn Ihrer Karriere als angewandter Musiker?
Morricone: Ich erinnere mich an nichts mehr. Das ist ja 55 Jahre her. Wie soll ich mich daran noch erinnern?
profil: Wie kamen Sie nach Ihrem Musikstudium zum Radio und dann zum Fernsehen?
Morricone: Mit der Musik, die Sie ernste Musik nennen und ich absolute Musik, kommt man nicht weit. Man verdient nur wenig Geld, und meine Familie brauchte damals Geld. Und so begann ich, auf Nachfrage zu arbeiten.
profil: Hatten Sie als diplomierter Musiker und Komponist keine Probleme damit, angewandte Musik zu schaffen?
Morricone: Das hat mir gleich Spaß gemacht, denn ich liebe es zu komponieren. Für die angewandte Musik nutze ich immer die gleichen Regeln und geistigen Anforderungen wie für die absolute Musik. So machte ich mir schnell einen guten Namen – dabei komponierte ich angewandte Musik mit den gleichen Methoden wie absolute Musik.
profil: Gab es Kollegen, die Sie dafür kritisierten, dass Sie angewandte Musik schreiben, für Fernsehen und Kino?
Morricone: Natürlich! Und nicht nur Kollegen: Eine ganze Welt fand es skandalös, dass ein ernster Komponist in diesem Bereich arbeitet. Es gab bis noch vor wenigen Jahren eine Art Ghetto in Italien, in dem jene leben mussten, die angewandte Musik schreiben. Ich fühlte mich schon ausgestoßen, aber das hat sich seit einiger Zeit geändert.
profil: Dabei arbeiteten doch schon lange vor Ihnen Kurt Weill und Erich Wolfgang Korngold in den USA für das Kino.
Morricone: In Italien wurde es nie akzeptiert, dass sich ein so genannter ernster Komponist zum Film herablässt.
profil: Was war an Ihrer Musik für den Film „Il Federale“ von Luciano Salce aus dem Jahr 1961 so besonders, dass anschließend andere Regisseure unbedingt einen Soundtrack von Ihnen wollten?
Morricone: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mehrere Filme mit Salce machte. Dann kam auch Lina Wertmüller – und schließlich Sergio Leone.
profil: Es gibt in Ihren Filmkompositionen einen gewissen Wiedererkennungseffekt. Man weiß schnell: Das ist Morricone. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Morricone: Ein persönlicher Stil, eine Handschrift, kommt nicht von allein, sondern entsteht im Laufe eines Lebens. Das ist bei allen großen Komponisten so. Ich habe viele große Komponisten in mir aufgenommen, Igor Strawinsky ebenso wie Johann Sebastian Bach oder Girolamo Frescobaldi, aber auch die Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Goffredo Petrassi und Luigi Nono. Daraus entstand mein persönlicher Stil, allerdings nur für die absolute Musik, die ich komponiere. Wenn ich nur angewandte Musik geschrieben hätte, dann käme ich mir sehr passiv vor.
profil: Würden Sie das Komponieren von Filmmusik als Kunst bezeichnen?
Morricone: Natürlich! Meine Gegner behaupten immer wieder, dass angewandte Musik nicht spontan entstehe, sondern nur einer anderen Kunstform diene. Doch auch Bach schrieb angewandte Musik – oder Telemann mit seiner „Tafelmusik“. Diese Musiker standen immer im Dienste eines Fürsten oder der Kirche. Sie schrieben Musik für bestimmte Gelegenheiten, angewandte Musik, die Filmmusik ihrer Jahrhunderte. Wer sagt denn heute: Die „Tafelmusik“, das ist doch nur angewandte Musik, was für ein Mist!? Die Musikwissenschafter irren sich in diesem Punkt, denn die meiste Musik ist angewandte Musik. Irgendwann werden diese arroganten Herren Musikkritiker begreifen, wie retro sie mit ihrer Einstellung sind.
profil: Sie haben auch mit Pier Paolo Pasolini gearbeitet.
Morricone: Ja, für den Film „Uccellaci e uccellini“ und für „Teorema“ und auch für den umstrittenen Skandalfilm „Die 120 Tage von Sodom“. Pasolini war sehr gut erzogen und respektierte mich. Er war der einzige Regisseur, der vor den Arbeiten zu seinem ersten Film eine Liste präsentierte und mir sagte: „Ich will, dass Sie so komponieren.“ Stellen Sie sich das vor! Ich drehte mich um und sagte: „Gut, arrivederci!“ Doch dann besann er sich eines Besseren.
profil: Pasolini hatte erhebliche Schwierigkeiten mit der kommunistischen Partei wegen seiner offen gelebten Homosexualität. Hatten auch Sie Probleme damit, als Sie mit Pasolini arbeiteten?
Morricone: Nein, da gab es nie ein Problem. Die Sexualität, das war doch seine Sache. Das ignorierte ich total. Pasolini war sehr schüchtern. Er siezte mich immer. Als er „Die 120 Tage von Sodom“ drehte, einen monströsen Film, traute er sich zunächst nicht, ihn mir zu zeigen. Er war kein Provokateur, nur das Publikum provozierte er.
profil: Man schenkte mir eine CD mit einem Soundtrack aus einem Harry-Potter-Film. Ohne den Film zu sehen, hört sich die Musik wie absolute Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an. Teilen Sie diese Einschätzung?
Morricone: Darin kann ich nichts Schlimmes sehen. Soundtracks werden von verschiedenen Faktoren bestimmt. Und wenn ein Leitmotiv neoromantisch zu sein hat, dann ähnelt es neoromantischer Musik. Wie hieß der Typ: Harry Popper?
profil: Potter!
Morricone: Nie gehört!
profil: Muss Filmmusik immer tonal sein?
Morricone: Klar, sonst wird sie vom Publikum nicht verstanden.
profil: Und Ihre absolute Musik?
Morricone: Frei, ganz ohne Definition, auf jeden Fall aber atonal. Aber nur die Dummköpfe unterscheiden zwischen tonaler und atonaler Musik, denn wenn diese Leute Partituren lesen könnten, dann würden sie begreifen, dass auch die tonale Musik atonale Elemente enthält und so weiter. Ich habe zum Beispiel die Regel der Zwölftonmusik für meine tonale Musik benutzt. Ich bin der Einzige, der das bisher getan hat, deshalb sollten die Dummköpfe ihre Ohren waschen, genau hinhören und erst dann ihren Mund aufmachen.
profil: Gibt es eine Filmmusik, die Sie noch gern schreiben würden?
Morricone: Nein.

Interview: Thomas Migge