Die Ehe ein Auslaufmodell?

Unorthodoxe Überlegungen eines Heterosexuellen als Reaktion auf unorthodoxe Überlegungen eines Homosexuellen.

Die Initiative homo- und bisexueller Männer und Frauen, Lambda, kritisiert, dass der Verfassungsentwurf des Präsidenten des Österreich-Konvents, Franz Fiedler, das Recht auf „Ehe“ auf Mann und Frau beschränkt sehen will.

Ich habe meine mehrfach beschriebenen Probleme mit dieser schwulen Sehnsucht nach der „Ehe“. Sie verwundert mich zuerst einmal in der Praxis: Fast alle Homosexuellen, die ich kenne (und ich kenne ziemlich viele), sind in hohem Ausmaß promisk; homosexuelle Paare, die in dauerhaften Beziehungen leben, sind rare Ausnahmen. Schwule erklären mir dieses Phänomen auf etwas widersprüchliche Weise: einerseits mit der Vermutung, dass die auffallende Promiskuität wahrscheinlich eine Folge des psychischen Druckes sei, unter dem Homosexuelle auch heute noch heranwachsen; anderseits mit der Behauptung, dass auch Heterosexuelle in Wahrheit ungleich promisker lebten, wenn ihre Erziehung das zuließe.

An beidem mag etwas dran sein, aber ich glaube, die gesamte Argumentation übersieht, dass keine Gruppe ohne Leitbild der Erziehung auskommt: Ja, die Erziehung innerhalb unserer Gesellschaft (und aller entwickelten Gesellschaften, die ich aus der ethnologischen Literatur kenne) ist im Großen und Ganzen auf länger dauernde Beziehungen zwischen Männern und Frauen ausgerichtet, was vermutlich damit zu tun hat, dass es länger dauert, bis Kinder großgezogen sind.

Damit bin ich beim theoretischen Teil meines Unverständnisses gegenüber der homosexuellen Forderung nach „Ehe“: Die Ehe zwischen Mann und Frau ist doch im Großen und Ganzen darauf ausgerichtet, Kinder zu haben – die Homo-Ehe ist das im Großen und Ganzen nicht.

Das scheint mir ein Unterschied, der die unterschiedliche Rechtsstellung rechtfertigt.
Ich weiß, dass Schwule dem sofort entgegenhalten, dass sie ja sowieso auch die Berechtigung fordern, Kinder adoptieren zu können (und dass sie solche so und so oft aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen mitbringen), aber ich glaube, dass zumindest Abwarten angebracht ist: Kann sein, dass es völlig problemlos ist, wenn ein Kind mit zwei Vätern oder zwei Müttern anstelle von Vater und Mutter aufwächst, kann aber auch sein, dass das Probleme – zum Beispiel der Identitätsfindung – mit sich bringt, die die Gesellschaft zumindest nicht fördern soll.

Als ich das Thema kürzlich mit einem schwulen Freund diskutiert habe, hat er mich allerdings mit einem Argument überrascht, das dem von Lambda diametral entgegengesetzt ist: Vernünftige Homosexuelle sollten darauf verzichten, die „Ehe“ anzustreben – sie sei eine aussterbende Institution.

Das klingt absurd, wenn man Meinungsumfragen betrachtet: Durchwegs rangiert die „glückliche Ehe“ ganz oben. Es erscheint weniger absurd, wenn man Statistiken ansieht: Längst wird mehr als jede zweite geschlossene Ehe geschieden. Noch rascher nimmt nur die Zahl der gar nicht erst in einer Ehe Zusammenlebenden zu. Der Moment ist absehbar, in dem fast jeder Mensch zum zweiten Mal verheiratet, geschieden oder gar nicht erst verheiratet ist.

Denn die Ehe ist als wirtschaftliche Institution entstanden: Sie schuf das günstigste Umfeld für das Aufziehen von Kindern und stellte sicher, dass angesammeltes Vermögen in der Familie blieb, indem es den „ehelichen Kindern“ vererbt wird. Zunehmender Wohlstand macht diese wirtschaftlichen Kriterien weniger gewichtig: Auch ein Elternteil ist in der Lage, ein Kind großzuziehen. Und indem immer mehr Frauen berufstätig sind, verringert sich ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von der Ehe doppelt.

Der Fortbestand einer Ehe wird damit immer abhängiger vom Fortbestand der „Liebe“, obwohl die erst seit dem 19. Jahrhundert als notwendige Voraussetzung einer Eheschließung betrachtet wird. Und „Liebe“ – selbst bloß „gegenseitige Achtung“, „gegenseitiger Respekt“, „Gemeinsamkeit wichtiger Anschauungen“ – ist eine zarte Pflanze.

Ich habe am eigenen Leib erfahren müssen, dass sie nicht ewig blüht.

Noch unsere Großeltern wurden im Allgemeinen nur um die 60 Jahre alt – die „ewige“ Ehe dauerte also rund 30, 40 Jahre. (Die hohe Kindbett-Sterblichkeit noch gar nicht gerechnet.) Heute werden Männer und Frauen, die das heiratsfähige Alter erreicht haben, über 90 und demnächst 100 – „ewige“ Ehen müssten also 60, 70 und mehr Jahre halten.

Das erfordert schon eine Menge Glück – Katholiken würden „Gnade“ sagen.
Denn dass man über so lange Zeit nicht auf einen neuen Partner stößt, der nicht nur neue Spannung erzeugt, sondern auch, ganz altmodisch, besser zu einem passt, ist fast mathematisch unwahrscheinlich.

Zumindest die „ewige Ehe“, so fürchte ich, ist tatsächlich ein Auslaufmodell.
Nur dass man daraus sehr verschiedene Schlüsse ziehen kann: Sie abschreiben. Oder ihr tatsächlich größtmögliche Förderung angedeihen lassen, damit sie wenigstens durch längere Lebensabschnitte – vor allem die, in denen Kinder großgezogen werden – einigermaßen hält.