Die FPÖ als Retterin des Abendlandes

Die FPÖ als Retterin des Abendlandes: Bricht dafür mit sehr alten Parteitraditionen

Bricht dafür mit sehr alten Parteitraditionen

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Von Rosemarie Schwaiger

Die Serienmörderin Elfriede Blauensteiner tat es 1997 bei ihrem Gerichtsprozess. Der ehemalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk tat es schon 1993 bei einem Pressetermin an seinem Krankenbett. Zilks Ehefrau Dagmar Koller tat es erst kürzlich, als sie ihren verstorbenen Mann im ORF-Fernsehen gegen Spionagevorwürfe verteidigte.

Vor ein paar Tagen war Heinz-Christian Strache an der Reihe: Bei einer von den Freiheitlichen organisierten Demonstration gegen ein Islam-Zentrum in Wien stand der FPÖ-Chef am Rednerpult und gab sein Debüt als Teufelsaustreiber. In strammer Haltung und mit leicht umflortem Blick hielt Strache ein Kreuz in die Kameras. Die Scheinwerfer tauchten das Kruzifix in mystisches Licht, die Stimmung war aufgeheizt, das Publikum klatschte. Und wenn Strache an seiner neuen Rolle noch ein wenig feilt, wird er beim nächsten Mal sicher nicht mehr dreinschauen wie der Nebendarsteller in einer B-Movie-Vampirklamotte, der gleich ein paar hässliche Bisswunden davontragen wird.

Was Blauensteiner, Zilk und Koller mit ihren seltsamen Auftritten bezweckten, ist nicht restlos geklärt. Im Fall Strache gibt es dagegen keinen Interpretationsspielraum: Der 39-Jährige befolgt ein Wahlkampfkonzept. „Abendland in Christenhand“ lautet einer der Slogans, mit denen die FPÖ um Stimmen bei der EU-Wahl am 7. Juni wirbt. Der Parteichef befindet sich folglich auf Kreuzzug und hat – wenn schon, denn schon – vor Kurzem auch gleich seine Forderung nach Kruzifixen in allen österreichischen Schulklassen erneuert. „Kreuze gehören zur Identität unseres Landes“, findet Strache.

Ein Erweckungserlebnis, das die neue Frömmigkeit der Freiheitlichen erklären könnte, ist nicht überliefert. Der liebe Gott dürfte aus viel profaneren Gründen das Rennen um den diesjährigen Wahlkampfhit gemacht haben. „In so einem langweiligen EU-Wahlkampf ist jeder Aufreger etwas wert“, sagt der FP-Historiker Lothar Höbelt. „Und worüber soll man denn sonst reden?“

Tatsächlich ist es den Freiheitlichen wieder einmal gelungen, die öffentliche Aufmerksamkeit fast zur Gänze zu absorbieren. Vertreter der Amtskirche protestieren seit Tagen gegen die Vereinnahmung christlicher Symbole für die Parteipolitik. Kardinal Christoph Schönborn hielt es sogar für notwendig, in seiner Feiertagspredigt zu Christi Himmelfahrt gegen die blauen Umtriebe Stellung zu nehmen. Das Kreuz sei ein „Zeichen der Versöhnung und der Feindesliebe“, sagte er. „Es darf nicht als Kampfsymbol gegen andere Religionen, gegen andere Menschen missbraucht werden.“

„Fluch der Verkürzung“. Straches Auftritt mit Kruzifix ist ein Kulturbruch, den auch in der eigenen Partei nicht alle gutheißen. „Mich stört das gewaltig“, quengelte etwa der Vorarlberger FP-Klubchef Fritz Amann. Auch EU-Spitzenkandidat Andreas Mölzer hatte in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ seine liebe Not mit der Verteidigung der eigenen Werbekampagne. Auf den Einwand, dass man in Europa auf die Trennung von Staat und Religion doch bisher sehr stolz gewesen sei, antwortete Mölzer: „Dieser Einspruch ist berechtigt. Das ist der Fluch der Verkürzung.“

Über Jahrhunderte waren die FPÖ-Vorväter prächtig ohne katholische Symbolik über die Runden gekommen. Der Kampf gegen die Macht des Klerus gehört, ganz im Gegenteil, sogar zu den Gründungsmythen des dritten Lagers. Liberale und Nationale hatten sich einst in ihrer Ablehnung des Katholizismus gefunden und gemeinsam gegen die Kirche und das Haus Habsburg agitiert. Die Verwerfungen in der Zeit von Reformation und Gegenreformation mögen lange her sein – ihre politischen Auswirkungen sind bis heute spürbar. In Gegenden mit hohem Protestantenanteil (wie zum Beispiel Kärnten und Teile Oberösterreichs) hat das rechte Lager nach wie vor den höchsten Wähleranteil.

Die bis dahin radikalste antikirchliche Position formulierte der großdeutsche Ideologe und Antisemit Georg Ritter von Schönerer Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner „Los von Rom“-Bewegung. Er selbst trat 1900 zum Protestantismus über und proklamierte die Abschaffung des christlichen Kalenders. Nicht mit Christi Geburt sollte die Zeitrechnung beginnen, sondern mit der Schlacht bei Noreia, in der Kimbern und Teutonen das römische Heer besiegt hatten. Nationalismus und Katholizismus näherten sich danach ein paar Mal an, zu einer endgültigen Aussöhnung kam es aber nicht.

Entsprechend heftig waren die Auseinandersetzungen in der Partei, als vor nunmehr zwölf Jahren eine Überarbeitung des Parteiprogramms anstand und Ewald Stadler (heute BZÖ-Spitzenkandidat bei der EU-Wahl) die Verankerung des „wehrhaften Christentums“ in den Statuten forderte. Stadler gehört zu den ­wenigen im nationalen Lager, die den Spagat zwischen stramm rechter und fundamental-katholischer Gesinnung schaffen. Seine Freundschaft mit Kurt Krenn, dem umstrittenen ehemaligen Bischof von St. Pölten, hatte schon in den Jahren zuvor zarte Bande zwischen Rechtskatholiken und FPÖ sprießen lassen. Das neue Parteiprogramm sollte den Flirt nun sozusagen offiziell machen.

Gegner Strache. Zu den Gegnern dieser Annäherung gehörte nicht nur Andreas Mölzer, auch ein gewisser Heinz-Christian Strache, damals Gemeinderat in Wien, ging auf die Barrikaden „Wir stehen ideologisch am Boden der nationalliberalen Tradition und können nicht in Richtung katholischer Fundamentalismus gehen. Ich kann mich mit all dem nur sehr schwer anfreunden“, maulte Strache. Dass er eines Tages mit einem Kreuz auf Wahlkampftour gehen würde, hätte er sich zu diesem Zeitpunkt wohl nicht im Traum vorstellen können.

Das „wehrhafte Christentum“ schaffte es zwar nicht ins Statut, dafür aber die Formulierung: „Die vom Christentum geprägte Wertordnung bildet das wichtigste geistige Fundament Europas.“ Nötig sei „ein Christentum, das seine Werte verteidigt“. Historiker Höbelt, der damals am Entwurf mitgearbeitet hat, hält diesen Glaubensschwenk nach wie vor für einen großen Wurf. „Das war eine wichtige Vorleistung für Schwarz-Blau“, sagt er. Bald darauf wurde es wieder ruhig um die freiheitlichen Nachwuchsgläubigen. Man hatte andere Sorgen. Dass die Partei ausgerechnet jetzt die Kruzifixe aus der Requisitenkammer kramt, findet Ewald Stadler durchaus amüsant. „Es ist doch großartig, dass Strache endlich bekehrt ist“, spottet er. „Wie ich höre, nimmt er sogar Firmunterricht.“ Wesentliche Auswirkungen auf den Wahlausgang erwartet Stadler indes nicht. „Dieses Wählerpotenzial ist gegen Heuchelei absolut immun.“

Nicht einmal FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky kann ganz genau sagen, wie ernst es sein Parteichef neuerdings mit der Religion nimmt. „Er hat die Leistungen der Kirche immer schon anerkannt“, glaubt er sich zu erinnern. „Ob er regelmäßig zum Gottesdienst geht, weiß ich nicht. Dafür fehlt ihm wahrscheinlich die Zeit.“ Ohnehin sei das Kreuz nicht so sehr als katholisches Symbol zu verstehen: „Wir wollten nur visualisieren, dass Europa ein abendländisch-christliches Projekt ist, obwohl sich der Halbmond immer mehr auf dem Vormarsch befindet.“ Doch selbst wenn Strache nur aus taktischen Überlegungen den braven Katholiken mimt, ist nicht alles verloren. Das Praktische an seiner neuen Passion: Er kann jederzeit beichten gehen.