Die große Freiheit

Österreichs wichtigstes Unternehmen ein Jahr nach seiner Neuerfindung. Ist der ORF total gescheitert, oder ist er als journalistische Instanz wiederhergestellt?

Bei der Recherche für diesen Leitartikel fragte ich am Dienstag der vergangenen Woche Armin Wolf, was er von den Veränderungen im ORF hält. Diese Absicherung erschien mir notwendig, da ein objektives Bild der Zustände ein Jahr nach der großen Programmreform bloß dort zu finden ist, wo der öffentliche Rundfunk seinen Marktanteil über alle Genres hinweg misst. Und der ist im Fernsehen – dort hat die angesprochene Reform stattgefunden – bekanntlich um einige stattliche Prozentpunkte auf weniger als 40 Prozent gefallen. Das ist der eine Teil der Veränderungen, und der ist eben konkret festzumachen.

Im Bereich der Information hingegen, wo öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio de facto ein Nachrichten- und Meinungsmonopol haben, dort sind die Unterschiede zwischen heute und damals nur zu bewerten, aber nicht zu bemessen (genauer gesagt: zwischen heute und der Ära vor Alexander Wrabetz und seinem Team). Entsprechend unterschiedlich auch die Urteile: Regelmäßig ist von „Rotfunk“ zu hören, wenn auch nicht so oft wie das Wort „Regierungsfernsehen“ in der Zeit, als Wolfgang Schüssel Bundeskanzler war. Hinzu kommt, dass ähnlich der Situation bei der Fußball-Nationalmannschaft und ihrem Trainer auch beim Fernsehen nicht nur alle Printredakteure des Landes, sondern überhaupt alle Österreicher glauben, die besseren Programmmacher zu sein. Armin Wolf also. Immerhin war er es, der im Mai 2006 mit seiner Rede bei der Verleihung des Robert-Hochner-Preises den Boden für den Re­gimewechsel am Küniglberg aufbereitet hat. Heute sagt Wolf über den ORF klipp und klar: „Es herrscht die große Freiheit.“ (Allerdings herrsche leider auch der Sparzwang.)

Diese Bewertung erscheint plausibel. Wer davon nicht überzeugt ist, möge jedoch noch folgende Überlegung anstellen: Wäre es unter der schwarzen Generaldirektorin Monika Lindner und dem schwarzen Chefredakteur Werner Mück denkbar gewesen, dass über den schwarzen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel so berichtet wird, wie unter dem roten Generaldirektor Alexander Wrabetz und dem roten Chefredakteur Karl Amon über den roten Bundeskanzler Alfred Gusenbauer berichtet wurde: dass nämlich ein zufällig aufgenommenes Video-Schnipsel mit der Kanzler-Qualifikation „Gesudere“ für Parteiveranstaltungen auf Sendung gebracht worden wäre?

Das ist schlicht undenkbar. 100-prozentige Freiheit der Information beim fast 100-Prozent-Versorger mit elektronischen Nachrichten für Österreich, das steht somit auf der einen Seite der ORF-Bilanz. Auf der anderen steht der Verlust von einigen Prozentpunkten Marktanteil beziehungsweise von rund zehn Prozent der Zuseher. Was wiegt da schwerer? Bevor man auf diese Frage die – naturgemäß zwingend subjektiven – Antworten gibt, noch ein Versuch, diese Frage vorab zu relativieren. Denn die Lautstärke, mit der die Reform angekündigt wurde, täuscht über die wahren Verhältnisse hinweg: Das Spektakel des Scheiterns der zum „Kernstück der Reform“ gehypten Daily Soap „Mitten im 8en“ steht nämlich in keiner Relation zu der Auswirkung dieses Scheiterns auf die gegenwärtigen Reichweiten. Noch lächerlicher wäre dieser Zusammenhang, wenn er zwischen dem längst eingestellten Spätabend-Format „Extrazimmer“ und der Gesamtzuseherzahl des ORF-Fernsehens hergestellt würde. (Gänsehaut bereitet allerdings ein „Standard“-Interview mit dem für diese Sendungen verantwortlichen Wolfgang Lorenz vom vergangenen Freitag. Der TV-Direktor sagt dort: „Ich hätte als Generaldirektor sicher alles aufs Spiel gesetzt. … No risk, no fun.“)
Tatsächlich hängen die Reichweitenverluste vor allem mit der Digitalisierung des Programms zusammen (so auch die jüngst präsentierten Zahlen des Satellitenbetreibers Astra). Und noch mehr damit, dass nicht weiterhin zusätzlich analog gesendet wird: Warum das so ist, kann am Küniglberg niemand erklären. Für diese lange zurückliegenden Entscheidungen hat Wrabetz allenfalls als Finanzchef des ORF gezeichnet, die Entscheidung darüber lag aber bei anderen. Was also wiegt schwerer, die neue Unabhängigkeit des ORF-Journalismus oder die beachtlichen Verluste von Marktanteilen? Es hängt davon ab, wer antwortet. Der durchschnittliche Österreicher muss wohl über die nun geringere Verbreitung des ORF klagen, da sie ihm höhere Gebühren beschert und noch weiter bescheren wird. Journalisten und ganz besonders profil-Journalisten könnten aber doch für die journalistische Unabhängigkeit optieren.