Die Gehrer-Offensive

Statt zurückzutreten, hat die schwarze Bildungsministerin auf Angriff umgeschaltet – und fährt gut damit.

Eines muss man Elisabeth Gehrer und der ÖVP lassen: Beide haben mit atemberaubender Kaltschnäuzigkeit auf die PISA-Studie reagiert. Statt zurückzutreten – immerhin ist Gehrer seit zehn Jahren für Österreichs Schulwesen verantwortlich –, ist die Ministerin zur totalen Offensive angetreten und macht einen vernünftigen schulpolitischen Vorschlag nach dem anderen.

Genauso kaltschnäuzig agiert Andreas Khol als schwarzer Nationalratspräsident: Plötzlich ist alles, was die ÖVP seit 1945 mit allen Mitteln bekämpft hat – Ganztagsschule wie Gesamtschule –, „kein Dogma“ mehr, und der schulpolitische Sprecher der ÖVP, Werner Amon, übernimmt eine SPÖ-Reformforderung nach der anderen.

Im gleichen Ausmaß, in dem die ÖVP solcherart beweist, dass Offensive noch immer die beste Defensive ist, beweist die SPÖ, dass sie aus noch so vielen schwarzen Desastern kein Kapital schlagen kann. Nicht sie, sondern die ÖVP wird demnächst als „die Schulreform-Partei“ gelten.

Aber vielleicht ist das alles gut so: Um wie viel leichter kann eine Ministerin eine Revolution einleiten, weil sie nichts mehr zu verlieren hat.

Um wie viel leichter kann die ÖVP ihre Dogmen aus dem Reformweg räumen, weil kein „politischer Gegner“ es von ihr fordert.

Wenn man will, kann man es geradezu enthusiastisch formulieren: ÖVP und SPÖ könnten begriffen haben, dass die durch die PISA-Studie aufgeworfenen Probleme so gravierend sind, dass ihre Lösung nicht durch tagespolitisches Geplänkel behindert werden soll – es geht um Österreichs Zukunft, und alle Beteiligten scheinen gewillt, am gleichen Strang zu ziehen.

Die Voraus-Einigkeit ist jedenfalls beträchtlich:
E Alle Beteiligten halten es für nötig, schon den Kindergarten zur Vorschule zu machen. Insbesondere Sprachen saugen Kinder in diesem Alter wie Schwämme auf. Das gilt es vor allem bei den Kindern zu nutzen, die zu Hause nur Serbokroatisch oder Türkisch hören.

E Alle Beteiligten sind sich einig, dass Ganztagsschulen (Gehrer: „von 9 bis 17 Uhr“) angeboten und wahrscheinlich zur Regel werden müssen.

E Nicht ganz so groß ist die Einigkeit nur bezüglich der Gesamtschule für alle 6- bis 14-Jährigen, aber selbst für die ÖVP ist klar, dass sie Teil des Angebots sein muss und dass es jedenfalls Leistungsgruppen geben muss.

Bei der Lehrerausbildung scheint klar, dass alle Beteiligten mehr Wert auf die pädagogische Fähigkeit des Wissenvermittelns legen wollen. Werner Amon legt hier die Latte am höchsten: Er kann sich Eignungstests vorstellen, die neun von zehn Lehramtskandidaten zurückweisen. Ihre Grundausbildung sollen sowohl Pflichtschul- wie AHS-Lehrer an den künftigen pädagogischen Hochschulen erhalten – nur bei denen, die an der Oberstufe unterrichten, soll sich eine zusätzliche Fachausbildung an der Universität anschließen.

In jedem Fall verminderte sich der ungerechtfertigte „Standesunterschied“ zwischen „Mittelschulprofessoren“ und „Hauptschullehrern“.

Vielleicht begriffen Lehrer, dass „Lehrer“ etwas Grandioses ist: Karl Popper war Volksschullehrer.

So weit die Visionen. Sie sind von der gegenwärtigen Struktur des österreichischen Schulwesens Lichtjahre entfernt. Ob Gehrer und die ÖVP mehr als nur kaltschnäuzig agieren, wird sich daran weisen, wie viel von diesen Visionen sie in die Tat umsetzen können. Gewaltigste Hürde ist die Finanzierung: Um die Ganztagsschule zu gewährleisten, werden entweder die vorhandenen Lehrer weit höhere Gehälter fordern, oder man muss weit mehr Lehrer einstellen, was zwar weit besser wäre, aber noch mehr kostet.

Und dies alles innerhalb eines Schulsystems, das sowieso schon eines der teuersten der Welt ist.

Theoretisch müsste die derzeit pro Schüler aufgewendete Summe (zirka 8000 Euro) ausreichen – sie reicht jedenfalls in anderen Ländern, um Ganztagsschulen mit Leistungsgruppen zu finanzieren; aber in Österreich fließt das Geld offenbar in schwarze Löcher. Ich plädiere daher neuerlich für entsprechend dotierte Schulschecks, die die Schule alle vier Jahre für jeden Schüler erhält, der eine extern bewertete Prüfung (nicht viel anders als die PISA-Prüfung) positiv abgelegt hat. Ich bin überzeugt, dass sich dann genügend private Schulbetreiber finden, die vorführen, dass man mit diesem Betrag eine ganztägige Betreuung in Leistungsgruppen gewährleisten kann. (Zum Beispiel, indem man ältere Lehrer nicht so viel höher als junge bezahlt und arbeitslosen eine Chance gibt.)
Diese private Konkurrenz wird die staatlichen Schulen zum Nachziehen zwingen.

Trotzdem wird eine echte Schulreform etwa so leicht durchsetzbar sein wie die Pensionsreform: Die Lehrergewerkschaft wird auf „wohlerworbene Rechte“ pochen, Länder und Bund werden einander die Finanzierung zuschieben, Lateinprofessoren werden das Abendland untergehen sehen, wenn ihre Stundenzahl reduziert wird usw.

Wenn sich SPÖ und ÖVP einig sind, können sie alle diese gewaltigen Hürden dennoch überwinden. Der Schulgipfel am 15. Februar wird einen ersten Eindruck von ihrer Sprungkraft vermitteln.