Die Generation Angst: Rechts aus Protest
und festgefahren im "Hotel Mama"

Rechts aus Protest, melancholisch und festgefahren im „Hotel Mama“. Neue Studien zeigen, dass die Teenager den Glauben an die Zukunft verloren haben.

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer
Mitarbeit: Marianne Enigl, Tina Goebel

Meine Freunde schießen oft mit der Pumpgun, die meisten von ihnen kommen direkt aus dem Balkan / Pass gut auf, wenn du in meinen Block musst, Ottakringer Straße – Klick, klack, Kopfschuss!“ Für das düstere Musikvideo zum „Balkanaken-Song“ der Ottakringer „Second Generation“-Rapper Mevlut Khan und Platinum Tongue, deren Eltern aus der Türkei und Mazedonien stammen, wurden auf YouTube nahezu 300.000 Zugriffe registriert. Die blaue Bezirksorganisation geriet schon knapp nach dem Entstehen der Nummer im Jahr 2007 in helle Empörung: Inländerdiffamierung, Gewaltverherrlichung. Dabei tarnen Khan und Tongue mit der trotzigen Provokation nichts als ihre Verzweiflung, nicht dazuzugehören, in einer Welt, in der sich „Gusch auf Tschusch“ reimt.

Die Soziologie hat für den Rückzug der Migrantenkids in ihre ethnische Identität bereits einen Terminus geprägt: „Es ist eine Bunkermentalität, die sich vor allem bei den jungen Männern bemerkbar macht“, erklärt Klaus Hurrelmann, wissenschaftlicher Leiter der Shell-Jugendstudie und deutscher Sozialwissenschafter. „Das Gefühl, immer mehr zurückgedrängt zu werden, führt zuerst in eine soziale und dann in eine räumliche Isolation.“ Dass dieser Zustand der Ohnmacht die Gewaltbereitschaft erhöht, ist nichts Neues: Jeder Form von Aggression geht eine Frustration voraus. 17,8 Prozent der österreichischen Schüler haben einen Migrationshintergrund, in Wien sind es sogar 40,4 Prozent. Der globale Wirtschaftscrash und die damit grassierende Zukunftsangst potenzierte das Polarisierungsbedürfnis unter Österreichs Jugendlichen, deren „romantischer Glaube an eine multikulturelle Gesellschaft“ (Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier) von der Realität ohne­hin längst überrollt wurde.

„Für das eklatante Versagen des Staates bei einer innovativen Integrationspolitik werden wir alle noch büßen müssen“, erklärte der im konservativen Lager beheimatete „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher im profil-Interview. „Der Staat hat nicht kapiert, dass das Investment in die Bildung der Migrantenkinder notwendig gewesen wäre, um bei der schwindenden Geburtenrate in naher Zukunft auch nur ansatzweise den Generationenvertrag aufrechterhalten zu können.“

Bei den vergangenen Nationalratswahlen sorgte das Meinungsforschungsinstitut GfK mit einer Statistik für Aufsehen. Im September 2008 wählte beinahe jeder zweite junge Österreicher das dritte Lager. GfK-Meinungsforscher Peter Ulram kommentiert nüchtern, offenbar habe „niemand von den anderen Parteien eine Antwort auf das Lebensgefühl der Jungen gefunden“. Laut Ulrams Daten aus der Wahltagsbefragung erreichten die zwei Rechtsparteien zusammen bei den unter 29-Jährigen satte 43 Prozent: Die FPÖ Heinz-Christian Straches kam auf 33 Prozent, das von Jörg Haider angeführte BZÖ auf zehn Prozent. Zum Vergleich: SPÖ und Grüne konnten bei den unter 30-Jährigen nur je 14 Prozent Wähler ansprechen, die ÖVP schaffte 20 Prozent. Noch deutlicher stimmten die ganz Jungen für den sich jugendlich gerierenden FP-Chef Strache: Nach der Senkung des Wahlalters konnten erstmals auch 16- bis 19-Jährige ihre Stimme deponieren – 44 Prozent gaben sie der FPÖ, drei Prozent dem BZÖ.

Ulram verweist darauf , dass dieses Phänomen keineswegs neu ist: Als Jörg Haider die Freiheitlichen 1999 auf Platz zwei brachte, war sie bei den Jungen auf 35 Prozent gekommen (FPÖ-Gesamtergebnis 27 Prozent). Dass die beiden Rechtsparteien im Vorjahr bei den unter 30-Jährigen zusammen jedoch noch mehr Stimmen erreichten, erklärt sich Ulrams Daten nach unter anderem daraus, dass sie erstmals von jungen Frauen im gleichen Ausmaß wie von jungen Männern gewählt wurden.

Hinterfragenswert. Dieser dramatische Rechtsruck wird jedoch in einer Ende April publizierten Nachwahlstudie des Sozialforschungsinstituts Sora, für die 1000 Erst- und Jungwähler über ihre Wahlmotive und politische Einstellung befragt wurden, etwas relativiert. Eva Zeglovits, Politologin und Wahlforscherin bei Sora, hält die alarmierenden Zahlen bei den Jungwählern vom Herbst 2008 für überzogen: „Sie basieren auf Hochrechnungen und sehr kleinen Samples und sind deswegen für mich zumindest hinterfragenswert.“ Die neue Sora-Studie bestätige zwar, dass „beide rechten Parteien besonders von den jungen Erwerbstätigen, die sich im Vergleich zu den Schülern in ganz unterschiedlichen Lebenswelten befinden, leicht überdurchschnittlich gewählt wurden“. Aber vor allem bei den 16- bis 18-Jährigen sei die Situation „keineswegs so dramatisch wie angenommen“. Bei den Wahlmotiven für die FPÖ- und BZÖ-Wähler seien der Protest gegen die regierenden Parteien, der Umgang der Rechtsparteien mit dem Ausländerthema und die Person des Spitzenkandidaten in ähnlichem Umfang ausschlaggebend für die Stimmabgabe gewesen. Markantes Detail: Unter jungen Rechtswählern ist die Wahlentscheidung weitaus stärker personengeprägt als im linken und konservativen Lager. Als auffallendes Kuriosum der Studie ergibt sich, dass die Migrantenproblematik bei den abgefragten politischen Prioritäten ziemlich weit unten rangiert, während sie als Motiv bei der Stimmabgabe als besonders wichtig angegeben wurde.

„Ich empfinde den Muezzin-Turm in Telfs als eine Frechheit“ , schimpft die 17-jährige Gymnasiastin Julia, die aus mittelständischem ÖVP-Milieu in der Tiroler Gemeinde Schwaz kommt. „Ich bin mir sicher: Kein Österreicher dürfte in der Türkei eine katholische Kirche bauen. Ich wähle die FPÖ, weil sie die Immigrantenzuwächse stoppen wird. Ich habe keine Lust, mein Kind einmal in eine teure Privatschule geben zu müssen, weil das Niveau in den öffentlichen Schulen durch faule Einwanderer, die sich weigern, Deutsch zu lernen, rapide gesunken ist.“

FPÖ-Wähler ist auch der 16-jährige Gymnasiast Benjamin Cepicka, der in Wien geborene Sohn tschechisch-jüdischer Einwanderer, wie auch der Rest seiner Familie: „Wenn ich das erzähle, sind die meisten völlig schockiert. Ich bin sicher von der Anti-Islam-Haltung meines Vaters geprägt, aber auch von einer Volksschulzeit im 11. Bezirk, wo einige Kinder nicht ein einziges Wort Deutsch konnten.“

Der gebürtige Kroate Danijel Tokic , 16, der die HTL in Wien besucht, führt nos­talgische Gründe für seine FPÖ-Verbundenheit an: „Mein Großvater hat mir erzählt, dass der Faschismus in Kroatien die beste Zeit war, die er erlebt hat. Ganz allgemein bin ich der Meinung, dass wir Nicht-Österreicher hier so leben sollten, wie es eben in Österreich üblich ist.“ Dass H. C. Strache in den „Migranten-Communities“ so stark punkten konnte, liegt nach Ansicht des deutsch-österreichischen Regisseurs Jakob M. Erwa, dessen mit Migranten-Laien besetzte Vorabendserie „Tschuschen:Power“ zurzeit im ORF läuft, daran, „dass die Leute, denen ständig eingetrichtert wurde, dass sie keine richtigen Österreicher sind und nur auf Zeit hier sein dürfen, natürlich die meiste Angst vor neuen Zuwanderern haben“.

Keine Berührungsängste. Erstaunlicherweise wurden die Jung- und Erstwähler trotz der FPÖ-Skandale wie Straches wehrsportlicher „Jugendsünden“ und diverser verbaler Haider-Ausrutscher von keinen ideologischen Berührungsängsten gehemmt. Der Projektleiter der Sora-Studie, Steve Schwarz, erklärt das mit einem „stark beeinflussenden Kontexteffekt“: „Als diese Wähler erstmals mit der Politik in Berührung kamen, saß die FPÖ in der Regierung, und die SPÖ war Oppositionspartei. Warum sollen die Jungen jemanden als gefährlich empfinden, der jahrelang Regierungspartei war?“

Der Rechtsdrall unter den Jungen basiert somit weniger auf strammer Ideologie als auf diffuser Zukunftsangst. Das zeigen nicht nur die profil-Interviews mit jungen Wählern, es ist auch die empirisch begründete Meinung der Jugendforscher Klaus Hurrelmann und Bernhard Heinzlmaier (siehe Interview Seite 88), dessen Institut tfactory in Wien und Hamburg ansässig ist. Die „betrogene Generation“, so Hurrelmann, fühle sich auch in Deutschland vorrangig von den Rechtspopulisten verstanden; dort hätten sie das Gefühl, dass sich jemand darum kümmert, dass „sie nicht auf der Strecke bleiben“.

Disco-Monopol. Das ewige Herumgerede der Großparteien und Grünen sei für die wenig „diskursorientierte“ Jugend nervend und frustrierend, erklärt Heinzlmaier. Außerdem sei „mit hässlichen, alten Männern an der Spitze bei den Jungen prinzipiell nichts zu holen“. Ein erheblicher Faktor von Straches Anziehungskraft bei der Jugend ist neben seinem juvenilen Äußeren das „Disco-Monopol“, wie es der Wiener Werbestratege Luigi Schober formuliert. Strache zeigt sich gern im Wiener Szeneclub „Passage“, schunkelt auf Balkanbeats im Marroko-Schuppen „Aux Gazelles“, verteilte im Wahlkampf 100.000 blaue Armbänder, rappt auf YouTube „gegen Korruption und Verrat“ und hat, so Schober, im Gegensatz zu seinen „Out-of-Touch-Mitbewerbern, die alle in der Steinzeit leben“, begriffen, dass „die Botschaften über Kanäle verschickt werden müssen, die die Jugendlichen auch nutzen – wie zum Beispiel Facebook, Twitter und andere Web-2.0-Produkte“. Johann Gudenus, Bundesobmann des Rings Freiheitlicher Jugend, sekundiert: „Wir Freiheitlichen haben eben kapiert, dass man direkt mit den Jungen in Kontakt treten muss. Deswegen haben wir vom Ring auch im Wahlkampf viele Touren durch Jugendlokale mitorganisiert, was uns von den anderen Parteien vorgeworfen wurde.“

Angst ist der große Gewinner aller aktuellen Jugendumfragen. Die Angst, den Lebensstandard der Eltern nicht halten zu können, im Berufsleben nicht Fuß fassen zu können, die Angst, diesem „wahnsinnigen Spektrum von Anforderungen“ (Shell-Forscher Klaus Hurrelmann) auch nur irgendwie gerecht zu werden, versetzt die vom Crash noch zusätzlich schwer verunsicherte Generation in einen Zustand der Apathie, Stagnation und Melancholie. Schon zwei Jahre vor dem Zusammenbruch der Wirtschaft rangierte in der Parade der österreichischen Teenager-Ängste, erhoben vom Institut für Jugendforschung, die Sorge, „einmal keine Arbeit zu finden beziehungsweise arbeitslos zu werden“, mit 59,2 Prozent an vorderster Stelle, gefolgt von der Panik, „einmal an einer schweren Krankheit zu leiden“ (57,3 Prozent). Dieselben Existenznöte prägten auch die letzte deutsche Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2006. Durch die verschärfte Konkurrenzsituation werden soziale Verantwortung und gesellschaftlicher Veränderungswille zu mar­ginalen Bedürfnissen. Auch die jüngste Timescout-Erhebung der Wiener tfactory signalisiert, dass das von Bono, Bob Geldof oder Greenpeace propagierte Gutmenschentum für die heutige Jugend kein erstrebenswertes Ideal repräsentiert. Zu sehr ist sie ­damit beschäftigt, „sich selbst zu verstehen, sodass für das, was da draußen vor sich geht, keine Zeit und Energie bleibt“, so der tfactory-Betreiber Bernhard Heinzlmaier.

Während die Generation der Babyboomer-Kids möglichst schnell die häusliche Enge sprengen wollte und in WGs und Studentengarçonnièren zog und dabei auch einen niedrigeren Lebensstandard – im Tausch gegen mehr Freiheit – gern in Kauf nahm, bunkern sich die Twens mittlerweile lieber in der „Herkunftsfamilie“ ein. Das bewusste Hinauszögern des Erwachsenwerdens mag neben dem Unbehagen vor der Alleinverantwortung in einer rauen Realität auch mit dem frühzeitigen Ende der Kindheit im Zusammenhang stehen: Während die Pubertät bei vorangegangenen Generationen mit durchschnittlich 14 Jahren einsetzte, bekommen die Kids von heute bereits im Alter von zwölf Jahren einen Vorgeschmack auf das Erwachsensein.

Das „Hotel Mama“ ist vor allem eine von Söhnen frequentierte Adresse; Töchter sind weit autonomiefreudiger und leistungswilliger. „Das haben die jungen Frauen schon in den Jahren zuvor eindrucksvoll bewiesen“, berichtet Klaus Hurrelmann. „Auch die Migrantinnen zeigen viel mehr Willen, sich aus ihrem zugewiesenen Eck durch Bildung und Ausbildung zu befreien.“ Dabei ist das häusliche Familienleben keineswegs durch ein idyllisches Miteinander, sondern vor allem durch ein beziehungs- und gesprächs­armes Nebeneinander charakterisiert. Boomende Online-Netzwerke wie Facebook ­erwecken die Illusion, dass man sich auch allein im stillen Kämmerlein mitten im sozialen Geschehen befindet.

Die Freizeitbeschäftigung Ausgehen hat in der Wirtschaftskrise deutlich an Attraktivität eingebüßt. Als Zielgruppe für Produzenten von Konsumartikeln ist der gegenwärtige Jugendliche ein schwieriger Fall. Markennamen wirken nur mehr in der Proletarierschicht wie der Krocha-Szene mit ihren Ed-Hardy-Mützen und Fiorucci-Karottenjeans identitätsstiftend; der Glaube, dass bestimmte Konsumartikel als Bausteine für die Persönlichkeitsbildung dienen, ist in der gebildeten Mittelschicht stark zurückgegangen. Die hartnäckigen Versuche des ORF, die im Zweifelsfall eher auf ProSieben abonnierten TV-Konsumenten zum Staatsfunk zu lotsen, sind laut Bernd Heinzlmaier „zum Scheitern verurteilt“: „Der ORF wirkt auf die Jugend in seinem Auftreten haltlos veraltet, und außerdem wollen sich die jungen Seher längst nicht mehr diktieren lassen, wann sie was zu sehen haben, und nutzen ohnehin vor allem Internet-TV.“

Was das Sex- und Beziehungsleben betrifft , so hat die sexuelle Permissivität nichts zur Verringerung der Konfusion beigetragen. Trotz der medialen Übersexualisierung liegt das Durchschnittsalter für das erste Mal in Österreich seit mehreren Jahren bei 15 Jahren, wie die Wiener Gesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger berichtet. Die Scheidungskinder-Generation hat eine sehr idealisierte Vorstellung von Beziehungen und einer Familie, die sie in der klassischen Form nie oder nur kurz kennen gelernt hat. Andererseits sind die Teenager durch den einfachen Zugang zu pornografischen Inhalten im Internet von einer klaren Differenzierung zwischen „Sex und Gefühlen“ (Wimmer-Puchinger) bestimmt. In den USA schlägt sich die Internet-Pornografisierung bei Pubertierenden in einem neuen Breitenphänomen nieder: „Sexting“ bezeichnet das Massenversenden von Nacktbildern per SMS, die Teenies von sich selbst in den intimsten Situationen gemacht haben. Einer Erwachsenenwelt, die den Exhibitionismus im Netz zu einer Art Religion erhoben hat, will man schließlich um nichts nachstehen.

So frei wie nie und so unglücklich wie schon lange nicht , könnte die Diagnose einer Jugend lauten, die gern in der Leistungsgesellschaft mitspielen würde, aber durch die allgemeine Perspektivenlosigkeit zusehends in Agonie verfällt. Forscher sagen für die kommenden Jahre einen dramatischen Anstieg von Depressionen und psychischen Erkrankungen unter Teenagern voraus. Das alte Schlagwort „Teen-Angst“ hat im gegenwärtigen Kontext eine neue Bedeutung ­bekommen. Die 30-jährige Ex-MTV-­Moderatorin Sarah Kuttner hat dieses Lebensgefühl jüngst in ihren Debütroman „Mängelexemplar“ gegossen. Zwar ist die traurige Heldin Karo schon 27, doch das fällt nicht ins Gewicht. Sie ist gefangen in der Sehnsucht, Berlin-Mitte-Coolness und ein bürgerliches Dasein zu verbinden, und leidet an Depressionen: „In mir rennt plötzlich alles auf mich zu. Laut, schnell, enorm und bedrohlich.“ Und an einer anderen ­Stelle setzt sie das Leben gleich mit einem Madonna-Konzert: „Es ist, als ob man im Radio sauteure Karten für dieses ‚fucking event‘ gewonnen hat, aber keine Lust hat, dorthin zu gehen.“

Fotos: Peter M. Mayr