Die Glücklichen von der Goldküste

Hohes Wirtschaftswachstum, stabile Demokratie: Ghana ist eines der wenigen Beispiele für erfolgreiche Entkolonialisierung. Warum funktioniert in diesem Land, was anderswo in Afrika scheiterte?

Ist das tatsächlich noch Afrika? Statt in einer zerschlissenen Kladde stundenlang nach den Namen unliebsamer Personen zu blättern, legt eine Grenzpolizistin am Flughafen von Accra einfach den Reisepass auf den Scanner und winkt dann freundlich durch, ohne – wie sonst in diesen Breitengraden üblich – selbst Ende Februar noch ein Weihnachtsgeschenk zu verlangen. Hinter der Einreisekontrolle stürzt sich keine Meute auf den Reisenden, um an ihm irgendwelche unerbetenen Dienstleistungen zu vollstrecken. Der Taxifahrer bleibt auch am Ziel noch beim anfangs vereinbarten Preis, das Hotel akzeptiert Kreditkarten.

Willkommen in Ghana, dem freundlichsten Staat des Kontinents. Im Zentrum von Accra ziehen Bautrupps spiegelverglaste Bürohäuser in die Höhe, in denen sich Unternehmen wie der Flugzeugkonzern Boeing einrichten. Industrienationen wetteifern um den elegantesten (Niederlande) oder mächtigsten (USA) Neubau für ihre diplomatischen Vertretungen. Und auf fast allen Fahrzeugen flattert zumindest eine kleine Nationalflagge. „Die Ghanaer befinden sich derzeit in einem regelrechten Freudentaumel“, bemerkt ein Diplomat.

Sie haben auch allen Grund zum Feiern. Dem westafrikanischen Staat geht es wirtschaftlich so gut wie seit Jahrzehnten nicht: Sowohl die Preise für Gold als auch die für Kakao – die beiden Hauptexportgüter des Landes – sind auf fast schon historische Höhen geklettert. Präsident John Kufuors vorbildlicher Regierungsstil wurde von der Weltbank mit einem Schuldenerlass belohnt, kürzlich ernannte ihn die Afrikanische Union sogar außerplanmäßig zu ihrem Vorsitzenden.

Außerdem feiert Ghana am 6. März seinen 50. Geburtstag – ein Datum, auf das die Bevölkerung besonders stolz ist. Die ehemalige Goldküste war der erste schwarzafrikanische Staat, der die Herrschaft der Kolonialherren, in diesem Fall der Briten, abschüttelte. „Uns Ghanaern macht so schnell keiner etwas vor“, meint Cliffort Anim selbstbewusst.

Der Arbeitsplatz des 32-Jährigen könnte sich genauso im Londoner Westend oder in Wien befinden: Cliffort ist umgeben von einer Galerie an Flachbildschirmen, in die dutzende von Kunden starren, einem Großraumbüro, das von Kleinunternehmern als provisorischer Geschäftssitz genutzt wird, und einem Server, der sowohl mit einer Satellitenschüssel wie mit einem nach Europa führenden Glasfaserkabel verbunden ist. Cliffort ist Kundendienstleiter von busyinternet – einem von zahllosen IT-Unternehmen, die in Accra aus dem Boden schießen.

Highlight. busyinternet ist jeden Tag geöffnet, und zwar 24 Stunden lang, auch feiertags und selbst zu Weihnachten. Täglich kommen rund 1300 Menschen in das Hightech-Zentrum, verschicken hier E-Mails, chatten, surfen im Internet oder sehen sich eine DVD an. Manche Kunden reisen drei Stunden lang mit dem Bus an, um bei busyinternet ihren Geschäften nachzugehen: Für viele Jungunternehmen sei das Zentrum schlechterdings unverzichtbar – wie für die Designerin, die ihre Muster von hier aus zu ihren Kunden nach Indien und nach China mailt. „Wir sind eine der Keimzellen des neuen Ghana“, sagt Cliffort stolz.

Auf die Frage, warum sich ausgerechnet der ehemalige Sklavenumschlagplatz zu einem Highlight im sonst so finsteren Kontinent gemausert hat, bekommt man in Accra fast ebenso viele Antworten, wie die 2-Millionen-Stadt Einwohner hat. Die einen führen die Stabilität des Landes darauf zurück, dass die Briten hier ausnahmsweise nicht die traditionellen Strukturen zerschlugen: Dorfälteste und Könige hätten auf diese Weise verhindert, dass sich die Ghanaer wie die meisten ihrer Nachbarn über kurz oder lang in Bürgerkriegen zerfleischten. Andere verweisen auf das außergewöhnlich hohe Bildungsniveau der Bevölkerung. Wirtschaftswissenschafter heben Ghanas Glück hervor, über keine Erdölvorkommen zu verfügen: Sämtliche Ölstaaten des Kontinents schneiden im Entwicklungsindex miserabel ab, weil dort die Korruption blüht und keine diversifizierte Industrie entsteht. In allen Gesprächen fällt aber irgendwann ein Name, der wie kein anderer für das Wohl des Landes verantwortlich gemacht wird: Kwame Nkrumah.

Der charismatische Gründungsvater sorgte dafür, dass die Zahl der höheren Schulen nach der Unabhängigkeit von sechs auf 200 in die Höhe schnellte. Er ließ den Akosombo-Damm errichten, der den größten künstlichen See der Welt aufstaut, und schuf mit dem Bau einer Aluminiumschmelze, eines Atomkraftwerks und der ersten Autobahnen des Kontinents die Grundlage für die Industrialisierung seiner Heimat. In den ersten Jahren der Unabhängigkeit verfügten die Ghanaer über das doppelte Pro-Kopf-Einkommen Südkoreas. Dann kam der Absturz: Zwei Jahrzehnte später musste Südkorea dem westafrikanischen Land mit Entwicklungshilfe assistieren. Wie das passieren konnte, ist auch 50 Jahre später noch umstritten.

Nkrumahs einstiger Mitarbeiter Kwaku Asante verweist auf den Kollaps der Kakaopreise, der Ghanas Wirtschaft einen Schock versetzt habe. Verschwörungstheoretiker wiederum machen die CIA verantwortlich: Sie habe 1966 den Militärputsch orchestriert, mit dem der Sozialist und Antiimperialist Nkrumah aus dem Amt gefegt wurde.

Realisten verweisen allerdings darauf, dass der Niedergang bereits in Nkrumahs Regierungszeit begann: Der Befreiungsführer, der sich zuletzt nur noch als „Osagyefo“ (Retter) anreden ließ, erklärte Ghana zum Einparteienstaat und sich selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit, warf Kritiker ins Gefängnis und entwarf immer bombastischere panafrikanische Zukunftsvisionen, während seine Heimat wirtschaftlich zerbrach. „Schon vor dem Umsturz wusste jeder, dass es so nicht weitergehen konnte“, erinnert sich Geschichtsprofessor James Anquandah.

Doch danach wurde alles nur noch schlimmer. Zwei Jahrzehnte lang taumelte Ghana von einem Armeeputsch zum anderen, die Wirtschaft sackte vollends in den Keller, in den Ministerien fielen Beamte vor Hunger in Ohnmacht.

Neue Ära. So hätte es weitergehen, Ghana zum Problemstaat werden können wie viele andere auch, wäre da nicht Jerry Rawlings gewesen. Der marxistische Militärdiktator konvertierte zum Demokraten und Marktwirtschaftler und brachte Ghana wieder auf Vordermann: Im Jahr 2000 fand schließlich der erste durch Wahlen herbeigeführte Regierungswechsel seit der Unabhängigkeit 1957 statt. Als der neue Präsident John Kufuor seinem Vorgänger bei der Antrittsrede zusicherte, er werde ihn so behandeln, wie er selbst nach seiner Regierungszeit behandelt werden wolle, „wussten wir, dass eine neue Ära angebrochen ist“, erinnert sich ein Diplomat. „In welchem Staat Afrikas denkt denn sonst ein Präsident daran, dass er irgendwann mal wieder abtreten wird?“

Überhaupt machte der in Oxford ausgebildete Jurist so ziemlich alles richtig: Er privatisierte vorsichtig, half mit der Beseitigung bürokratischer Hürden der Wirtschaft auf die Beine und ließ seinen Regierungsstil als erster Staatschef des Kontinents von einem afrikanischen Expertengremium begutachten. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: Ghanas Wirtschaft wächst wieder Jahr für Jahr um durchschnittlich sechs Prozent, die kleine Börse Accras legt manchmal mild, manchmal (wie 2003) im Jahresschnitt rasant um 160 Prozent zu, bei allen Weltbankstudien wird das Land als mustergültig hervorgehoben. Bei der Suche nach Ländern für eine westafrikanische Freihandelszone setzten Experten der arabischen Anlegerfirma Flemingo ihren Finger ohne langes Zögern auf Ghana: „In keinem Land der Region sind die Bedingungen besser“, sagt Flemingo-Mann Kamlesh Chotalia.

Kein Wunder, dass bereits die ersten der zwei Millionen in alle Welt ausgewanderten Ghanaer wieder nach Hause zurückkehren und junge Männer wie Cliffort Anim erst gar nicht mehr an Emigration denken. Noch vor wenigen Jahren war es der große Traum des Musterschülers, zum Studium nach London auszureisen – was damals am Geld scheiterte. Bald werde er tatsächlich an einer britischen Universität studieren, aber „online und hier von meinem Büro aus“, lacht Cliffort. „Uns steht inzwischen doch der Himmel offen.“

Von Johannes Dieterich, Accra