'Die Hard': Sterben für die Öffentlichkeit -
Wie Medien die Tabuzone des Todes erobern

Farrah Fawcett lässt sich beim Sterben filmen, Christoph Schlingensief schlägt aus sei­nem Lungenkrebs künstlerisches Kapital, Jade Goody wurde durch Krebs zum Superstar. Wie die Medien die Tabuzone des Todes erobern.

Von Angelika Hager

Das Szenario war gespenstisch. Nicht nur durch den tragischen Anlass. Am 15. Mai, zeitgleich mit der Erstausstrahlung auf dem US-Sender NBC, beging Hollywood in Beverly Hills die Premiere der zweistündigen Dokumentation „Farrah’s Story“, einer Art Videotagebuch vom Darmkrebsmartyrium der inzwischen 62-jährigen Schauspielerin. Richtig beklemmend war es zu beobachten, wie die Stars-und-Starlets-Karawane in Abwesenheit der unheilbar kranken Protagonistin des Abends unbeirrt ihre Posier-, Smalltalk- und Lächelrituale absolvierte. Das Sterben wurde wie ein Partygast in das Geschehen integriert, dem man den Schrecken nehmen wollte, indem man ihm keine VIP-Behandlung zuteil werden ließ.

Der 68-jährige Ryan O’Neal , Fawcetts Immer-wieder-Lebensgefährte seit 30 Jahren, positionierte sich mit Alana Stewart, der im Cocktail-Schick erschienenen Produzentin des Films, lächelnd vor den Kameras, als ob er das Ende des Stillstands seiner Karriere zu feiern hätte. Er fütterte die Presse mit Anekdötchen über seine erste Begegnung mit Fawcett und hatte auf die Frage, ob er seiner Dauerfreundin nun endlich einen Hochzeitsantrag machen werde, eine launige Antwort in petto: „Ich weiß nicht so recht … wahrscheinlich habe ich Angst, sie könnte ablehnen.“
Melanie Griffith huschte, die Fotografen grüßend, durch das Ambiente, und Jacqueline Bisset, die sich an diesem Abend für ein neckisches Leopardenensemble entschieden hatte, plauderte in die Mikros, „dass die ganze Welt sich an Farrah ein Beispiel nehmen soll: Sie ist eine so tapfere und mutige Frau.“ Stolz vermeldete NBC auf seiner Homepage am Tag nach der Ausstrahlung, dass „Farrah’s Story“ dem Sender einen Quotenrekord von nahezu neun Millionen Zuschauern beschert hatte – eine Zahl, die im saisonalen Stationenvergleich nur noch vom Finale der CBS-Krimiserie „Numb3rs“ mit 9,3 Millionen übertroffen werden konnte.

Starmaterial Krebs. Die Motivation des Publikums, Amerikas ehemals beliebtestem Postergirl beim Sterben zuzusehen, ist leicht zu erklären: Betroffenen und ihren Angehörigen vermittelt das Spektakel das Gefühl, nicht allein mit ihrem Schicksal dazustehen. Den Rest bewegen Voyeurismus, die beruhigende Erkenntnis, dass Krankheiten demokratische Institutionen sind, die auch vor den Schönen, Berühmten und Reichen nicht Halt machen, und die – seit den Gladiatorenspielen im antiken Rom – unleugbare Tatsache, dass sich Lebende nie lebendiger fühlen als im Angesicht von Todgeweihten.

Dass eine tödliche Krebsdiagnose allein ausreichen kann, um einen Menschen zum Star zu erheben, zeigte der Fall der Britin Jade Goody im Frühjahr. Die 27-jährige Zahnarzthelferin, die 2002 durch ihre ­Teilnahme bei „Big Brother“ ins Radar­system der Öffentlichkeit gekommen war, besaß an sich alle Koordinaten zum Publikumshassobjekt: Sie war übergewichtig, ungebildet, laut, promiskuitiv, die schlechte Mutter zweier unehelicher Söhne und ­erregte die Gemüter, als sie bei einer „Celebrity“-Tranche im „Big Brother“-Container 2007 das indische Bollywood-Starlet Shilpa Shetty rassistisch attackierte.

Als Goody vor laufender Kamera während ihrer reuigen Teilnahme bei einer indischen Container-Show ein Jahr später am Telefon die Diagnose eines unheilbaren Gebärmutterhalskrebses entgegengenommen hatte, wandelte sich ihr Image rasant. Sie mutierte zum liebens- und bedauernswerten Opfer, dem selbst Premier Gordon Brown öffentlich sein Mitgefühl auszusprechen hatte. Ihr Entschluss, nach „einem Leben vor den Kameras auch vor den Kameras zu sterben“, löste eine bespiellose Medienhysterie aus. Goody schloss einen Vertrag mit dem bislang unbedeutenden Privatsender Living TV, der sie in nahezu allen Krankheitsstadien abfilmte, und scheffelte zusätzliche Millionen in Form von Buchverträgen und Fotorechten. „Sie hatte nicht nur ein erfülltes Leben, sondern auch einen erfüllten Tod“, konstatierte ihr Medienberater Max Clifford, der schon Klienten-Kaliber wie die Beatles und Muhammad Ali unter seinen Fittichen hatte, als er vor Goodys Wohnhaus im vergangenen März ihren Tod bekannt gab. Den endgültigen Tabubruch, sich bei den letzten Atemzügen abfilmen zu lassen, hatte Goody dann doch verweigert.

Interaktiver Selbstmord. Begangen hatte ihn ohnehin schon vor 13 Jahren der LSD-Philosoph und Schriftsteller Timothy Leary. Nach der Diagnose von inoperablem Prostatakrebs beeilte sich der 76-Jährige, in Interviews zu verkünden, dass „ich mich auf den Tod freue, weil ich nämlich unsterblich bin“. Auf seiner Website dokumentierte er über Monate den langsamen Verfall seines Körpers; die „Show“ endete mit einem Video, auf dem zu sehen war, wie Leary mit heiterer Miene einen Giftcocktail trank. Als „interaktiven Selbstmord und letzte Szene im großen Epos meines Lebens“ hatte er den Akt bezeichnet. „Wie ein kulturelles Ebola-Virus ist die Unterhaltung sogar in Organismen vorgedrungen, von denen kein Mensch jemals geglaubt hätte, dass sie unterhaltsam sein könnten“, schreibt der US-Kommunikationsforscher Neal Gabler in seiner Analyse „Das Leben, ein Film“.

Auch bei Farrah Fawcett droht nun der ultimative Tabubruch. Die Verhandlungen für eine TV-Fortsetzung von „Farrah’s Story“ sind bereits in vollem Gange. Die zu erwartenden Szenen kann man sich bereits ausmalen: Farrahs letzte Ölung, ein weinender Ryan O’Neal an ihrem Krankenbett, der in Trauer versteinerte gemeinsame Sohn Redmond, der seiner Mutter verspricht, in Zukunft die Hände von den Drogen zu lassen, vielleicht noch eine eilige Hochzeitszeremonie und ein Autogramm für die Nachtschwester vor dem letzten Atemzug.

Was der französische Regisseur Bertrand Tavernier vor nahezu 30 Jahren in seinem Film „Der gekaufte Tod“ als zynische Utopie beschwor, ist im Zeitalter der „Tabloid-Kultur“, wie das Starmagazin „Vanity Fair“ eine nach Prominenten und ihren Schwächen süchtige Dekade nannte, längst Wirklichkeit geworden. In „Der gekaufte Tod“, so der französische Titel, spielte Romy Schneider eine unheilbar kranke Schriftstellerin, die mit „Death Watch“, einer TV-Produktionsfirma, die sich der akribischen Dokumentation des Sterbens todkranker Menschen verschrieben hat, einen Vertrag unterzeichnet, jedoch die Spielregeln bricht, indem sie flieht, um diesem unwürdigen Spektakel zu entgehen. Farrah Fawcett sieht keinen Grund zu fliehen. Sie ist Opfer, aber auch Täterin. Mit dem Entschluss, ihren qualvollen Kampf in allen Details, inklusive des Kotzens in Bettschüsseln, der Welt zugänglich zu machen, glaubt sie, ihr Ticket in die Unsterblichkeit gelöst zu haben.

In gesundem Zustand wäre Farah Fawcett heute der Welt allenfalls noch als hinreißende Frisurenträgerin mit kalifornischem Zahnpastalächeln und Serienstar aus den Siebzigern („Drei Engel für Charlie“) in Erinnerung. Im günstigsten Fall würde einer Celebrity mit einem solchen „Has-been“-Faktor noch Zugang zu einem „Big Brother“-Container gewährt werden, in dem andere „Has-beens“ sich für ein bisschen Öffentlichkeit zum Affen machen. Die Bilder einer vom Tode gezeichneten Schönheit, die in die Kamera Sätze wie „Es ist ernsthaft Zeit für ein Wunder“ und „Ich wusste schon immer, dass ihr meine Haare wolltet, jetzt habt ihr sie“ seufzt, werden sich ins kollektive Gedächtnis brennen. „Ich wünschte, es wäre vorbei“, schluchzt Fawcett in dem Film, als ihr ein Arzt die Hoffnungslosigkeit in Form eines schwarze Punkts auf ihrem Röntgenbild zeigt. „Es tut so weh.“

Ewiges Leben garantiert. Die vordergründige Motivation ihres Exhibitionismus ist, so ließ Farrah Fawcett durch ihre Produzentin verkünden, „anderen Menschen in ähnlichen Situationen Hoffnung und Kraft zu geben“. In der schonungslosen Zurschaustellung ihres Leidens strebt sie jedoch unbewusst die totale Symbiose mit der Öffentlichkeit an und wird – so viel ist sicher – zu einer Märtyrerin des Medienzeitalters avancieren. Ewiges Leben garantiert – aber nicht im Sinne der katholischen Kirche, deren Märtyrer für ihre irdischen Qualen mit der Heiligsprechung belohnt wurden, sondern in Form von unendlicher Berühmtheit.

Wie lebendig Tote in Hollywood sein können , zeigt das Beispiel von Heath Ledger. Dem im Alter von 28 Jahren vor eineinhalb Jahren an einem Medikamentencocktail verstorbenen Schauspieler wurde posthum der Oscar als bester Nebendarsteller für den Joker in Christopher Nolans „Batman“ zuerkannt; in Cannes wurde seine schau­spielerische Leistung in Terry Gilliams durchgeknalltem Fantasy-Spektakel „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ kürzlich gefeiert, als ob der Tod nur eine Station in der scheinbar unendlichen Biografie des Australiers wäre.

In der Kunst sind Krankheit und Tod schon längst enttabuisiert; Joseph Beuys attestierte dem Sterben sogar die Wirkung eines „Wachmachers“. Das „Krankheitstheater“, so bezeichnete der todkranke Thomas Bernhard seine letzte Lebensphase, kann in der Kunst zu produktiven Kraftakten führen, die nahezu wie kreative Trotzreaktionen auf das eigene Schicksal anmuten. Im Angesicht des Todes liefen etwa der britische Filmregisseur Derek Jarman, der französische Schriftsteller Marcel Proust und die deutschen Künstler Joseph Beuys und Jörg Immendorff, trotz Lähmung seiner Arme durch amyotrophe Lateralsklerose, zu schöpferischer Höchstform auf. „Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt; wer sie verbirgt, wird nicht geheilt“ – mit dieser Fußnote versah der 1986 an einer langwierigen Lungenkrankheit verstorbene Beuys eine Installation, in der er Krankheit und Tod durch Leichenbahren, Vogelschädel und Spitalsmobilar stilisierte.

Kunstform Krankheit. Das Beuys-Zitat fungierte auch als Motto von Christoph Schlingensiefs grandioser Krebs-Oper „Mea culpa“, die im Herbst im Burgtheater wiederaufgenommen wird. Wie ein wild gewordener Berserker toben Schlingensiefs Alter Ego Joachim Meyerhoff und der Regisseur selbst durch einen „erweiterten Krankenbegriff“ und befreien sich vom Krebs und der Todesangst, indem sie beide ironisieren, plattwalzen und bis zum Exzess thematisieren. „Schreiben Sie auch einmal ein Buch, wenn Sie Krebs haben“, ruft Schlingensief augenzwinkernd seinem Publikum zu, ehe der Vorhang fällt. „Krankheit ist die ultimative perverse Kunstform“, notiert der deutsche Aktionskünstler und Theatermacher, der im vergangenen Jahr an lebensbedrohlichem Lungenkrebs erkrankt ist, in seinem eben erschienenen Tagebuch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“.

„Sie gibt einem nicht, was man wünscht, aber sie lehrt die Sehnsucht.“ Und an anderer Stelle schreibt er: „Wenn sich dein Leben in eine Tragödie verwandelt, versuche, sie wie ein Zuschauer zu betrachten.“ Inzwischen hat er die Website „Krank und autonom“ gegründet, die als Plattform für „geschockte Patienten“ dienen soll, denn es geht vor allem darum, „nicht allein hart und erbarmungslos gegen die Krankheit vorzugehen“.
Sterben als Zuschauersport – was bei Fawcetts und Goodys Exhibitionismus im Endstadium so beklemmend ist, wirkt bei Christoph Schlingensief wie ein energetisierender Erlösungsschlag.

„Es ist nachvollziehbar“ , so der Autor Werner Schneyder, der seine Frau an Krebs verlor, „dass Menschen sich in solchen Drucksituationen Verbündete suchen.“ Der denkbar größte Verbündete ist die Öffentlichkeit.

Urangst Einsamkeit. Denn noch größer als Angst vor dem Tod ist die Angst, allein sterben zu müssen, wie der französische Soziologe Philippe Ariès in seinem Standardwerk „Die Geschichte des Todes“ schreibt: „Bis ins 19. Jahrhundert starb man öffentlich, nahezu jeder durfte das Sterbezimmer betreten. Heute ist die denkbar ­realste Aussicht, in der Einsamkeit eines Krankenzimmers zu sterben.“

Im Film „Invasion der Barbaren“ aus dem Jahr 2003 zeigte der frankokanadische Regisseur Denys Arcand, wie der Tod zu einem Fest geraten kann. Am Spitalsbett eines todkranken Mannes sind Freunde und Familie versammelt; es herrscht eine nahezu heitere Atmosphäre. Gemeinsam wird ein letztes Mahl zelebriert; alle heben die Rotweingläser, und der sterbende Professor, der nicht mehr trinken kann, sagt: „Trinkt ausschließlich auf mein Wohl. Und sagt mir noch, wie gut er schmeckt.“
Ein Abschied im Sinne des Sterbestilisten Timothy Leary, der knapp vor seinem „interaktiven“ Selbstmord verkündete: „Die wichtigste Aufgabe, die ein Mensch in seinem Leben zu bewältigen hat, ist die Art des eigenen Todes.“