Die Ide(e)n des März

Menschen, die nicht alles klass finden, galten früher als Skeptiker. Heute als Paranoiker.

Es hat sich in unsere Gesellschaft eine Beiläufigkeit der Befindungen eingenistet. Wir scheinen davon abgegangen zu sein, uns selbst über den Weg zu trauen. Was wir vorgestern noch für eine relativ unerschütterliche Erkenntnis, gespeist aus unseren eigenen Erfahrungen, gehalten haben, sind wir mehr und mehr willens, für die vorgeblich politisch korrekte, permissive Relativitätstheorie des gegenseitigen Umgangs miteinander zu halten.
Es bleibt nur Einstein auf dem andern.

Beinahe alle, die früher einmal für unsereins als offizielle oder inoffizielle Terroristen gegolten haben, sind heute Verhandlungspartner. Verbrechen von seinerzeit verhindern niemals mehr die Versprechen für eurerzeit.

Wer früher einmal notorischer Steuerhinterzieher war, wird heute goldgläubig als politischer Parteiführer gehandelt. Tricks gegen die Räson des Staats, auf die er vereidigt wurde? Aber bitte, das sind doch Schmähs von gestern.

Menschen, die dieser Republik in Ausübung ihres Amtes nachweislich geschadet haben und vermutlich auch nichts anderes vorhaben, als dies zu tun, weil sie sich ihren persönlichen Handlungsraum über das geflissentliche Täuschen hinaus gar nicht vorstellen können, sind nach wie vor renommierte Gesprächspartner, von denen ihre Gesprächspartner noch dazu in der medialen Öffentlichkeit behaupten, sie seien ernst zu nehmend – als Kompetenzen, nicht als Kriminelle. Diese Personen haben auch leichtes Spiel in einer Zeit der Zerrspiegel, die nur in dem Augenblick platzen würden, in dem die ihnen wohl bekannte jovialglatte Fratze in sie hineinschaut.

Seit dem sechzehnten, siebzehnten und anfangs des achtzehnten Jahrhunderts, seit den britischen Königsmorden, dem dummdreisten Dreißigjährigen Krieg und den menschenverachtenden französischen „Kabinettskriegen“ ist öffentlich wohl kaum mehr in einer Epoche eines weltweit verkündeten „Friedens“ so dicht geheuchelt und gemeuchelt worden.

Wir haben uns, anstelle des aufrechten Gangs, geradezu angewöhnt, den aufrechten Untergang zu bevorzugen; wir lassen alte Rassisten und neue Nazis unter unseren Augen zu und sagen daheim glücklich: Wie gut, dass es die verfassungsgeschützte Versammlungsfreiheit gibt. Wir biegen ein für unsere Kinder vermutlich lebenswichtiges Gesetz über den Schutz der Umwelt zurück, damit Idioten anderen Idioten vorführen können, wie sie am schnellsten ins eigene Grab fahren – und wir haben einen mobilen Verkehrsminister, der die Wahrscheinlichkeit der Erhöhung der im Individualverkehr Getöteten mit dem Segen einer Ja und Amen sagenden christlichen Regierungsspitze auch noch legalisieren will.

Wir haben eine politische Opposition, die in der berechtigten Angst, nicht einmal mehr rechtzeitig hinter ihrem eigenen Schatten hinterherhetzen zu können, sich und uns relativ leichtfertig überredet, doch wenigstens die allzu hastig retuschierte Kopie eines etwas schlecht entwickelten Abziehbildes zu sein.

Aber wir sind zahm, unsere Instinkte kaufen wir im Drogeriemarkt, unser Immunsystem ist das Fernsehen, und sollte uns einer weismachen wollen, Kain habe einen gewissen Abel erschlagen, so wollen wir nichts Genaues davon wissen, wenn es nicht in der „Soko Kitzbühel“ ausdrücklich erwähnt wird. Denn längst haben wir uns schon daran gewöhnt, uns für die Schlange zu halten, und nie im Traum würden wir auf die absurde Idee kommen, wir seien die faulen Äpfel, die mit Recht vom Baum der Erkenntnis gefallen sind.

Wir schauen einander auch nicht mehr an, wir blicken; wir sind Seiten-Blicker; aber nicht einmal mehr das gern, denn in Afrika soll es rings um ein paar Safari-Camps schon ein bissel heftig zugehen; da sind wir schon lieber Seidenblicker, weil uns jede fröhliche Grimasse gefällt, die mit 40 Grad gewaschen werden kann, wobei wir uns seit Langem schon, ungeschickt im Verkehr mit subkutan Substanziellem, mit der halben Seide begnügen. Wir bevorzugen allmählich, als seien wir feindliche Einflüsterer unseres Gewissens, die Substrate, denn ein Original würde uns doch jäh an etwas erinnern, das irgendwann Leben oder so geheißen hat.

Von dieser gang und gäbe gewordenen Warte der Giga-Trophie blicken wir schmachtend und süchtig auf jene zweibeinigen Versatzstücke, die sich als very impertinent persons zu verstehen geben. Sie sind das für uns, weil sie davon begeistert sind, dass wir sie dafür halten. Woran sollten sie – aufgegrinste, abgefettete Wesen – sonst noch glauben, wenn nicht an ein Kleben vor dem Tod?

Und an dem liegt uns ja allen so viel; wenn es schon nicht mehr sehr gesellschaftsfähig ist, einander Lebensart zu vermitteln, dann muss doch zumindest die Ablebens-Abart uniformiert sein, denn wer will schon individuell verkommen?
Noch immer sind wir damit zufrieden, grad noch uns selbst auszuhalten, wenn’s kein langer Tag ist. Wir gehen nicht mehr handbereit, sondern handyg miteinander um. Wir haben gelernt, anderen zu misstrauen.
Eben das hat uns zu anderen gemacht.