Die mageren Jahre

profil-Serie, Teil 3. Auch die Bevölkerung hatte lange von Beutekrieg und Arisierung profitiert – die bittere Not nach 1945 traf die Österreicher umso härter.

Der Jänner 1947 war ein Winter vom alten Schlag: Schnee, Sonnenschein und klirrende Kälte. In Innsbruck maß man am Dreikönigstag minus 22 Grad, in Klagenfurt sogar minus 23. Die Luft war staubtrocken, im November hatte es das letzte Mal geregnet.
Die Kinder mussten am 7. Jänner nicht in die Schule – sie blieb noch zwei Wochen zu: Es gab einfach kein Heizmaterial. Öl war Mangelware, die Kohleförderung lag darnieder, die Stromversorgung war zusammengebrochen. „Bergarbeiter, nur ihr könnt helfen!“, appellierte Sozialminister und Metallergewerkschafts-Obmann Karl Maisel (SPÖ) an seine Mitglieder: „Dies ist ein Appell in höchster Not!“ Die erschöpften und von Hunger geschwächten Bergleute konnten nicht mehr. 1600 Kalorien standen ihnen als Schwerstarbeiter täglich zu, benötigt hätten sie 5000.
0,5 Kilowattstunden Strom durfte ein Haushalt in diesem kalten Hungerwinter pro Tag verbrauchen – das entspricht der Leistung einer fünf Stunden lang leuchtenden 100-Watt-Birne.
Kein Strom, zu wenig Kohle, Missernten. Wegen des Mangels an Düngemitteln und Treibstoff wurden 1947 nur noch sieben Tonnen Kartoffeln pro Hektar geerntet. Vor dem Krieg, 1937, hatte ein Hektar noch 17 Tonnen hergegeben. Ähnlich war es beim Weizen.
In Ostösterreich waren im Kältewinter 1946/47 fast 70 Prozent der Kinder unterernährt. Bei zwanzig Prozent aller Todesfälle waren Infektionskrankheiten die Ursache, meist TBC oder Gehirnhautentzündung. Weitere zehn Prozent waren die Folge von Unfällen oder Gewaltverbrechen. Immer noch zogen gewaltige Flüchtlingsströme durchs Land. 113.000 Asylwerber musste die verarmte Republik in diesem tristen Jahr 1947 mitverpflegen.
Die Säuglingssterblichkeit war seit Kriegsende gewaltig: Von 1000 Neugeborenen starben 160 im ersten Lebensjahr (heute sind es fünf).
Österreich war auf den Status eines Entwicklungslandes abgesunken, eines Bettelstaates. Als die Seeleute in den USA im Juni 1947 steikten, flehte der ÖGB die Klassenbrüder aus Übersee vergeblich an, neun Schiffe mit Lebensmittelladungen für das hungernde Österreich auslaufen zu lassen. „Wir können nicht mehr weiter“, appellierte Wiens Bürgermeister Theodor Körner an seinen New Yorker Amtskollegen Fiorello La Guardia: „Wenn nicht Hilfe kommt, bricht die Bevölkerung zusammen.“
Zwei Jahre hatte der Hunger da schon gewütet. Vor allem in Ostösterreich war er von Beginn an der Wegbegleiter des neuen Staates gewesen. „Vor der Befreiung hatte der Normalverbraucher Anspruch auf 5,90 Kilo Schwarzbrot, 1,50 Kilo Weißbrot oder Mehl und 1,50 Kilo Weißgebäck für vier Wochen gehabt“, trug der spätere Vizekanzler und SPÖ-Obmann Adolf Schärf im Frühling 1945 in sein Tagebuch ein, „jetzt bekommt man bis 20. April täglich 0,25 Kilo Brot und dann bis Ende Mai 0,50 Kilo bis ein Kilo für die Woche!“ 800 Kalorien pro Tag – mehr hatten nur jene, die sich in den letzten Kriegstagen an den massiven Plünderungen beteiligt hatten. In der Ankerbrot-Fabrik in Wien-Favoriten wurden zwei Millionen Kilogramm Mehl weggeschleppt. „Auf den Gängen sind die Leute bis zu den Knöcheln in Mehl gewatet“, berichtete das „Neue Österreich“, die erste wieder erscheinende Tageszeitung.
Das sollte die Freiheit sein? Im Nazistaat hatte es wenigstens Essen und meist ein warmes Zimmer gegeben – zumindest für die „rassisch“ und politisch Einwandfreien. Beutekrieg und Arisierungen hätten den NS-Staat für die überwiegende Mehrheit zu einer „Wohlfühl-Diktatur“ gemacht, schreibt der Frankfurter Historiker Götz Aly in einer „Spiegel“-Serie: „Zu den Begünstigten zählten 95 Prozent der Bevölkerung.“
Nach dem Vorstoß der Wehrmacht in den Westen der Sowjetunion schien das große Deutschland zum Land von Milch und Honig zu werden. „Die Gebiete fruchtbarster Erde besitzen wir jetzt“, schwärmte Reichsmarschall Hermann Göring beim Erntedankfest 1942. „Eier, Butter, Mehl, das gibt es dort in einem Ausmaß, wie Sie es sich nicht vorstellen können.“
Dass die einheimische Bevölkerung selbst massenhaft verhungerte, störte die deutschen Invasoren nicht. Die zwischen August 1941 und Jänner 1942 gefangen genommenen Rotarmisten – zwei Millionen Männer – gab man in den Lagern dem Hungertod preis. Als die Vorräte in der Heimat 1943 dennoch knapp wurden, auferlegte man den eroberten Staaten einfach höhere Liefermengen. Die Ukraine wurde völlig leer geplündert und selbst Frankreich zu einer um 50 Prozent höheren Lieferquote verdonnert.
Die Familien zu Hause waren versorgt: Sie erhielten fast 85 Prozent des letzten Nettoverdiensts des eingerückten Ernährers, mehr als das Doppelte der Familien der US-Soldaten. Die Kriegshaushalte bestritt das NS-Reich fünfeinhalb Jahre lang zu zwei Dritteln aus der in fremden Ländern gemachten Beute und aus dem Vermögen der vertriebenen und ermordeten Juden Mittel- und Osteuropas.
Da fiel für die Heimat auch noch was ab. „Kraft durch Freude“-Ferienaktionen, Wohnbau und Gebärprämien satt, das Kindergeld wurde zwischen 1938 und 1942 verdreifacht. Die Menge der den niedergeworfenen Ländern abgepressten Futtermittel reichte sogar für eine einigermaßen funktionierende Fleischproduktion.

Wie in Afrika. Gegen Ende des Krieges, als die Sowjetunion ihre Kornkammern zurückerobert hatte, wurden auch in Berlin und Wien die Güter knapp und daher rationiert. Eine Hungersnot brach trotzdem nicht aus.
Entsprechende Einblicke gewann Hugo Portisch beim Materialstudium für seine in zwei Wochen anlaufende ORF-Serie: Auf den Fotos und in den Filmausschnitten aus den Tagen der Kriegshandlungen in Wien und Niederösterreich sehe man durchwegs einigermaßen gut ernährte Zivilisten – auf den wenige Monate später aufgenommenen Bildern dagegen durchwegs Hungergestalten.
In der von den Kriegshandlungen am schwersten getroffenen Stadt Österreichs, Wiener Neustadt, standen bis September 1945 pro Kopf und Tag nur 300 Kalorien zur Verfügung – nicht mehr als heute in den schlimmsten Hungerzonen Afrikas. Überdies waren wegen der nahen Flugzeugwerke 58 Prozent der Gebäude durch Bombenangriffe zerstört worden (in Wien waren es 13 Prozent).
Aber auch in Wien wurde erst eineinhalb Monate nach Ende der Kampfhandlungen wieder Milch für die Säuglinge ausgegeben – ein Achtelliter pro Kopf. 42 Prozent aller im Juni 1945 Geborenen starben innerhalb weniger Wochen.

Stalins Maispende. Obwohl auch in der Sowjetunion katastrophale Lebensmittelknappheit herrschte, ließ Josef Stalin der in Ostösterreich agierenden Regierung Renner aus politischen Gründen am 1. Mai 1945 eine legendär gewordene Spende übergeben: 7000 Tonnen Getreide sowie je 1000 Tonnen Erbsen, Schrot und Fisolen. Das meist bereits wurmige Gemüse bot noch viele Jahre lang Stoff für die Erzählungen der Kriegsgeneration.
Die Nahrungsmittelknappheit erzeugte einen höchst profitablen Schwarzmarkt. Hauptumschlagplätze waren der Wiener Naschmarkt und der Resselpark vor der Technischen Hochschule. Gudula Walterskirchen hat für ihr neues Buch1) eine Art Preisliste der begehrten Güter erstellt, die auf legalem Weg nicht zu haben waren: „Im Dezember 1945 kostete ein Kilogramm Mehl offiziell mit Lebensmittelmarken 0,64 Reichsmark, auf dem Schwarzmarkt brachte es 150 Reichsmark ein. Ein Kilogramm Brot kostete 60 Reichsmark statt 0,56, ein Kilo Schmalz 1400 statt 2,16 Reichsmark.“ Schmalz wurde noch nach der Währungsreform 1947 im Resselpark um 1000 Schilling gehandelt.
An den Wochenenden strömten die Städter aufs Land zum Hamstern: Pendeluhren wurden bei den Bauern gegen Kartoffeln, Perlenketten gegen Fett getauscht. Mitunter vermochten die Verkehrsmittel die Völkerwanderung zur Futtersuche nicht mehr zu bewältigen. Die „Wiener Zeitung“ vom 23. Juni 1946: „Durch die Überlastung der Waggons kam es zu Feder- und Achsbrüchen des Fuhrparks. Manche Kurse konnten nicht weitergeleitet werden, da 30 bis 40 Menschen auf den Dächern saßen.“ Um zu verhindern, dass hungrige Städter zu junge Kartoffeln ausgruben, erließ die Regierung im Sommer 1946 ein generelles Rucksackverbot.
Zu den existenziellen Problemen kamen die vielfältigen psychischen Belastungen der Nachkriegsjahre. Die Frauen litten unter den Übergriffen und Vergewaltigungen in der sowjetisch besetzten Zone. Im Weinort Pfaffstätten südlich von Wien etwa war fast die gesamte weibliche Bevölkerung davon betroffen. In Graz wurden 640 Vergewaltigungen angezeigt, im niederösterreichischen Bezirk Melk wurde jede sechste Frau missbraucht. Besonders betroffen waren Frauen auf dem Land und in entlegenen Gehöften. In der Oststeiermark ließen sich 9460 Frauen nach einer Vergewaltigung amtsärztlich untersuchen. Aber sogar in der Wiener Innenstadt kam es zu schrecklichen Szenen. Gudula Walterskirchen zitiert in ihrem neuen Buch aus einem Bericht der Bundeshymne-Dichterin Paula von Preradovic über eine Freundin, die in der Wohnung der Gräfin Kielmannsegg in der Wiener Postgasse wohnte: „Eines Abends drangen Russen ins Haus und erzwangen sich den Eintritt in die Wohnung. So unglaublich es klingt, wurde die weißhaarige, mager und elend aussehende Gertrude von einem Soldaten vergewaltigt, eine Untermieterin, die Baronin Skrbensky, wurde erschossen, da sie Gertrude schützen wollte.“
Die Armeeführung billigte diese Vergewaltigungen nicht. Viele Täter wurden standrechtlich erschossen oder kamen in den Gulag. Ein planmäßiges Vorgehen gab es aber nicht. Die KPÖ, damals Regierungspartei, mühte sich ab, die Übergriffe der Sowjet-Soldaten zu erklären. Ernst Fischer, Kommunist und Chefredakteur des „Neuen Österreich“, beschäftigte sich schon in der zweiten Ausgabe am 25. April 1945 im Leitartikel mit diesem Thema: „Der russische Soldat ist gutmütig, nichts ist dem russischen Wesen fremder als der Hass. Die deutschen Kriegsverbrecher haben die Rotarmisten zum Hass erzogen … Fragt jeden, was die Deutschen mit seiner Frau, mit seinen Kindern, mit seiner Heimat gemacht haben.“
Mit dem Anlaufen der CARE-Paket-Aktion der USA und dem Marshall-Plan war die ärgste Hungersnot etwa ab 1950 bewältigt. Aber erst 1953, acht Jahre nach Kriegsende, konnte wieder die Kalorienquote des ohnehin nicht üppigen Vergleichsjahres 1937 erreicht werden.

Erzählungen. Der Hunger wurde eines der großen Nachkriegs-Narrative. Jene Rede, die davon handelt, Leopold Figls berühmte Radioansprache aus dem Bundeskanzleramt zu Weihnachten 1945, ist längst ein nationaler Mythos: „Ich kann euch keine Gaben für Weihnachten geben, kein Stück Brot, keine Kohlen zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich.“
Als Figl diese Rede tatsächlich hielt, im April 1965, hatten die Österreicher schon wieder Speck angesetzt. Zwar hatte er zu Weihnachten ’45 gesprochen – aber die Rede wurde mangels technischer Möglichkeiten weder aufgezeichnet, noch gab es ein Manuskript. Der Journalist Hans Magenschab, später Sprecher von Bundespräsident Thomas Klestil, hatte sie erst 1965 aus den vagen Erinnerungen von Zeitzeugen und Zeitungsausschnitten grob rekonstruiert. Figls Großneffe Ernst Wolfram Marboe, später TV-Intendant, zeichnete sie für die 20-Jahr-Feier der Republik auf: Im Funkhaus in der Argentinierstraße las Figl Magenschabs Text mit brüchiger Stimme vom Blatt. Er litt an schwerem Nierenkrebs, dem er drei Wochen später erlag.

Von Herbert Lackner