„Die Kirche ist kleinlich“

Ski-Weltcupsiegerin Nicole Hosp über die Reformunlust der katholischen Kirche, die Streitlust der Politiker und ihre Lust an den Strapazen des Skisports.

profil: Frau Hosp, wie hat man sich einen typischen Tag einer Skirennläuferin im Sommer vorzustellen?
Hosp: In der Früh wird meistens ein bisschen länger geschlafen als im Winter …
profil: … also bis sechs statt bis fünf …
Hosp: … meistens ist es sogar sieben. Dann trainiere ich am Vormittag zwei bis drei Stunden, dann das Mittagessen, nachher ein bisschen rasten, und meistens wird am Nachmittag noch einmal trainiert.
profil: Wie trainieren Sie im Sommer?
Hosp: Rad fahren, Laufen, Fitness, Krafttraining, Schnelligkeit …
profil: Joggen Sie da ganz allein durch die Gegend?
Hosp: Mein Freund macht relativ viel mit. Ich jogge nicht so viel, weil das stark auf die Knie geht, und die werden im Winter sowieso stark belastet. Wir arbeiten eher am Rad. Für das Krafttraining habe ich einen eigenen Trainer, und den Fitnessraum habe ich im Haus.
profil: Wie viele Fahrrad-Kilometer machen Sie da am Tag?
Hosp: Meistens 50 bis 60.
profil: Sie leben inmitten hoher Berge. Wir Flachländer assoziieren damit immer Speck und Knödel. Essen Sie auch Deftiges?
Hosp: Freilich, ein bisschen rustikale Kost tut schon gut, wenn man das ganze Jahr unterwegs ist. Und Speck ist ja gutes Fleisch, wenn man nicht direkt den Bauchspeck nimmt.
profil: Ähnliches sagt auch die Gesundheitsministerin. Sie haben sicher ein spannenderes Leben als die meisten Ihrer Altersgenossinnen. Andererseits müssen Sie auf vieles verzichten. Tut Ihnen das manchmal leid?
Hosp: Sicher muss man konsequenter sein und kann sich nicht so viel erlauben wie andere in meinem Alter. Wenn die einmal abfeiern möchten, dann tun sie das halt. Ich kann das nicht. So gesehen ist es ein Verzicht. Aber ich bin sowieso nicht der Typ, der viel auf Partys geht oder in die Disco, darum fällt mir der Verzicht auch nicht so schwer. Und auf der anderen Seite erleben wir doch sehr viel Schönes.
profil: Viele junge Menschen zieht es in die Städte. Ihre Heimatgemeinde Bichlbach ist weit weg von einer größeren Stadt. Stört es Sie nicht, so entlegen zu leben?
Hosp: Nein, im Gegenteil, ich bin sehr froh, dass ich hier lebe, weil es einfach Ruhe und keine Hektik gibt. Länger als einen Tag halte ich es zum Beispiel in Wien nicht aus. Die Leute sind ganz anders, jeder schaut nur geradeaus, keiner grüßt den anderen …
profil: In einer Stadt mit fast zwei Millionen Einwohnern wäre das auch ein bisschen schwierig.
Hosp: Eben, das ist es ja. Bei uns ist es so, dass man sogar die Leute grüßt, die man nicht kennt. Ich bin einfach überhaupt kein Stadtmensch.
profil: Sie waren in Ihrer Jugend Tennis-Ranglistenspielerin. Warum sind Sie nicht beim Tennis geblieben?
Hosp: Mir ist der Winter lieber als der Sommer. Und vom Skifahren war ich immer fasziniert, wenn ich die Rennen im Fernsehen gesehen habe. Beim Tennis war diese Faszination nicht da.
profil: Wenn Sie gewinnen, heißt es in den Schlagzeilen oft: Wieder ein österreichischer Sieg! Was ist es wirklich: Ein Sieg von Nicole Hosp oder ein österreichischer Sieg?
Hosp: Ein Sieg von mir. Österreich ist halt sehr skifanatisch, und es ist oft witzig: Wenn ein Österreicher gewonnen hat, dann heißt es: Wir Österreicher haben gewonnen! Und wenn es nicht gut läuft, dann steht da: Nicole Hosp ist nur Siebente geworden.
profil: Sie fahren also für sich und nicht für „die Nation“?
Hosp: Da sind ja oft brutale Strapazen damit verbunden, und man könnte sich nicht dazu motivieren, wenn man das nur täte, damit das Land gut ausschaut.
profil: Ist es dann aber nicht auch eine Schimäre, von einem „österreichischen Skiteam“ zu sprechen? Es fährt ja jeder für sich selbst.
Hosp: Es ist natürlich eine merkwürdige Situation. Wir trainieren das ganze Jahr in der Mannschaft und reisen alle gemeinsam – aber dann steht halt jeder für sich selbst am Start. Bis zum Start sind wir ein Team, vom Start bis ins Ziel Einzelkämpfer, und dann sind wir wieder ein Team.
profil: Funktioniert das?
Hosp: Wir haben momentan wirklich eine sehr gute Truppe, in der Mannschaft herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Natürlich ist es mir lieber, wenn ich oben am Stockerl stehe – aber ich muss es respektieren, wenn eine andere einmal besser ist.
profil: Die Fernsehkamera ist ja immer auch auf das Gesicht der Führenden im Zielraum gerichtet, wenn die anderen fahren. Wenn Sie unten stehen, denken Sie da: Jetzt nur kein falscher Blick!
Hosp: Irgendwie schon. Wenn ich ein Gesicht ziehe, weil eine andere schneller war, dann sagt der Zuschauer daheim: Was ist das für eine, kann die nicht verlieren? Da versucht man natürlich schon, neutraler dreinzuschauen, als einem in Wahrheit zumute ist.
profil: Sie haben im Weltcup-Finish Ihrer Mannschaftskollegin Marlies Schild die große Kugel weggeschnappt. In den Zeitungen wurde dann von einem „Zickenkrieg“ geschrieben. Gab es den?
Hosp: Nein, überhaupt nicht. Ich habe allerdings im November die Reporter kritisiert, weil ich immer nur gefragt wurde: Was sagen Sie zu Marlies Schild, wie geht es ihr, warum ist sie so gut drauf, warum ist sie heute rausgeflogen. Logisch, dass es einen Athleten anzipft, wenn er immer nur Fragen über andere gestellt bekommt. Und schon damals ist geschrieben worden: Zickenkrieg. Ich habe der Marlies dann gleich gesagt, dass das nicht gegen sie gerichtet war, und sie hat das auch sehr gut verstanden. Damit war die Sache gegessen.
profil: Sind Sie stolz, eine Österreicherin zu sein?
Hosp: Ja, freilich. Wir haben ein sehr schönes Land, wir haben ein gutes Leben. In anderen Ländern muss man sich oft fürchten, wenn man vor die Haustür geht. Da haben wir es hier schon sehr schön und fein.
profil: Gibt es für Sie auch so etwas wie ein Tiroler Landesbewusstsein?
Hosp: Klar gibt es das.
profil: Was macht die Tiroler aus?
Hosp: Vielleicht die Sturheit? Mir fällt halt immer auf: Wenn ich weiter in den Osten Österreichs komme, geht es nicht so herzlich zu. Es ist einfach anders.
profil: Sie sind jetzt 23 und waren bei drei Wahlen wahlberechtigt. Haben Sie daran teilgenommen?
Hosp: Ich gehe immer zur Wahl. Wenn wir gerade Rennen oder Trainingskurse haben, nehme ich eine Wahlkarte mit.
profil: Sie sind der Meinung, dass man durch Wahlen etwas ändern kann?
Hosp: Das denke ich schon, ich wähle jene, die das fordern, von dem auch ich glaube, dass es das Richtige ist. Man kann nicht einfach sagen: Ich gehe nicht wählen, es wird sowieso nicht besser. Das stimmt überhaupt nicht.
profil: Wählen Sie immer dieselbe Partei, oder sind Sie eine Wechselwählerin?
Hosp: Wechseln tue ich nicht. Die letzte Wahl war übrigens das beste Beispiel dafür, dass man sich nicht darauf verlassen darf, was im Wahlkampf versprochen wird. Man darf sich nicht um den Finger wickeln lassen von Leuten, die eigentlich im Vorfeld wissen müssen, dass man das nie so umsetzen kann, wie es versprochen wurde.
profil: Sie beziehen sich offenbar auf die Versprechen Alfred Gusenbauers, etwa zu den Studiengebühren?
Hosp: Ja, zum Beispiel. Mich stört aber insgesamt, dass einfach zu viel gestritten wird. Da wird der andere durch den Schlamm gezogen, statt dass man sich überlegt, wie in der österreichischen Wirtschaft oder in der Politik etwas weitergehen könnte.
profil: Gibt es einen Politiker, der Sie beeindruckt?
Hosp: Da fällt mir spontan keiner ein.
profil: Was halten Sie vom Bundespräsidenten?
Hosp: Er ist o. k. Aber ich bin relativ jung und weiß nicht, wie die anderen Bundespräsidenten waren. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit.
profil: Sind Ihnen Frauenthemen in der Politik wichtig?
Hosp: Natürlich. Heutzutage leisten Frauen gleich viel wie Männer, wenn nicht mehr, weil sie nebenbei den Haushalt schmeißen. Darum ist es sehr unverständlich, warum Frauen um ein Drittel weniger verdienen als Männer. Das ist beim Skifahren auch nicht anders: Wir fahren die gleichen Rennen und die gleichen Distanzen wie die Herren und verdienen um einiges weniger.
profil: Diskutieren Sie das im Skiteam?
Hosp: Manchmal ist das ein Diskussionspunkt. Aber wir können eh nichts dagegen tun. Da muss schon die ganze Politik mitziehen, damit die Frauen generell gleich viel verdienen wie die Männer.
profil: Wegen des Klimawandels gibt es immer weniger Schnee, die Grundlage Ihres Berufs. Glauben Sie, dass die Politiker auch schmerzhafte Maßnahmen riskieren sollten, etwa höhere Benzinpreise?
Hosp: Sicher ist das ein großes Thema, aber ich glaube, dass es momentan extrem aufgebauscht wird. Vor zwei Jahren haben wir jede Menge Schnee gehabt, letztes Jahr war halt einmal ein schlechter Winter. Früher oder später könnten wir schon ein Problem bekommen, aber man sollte nicht so übertreiben. Da könnte man ja fast meinen, die Welt geht unter.
profil: Vielleicht geht sie unter.
Hosp: Vielleicht. Aber das haben sie im Jahr 2000 auch schon gesagt.
profil: Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Hosp: Ja, schon. Ich gehe zwar nicht oft in die Kirche, aber das hat mit dem Glauben eigentlich nichts zu tun. Man kann auch gläubig sein, ohne in die Kirche zu gehen.
profil: Sollten Priester heiraten dürfen?
Hosp: Warum sollten Priester nicht heiraten dürfen und eine Frau und Kinder haben? Das wäre viel gescheiter, als wenn ein Priester ein lediges Kind hat. Ich frage mich, warum die Kirche da so kleinlich ist.
profil: Sollten Frauen Priester werden?
Hosp: Warum nicht? Ich habe keine Ahnung, wo das Problem sein soll, wenn eine Frau Pfarrer ist und nicht ein Mann.
profil: Glauben Sie auch an Horoskope, Wasseradern oder die Macht des Mondes?
Hosp: An den Mondkalender glaube ich auf jeden Fall. Ich glaube schon, dass der Mond extrem viel Einfluss auf die Erde und auf die Menschen hat. Ich mache manche Sachen sogar ein bisschen nach dem Mondkalender: Haare schneiden, Nägel schneiden oder Blumen gießen, zum Beispiel.
profil: Warum haben Sie eigentlich den Mentaltrainer abgelehnt, den Ihnen der Skiverband angeboten hat?
Hosp: Ich finde, man kommt viel besser aus schlechten Situationen, wenn man das mit sich selber ausmachen kann, als wenn man mit jemandem zusammenhocken und über das reden muss. Es kann sich ja kein anderer Mensch in mich hineinfühlen, das muss ich schon selber am besten wissen.
profil: Aber gibt es nicht manchmal Momente, in denen Sie sagen: Ich will jetzt nicht ganz allein stark sein, ich will mich fallen lassen?
Hosp: Klar hat man ab und zu auch solche Momente, vor allem wenn mehrere Sachen auf einmal daherkommen. Da hat man schon einmal ein psychisches Tief. Man kann nicht immer nur oben sein, man muss auch einmal runter, damit man wieder raufkommt. Im Leistungssport kannst du dir vieles antrainieren, ein gewisser Teil ist Talent, aber das letzte Quäntchen musst du im Kopf haben.
profil: Wie viel Prozent würden Sie dafür veranschlagen?
Hosp: Ich würde sagen: Talent sind 30 Prozent, Arbeit und Training 50 Prozent und der Kopf 20 Prozent. Das Material ordne ich unter Arbeit und Training ein. Es ist ja ein gutes Stück Arbeit, dass man da das Richtige herausfindet.
profil: Sehen Sie sich als Teil der Unterhaltungsindustrie?
Hosp: Nein. Ich mache Sport, weil es mir Spaß macht.
profil: Es gibt aber viele tolle Skifahrer, die keinen Starfaktor haben, weil sie nicht im Zielraum die große Nummer abziehen. Gehört das heute nicht einfach dazu?
Hosp: Ich versuche, einfach normal zu sein und meine Emotionen so herauszulassen, wie es mir richtig erscheint: Die negativen eben etwas eingeschränkter und die positiven, wie sie halt kommen. Ich versuche nicht, mich ständig in den Mittelpunkt zu stellen.
profil: Aber es würde sicher Ihren Marktwert steigern, wenn Sie nach jedem Sieg einen Niki-Hosp-Purzelbaum machen.
Hosp: Ja, das hätte wahrscheinlich Marktwert, aber ich bin einfach kein Fan von solchen Dingen. Ich lasse auch niemanden in mein Privatleben hinein, sondern mache eine strikte Trennung: Das eine gehört zum Skifahren dazu, und das andere ist privat. Man kann nicht immer nur für die Öffentlichkeit da sein. Man braucht auch Zeit für sich selbst, und ich vergesse über das Skifahren nicht auf das Leben, sondern mache auch einmal Sachen, die vielleicht nicht gerade das Beste für den Sport sind, aber der Seele guttun.
profil: Was zum Beispiel?
Hosp: Mit meinen Freunden am Abend gemütlich zusammensitzen und statt einem Glas Wein auch einmal drei oder vier Gläser Wein trinken. Oder irgendwohin ein Eis essen gehen.
profil: Sie sind 23 und haben noch viele Jahre Leben vor sich. Den allergrößten Teil davon werden Sie keine Skirennläuferin sein, und auch der Ruhm wird verblassen. Sind Sie darauf vorbereitet?
Hosp: Schon. Ich weiß ja nicht einmal, was morgen ist. Ich kann die Stiegen hinunterfallen und mir einen blöden Bruch holen –dann ist die Skikarriere sofort vorbei.
profil: Viele machen Hotels oder Pensionen auf, wenn’s mit der Karriere zu Ende geht.
Hosp: Das wär’ nichts für mich. Im Haus möchte ich Ruhe haben. Wenn da die ganze Zeit Leute rein- und rausspazieren –das halte ich nicht aus.

Interview: Herbert Lackner