Die tugendhafte Mona S.: Porträt über Österreichs einzige mutmaßliche Terroristin

Sie sagt, sie müsse noch viel lernen. Manchmal weiß Mona S. nicht genau, was richtig und was falsch ist. Es ist nicht einfach, Österreichs einzige mutmaßliche Terroristin zu sein.

Von Robert Treichler

Plötzlich, am Telefon, sagt Mona S. leise und zögernd, sie habe in ein paar Punkten ihre Meinung geändert. Sie denke jetzt anders über Dschihad-Gruppen, die den Widerstand gegen die Besetzung des Irak ins Ausland tragen. Aber sie habe auch früher schon Anschläge gegen Unschuldige verurteilt, fügt sie schnell hinzu.

Viele junge Moslems in Europa sind verwirrt und innerlich zerrissen durch einander widerstrebende Loyalitäten. Doch bei Mona wiegt der Konflikt schwerer. Die 22-Jährige ist nicht irgendeine Moslemin, die sich den Kopf über Attentate zerbricht. Mona S. ist im ganzen Land bekannt als die Frau hinter dem schwarzen Schleier; die österreichische Islamistin, die sich hartnäckig der Aufforderung des Richters widersetzte, als Angeklagte ihr Gesicht zu zeigen, und deshalb „wegen ungeziemenden Verhaltens“ des Saales verwiesen wurde; die Ehefrau des Mannes, der das „Drohvideo“ gegen die österreichische Regierung im Internet veröffentlicht haben soll. Laut Anklageschrift ist Mona Mitglied einer terroristischen Vereinigung, und zwar der Al Kaida.

Wenige Wochen vor dem Telefonat gibt sich Mona S. im Gepräch mit profil noch weniger grüblerisch. Das Treffen findet bei ihr zu Hause statt. Ihr Vater, Salem A., öffnet die neue Sicherheitstüre einer Altbauwohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Die Beamten der Cobra haben die alte Holztüre ruiniert, als sie am ­12. September 2007 die Wohnung stürmten, um seine Tochter festzunehmen. Salem A. erzählt, dass er durch einen Zufall nach Österreich kam. Im Juli 1971 reiste er aus seiner Heimat Ägypten nach Europa, weil er in Deutschland studieren wollte. In der Jugendherberge in Mailand wurde ihm alles Geld gestohlen, und so fuhr er nur dank eines Touristenvisums nach Österreich – und blieb. Er erwarb einen Doktortitel an der Universität für Bodenkultur, arbeitete an der Botschaft von Katar, heiratete eine Österreicherin, bekam mit ihr sechs Kinder.

Als Salem A. nach Österreich kam, war er ungefähr so alt wie Mona heute. Er fand hier sein Glück. Bei Mona sollte alles anders kommen. Als Teenager wollte sie Modedesignerin werden; sie besuchte eine Modeschule und schneiderte für einen ihrer Brüder einen Kimono und für sich selbst eine Jacke. Bis ihr das alles zu oberflächlich wurde und sie nach zwei Jahren die Schule abbrach und mit der Abendmatura begann, um rasch an die Universität gehen zu können und dort etwas zu studieren, was in die Tiefe geht, Geschichte vielleicht. Aber sie hat die Studienberechtigungsprüfung noch nicht abgelegt.

Später lernte sie beim Online-Chatten einen gleichaltrigen Mann kennen: Mohamed M. Sie hatten dieselben Interessen, trafen einander oft, verlobten sich, heirateten und wollten zusammenziehen. Eine gemeinsame Wohnung haben sie noch nicht.

Behütet. Mona wuchs behütet auf, ohne materielle Sorgen, keine Spur von Ausländerghetto. Sie schwänzte oft die Schule, schaffte aber immer alle Prüfungen. Mitten in der Pubertät fühlte sich das intelligente Mädchen herausgefordert: Als die Anschläge des 11. September 2001 in New York und Washington verübt wurden, war Mona 14, und plötzlich musste sie damit klarkommen, dass die Religion ihrer Familie von aller Welt als anrüchiges Gewaltphänomen angesehen wurde. Der Islam war in Monas Leben bis dahin einfach da gewesen, die täglichen Gebete, der jährliche Ramadan, die gemeinsame Hadsch der Familie nach Mekka. Mona verstand nicht, warum sie sich dafür rechtfertigen sollte, aber sie wollte es verstehen. Sie las im Koran und suchte am Computer ihres älteren Bruders im Internet nach Antworten.

Ein paar Jahre später sitzt Mona S. als Terrorverdächtige in einem Fauteuil im elterlichen Wohnzimmer, bis auf Augen und Hände von schwarzem Tuch verhüllt – dem Hijab. Sie hat eine Antwort gefunden, mehr noch: die Wahrheit. Ihre jugendliche Kompromisslosigkeit, ihr sturer Charakter und der Ablösungsprozess von ihren vergleichsweise angepassten Eltern haben sie geradewegs zu den radikalsten Interpretationen des Islam geführt. Jetzt ist sie stolz auf ihr Bekenntnis und sagt, sie könne beweisen, dass der Islam wahr sei. „Glauben Sie an Gott?“, fragt sie. Und prophezeit gleich darauf: „Bald werden Sie glauben. Ich kann das einschätzen.“

Auf dem Weg zur bedingungslosen Religiosität stieß Mona im Internet fast zwangsläufig auch auf den politischen Islam und auf dschihadistische Gruppierungen, die gegen die von ihnen behauptete Unterdrückung der Moslems Widerstand leisten wollen, wobei der Begriff „Widerstand“ oft gleichbedeutend damit ist, was man im Westen unter Terror versteht. Mona und Mohamed beschlossen, „den Leuten in den Kriegsgebieten zu helfen und etwas für den Widerstand zu tun“, erklärt Mona. Konkret begann sie damit, Texte aus dem Internet aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen, um der Öffentlichkeit „klarzumachen, wie es dem Volk im Irak geht“. Die Staatsanwaltschaft deutet diese Pamphlete, die auf der Website der Globalen Islamischen Medienfront veröffentlicht werden, als Aufrufe zu Terroranschlägen. Mona S. bestreitet das bei ihrer Vernehmung und auch im Gespräch mit profil.

Ihr Anwalt, Lennart Binder, forderte beim Prozess bislang vergeblich eine Präzisierung, mit welchem konkreten Text Mona eine strafbare Handlung gesetzt habe. In der Neuauflage des Verfahrens muss auf Binders Antrag der gesamte Akt verlesen werden und damit auch die für Laien völlig unverständlichen Ergebnisse der Online-Überwachung. „Man wird mich dafür hassen“, lächelt Binder, der für seine Mandantin kaum eine Chance sieht. Er sieht den Prozess als geplante Legitimierung ebendieser umstrittenen Online-Überwachungsmethode. Mit der Verlesung will Binder zeigen, dass das Konvolut an Daten in Wahrheit substanzlos sei.

Mona erweckt den Anschein, als sei ihr das Ergebnis des Gerichtsverfahrens nicht besonders wichtig, selbst wenn sie noch einmal für ein paar Monate ins Gefängnis muss. „Dort hat man wenigstens Ruhe und Zeit, um zu lernen.“ Denn das ist es, was die junge Frau antreibt: Sie will lernen. Einziger Studiengegenstand: der Islam. Hat sie einmal etwas als richtig erkannt, dann gilt dies absolut. Mona wünscht sich etwa einen islamischen Gottesstaat, aber nicht einen, wie man ihn von den Taliban oder im Iran kennt. Diese seien mit Fehlern behaftet. Der wahre Gottesstaat hingegen sei so erstrebenswert, dass ihn sich einfach jeder wünschen müsse.

Radikal. Das Sendungsbewusstsein und das Verlangen nach radikalen Utopien der 22-Jährigen erinnert an den Typus des Linksextremen in den sechziger und siebziger Jahren. Auch damals war vielen jungen Revolutionären die Sympathie für politisch motivierte Gewalttaten nicht fremd. Bloß ist Monas ultrakonservativ-religiöses Weltbild noch schwerer nachvollziehbar als der Traum von der sozialistischen Gesellschaft. Sie findet es ganz normal, dass Frauen nach islamischem Recht weniger erben als Männer, schließlich müsse der Mann für Frau und Kinder sorgen, und würde der sterben, „dann ist mein Bruder für mich verantwortlich“.

Plötzlich aber kommt eine Mona zum Vorschein, die ihre Vergangenheit als aufmüpfiger Teenager nicht leugnen kann und genau weiß, was sie will – und nicht will. Auf die Frage, ob sie es akzeptieren würde, wenn ihr Mann gemäß islamischem Recht mit einer weiteren Ehefrau nach Hause käme, antwortet Mona, ohne lange nachzudenken: „Ich würde sagen: Tschüss.“ Mona weiß, dass die Augen der Öffentlichkeit auf sie gerichtet sind, und sie hat Angst, Fehler zu machen. Schließlich sei sie noch jung. Sie sagt, sie habe in ihrem Leben noch nichts ausreichend Sinnvolles gemacht; „Menschen geholfen, etwas verändert oder es zumindest versucht“.

Ein paar Wochen später, am Telefon, wirkt sie noch nachdenklicher. Sie habe keine Angst vor der Gefängnisstrafe, sagt sie, aber: „Ich habe für Leute übersetzt, deren Meinung ich nicht vertrete.“ Es habe sich um Gruppen gehandelt, „deren Widerstand nur Schaden bringt“. Mona macht eine neue Entwicklung in ihrem Denken durch, aber es scheint fraglich, ob das an ihrem Image etwas ändern kann.

„Im Moment gibt es keinen Dschihad“ , sagt Mona. Das kann viel heißen, aber es klingt, als sehne sie sich nach einer Verschnaufpause, um alles in Ruhe noch einmal selbst durchzudenken. Sie will alles richtig machen, wie Gott es will – während das Gericht entscheidet, ob sie Österreichs einzige Terroristin ist oder nicht.