Die Ölkrise: Wie lange werden wir noch am Ölhahn hängen?

Trotz des Öldesasters an der US-Südküste geht die Suche nach immer neuen Erdölvorräten ungebremst weiter. Zugleich bezweifeln Experten das behauptete Ausmaß der Katastrophe am Golf. Wie lange werden wir noch am Ölhahn hängen?

Die Fernsehbilder veranschaulichten besser als alles andere die aktuelle Situation der Ölindustrie. In einem Beitrag der „Zeit im Bild“ am Dienstag vorvergangener Woche konnten die Zuseher anhand einer Computersimulation mitverfolgen, wie es dem britischen Ölmulti BP durch Zementschlämme-Injektionen gelungen war, das lecke Bohrloch am Meeresgrund zu schließen und damit die Ölpest im Golf von Mexiko nach mehr als hundert Tagen zu beenden. Ein zweiter Bericht tags darauf in der „ZiB 2“ zeigte ein US-Forschungsschiff mit rot lackiertem Rumpf, das durch die derzeit nur schwach vereiste Arktis kreuzt, um die dort vermuteten Bodenschätze genauer zu erkunden und Daten für die Geltendmachung von Besitzrechten zu sammeln. Neben den USA haben auch andere Anrainerstaaten – Russland, Kanada und Norwegen – ein Auge auf die Arktis geworfen. Unter dem polaren Meeresgrund liegen nicht nur Gold, Diamanten und Zinn, sondern auch ein geschätztes Viertel der Weltreserven an Öl und Gas.

Beide Ereignisse werfen Schlaglichter auf den Energiehunger der Welt und auf riskante Bohrabenteuer bei knapper werdenden Ressourcen. Schon seit Jahren vermuten Experten, dass Lagerstätten wie das weltgrößte Ölfeld im saudi-arabischen Dhahran nahe dem Persischen Golf auf ihren Förderzenit zusteuern und dass das dortige Öl bald nicht mehr so reichlich sprudeln wird wie bisher.

Für Kenner des Ölgeschäfts ist es keine Frage, dass die BP-Katastrophe auf die ganze Branche abfärben und den Zugang zu neuen Ölquellen jedenfalls nicht erleichtern wird. Viele Beobachter stellen sich daher die Frage, wie es nach dem Desaster mit dem Öl weitergehen wird: ob die gesicherten Ölvorräte tatsächlich noch für weitere 50 und die gesicherten Gasreserven für weitere 65 Jahre reichen werden, wie Herbert Hofstätter, Leiter der Abteilung Petroleum Production and Processing an der Montanuniversität Leoben, aufgrund internationaler Statistiken schätzt; ob die Versorgung mit dem Lebenssaft der Weltwirtschaft in Zukunft immer riskanter und krisenanfälliger wird und was das für die Preisentwicklung bedeuten könnte. Manche Marktbeobachter halten bereits einen Ölpreis von 200 Dollar pro Barrel (Fass mit etwa 159 Litern) für möglich. Andererseits: Ein Liter Benzin kostet heute inflationsbereinigt nicht mehr als in den siebziger Jahren.

Aber das könnte sich ändern, wenn neue Ölquellen nur mit wachsendem Aufwand – wie auch bei Tiefseebohrungen – erschlossen werden können. „Die Zeit der großen Ölfelder ist vorbei“, sagt der Wiener Energieberater Karl Rose, bis vor wenigen Monaten Chefstratege von Shell. Weil aber durch innovative Technologien immer wieder neue, wenn auch kleinere Vorkommen aufgespürt und effizienter genutzt werden, steigen trotz zunehmenden Verbrauchs die ausgewiesenen weltweiten Ölreserven.

Wachsendes Volumen. Laut dem kürzlich erschienenen und in Fachkreisen als verlässlich eingeschätzten „BP Statistical Review of World Energy – June 2010“ wuchs das Volumen der gesicherten Bestände inklusive der kanadischen Ölsande in den vergangenen zehn Jahren um 227,5 Milliarden Barrel oder um 19 Prozent. Rund 70 Prozent der gesicherten Ölvorkommen konzentrieren sich auf die OPEC-Staaten, zu denen neben den wichtigsten arabischen Ländern auch der Iran, Indonesien, Nigeria und Venezuela zählen.

Der mit Abstand größte Ölproduzent der Welt ist laut U.S. Energy Information Administration nach wie vor Saudi-Arabien mit einer im Jahr 2008 registrierten Tagesproduktionsquote von 10,78 Millionen Barrel, gefolgt von Russland (9,79 Millionen), USA (8,51), Iran (4,17) und China (3,97 Millionen Barrel). Die größten Ölfelder der Welt liegen im Mittleren Osten. Diese Vorkommen sind nicht nur besonders ergiebig, sie gehören auch zu den letzten Refugien des so genannten „Easy Oil“, worunter die Branche leicht zugängliche Lagerstätten versteht, aus denen das Rohöl ohne hochspezialisierte Expertise, ohne besonderen Aufwand und besonderes Risiko gefördert werden kann.

Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise auf den Spotmärkten. Im Jahr 2008 erreichte der Ölpreis mit 147 Dollar pro Fass seinen bisherigen Langzeitgipfel. Als die Weltwirtschaft im Vorjahr erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte, färbte die Krise auch auf die Energiebranche ab. Im Jahr 2009 ging der Primärenergiekonsum weltweit um 1,1 Prozent, in den OECD-Ländern sogar um 5,5 Prozent zurück. Als Folge davon sank der Preis auf den Rohölmärkten je nach Sorte um bis zu 37 Prozent. Ein schwächerer Verbrauch war in allen Weltregionen mit Ausnahme von Asien/Pazifik und Mittlerer Osten zu beobachten. Doch in China, wo die Wirtschaft trotz Krise prosperiert, stieg der Energiekonsum gleich um 8,7 Prozent. Allein im Vorjahr wurden dort 13 Millionen Autos neu für den Verkehr zugelassen. Der Energieverbrauch in China oder in anderen sich rasant entwickelnden Volkswirtschaften steigt sogar noch rascher als die Wirtschaftsleistung.

Die Industrie hätte durchaus noch Kapazitätsreserven und könnte viel mehr Öl und Gas produzieren als derzeit. Einer der wesentlichen Bremsfaktoren ist, dass es zu ­wenig gut ausgebildete Ingenieure gibt, die sich darauf verstehen, auch schwierige Lagerstätten effizient auszuschöpfen. An der Montanuniversität Leoben stehen die Unternehmen Schlange, um junge, mit gediegenem Fachwissen ausgestattete Ölingenieure anzuheuern. Und noch ein Phänomen zeigt sich in der Branche: Weil die Länder des Mittleren Ostens nicht nur auf den größten, sondern auch auf den leichter förderbaren Ölreserven sitzen, wird der Westen wieder abhängiger von den staatlich gelenkten OPEC-Staaten.

Ende Jänner dieses Jahres schlossen die drei weltgrößten Ölunternehmen Exxon Mobil, Royal Dutch Shell und BP mit dem Irak einen Vertrag über die effizientere Nutzung der dortigen Ölquellen. Das Zweistromland beherbergt drei der zehn größten Ölfelder der Welt und könnte laut dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“ innerhalb der kommenden zehn Jahre zur Nummer zwei der weltgrößten Ölproduzenten hinter Saudi-Arabien aufsteigen. Das Geschäft ist offenbar so interessant, dass die Ölmultis in den Deal einwilligten, obwohl sie keine Besitzanteile an den Ölfeldern und pro gefördertes Fass nur 1,15 Dollar erhalten.

Unterdessen haben die Ölarbeiter im Golf von Mexiko die vorübergehend ausgesetzten Bohrungen wieder aufgenommen. An die 4000 Bohrinseln schwimmen dort im Meer vor den Küsten von Alabama, Louisiana, Mississippi und Texas, allerdings nur ein kleiner Teil davon über der Tiefsee. Der Offshore-Ölboom im Golf hatte zu Beginn der achtziger Jahre eingesetzt, nicht zuletzt um die Abhängigkeit der USA vom Öl des Mittleren Ostens zu verringern. Mittlerweile deckt die Ölförderung vor der US-Südküste ein Viertel des US-Bedarfs. Im vergangenen März hatte US-Präsident Barack Obama die Genehmigung weiterer Offshore-Bohrungen in Aussicht gestellt, um im Gegenzug die Zustimmung der Republikaner zu seinem Klimagesetz zu bekommen.

So fahrlässig wie bisher werden die Bohrungen wohl nicht mehr vonstattengehen. Beamte der Bergbehörde Minerals Management Service (MMS) hatten sich nicht gescheut, Einladungen von Ölfirmen zu Partys und Reisen anzunehmen. „Lange Zeit gab es ein allzu vertrautes Verhältnis zwischen den Ölfirmen und jener Bundesbehörde, welche die Bohrgenehmigungen erteilt“, kritisierte Obama. „Offenbar wurden Genehmigungen nur allzu oft auf Basis bloßer Sicherheitszusagen seitens der Ölfirmen erteilt. Das kann und wird es nicht mehr geben. Um eine alte Floskel zu bemühen: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Der prominente Umweltanwalt Robert Kennedy Junior, 56, wettert gegen die „Wildwest-Zustände“ im Golf. In den letzten zehn Jahren habe sich die Offshore-Industrie 858 Zwischenfälle wie Lecks, Brände und Explosionen geleistet. Vor allem in der Amtszeit von Präsident George W. Bush sei die Aufsicht des Bundes gleich null ­gewesen. So hätten Lobbyisten der Ölindus­trie verhindert, dass Bohrplattformen im Golf von Mexiko und vor Alaska mit einem automatischen Notfallsystem ausgerüstet werden müssen, wie das etwa von Norwegen und Brasilien verlangt wird.

Ein solches Notfall- oder auch „Acoustic Switch“-System schließt das Sicherheitsventil am Meeresgrund, den so genannten Blowout-Preventer, automatisch, sobald die auf der Bohrplattform betriebene Fernsteuerung aus irgendeinem Grund unterbrochen ist. Aber nicht nur bei der zentralen Sicherheitseinrichtung der Bohranlage hat BP gespart, auch bei anderen sicherheitsrelevanten technischen Ausrüstungen hat sich das Unternehmen auf Minimalvarianten beschränkt. „BP scheint bei diesem Bohrvorhaben aus Zeitersparnisgründen einige entscheidende Abkürzungen genommen zu haben, die von der Behörde genehmigt wurden“, weiß Energieberater Karl Rose.

Ende Juli beschloss das US-Repräsentantenhaus ein neues Gesetz, das die Auflösung der offenbar korruptionsanfälligen Bergbehörde verfügt und die von ihr bisher wahrgenommenen Agenden auf drei verschiedene Behörden aufteilt. Schon bisher waren die Ölfirmen verpflichtet, der Behörde detaillierte Pläne vorzulegen, was sie wo genau zu tun beabsichtigen und welche Sicherheitsvorkehrungen sie zu treffen gedenken. In vielen Fällen erteilte das Minerals Management Service noch zusätzliche Sicherheitsauflagen, ehe es ein Bohrprogramm genehmigte. „Ich kann es einfach nicht glauben, dass diese Leute eine Reihe von Vorschriften missachtet und sich einfach nicht an die Standards gehalten haben“, sagt Montanuni-Experte Hofstätter.

Pannen-Probleme.
Technisch sind Bohrungen in Wassertiefen von 1500 Metern längst Routine. „Wir haben heute in Brasilien Offshore-Bohrungen mit Wassertiefen von mehr als 2000 Metern“, so Hofstätter. Gebohrt wird nicht nur vertikal, sondern auch schräg oder mit einem gewissen Radius um die Kurve und dann noch horizontal. Deutsche Bohrfachleute haben bereits Bohrlängen von 12.000 Metern zustande gebracht. Solange sich die Crew an die international gebräuchlichen Standards hält, die auf jahrzehntelangen Erfahrungen beruhen, sind solche Bohrungen in der Tiefsee keine allzu große Schwierigkeit. Wenn aber etwas schiefgeht, ist das Problem umso größer, weil Reparaturen mittels Tauchrobotern erheblich komplizierter sind als bei Bohrungen an Land. Daher gilt bei Tiefseebohrungen die Devise: Es darf nichts schiefgehen.

Heikelster Teil der Tiefseebohrung ist die Abdichtung des eingesetzten Rohrs im Meeresgrund. Zu diesem Zweck werden Zementschlämme durch das Rohr nach unten gepumpt, sodass die zähflüssige Masse in dem schmalen Zwischenraum zwischen Rohr und Gestein hochsteigt und aushärtet, um eine dichte Verbindung herzustellen. Den vorgeschriebenen zweiten Durchgang dieser Zementabdichtung hat sich BP aus Zeitgründen erspart, was vermutlich für das Desaster mit ausschlaggebend war. Zwischen dem im Meeresboden verankerten Basisrohr und dem so genannten Riser, dem Verbindungsrohr vom Meeresgrund zur schwimmenden Plattform, wird dann der Blowout-Preventer montiert, ein dreistufiges Hightech-Sicherheitsventil, das beim Anbohren der Lagerstätte, wenn das Öl mit Drücken von 1500 bis 2000 bar (der Druck in einem Autoreifen beträgt zwei bis drei bar) nach oben schießt, garantieren soll, dass kein Öl ins Meer entweicht. Wenn bei der Bohrung etwas schiefgeht und beispielsweise Gasblasen im aufsteigenden Öl Explosionsgefahr signalisieren, muss das Sicherheitsventil sofort geschlossen werden.
Trotz des Desasters im Golf werden die Tiefseebohrungen weitergehen, noch tiefer und gewagter vielleicht, um das schwarze Gold aus den verborgensten Winkeln der Erdkruste zu holen. Die Befürchtung, die Katastrophe im amerikanischen Süden könnte womöglich noch monatelang andauern, die Ölversorgung der Welt beeinträchtigen und den zaghaften Aufschwung der Weltwirtschaft stören, schien nicht unbegründet – doch Ölexperten beruhigen: Angesichts der Größe der Branche sei die BP-Katastrophe ein zu vernachlässigendes Ereignis, dessen Auswirkungen sich höchstens hinter dem Komma niederschlagen werden. Wenn die Ölförderung in einem Teil der Welt zurückgeht, erhöhen Produzenten in anderen Gegenden sofort ihre Förder­quoten, sodass das Gesamtfördervolumen gleich bleibt oder gar steigt.

Doch wie lange werden wir noch am Ölhahn hängen?
Ist die Energiewende schon in Sicht? Energieexperte Rose winkt ab: Selbst bei jährlichen Zuwachsraten von 20 Prozent bleibt die Ausbeute bei Wind und Solar noch bescheiden – alle neuen alternativen Quellen zusammengenommen decken derzeit gerade einmal ein paar Prozent des Weltenergiebedarfs. Und die neuerdings viel beworbene E-Mobilität wird sich spätestens dann als nette Träumerei erweisen, wenn man sich von einem batteriebetriebenen Fahrzeug Heizung oder Aircondition erwartet. Wirklich Sinn hat ein Elektrofahrzeug überdies nur dann, wenn der Strom aus ­erneuerbaren Energiequellen erzeugt wird. Dazu bedarf es entsprechender Technologien zur Speicherung des wetterbedingt schwankenden Angebots und einer neuen, viel leistungsfähigeren Batterietechnologie. An solchen Konzepten wird vielerorts getüftelt, und am Horizont zeichnen sich da und dort auch schon mögliche Lösungen ab, aber marktfähige Produkte liegen noch in weiter Ferne. Alle großen Ölunternehmen investieren auch in alternative Energien, aber Shell zum Beispiel hat sein Solarprogramm mangels Konkurrenzfähigkeit nach steigenden Verlusten wieder aufgegeben.

Zielführender wären engagierte Energiesparprogramme. Rose schätzt das Einsparpotenzial in Österreich auf 30 Prozent. Und der Leobener Experte Hofstätter fragt sich, warum man die leer gepumpten Öllagerstätten nicht als neue Energiequellen für Geothermieprojekte nutzt. „Da unten hat es mehr als 100 Grad, da könnte man Wasser hineinpumpen und es als Heißwasser für die Gebäudeheizung nutzen.“ In einem sind sich die Experten einig: Aus Klimaschutzgründen müsste der Ausstieg aus dem Öl erfolgen, bevor die Reserven zur Neige gehen.

Das Thema hat aber auch eine politische und in vielen Weltgegenden schmutzige Seite. In seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Öl: Das blutige Geschäft“ schreibt der preisgekrönte US-Journalist Peter Maass: „Eine der Paradoxien ölreicher Länder besteht darin, dass die meisten überhaupt nicht reich sind und dass ihnen ihr Öl eher Probleme als Wohlstand beschert.“ Maass, ehemaliger Europa- und Asienkorrespondent der „Washington Post“, recherchierte vier Jahre lang an allen wesentlichen Schauplätzen des internationalen Ölbusiness. Ihm fällt auf, dass Industrie­nationen wie Deutschland, Japan oder Südkorea, die völlig von Ölimporten abhängig sind, ein hohes Wohlstandsniveau aufweisen, während viele Förderländer unter geringem Wirtschaftswachstum, eingeschränkten Freiheiten, verbreiteter Korruption und latenter Kriegsgefahr leiden.
Nigeria zum Beispiel, mittlerweile der achtgrößte Ölexporteur der Welt, verdiente in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 400 Milliarden Dollar durch den Ölexport, aber neun von zehn Bürgern leben mit weniger als zwei Dollar pro Tag, und jedes fünfte Kind wird nicht einmal fünf Jahre alt.

Die Weltbank schätzt, dass 80 Prozent des nigerianischen Ölreichtums nur einem Prozent der Bevölkerung zugutekommen. Im Nigerdelta, dessen reiche Ölvorkommen vom Ölmulti Shell ausgebeutet werden, bekriegen einander wechselnde Rebellengruppen im Kampf um Macht und Geld. Da die durchs Delta führenden Ölleitungen immer wieder von kriegführenden Gruppen und der teils in großer Armut lebenden lokalen Bevölkerung angezapft werden, vergiftet das ausfließende Öl die riesigen Feuchtgebiete und damit auch das Trinkwasser.

Umweltorganisationen lasten Shell nicht nur das schleichende ökologische Desaster an, sie geben den Managern auch die Mitschuld an der Aufrechterhaltung der katastrophalen sozialen Verhältnisse, weil sie mit der herrschenden Clique gemeinsame Sache machten. „In Äquatorialguinea sackt eine Herrscherclique den Gewinn aus dem Abbau der Bodenschätze ein, in den öffentlichen Krankenhäusern gibt es nur Verbandszeug und Aspirin“, schreibt Maass. In Russland hat sich mit dem aufstrebenden Öl- und Gasimperium eine neue Machtelite mit erheblichem politischem Einfluss gebildet. „Für den Fluss des kostbaren Lebenselixiers werden Kriege geführt und Diktatoren unterstützt. Die großen Verbraucherländer nehmen alles in Kauf, um ihren Anteil an der Fördermenge zu sichern“, so Maass.

Gelegentlich werden für dieses Ziel auch Diktatoren gestürzt. Nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad 2003 machte Maass in der Stadt eine seltsame Beobachtung. Als die Welt an den Fernsehern miterlebte, wie Iraker auf dem Firdos-Platz mithilfe eines US-Panzers die bronzene Statue Saddam Husseins kippten, waren überall Plünderungen im Gange. Das Volk holte sich seinen Anteil am Reichtum, der ihm vom Regime lange vorenthalten worden war. Sogar antike Schätze wurden aus dem Nationalmuseum abtransportiert. Die US-Soldaten schauten weg. Nur ein Gebäude war rundum von amerikanischen Soldaten gesichert – das Ölministerium.