Die Pizza-Studie

Die Pisa-Studie durchgeknetet von Lobbys und Parteien. Wie aus einer sauberen Analyse keine Reform werden wird.

In der kommenden Woche wird diese Zeitung einige Leserbriefe mehr bekommen: Wer Lehrer oder Hundebesitzer kritisiert, wird per Einschreiben abgemahnt. Denn Lehrer sind bekanntlich sehr fleißig und ihre Gewerkschafter keine sturen Betonierer. Alle Hundebesitzer sind lammfromm wie auch rücksichtsvoll, und ihre stets Angeleinten hinterlassen keine stinkenden Würstel auf dem Trottoir.

Am Montag dieser Woche ist Bildungsgipfel. Der heißt „Reformdialog zur Bildungspolitik“. 70 Teilnehmer können dort angesichts des vorgesehenen Zeitrahmens jeweils 45 bis 60 Sekunden dialogisieren. So hat das der sozialdemokratische Klubobmann Josef Cap errechnet.

Er hat schon Recht. Der Reformdialog dient wie alle Dialoge, runden Tische, Konvente und Hochämter dieser Regierung dazu, die Dinge wegzureden. Da werden so viele Menschen und so viele Worte in einen so engen Produktionsablauf gesteckt, dass am Ende nur eine teigige Masse herauskommt. Doch keiner kann sich beklagen. Alle haben mitgeknetet, sind mitverrührt und eingequirlt worden.
Die Anliegen kommen zum Erliegen. Aus politischen Patzern werden Rhetorikbatzen. Aus Pisa wird Pizza.

Die Pisa-Studie. Das ist ein heikles Dokument, dem sich der Herr Bundeskanzler stellen muss. Pisa ist heikel, weil die Bildungspolitik seit einem Jahrzehnt in den Händen von Schüssels Vertrauter Elisabeth Gehrer liegt.

Der profil-Herausgeber lobt eine Jause mit dem profil-Herausgeber aus – für denjenigen, der sich an eine gewichtige Schulreform seit 1995 erinnern kann. Ist zum Beispiel der Bildungsplan verändert worden? Bei Google findet sich unter den Schlagworten „Gehrer“ und „Bildungsplan“ als Erstes von 209 Suchergebnissen ein Text aus dem „Büro der Bundesministerin“, datiert mit dem „15.6.2004“, der auf
ein „Qualitätsmemorandum und die Schritte für die große innere Schulreform als wesentliche Ergebnisse des Zukunftsdialogs in St. Johann“ verweist. „Der Bildungsplan 2010 wird im Herbst präsentiert werden“, heißt es dann noch.

Ein Wortschwall im Duktus kubanischer Bildungspropaganda, Bezug nehmend auf das ferne Jahr 2010 (mitsamt einem herbstlichen Bildungsplan, der bis heute nicht präsentiert ist).

Und dann wäre Pisa auch deshalb noch heikel: Pisa hat so etwas wie eine Kausalkette gespannt.

Erstens: Österreichs Schüler werden immer blöder.

Zweitens: Das liegt an der frühen Trennung von scheinbaren Dummerln, die in die Hauptschule geschickt werden, und scheinbaren Gscheiterln, die in ein Gymnasium dürfen. Die scheinbaren Dummerln verkommen in der Hauptschule zu wirklichen Dummen und reißen so das Bildungsniveau hinunter.

Drittens: Das lässt sich mit einer gemeinsamen Schule mindestens bis zur achten Schulstufe reparieren.

Blöd nur: So eine Gesamtschule wollen die Sozialisten seit 30 Jahren. Nicht aus Sorge um die durchschnittliche Volksintelligenz, sondern weil sie das frühe Aussortieren von Arbeiterkindern ungerecht finden.

Blöd nur: Die Volkspartei wettert seit 30 Jahren gegen die Gesamtschule. Denn sie hat die linken Überlegungen zur Gerechtigkeit als einen linksradikalen Wunsch nach Gleichmacherei identifiziert.

Blöd nur: Der gar nicht linke Pisa-Studienleiter für Österreich findet die Gesamtschule auch sinnvoll.

Blöd nur: Die Lehrergewerkschaft will von einer Gesamtschule gar nichts wissen.

Das ist ein Wirrnis von Interessen. Die Ministerin ist ausgepowert. Wahlen stehen vor der Tür. Und gegen die Lehrergewerkschaft sind die Metallervertreter ein Grüppchen von Balletteleven. Jeder Bildungsgipfel wird daher ein sanftes Hügelchen bleiben. Die Reform des österreichischen Schulwesens ist chancenlos.
Die wöchentlichen Lehrverpflichtungen werden so gering wie bisher bleiben, weil ein Herrgeografieprofessor seine Geografie und ein Herrturnlehrer seine Muskeln immer aufs Neue vorzubereiten hat. Ein Herrzeichenlehrer wird auf seine Forschungsarbeit während der Sommerferien verweisen. Die Herrenlateinprofessoren werden die lebenserhaltende Funktion ihres Faches belegen. Der Samstag wird Schultag bleiben, weil sich eine Hälfte der Lehrer diesen Tag ohnehin freinehmen kann, die andere Hälfte den Montag.

Die Reform des österreichischen Schulwesens ist aber vielleicht doch nicht chancenlos: Die Bundesregierung wird eine Schwerarbeiterregelung für Lehrer erfinden.