„Die Politik hinkt hintennach“

Infineon-Chefin Monika Kircher-Kohl über die Verselbstständigung der Finanzmärkte, die „Generaldirektoren-Schmiede“ SPÖ und die Probleme ihrer Heimat Kärnten.

Interview: Herbert Lackner

profil: Frau Kircher-Kohl, Sie waren vor Ihrer Wirtschaftskarriere Vizebürgermeisterin von Villach. Wie sind Sie eigentlich zur SPÖ gekommen?
Kircher-Kohl: Ich war immer politisch interessiert, schon während des Studiums. Bürgermeister Helmut Manzenreiter hat mich, nachdem ich das überparteiliche Komitee für den Bundeskanzler Vranitzky geleitet hatte, überraschend gefragt, ob ich nicht als Quereinsteigerin in sein Team kommen möchte. So bin ich quer eingestiegen und nach zehn Jahren wieder quer ausgestiegen.

profil: Hatten Sie entsprechenden familiären Background?
Kircher-Kohl: Meine Eltern hatten einen Malereibetrieb in Spittal an der Drau. Mein Großvater war ÖVP-Bürgermeister in Spittal, mein Onkel war Wirtschaftskammerpräsident in Kärnten. Offensichtlich gibt es eine Vorgeschichte.

profil: Brigitte Ederer, Wolfgang Ruttenstorfer, Hannes Androsch, Rudolf Scholten, Ewald Nowotny: Wieso ist ausgerechnet die sozialdemokratische Partei eine Wiege für Generaldirektoren?
Kircher-Kohl: Warum nicht?

profil: Die SPÖ ist ja eher eine Arbeitnehmerpartei.
Kircher-Kohl: Aber die SPÖ hat sich in den sechziger und siebziger Jahren eine dezidierte Industriepolitik auf die Fahnen geschrieben, um Österreich zu modernisieren.

profil: Dabei hatte sie die verstaatlichte Industrie im Auge.
Kircher-Kohl: Es gab darüber hinaus etwas, das heute oft fehlt: das Wissen, dass Industriearbeitsplätze hoch bezahlte Ganzjahresarbeitsplätze sind und für Arbeitnehmer andere Chancen bieten als etwa das Kleingewerbe. Eine Wirtschaftspolitik ohne Industriepolitik ist undenkbar. Das sollte mehr betont werden, als es heute der Fall ist.

profil: Können Generaldirektoren mit sozialdemokratischer Vergangenheit einen Betrieb anders führen als etwa ein freiheitlicher Politiker wie Thomas Prinzhorn?
Kircher-Kohl: Es gibt immer Gestaltungsspielräume. Je höher man in der Hierarchie eines Unternehmens steht, desto mehr Gestaltungsspielraum muss man sich auch nehmen und desto weniger ist es zulässig, sich auf Sachzwänge auszureden. Parteipolitik hat in einem Unternehmen natürlich nichts verloren. Darauf lege ich großen Wert. Deshalb habe ich mit meinem Einstieg bei Infineon alle Parteiämter abgegeben. Aber soziale Verantwortung legt man nicht mit einem Amt nieder. Die hat man, oder man hat sie nicht. Ich sehe die Balance zwischen guten Ergebnissen und einem fairen Umgang mit den Mitarbeitern als wesentlichen Wert.

profil: Das Unternehmen gehört aber nicht Ihnen, die Aktionäre erwarten Geld.
Kircher-Kohl: Ein Unternehmen kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn es keinen der fünf wichtigsten Partner ignoriert oder bevorzugt: die Kunden, die Eigentümer, die Mitarbeiter, die Lieferanten und das gesellschaftliche Umfeld. In Summe müssen diese fünf Schlüsselpartner in Balance gehalten werden.

profil: Sie glauben, dass im globalisierten Wettbewerb Platz für ethisches Handeln bleibt?
Kircher-Kohl: Davon bin ich überzeugt. In unserer Branche, der Halbleiterindustrie, gibt es sehr viel Wettbewerb aus Asien und den USA mit zum Teil schlechten Produktionsbedingungen. Wobei ich glaube, dass unsere Branche in Bezug auf Arbeitsethik besser ist als andere. Ihr Erfolg besteht im fachlichen Wissen und Können der Mitarbeiter, die wir auch halten wollen. In einem Lebensmittel- oder Bekleidungskonzern ist das vielleicht anders.

profil: Lässt die globalisierte Wirtschaft der Politik noch Handlungsspielraum, oder hat sie sich schon verselbstständigt, und die Politik läuft nur noch hinterher?
Kircher-Kohl: Was sich massiv verselbstständigt hat, sind die Finanzmärkte. Wir von der Realwirtschaft sollten Verbündete der Politik sein, wenn diese versucht, realen Wertschöpfungsprozessen wieder mehr Gewicht zu verleihen und Regulative zu finden, um die überdimensionierten Finanzmärkte einzudämmen.

profil: Wenn Sie für Ihr Unternehmen Geld brauchen, müssen Sie es sich auch von den Finanzmärkten holen.
Kircher-Kohl: Selbstverständlich, das tun wir auch. Da gibt es keinen Weg zurück. Die Frage ist, ob jeder Rohstoff, der real produziert wird, vorher schon 50-mal verkauft werden muss und immer mehr Menschen an Dingen verdienen, die real nicht stattfinden. Wir investieren knapp 200 Millionen Euro in den Standort Villach und schaffen damit 400 neue Arbeitsplätze. Wenn diese 200 Millionen in irgendwelche hypertrophe Finanzprodukte investiert werden, kann eine Gesellschaft auf Dauer nicht funktionieren.

profil: Glauben Sie, dass die Politik die Initiative wieder zurückgewinnen kann?
Kircher-Kohl: Der Knackpunkt ist, dass die Politik immer noch sehr stark nationalstaatlich organisiert ist, während die Märkte global agieren. Die Politik hinkt hintennach und braucht viel zu lange für manche Dinge wie etwa eine europäische Ratingagentur, die Bewertungen von Unternehmen und Staaten nachvollziehbar und fair durchführt.

profil: Aber könnte eine europäische Agentur Griechenland wirklich so viel anders bewerten, als dies etwa Moody’s getan hat?
Kircher-Kohl: Es fällt schon auf, dass die amerikanischen Ratingagenturen die Verschuldung der USA erst wahrgenommen haben, als der Hut total gebrannt hat. Portugal, Griechenland und andere Euroländer wurden sehr früh vorgeführt.

profil: Sind Sie für eine Finanztransaktionssteuer?
Kircher-Kohl: Wenn sich das Verhältnis zwischen Einkommen aus realer Arbeit und Finanzeinkommen verschiebt, muss der Gesetzgeber darauf reagieren. Ich wäre für eine europaweite Finanztransaktionssteuer.

profil: Die SPÖ will auch Vermögen besteuern. Was halten Sie davon?
Kircher-Kohl: Ich würde mich vorerst auf den Vermögenszuwachs bei Umwidmungen von Grundstücken konzentrieren. Die öffentliche Hand verpflichtet sich damit ja auch, die Infrastruktur aufzuschließen, sie hat Kosten. Private haben damit einen Wertzuwachs auf Kosten der Steuerzahler. Den zu besteuern ist nur gerecht.

profil: Glauben Sie, dass es sich in der österreichischen Bevölkerung schon herumgesprochen hat, dass die nationale Politik seit EU-Beitritt und Globalisierung ziemlich bedeutungslos geworden ist?
Kircher-Kohl: In der Politik geht es nicht ausschließlich um Fakten und Entscheidungen, sondern auch darum, wie sich die Menschen in ihrer Heimat aufgehoben und wahrgenommen fühlen. Man darf die Gefühlswelt nicht unterschätzen, wenn es um Politik geht. Zurzeit werden Gefühle nur für Populismus missbraucht.

profil: Unter Heimat verstehen manche Landeshauptleute eine möglichst große Landesbürokratie.
Kircher-Kohl: Da gibt es sicher akuten Handlungsbedarf. Man kann nicht seit 16 Jahren EU-Mitglied sein und gleichzeitig die Bürokratie aus k. u. k. Zeiten mitnehmen. Das geht zulasten der Zukunftsausgaben für die nächste Generation.

profil: Warum ist die EU-Skepsis in Österreich so besonders groß?
Kircher-Kohl: Weil es auch uns, der Wirtschaft, nicht gelungen ist, die nachweislichen Vorteile für die österreichischen Bürger und Bürgerinnen deutlich genug zu transportieren. Dazu kommt, dass Österreich nie ein liberales, weltoffenes Land war. Die EU hat auch mehr Liberalität nach Österreich gebracht. Damit tun sich viele Bürger schwer.

profil: Aber die EU schwächelt im internationalen Wettbewerb. Ist das Tauziehen mit China nicht schon längst verloren?
Kircher-Kohl: Es braucht tatsächlich Neuerungen in Europa. Die EU-Kommission hat jetzt erstmals fünf Schlüsseltechnologien für Europa definiert, um im 21. Jahrhundert wettbewerbsfähig zu bleiben. Darunter ist auch unsere Branche, die Mikroelektronik, die für zehn Prozent der gesamten Wertschöpfung in Europa verantwortlich ist. Wenn solche Industrien einmal weg oder nachhaltig geschwächt sind, wird Europa in zehn bis 20 Jahren einen unglaublich schmerzhaften Prozess durchmachen. Aber jetzt gibt es erstmals Ansätze einer europäischen Wirtschaftspolitik, man diskutiert über Inhalte.

profil: Das klingt ein wenig nach Planwirtschaft.
Kircher-Kohl: Wirtschaftsplanung wäre übertrieben. Aber die Chinesen machen das ja auch mit ihren Fünfjahresplänen und das sehr konsequent. Sie legen beispielsweise fest: Energieeffizienz ist das Zukunftsthema, wir lösen also unsere Probleme nur mit Hochtechnologie, die Energieverbrauch einspart. Das setzen sie dann um.

profil: Österreich ist leider auch in puncto Technologieskepsis weit vorne. Warum?
Kircher-Kohl: Wenn Sie die Menschen fragen, wie viele Arbeitsplätze es im Tourismus gibt und wie viele in der Hochtechnologie, würden Sie völlig falsche Zahlen bekommen. Die Hochtechnologie-Industrie ist heute von den Zahlen her weit gewichtiger, als viele glauben. Dazu kommt, dass unser Bildungssystem diese Technologieskepsis weiter tradiert. Moderner naturwissenschaftlicher Unterricht, der Spaß und Freude an technischen Lösungen vermittelt, wäre sehr wünschenswert. Außerdem haben wir durch die NS-Herrschaft eine ganze Generation an Wissenschaftern verloren, die ermordet oder vertrieben wurden. Das wirkt bis heute nach.

profil: Ihre Heimat Kärnten ist eine Problemzone. Die Kaufkraft ist die schwächste aller Bundesländer. Die Verschuldung ist gigantisch. Wie konnte es so weit kommen?
Kircher-Kohl: Das müssen Sie die Verantwortlichen in der Politik fragen. Kärnten ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn zu spät zukunftsorientierte Betriebe angesiedelt werden. Man hat zu lange geglaubt, man könne auch in 50 Jahren noch von Zellstoff und vom Tourismus alleine leben. In den letzten Jahren ist aber in Kärnten ein Wandel feststellbar. Die Industriequote steigt auch hier, die Forschungsquote hat in den letzten Jahren sogar am schnellsten von allen Bundesländern zugenommen.

profil: Aber allein in Wien leben 70.000 Kärntner, die meisten von ihnen mit sehr guter Ausbildung. Ist diese Abwanderung nicht eines der Hauptprobleme des Landes?
Kircher-Kohl: Absolut. Die Zahlen zeigen, dass viele junge, gut ausgebildete Leute abwandern und sich viele Ältere wegen der hohen Lebensqualität ansiedeln. Was demografisch in Mitteleuropa stattfindet, findet in Kärnten noch einmal pointierter statt. Bei Infineon müssen wir 30 bis 40 Prozent der hochqualitativen Forschungsjobs mit nicht aus Österreich stammenden Menschen besetzen, weil wir die Spitzentechniker und vor allem Spitzentechnikerinnen hier nicht bekommen. Das ist traurig. Ich bin ja auch weggegangen aus Kärnten, um in Wien zu studieren. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, die jungen Leute müssen hierbleiben. Die Frage ist nur: Kommen sie wieder?

profil: Sie gehören der Minderheit an, die zurückgekommen ist.
Kircher-Kohl: Aber ich stelle anhand unserer Bewerbungen fest, dass zunehmend Kärntner oder auch Wiener sagen: Wenn der Job und das internationale Umfeld passen – warum dann nicht Kärnten? Viele haben noch die Sorge, dass eine Rückkehr einen Verlust von geistiger Lebensqualität bedeuten könnte. Da müssen wir noch unglaublich viel tun.

profil: Dabei gibt es sogar schon zweisprachige Ortstafeln.
Kircher-Kohl: Ich begrüße das sehr. Für uns als Industrievertreter kann ich in Anspruch nehmen, dass wir schon sehr lange zu diesem Thema eine klare Meinung geäußert haben. Ich bin der Meinung, dass wir ruhig noch ein paar Ortstafeln mehr hätten aufstellen können, vom Zeitpunkt ganz zu schweigen.

profil: Ist es nicht bemerkenswert, dass just die FPK zusammenbringt, was die SPÖ in den 40 Jahren, in denen sie den Landeshauptmann gestellt hat, nicht geschafft hat?
Kircher-Kohl: Es ist ein gemeinsamer Erfolg. Von SPÖ-Staatssekretär Ostermayer, der die Verhandlungen exzellent geführt hat, und Landeshauptmann Dörfler, der sich in dieser Frage sicher Lorbeeren verdient hat. Noch wichtiger als Ortstafeln wäre das aktive, lebendige, kulturelle Anwenden der slowenischen Sprache im Alltag.

profil: Haben Sie in der Politik etwas gelernt, was Sie jetzt brauchen können?
Kircher-Kohl: Auf jeden Fall. Ich habe zum Beispiel gelernt, belastbar zu sein.

profil: Politik als Konditionstraining?
Kircher-Kohl: Genau. Und ich habe gelernt, Prioritäten zu setzen. Ich hatte damals zwei kleine Kinder, und es war extrem wichtig, sich nicht von allen Erwartungen und Wünschen auffressen zu lassen. Es war wichtig, auch Nein zu sagen.

profil: Wollen Sie wieder in die Politik gehen? Zwei Antworten gelten nicht: „Diese Frage stellt sich nicht“ und „Ich bin in meinem derzeitigen Job sehr glücklich“.
Kircher-Kohl: Meine Antwort ist ganz klar: Ich bleibe bei Infineon.