Die gute Presse der Finanzkrise

Wirtschaftsjournalisten haben erheblich zum Wachstum der US-Blase beigetragen.

Wenn Wirtschaftsjournalisten in den nächsten Wochen fortfahren, die Finanzkrise zu analysieren und zwischen Politikern, Notenbankpräsidenten, Bankdirektoren und Spekulanten nach Schuldigen zu suchen, lassen sie hoffentlich die eigene Zunft nicht ganz aus: Was in den letzten mindestens zehn Jahren in den Wirtschaftsteilen selbst so genannter Weltblätter an Unsinn über die Wirtschaftskraft der USA geschrieben wurde, füllte Bände und hat durchaus erheblich dazu beigetragen, dass Banken und Finanzinvestoren der ganzen Welt immer neue Mittel in den US-Aktienmarkt fehlinvestiert haben. Das wiederum war einer der Gründe, dass die US-Blase so lange immer größer werden und daher bei ihrem Platzen so viel Schaden anrichten konnte.

Alle US-Wirtschaftsdaten wurden kritiklos geglaubt und im wahrsten Sinne des Wortes für bare Münze genommen. Vor allem das nach wie vor scheinbar größere Nationalprodukt, von dem nie recherchiert wurde, wie es zustande kam. Dass die Amerikaner die Wertschöpfung ihrer Computerindustrie als verzehnfacht ansahen, wenn sich die Leistungsfähigkeit der Geräte verzehnfachte, habe ich an dieser Stelle schon zehnmal geschrieben, aber man muss es immer wieder lesen, um es in seiner Unsinnigkeit zu glauben. Und man muss wissen, dass die Computerindustrie ­einen ungleich größeren Anteil an der US- als an der EU-Wirtschaft ausmacht, um die Größenordnung der Verzerrung einzuschätzen. (Weil es so schön war, haben die USA ihre diesbezüglichen Statistiken auch gleich durch Jahre nach hinten korrigiert.) Aber nicht nur die Computer-, auch die Finanzindustrie macht in den USA einen ungleich größeren Sektor als in der EU aus – und seine angebliche Wertschöpfung ist unter anderem um all die faulen Kredite gewachsen, die jetzt nicht zurückgezahlt werden können. Oder um die Milliarden, die angesichts des Greenspan’schen Überflusses an Geld für überflüssige Firmenübernahmen ausgegeben wurden. Nicht zuletzt sind in diesem Nationalprodukt auch die unzähligen Geschosse enthalten, die im Irak sinnlos verfeuert wurden – auch Krieg erhöht das ­Nationalprodukt in Ziffern.

Bereinigt man es um diese falschen oder unsinnigen Größen – was im Detail eine sinnvolle Aufgabe für eine Doktorarbeit wäre –, so sieht das US-Nationalprodukt völlig anders aus und liegt pro Kopf schwerlich über dem Durchschnitt der EU, obwohl die eine Serie armer ehemaliger Ostländer integriert hat.

Sobald man aber von einem falschen, viel zu groß eingeschätzten Nationalprodukt ausgeht, glänzen natürlich auch alle anderen Wirtschaftsdaten. Voran die angeblich so viel stärker gewachsene Produktivität, die immer wieder ­Anlass zu so großer journalistischer Bewunderung war. Es gibt sie nicht: Die Produktivität der US-Wirtschaft wird bei vernünftiger Berechnung des Nationalprodukts ­geringer als die unsere sein. Was die Europäer selbst zur Linken am meisten beeindruckt hat, war die so viel größere Zahl der neu entstandenen, wenn auch noch so schlecht bezahlten Jobs. Obwohl auch diese der in Wahrheit geringeren US-Produktivität entspringt: Wenn die Wirtschaft in Deutschland ein Prozent wächst, steigt einfach die Auslastung ihrer modernen An­lagen – das Beschäftigungswachstum hat sich vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt. In der altmodischen, tradi­tionellen Industrie der USA müssen sofort mehr Leute ­eingestellt werden.

In der explosionsartig gewachsenen Finanzindustrie auch: All die zigtausend Finanzdienstleister, die den Leuten die viel zu hohen Kredite eingeredet haben, oder die Makler, die ihnen dafür Häuser verkauft haben, die sie jetzt verlassen müssen, haben die US-Beschäftigtenzahlen ­bereichert. Besonders häufig durfte man daher in Wirtschaftskommentaren lesen, dass die USA es so viel besser geschafft ­haben, den Dienstleistungssektor auszuweiten, der, anders als in der EU, alle jene Arbeitskräfte aufgenommen hat, die in der Industrie keinen Platz mehr finden.

Derzeit werden diese Arbeitskräfte von Banken und Maklern zu zigtausenden wieder gekündigt. Und der übergroße Dienstleistungssektor erweist sich nicht als Stärke, sondern als eine der Schwächen der US-Wirtschaft, denn seine Leistungen lassen sich nur zu einem Bruchteil exportieren. (Ein simples Denkexperiment macht klar, dass ein großes Land unmöglich von lauter Dienstleistern leben kann: Jemand muss sich die „Dienste“ dank Produktion leisten können.)

Entscheidend aber ist, dass man natürlich jede Wirtschaft beliebig stark zum Boomen bringen kann, wenn man ihr ununterbrochen geborgtes Geld zuführt – Geld der US-Bürger, die sich bis zum Doppelten ihres Jahreseinkommens verschuldet haben, Geld des US-Staates, der gigantische Rüstungsaufträge vergeben hat, aber nicht zuletzt auch Geld all der europäischen, arabischen oder japanischen Finan­ziers oder Banker, die beim Blick in die Wirtschaftsseiten der Zeitungen ständig weiter ins angebliche US-Mirakel investiert haben. All dieses Geld haben die US-Bürger und Unternehmen nicht gehabt, sondern sie haben es von zukünftigen Generationen geborgt oder es wurde ihnen geborgt. Die USA, die uns monetäre und budgetäre Disziplin gepredigt haben, haben jede monetäre Disziplin vermissen lassen und Keynes-Politik zum Quadrat und auf Pump betrieben. Das war die Blase, die platzen musste. Sie seitens der Wirtschaftspresse durch Jahre zu über­sehen war schon eine starke Leistung.