Die Rechte des Lehrers: Wieder schwere Vorwürfe ­gegen Bischof Elmar Fischer

Neuerlich schwere Vorwürfe gegen Bischof Elmar Fischer: Er soll einen Gymnasiasten mit der Faust ins Gesicht geschlagen und zu Boden gestreckt haben.

Freunde von Hans Rüf wunderten sich, als Elmar Fischer 2005 nach Abgang des damaligen Vorarlberger Oberhirten Klaus Küng ins Bischofsamt in Feldkirch einzog: „Heast, is des net der, der dir mit der Faust in die Goschn g’haut hat?“ Und Rüfs Mutter, eine gläubige Katholikin, habe ob der unseligen Bischofsernennung die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und „Mein Gott!“ gerufen. Hans Rüf, Jahrgang 1953, heute einer der drei Geschäftsführer des Botendienst-Anbieters „Blitzkurier“, hegt keinen Groll. Er will weder Geld noch Vergeltung. Bisher hat er sich nicht einmal zu Wort gemeldet, weil er dachte, nach den Gewaltvorwürfen gegen Fischer (Rippenbruch, gewohnheitsmäßige Watschen beim Fußballspielen und im Zeltlager) komme „jetzt eh was in Gang“. Doch sein Eindruck hat sich gewandelt: „Die wollen die Sache aussitzen.“ Rüf hat sich daher entschlossen, „einfach zu erzählen, was damals war“.

Es war Jänner 1970.
Woodstock, das legendäre Festival, lag erst einige Monate zurück, und der 16-jährige Hans Rüf und seine Altersgenossen waren vom Zeitgeist voll erfasst: „Wir haben Hendrix gehört und Kinks, haben in der Pause geraucht, hie und da geschwänzt und Sprüche geklopft. Es waren harmlose Streiche, sonst nichts.“ In seiner Klasse, der 5b des Dornbirner Bundesrealgymnasiums, saßen auch „wirklich heiße Mädels“ (Rüf) mit noch nie zuvor gesehenen Miniröcken in der ersten Reihe. Der Religionslehrer, Mitte 30, ein fast zwei Meter großer Bauernsohn, habe grobschlächtig und unbeholfen gewirkt. Er reagierte auffallend irritiert auf die Mädchenbeine. Und er hieß Elmar Fischer. Hans Rüf saß in der letzten Reihe und lästerte.

Plötzlich sei Fischer auf ihn zugekommen und habe ihn aggressiv angewiesen, mit ihm die Klasse zu verlassen. Rüf: „Ich bin mit ihm auf den Gang hinaus und dachte, jetzt redet er mit mir unter vier Augen. Doch als er die Klassentür schloss, sah ich seinen hasserfüllten Blick und seinen Jähzorn und dass er kurz vorm Auszucken war. Plötzlich schlug er mich mit der rechten Faust und mit voller Wucht ins Gesicht. Ich lag sofort am Boden, während Fischer sich davonmachte. Er unterbrach den Unterricht und lief zum Direktor.“ Sichtbare Verletzungen habe der Fausthieb nicht verursacht, „aber mein Kiefer hat tagelang wehgetan“.

K.-o-Pädagogik.
Erziehungswatschen waren Anfang der siebziger Jahre keine Seltenheit. Doch diese Art von K.-o.-Pädagogik war auch damals nicht erlaubt. „Das Dornbirner Bundesrealgymnasium war eine angesehene Schule, in der Prügelstrafen zu jener Zeit schon verboten waren“, sagt Rüf. Dennoch schlug sich der Direktor auf die Seite seines Religionslehrers und bedrohte Hans Rüf mit dem Hinauswurf wegen „provozierenden Verhaltens im Religionsunterricht“. Doch in Wahrheit habe der Direktor schon damals Angst davor gehabt, die Sache könnte an die Öffentlichkeit gelangen. Rüf: „Er hat gesagt, ich bräuchte mir gar nicht einzubilden, dass ich damit an die Öffentlichkeit gehen könne, das bringe nichts.“

Der Brief des Direktors an Rüfs Eltern vom 9. Februar 1970 liegt profil vor. In militärischem Ton schreibt er: „Die Konferenz vom 2. Februar 1970 hat Ihren Sohn Hans mit der Betragensnote 4 und der Androhung des Ausschlusses bestraft. Begründung: Der Schüler Hans Rüf, 5b Klasse, hat am 9. und 10. Jänner 1970 nach Absprache mit Mitschülern den Unterricht willkürlich versäumt. Ausserdem (sic!) hat er sich bei der Aufführung des Filmes ,Jedermann‘ und ebenso im Religionsunterricht sehr provozierend verhalten … Es muss leider gesagt werden, dass sein Einfluss auf die Mitschüler schlecht ist.“ Gezeichnet: Reinhold Hefel.

Hans Rüf beschreibt im Gespräch mit profil auch eine andere Facette der Person Elmar Fischer, einen vom Zeitgeist der Jugendbewegung unberührten bäuerlichen Kaplan, der durchaus auch auf unkonventionelle Art versuchte, an die jungen Wilden heranzukommen. Rüf: „Er hat uns einmal zu viert oder zu fünft nachmittags auf ein Bier in ein Gasthaus eingeladen. Das war schon etwas. Dort hat er versucht, uns auf den rechten Weg zu bringen. Doch er hatte keine Vorstellung, was wir da bereits in unseren Köpfen hatten.“

Der Grund für Fischers pädagogisch bemerkenswerten Läuterungsversuch: Hans Rüf und drei seiner Freunde waren dem Ruf der Ferne erlegen. Den Rucksack hatte man bereits versteckt, einige hundert Schilling zusammengekratzt, und nun, eines Morgens im März 1969, bogen die vier Abenteurer vom Schulweg ab und traten ihre Reise per Autostopp in Richtung Hamburg an. Dort wollte man bei Hapag-Lloyd anheuern und mit einem Schiff nach Südamerika gelangen. Doch unterwegs war es kälter als erwartet. Bald änderte man deshalb die Pläne und die Himmelsrichtung. Doch als es auch in Norditalien noch immer nicht wärmer wurde, gaben die vier auf und fuhren wieder nach Hause. Dort wurden sie vom Religionslehrer ins Gebet genommen.

„Ansonsten muss man aber sagen“, so Hans Rüf, „dass Fischer sehr leicht heißgelaufen ist und dazu tendierte, die Kontrolle zu verlieren.“ Von sich aus will Rüf gegen Fischer nichts unternehmen. Er erklärt sich jedoch zu einem Gespräch bereit, sollte die Diözese Feldkirch dies wünschen und ermöglichen. Bischof Elmar Fischer wollte zu den Vorwürfen selbst keine Stellung nehmen, ersuchte profil aber um Vermittlung eines Kontakts zu Hans Rüf.