Die Salzburger Festspiele wirken künstlerisch erstarrt

Die Salzburger Festspiele werden dieses Jahr 90 Jahre alt. Nach zahlreichen ­Pannen und personalen Fehlentscheidungen wirkt das einstige Vorzeigefestival künstlerisch ­erstarrt. ­Innovative ­Projekte muss man längst anderswo suchen.

Von Manuel Brug

Zumindest rechnerisch gibt es einiges zu feiern. Die Salzburger Festspiele werden heuer 90 Jahre alt, das Große Festspielhaus begeht seinen 50. Geburtstag. Dem alljährlich veranstalteten „Großen Welttheater“ widmet man aus diesem Grund eine opulente Ausstellung, vergisst dabei aber eines: Längst findet an der Salzach eher möchtegerngroßes Welttheater statt. Hinter den Kulissen krachte es zudem öfter, als es dem Ruf des Festivals guttut.

2009 reagierte das internationale Feuilleton mit zurückhaltender Begeisterung auf die Nachricht, dass Alexander Pereira ab 2012 als Nachfolger des längst „erloschenen Vulkans“ („Süddeutsche Zeitung“) Jürgen Flimm zum neuen künstlerischen Leiter gekürt werde. Zu alt, zu unspektakulär, zu sehr Mitsurfer im Betrieb und „als netter Langweiler berüchtigt“ („Der Spiegel“), so lauteten die Negativurteile. Pereiras bis dahin verlautbarte Idee eines auf Zürcher Vorübungen basierenden Mozart-Zyklus, dazu die Berufung seines dortigen Lieblingsregisseurs Sven-Eric Bechtolf als Salzburger Schauspielchef, Darsteller und Opernregisseur in Personalunion ließen ebenfalls Kritik laut werden. Er werde jedes Jahr eine Uraufführung präsentieren, kündigte Pereira im Gegenzug an – und bestellte eilends eine Oper bei György Kurtág. Der scheue 83-jäh-
rige Komponist gilt als notorisch unpünktlich.

Nachdem der monotone, aus Aix-en-Provence samt dem Recht der ersten Premierennacht mitproduzierte „Ring des Nibelungen“ Ende 2009 endlich komplett an seiner Zweitabspielstätte Salzburg gelandet war, probten schließlich die Berliner Philharmoniker den Aufstand: Sie beabsichtigten, die österliche Festspielstadt in Richtung Baden-Baden, das mit viel Geld lockte, zu verlassen – der Exodus konnte gerade noch verhindert werden.

Justizmühlen.
Ein schlagzeilenträchtiger Betrugs- und Korruptionsskandal bei den Osterfestspielen verlängerte schließlich 2010 die Salzburger Pannenchronik: Der inzwischen fristlos entlassene Intendant Michael de Witte und der von den Sommerfestspielen ausgeliehene technische Direktor Klaus Kretschmer spielten darin unrühmliche Hauptrollen. Ersterer setzte sich nach Belgien ab, Kretschmer sprang von einer Brücke und verletzte sich dabei schwer. Insgesamt zwölf Klagen sind seit März bei der Salzburger Staatsanwaltschaft anhängig, doch deren Justizmühlen mahlen langsam – sehr zum Ärger der unbeirrt amtierenden Dauerpräsidentin Helga Rabl-Stadler, die sich künftig im Duo mit Pereira Macht und Kompetenzen teilen wird. Das Amt des bisherigen kaufmännischen Direktors wird in Zukunft eingespart; nach Gerbert Schweighofers nicht ganz durchsichtiger, zumindest nicht glücklicher Rolle im anhängigen Betrugsverfahren scheint dies allerdings keinen allzu großen Verlust darzustellen.

Einen Ausweg aus der Misere sucht Rabl-Stadler deshalb seit Kurzem an eher ungewöhnlichen Orten. Anfang dieses Jahres beehrte sie Istanbul, kurz darauf Rio de Janeiro, um Sponsoren zu betören und neue Besucher zu werben. Zuhause hat die Weltmarke Salzburger Festspiele längst ­Patina angesetzt – auch wenn man sich in eigentümlicher Selbstbeschau nach wie vor für das beste, berühmteste Kulturfestival der Welt hält. Unstrittig ist dies freilich nur, was Dauer und Eintrittspreise betrifft.

Eine große Müdigkeit ist, so scheint es, eingekehrt. Öffentlich wird heftiger über die Zahl der Sponsorenlimousinen als den Inhalt des diesjährigen Festspielprogramms diskutiert, das sich gewohnt gediegen bis bieder gibt und große Namen bereithält. Allzu deutlich schimmert die Zielrichtung durch: Die „notorische Frohnatur“ („Der Spiegel“) Jürgen Flimm und Schauspielchef Thomas Oberender, im Dauerclinch vereint, wickeln ihr Programm ab. Der letzte Rest an Dramaturgen-Elan fließt, überspitzt formuliert, in so bedeutungsschwangere wie austauschbare Mottos, die als Literaturzitate­ die biedern Flimm-Jahre noch am stärksten prägten: „Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie“, nennt sich heuer eine Veranstaltung mit Michael Köhlmeier; unter dem Signet „Das Spiel der Mächtigen“ stand die Saison 2009. Der viel gelobte Konzertchef Markus Hinterhäuser, der ab 2011 einen Sommer lang als Inter­imsintendant amtieren wird, will sich offenbar ebenfalls nicht allzu sehr exponieren – und liefert saisonale Musikbegegnungen mit beschränktem Mehrwert ab.
Jürgen Flimm redet gern und viel, er ist eloquent und beherrscht die Kunst der Phrase. Er spielt den Zirkusdirektor und lässt – nicht nur im Umgang mit Schauspielchef Oberender – gern den gestrengen Familienvater aufblitzen. Seinen Wohnsitz hat er längst nach Berlin verlegt, wo er die nicht nur baulich renovierungsbedürftige, von Daniel Barenboim künstlerisch im Klammergriff gehaltene Lindenoper aus dem Sanierungsfall Schillertheater neu erstehen lassen soll. „Schlaflos in Charlottenburg“ nennt sich dort der Slogan einer Veranstaltungsreihe.

Einem Trend der Zeit folgend, triumphiert auch in Salzburg das Marketing über Inhaltliches. Da ist etwa das emsige Treiben anlässlich der „Tage der offenen Tür“ zu beobachten und ein bereits vor dem ersten „Jedermann“-Vorhang äußerst werbewirksam als „neues Traumpaar“ platziertes Protagonistenduo. Zugleich versagen die PR-Bemühungen, um Markenzeichen wie die viel gerühmte „Dichter zu Gast“-Reihe, die dieses Jahr Claudio Magris präsentiert, aus eigener Kraft zu stemmen. Der Salzburger Betrieb greift hier auf die Hilfe einer externen Berliner Literaturagentur zurück.

Die gewöhnlich nicht gerade friktionsfreie Zusammenarbeit mit Künstlern, die sich als Bühnenbildner versuchen, hat in Salzburg indes Tradition. Schauwert siegt auch hier über Inhalt: Da der Hamburger Malerstar Daniel Richter vor zwei Jahren einen Bartók-Abend optisch veredelte, wurde er kurzfristig zur Salzburger „Lulu“ an Bord geholt, nachdem Nikolaus Harnoncourt abgesagt hatte. Und der Berliner Kunstchaot Jonathan Meese soll kalkuliert Pierre Audis Personen-Arrangements für die Wolfgang-Rihm-Uraufführung „Dionysos“ visuell aufpeppen.

Programmatische Wende.
„Das Salzburger Land ist das Herz vom Herzen Europas. Es liegt als Bauwerk zwischen dem Städtischen und Ländlichen, dem Uralten und dem Neuzeitlichen“, formulierte Hugo von Hofmannsthal, neben Max Reinhardt und Richard Strauss einer der Gründungsväter des Festivals, 1919 in seinem „Ersten Aufruf zum Salzburger Festspielplan“. Und weiter: „Der Festspielgedanke ist der eigentliche Kunstgedanke des bayrischösterreichischen Stammes. Gründung eines Festspielhauses auf der Grenzscheide zwischen Bayern und Österreich ist symbolischer Ausdruck tiefster Tendenzen, die ein halbes Jahrtausend alt sind, zugleich Kundgebungen lebendigen, unverkümmerten Kulturzusammenhanges.“

Auf die Programmatik hat man sich bislang gern berufen.
Zugleich wird Salzburg, wo trotz viel gepriesener Umwegrentabilität ein vergleichsweise geringes Kultur­budget bereitsteht, von anderen Festspielen bedrängt, die mit echter Innovations­kraft glänzen. Im Starzirkus be­sitzt Salzburg auch längst nicht mehr das Exklusivrecht auf Stars wie Rolando Villazón, Maurizio Pollini oder Anja Harteros. Viele Zelebritäten kommen erst gar nicht, weil sie lieber Urlaub machen. Salzburg hat, so die Vermutung, von seinem karriere­strategisch einst exzellenten Ruf einiges eingebüßt.

Dem Renommierfestival ist auch längst ernst zu nehmende Konkurrenz erwachsen. Die Auftritte der Pianistin Martha Argerich samt Töchtern, Ex-Geliebten, Freunden, Weggefährten und Schülern kann man auch bei deren Privatfestival in Lugano erleben; ambitionierte Orchesterkonzerte mit weltberühmten Ensembles finden sich in Luzern, wo Intendant Michael Haefliger bald mit einem neuartig multifunktionalen Musiktheatersaal antritt. In Bayreuth sind dieses Jahr bei „Lohengrin“ mit Regieschreck Hans Neuenfels und dem umschwärmten Dirigenten Andris Nelsons aufregende Namen am Programmzettel. Edita Gruberova sang ihre Norma bereits diverse Male in Wien und München, bevor sie diese nun auch
in Salzburg vorstellt. Auch Cecilia Bartoli hat Bellinis Druidenpriesterin eben erstmals in Dortmund interpretiert – nicht an der Salzach.

In Bregenz
, wo man einst genügsam auf einem Kohlenkahn am Seeufer Sommeroperette spielte, werden inzwischen Hunderttausende Zuschauer von einer so spektakulären wie künstlerisch ergiebigen Freiluftopernmaschinerie bedient. Intendant David Pountney hat für die kommenden Jahre zudem eine programmatische Wende für die Festspielhausoper angekündigt: Man will auf populäre Uraufführungen bekannter Komponisten setzen. Zuvor wird diesen Sommer mit der szenischen Uraufführung der bereits 1968 komponierten „Passagierin“ des polnischen Schostakowitsch-Schülers Mieczyslaw Weinberg schwerpunktmäßig die vielleicht wichtigste Wiederentdeckung der Saison präsentiert.

Im südfranzösischen Aix-en-Provence wiederum ist das seit drei Jahren unter dem Brüsseler Ex-Intendanten Bernard Foccroulle geführte Musikfestival nach den finanziell drückenden „Ring“-Jahren glorios wiedererwacht – unter anderem mit einem kontroversen „Don Giovanni“ des russischen Dekonstruktivisten Dmitri Tcherniakov, einer gewieften Gluck-Deutung Christof Loys, die den Zauber des Ortes miteinbezieht, und einem mit Wassermarionetten des kanadischen Theatermagiers Robert Le­page besetzten Strawinsky-Spektakel.

Einen „langsamen Abstieg ins künstlerische und ästhetische Nichts“ diagnostizierte einst Salzburgs ehemaliger Schauspielchef Martin Kusej den Festspielen. So weit muss man nicht gehen. Aufbruch und Innovation, künstlerischer Wagemut und Überraschung sehen dennoch anders aus.