"Die Stimmung war vergiftet": Ex-ÖBB-Chef Martin Huber im Gespräch mit profil

Martin Huber nimmt im Gespräch mit Josef Redl zum ersten Mal nach seiner Demontage als ÖBB-Chef Stellung zu den Spekulationsgeschäften der Bahn, seinem Konsulentenvertrag und seinen privaten Immobiliengeschäften.

Interview: Josef Redl

profil: Die ÖBB haben eben das Ergebnis für 2008 – Verluste in der Höhe von 969 Millionen Euro – präsentiert. Schlechtes Gewissen?
Huber: Schlechtes Gewissen würde ich nicht sagen. Man muss ja wissen, wie diese Zahlen zustande gekommen sind. Da sind große Rückstellungen dabei, und vielleicht wird in ein paar Jahren der Vorstand durch die Auflösung dieser Rückstellungen ein hervorragendes Ergebnis präsentieren.

profil: Sie sprechen es an: Aus den Derivativgeschäften, die in Ihrer Ära eingegangen wurden, mussten 420 Millionen rückgestellt werden. Sehen Sie rückblickend eine persönliche Verantwortung für diese Misere?
Huber: Man muss unterscheiden zwischen einer Verantwortung der Person Martin Huber und einer Verantwortung im Rahmen der Solidarhaftung des Aktienrechts. Es ist ein Faktum, dass ich vom Abschluss dieser Geschäfte damals erst im Nachhinein informiert worden bin. Das ist hinlänglich bekannt.

profil: Wie hat sich Ihnen damals das Zustandekommen des Geschäfts dargestellt? Gab es den Moment, als Erich Söllinger aufgeregt in Ihr Büro gestürmt ist?
Huber: Ja. Es gab diesen Moment, als Erich Söllinger aufgeregt in mein Büro gestürmt ist und erklärt hat, dass möglicherweise etwas passiert sei. Er war aber selbst noch am Recherchieren, wurde ja auch erst im Nachhinein informiert.

profil: Ist es nicht auch für Sie unvorstellbar, dass ein Geschäft über 612,9 Millionen Euro einem einzelnen Mitarbeiter einfach „passiert“ ist?
Huber: Ja. Das war auch für mich schwer zu fassen.

profil: Direkt nach Abschluss des Geschäfts hat man mit Nachverhandlungen begonnen, um das Risiko zu minimieren. Aus heutiger Sicht wäre es freilich klüger gewesen, gleich auszusteigen.
Huber: Es ist immer leichter Historiker zu sein als Zukunftsforscher. Wenn man mich damals gefragt hätte, dann hätte es im Holding-Vorstand keinen Beschluss zum Geschäftsabschluss gegeben. Aus einem einfachen Grund: Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich das Geschäft zur Gänze verstanden hätte, wäre so viel Zeit vergangen, dass sich die Deutsche Bank jemand anderen gesucht hätte. Man darf auch eines nicht vergessen: Der Vorstand hat gemeinsam mit dem Aufsichtsrat intensiv überlegt, was zu tun ist. Uns haben damals auch die zur Beratung zugezogenen Banken geraten, drinnen zu bleiben. Die Banken hatten ja auch alle selbst ähnliche Produkte.

profil: Halten Sie es für sinnvoll, dass die gesamte mögliche Schadenssumme bereits rückgestellt wird?
Huber: Man hat mir nach meinem Ausscheiden nicht mehr die Möglichkeit eingeräumt, tätig zu werden. Die Handlungen des jetzigen Vorstands möchte ich daher nicht kommentieren.

profil: Haben Sie damit gerechnet, dass Peter Klugar zu Ihrem Nachfolger bestellt wird?
Huber: Ich habe mit überhaupt nichts gerechnet. Ich bin davon ausgegangen, selbst noch länger an der ÖBB-Spitze zu stehen. Jetzt werden Sie bestimmt einwenden: „Wie kann der das sagen, wenn Verluste in der Höhe von 612,9 Millionen Euro im Raum stehen?“

profil: Und was antworten Sie darauf?
Huber: Dass ich sehr deutlich dargelegt habe, unter welchen Umständen dieses Geschäft zustande gekommen ist. Der vom Aufsichtsrat mit der Untersuchung der Causa beauftragte Gutachter Deloitte hat mich ja nicht einmal befragt, weil die Person Huber dabei einfach keine Rolle gespielt hat.

profil: Wie stark war während Ihrer Amtszeit die Einflussnahme der Politik auf das operative Geschäft der ÖBB?
Huber: Die Versuche waren da. Ich habe über zehn Jahre meines Lebens Vorstandsfunk­tionen innegehabt und diese immer so interpretiert, dass ein Vorstand im Sinne des österreichischen Aktienrechts weisungsfrei und eigenverantwortlich zu agieren hat. Vielleicht war das auch der Grund für meine Verabschiedung.

profil: Hat Werner Faymann als Infrastrukturminister eine aktive Rolle gespielt?
Huber: Ich habe meine intensiven Gespräche überwiegend mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Horst Pöchhacker geführt.

profil: Sie haben Pöchhacker aus Ihrer gemeinsamen Zeit bei der Porr gut gekannt.
Huber: … Ja.

profil: Sie zögern. Heißt das, dass Sie ihn vielleicht doch nicht so gut gekannt haben, wie Sie gedacht haben?
Huber: Das können Sie so interpretieren.

profil: Wie ist es zu dem Bruch zwischen ­Ihnen und Pöchhacker gekommen?
Huber: Das weiß ich selbst nicht. Ich ver­stehe bis heute nicht, wie es zu diesem Konflikt kommen konnte, der ja mit 21. April des Vorjahres einvernehmlich gelöst schien. Alles Weitere werden jetzt die zuständigen Gerichte zu beurteilen haben.

profil: Sie sprechen den 2008 geschlossenen Auflösungsvertrag an. Sie haben sich lange gegen Ihre Demontage gewehrt. Was hat Sie schließlich bewogen zu gehen?
Huber: Ich musste erkennen, dass man nicht als Einzelner gegen alle kämpfen kann. Ab November 2007 wurde in den Medien das Thema Schillerplatz ständig aufgekocht.

profil: Ihre Frau hat eine Immobilie am Wiener Schillerplatz gewinnbringend an einen Geschäftspartner der ÖBB verkauft.
Huber: Richtig. Die Staatsanwaltschaft hat über ein Jahr ermittelt. Ich habe vor ein paar Tagen endlich das Schreiben erhalten, wonach das Verfahren eingestellt worden ist. Das ist ein klares Bekenntnis, dass an den Vorwürfen nie etwas dran war. Diese Anfeindungen sind damals bewusst gestreut worden, um mich mürbe zu machen.

profil: Was ja auch gelungen ist.
Huber: Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich mir das nicht mehr antun wollte: wenn die Frau und die Kinder angefeindet werden. Da muss man zum Schutz der Familie und der Privatsphäre reagieren, dann soll es eben ein anderer machen.

profil: Trotzdem. Finden Sie nicht, dass die Optik des ganzen Immobiliengeschäfts ein wenig schief ist?
Huber: Eine schiefe Optik kann sich jeder herbeireden. Es geht um Fakten, und die wurden der Staatsanwaltschaft klar auf den Tisch gelegt. Und diese ist folgerichtig auch zur Erkenntnis gelangt, dass an all den Vorwürfen nichts dran ist.

profil: Warum haben Sie so lange verschwiegen, dass Sie über einen Treuhänder selbst an dem Geschäft beteiligt waren?
Huber: Weil der Aufsichtsrat damals schon sehr negativ mir gegenüber eingestellt war. Ich wollte die Sache durch diese Informa­tion nicht weiter hochschaukeln.

profil: Aber Sie müssen doch gewusst haben, dass sich der Aufsichtsrat diese Information beschaffen kann.
Huber: Das Aufsichtsratspräsidium war informiert. Sowohl Horst Pöchhacker als auch dessen Vorgänger Wolfgang Reithofer.

profil: Verstehen Sie den Vorwurf der Unvereinbarkeit? Schließlich haben Sie die Immobilie an einen Geschäftspartner der ÖBB verkauft.
Huber: Es ist nicht verboten, so etwas zu machen, wenn klar nachgewiesen werden kann, wie das Geschäft zustande gekommen ist. Möglicherweise habe ich den Fehler begangen, den Aufsichtsrat im November 2007 nicht aktiv informiert zu haben. Einverstanden. Auch ich mache Fehler. Sie müssen nur verstehen: Die Stimmung im Aufsichtsrat war so vergiftet, dass ich nicht noch mehr Angriffsfläche bieten konnte.

profil: Sie haben als ÖBB-Chef mehr verdient als der Bundeskanzler. Verstehen Sie, wenn die Leute sagen, der Huber kriegt den Hals nicht voll genug und macht auch noch Nebengeschäfte.
Huber: Ich habe mehr verdient als der Bundeskanzler und der Herr Nemsic bei der Telekom mehr als doppelt so viel wie ich. Auch bei der Telekom ist der Staat beteiligt. Ich halte aber gute Politiker für unterbezahlt. Wenn Gusenbauer damals ÖBB-Chef hätte werden wollen, bin ich sicher, dass er sich beworben hätte.

profil: Sie haben bei Ihrem Ausscheiden einen Konsulentenvertrag bei den ÖBB unterzeichnet. Aus diesem hätten Sie bis Ende 2009 monatlich rund 17.000 Euro erhalten sollen.
Huber: Was exakt meinem Entgelt für die Restlaufzeit meines Vorstandsvertrags entspricht. Ohne Bonus.

profil: Aus einem Zusatzvertrag hätten Sie 357.000 Euro erhalten für den Fall, dass die Derivativgeschäfte am Ende der Laufzeit nicht zum Totalausfall geführt hätten.
Huber: Diese Summe entspricht der Zielerreichungsprämie, also exakt dem Bonus für das Jahr 2007.

profil: Im Grunde entspricht der Konsulentenvertrag samt Bonusregelung Ihren Ansprüchen aus dem Vorstandsvertrag. Warum hat man Ihnen die Summe nicht einfach ausgezahlt?
Huber: Offensichtlich war die Gesamtsumme für die politische Argumentation in einem Stück zu hoch.

profil: War überhaupt geplant, dass Sie für dieses Geld eine Leistung erbringen?
Huber: Es wurde im Konsulentenvertrag festgehalten, dass die Zahlung auch erfolgt, wenn der Vorstand mir keine Aufträge erteilt.

profil: Wurde von Horst Pöchhacker offen ausgesprochen, dass Sie für das Geld nicht arbeiten müssen?
Huber: Ja, das wurde offen ausgesprochen.

profil: Ist seitens ÖBB Bereitschaft signalisiert worden, zumindest Teile Ihres Vertrags auszuzahlen?
Huber: Mir ist nichts bekannt.

profil: Wie sehen Sie in Zeiten wie diesen das Thema Gehaltsverzicht von Managern?
Huber: Das ist eine Frage der Leistung. Aber das ist die falsche Fragestellung zu diesem Thema. Es gab Kreise im Aufsichtsrat, die unbedingt wollten, dass Huber während eines aufrechten laufenden Vertrags geht. Und Verträge werden unterschrieben, um eingehalten zu werden. Das ist für mich eine Sache des Anstands. Auch der heutige Bundeskanzler hat das mehrfach betont.

profil: Würden Sie als eine Art Solidarakt im Lichte der Rekordverschuldung auf Teile Ihres – aus Steuergeldern bezahlten – Gehalts verzichten?
Huber: Ich diskutiere nicht über andere Gehälter und möchte auch nicht über meines zum damaligen Zeitpunkt diskutieren. Der Beitrag wäre ohnehin kein großer.

profil: Sie haben im Vorjahr eine Immobiliengesellschaft gegründet. Finden Sie damit Ihr Auskommen?
Huber: Ich zähle zu den Jungunternehmern und bin dabei, mir etwas aufzubauen. Aber auch für jemanden, der lange im Management war, fallen die gebratenen Tauben nicht vom Himmel.

profil: Würden Sie als Unternehmer Ihrer Sekretärin 8600 Euro im Monat bezahlen?
Huber: Wenn mein Unternehmen 5,5 Milliarden Umsatz schreiben würde und die Sekretärin sieben Tage die Woche mehr als zwölf Stunden täglich zur Verfügung steht, dann würde ich das wahrscheinlich.

profil: Ihre Sekretärin bei den ÖBB hat so viel verdient. Sie finden das angemessen?
Huber: Für die Leistung, für den Einsatz, für den Zeitaufwand, die diese Dame an den Tag gelegt hat, war das angemessen. Die Gehälter bei den ÖBB waren teilweise in diesem Bereich.

profil: Für Sekretärinnen?
Huber: Manche Vorstände haben drei, ich hatte eben nur eine Sekretärin. Wenn drei in Summe mehr verdienen, können Sie sich ausrechnen, was effizienter ist.

Martin Huber, 49
Der in Wels geborene Huber nennt sich derzeit etwas kokett „Jungunternehmer“ – er hat sich im Vorjahr nach seinem Ausscheiden bei den ÖBB als Berater im Immobilienbereich selbstständig gemacht. Mit Immobilienentwicklung kennt sich der Betriebswirt aus, das Geschäft hat er in seinen Jahren beim Baukonzern Porr gelernt. Bei der Porr AG diente sich Huber nach seinem Eintritt 1989 bis zum Vorstand hoch. Sein damaliger Chef: Horst Pöchhacker, später ÖBB-Aufsichtsratsvorsitzender. 2004 wechselte der als ÖVP-nahe geltende Huber unter schwarz-blauer Regierung an die Spitze der ÖBB.