Die Strategie, die George W. Bush zum Wahlsieg tragen soll, hat drei Buchstaben:

Er wollte nicht lange bleiben. Er schlenderte herein, als schaue er schnell mal auf dem Baseballplatz vorbei. „In Texas nennen wir das gehen“, sagte der Präsident, sein Anzug saß gut. George W. Bush trägt die Last eines Krieges auf seinen Schultern, die selbst auferlegte Mission, den islamistischen Terrorismus zu besiegen und Amerika seine Stärke zurückzugeben. Doch es sah nicht so aus, als trüge er sehr schwer daran.

„Wir haben uns kennen gelernt in den vergangenen vier Jahren“, zwinkerte er seinen Landsleuten zu. „Was immer man als Präsident für Fehler hat, man wird sie bemerken. Und was immer man für Stärken hat, man wird sie brauchen.“
Das war ein intimer Moment. Leichtigkeit ist Bushs Metier, und die Innenarchitekten hatten sich im Madison Square Garden viel Mühe gegeben, das zu unterstreichen. Da gab es keinen schicken technischen Firlefanz, keine Bühne in Schiffsform wie bei den Demokraten in Bos-ton, keine coolen Pastellfarben. Da stand bloß ein schlichter Bretteraufbau wie vom Heimwerker-Baumarkt nebenan, mit ein paar Attrappen dorischer Säulen, alles kräftig rot und hemdsärmelig blau. Um neun Meter hatte man den Zuschauerraum erhöht, damit jeder im Saal sich mit dem Präsidenten auf gleicher Augenhöhe fühlen konnte.

Milliardäre für Bush. George W. Bush hat aus den Fehlern seines Vaters gelernt, der 1992 bei seinem Nominierungsparteitag in Houston auf einem derart hohen Podium saß, dass es aussah, als habe er jede Bodenhaftung verloren. Dem Sohn konnte das vergangene Woche nicht passieren. „Wir wollten sichergehen, dass alles, was man sieht, etwas über den Charakter des Präsidenten verrät“, sagte Mark McKinnon, Bushs oberster Medienberater. „Wir gehen davon aus, dass jedes Bild etwas bedeutet, dass jedes Bild spricht.“
Das Bild sprach diesmal: Ich bin bei euch, und ich bleibe bei euch. Denn Zweifeln habe ich nie gelernt.

Für Außenstehende mag es rätselhaft scheinen, dass sich einer wie Bush tatsächlich gute Chancen auf eine Wiederwahl ausrechnet. Hat sich nicht eben erst herausgestellt, das dieser Mann sein Volk und die ganze Welt belogen hat? Befindet sich diese Nation nicht in einem Krieg, von dem kaum mehr einer weiß, wie er gewonnen werden soll? In den nächsten Tagen wird aus dem Irak der tausendste gefallene US-Soldat gemeldet werden. Und hat dieser Präsident seinem Land nicht auch noch ein Rekordbudgetdefizit beschert, während er die Millionäre mit Steuergeschenken beglückt?
Mit so viel Verve und so vielen guten Gründen wurde noch selten ein Präsident gehasst, und die Gastgeberstadt New York, die sonst vieles an Seltsamkeiten durchgehen lässt, hat sich mit heiligem Eifer bemüht, ihn diesen Hass auch spüren zu lassen. Auf dem Union Square wurden anklagend die Namen der Opfer des Irak-Kriegs verlesen, die Aufdrucke auf den allgegenwärtigen Anti-Bush-T-Shirts könnten gehässiger kaum sein, in Midtown paradierten frech die „Milliardäre für Bush“ im Smoking und Abendrobe. Republikanische Delegierte, die sich in der Stadt, die sie als feindliches Territorium empfinden, ohnehin kaum aus ihren Hotels trauen, wurden auf der Straße angepöbelt. Nicht nur die üblichen Bewährungshelfer, Bürgerrechtsanwälte und linken Emanzen hat dieser Mann zum Gegner – sondern auch ein ehrbares Panoptikum aus Geheimdienstexperten, Außenpolitik-Profis und hohen Beamten seiner eigenen Administration. Selbst der rechts-religiöse Recke Pat Buchanan hat sich, mit einem neuen Buch („Where the Right Went Wrong“), eben in die Riege der Bush-Kritiker eingereiht: Er wirft dem Präsidenten vor, die konservative Revolution „verraten“ zu haben.

Doch das alles scheint von George W. abzuperlen wie an einer Regenhaut. Er lässt sich zu seinem Parteitag per Video zuschalten, aus dem Arbeitervorort Elmhurst in Queens, wo er locker mit Feuerwehrleuten fraternisiert und Kaffee aus Plastikbechern trinkt. Er legt den Arm um seinen Sitznachbarn und winkt jovial in die Kamera. Denn seine Wahlstrategen haben die Antwort auf alle bohrenden Fragen gefunden, eine Antwort, die Zweifel mit einem Schlag beseitigt. Sie ist so banal wie eingängig und besteht aus drei Buchstaben: U-S-A.

America is back. Amerika ist großartig, Bush ist Amerika, und deswegen ist Bush ein großartiger Präsident, für weitere vier Jahre.
Es lag ausgerechnet an Arnold Schwarzenegger, dem Ausländer, diese Botschaft vergangene Woche in die Köpfe der Nation zu hämmern. Die Geschichte vom „amerikanischen Traum“, die rührende eigene Einwanderer- und Aufsteigerbio-grafie zu erzählen, gehört zu den beliebtesten Versatzstücken sämtlicher Parteitagsreden, demokratischer ebenso wie republikanischer – doch die Saga, wie ein Steirer erst Conan, dann Terminator und schließlich Gouverneur von Kalifornien wurde, sprengte den üblichen Rahmen. Von den Sowjets bedrängt in seiner österreichischen Heimat, auf der Flucht vor dem „Sozialismus“ (der zum Zeitpunkt seiner Auswanderung eine ÖVP-Alleinregierung war), sei er endlich dort angekommen, wo jeder ehrliche, strebsame Mensch der Welt aus tiefstem Herzen seiner Meinung nach hinwill: in Amerika und in der republikanischen Partei.
„America is back“, versicherte Schwarzenegger einer Nation, die genau das sehnlichst hören wollte, und schickte eine Wolke Testosteron in den Saal. Amerika lässt sich nicht kleinkriegen, kleinreden, verstricken in die Widersprüchlichkeit der Welt. Amerika lässt sich nicht in die Irre führen von Hinsicht und Rücksicht, schon gar nicht von einem seltsam nachdenklichen, seltsam unentschlossenen Mann namens John Kerry. Und als die Woche geschlagen war, als die erschöpften Delegierten heimfuhren nach Idaho, Tennessee oder Wyoming, bestand kein Zweifel mehr über die Strategie, mit der George W. Bush diese Wahl gewinnen will.

Krieg gegen den Terror. Es war für die Republikaner ein großes Risiko, ausgerechnet den Krieg gegen den Terror zum Herzstück ihrer Kampagne zu machen. Ist das doch ein Thema, bei dem die Mehrheit ihrem Präsidenten nicht mehr ganz folgen kann: 51 Prozent der Bevölkerung meinen, der Irak-Krieg laufe falsch, und nur eine Minderheit meint, Amerika sei seit Beginn des „Kriegs gegen den Terror“ sicherer geworden. Gerade im militärischen Feld hat Bush wunde Punkte: sein feiges Kneifen vor dem Dienst in Vietnam; sein peinlich theatralischer Auftritt in voller Kampffliegermontur, bei der er die Irak-Mission voreilig als „erfolgreich beendet“ erklärte; die wachsende Bitterkeit unter Soldaten und deren Angehörigen, die sich am falschen Ort für die falsche Sache verheizt fühlen.
Ebenso war es ein Risiko, noch immer und schon wieder den 11. September 2001 zu beschwören: Zu nahe liegt der Verdacht, man wolle die Katastrophe schamlos zu PR-Zwecken ausbeuten. In New York City, wo beim letzten Mal bloß 15 Prozent der Wähler für Bush stimmten, ist politisch nichts zu gewinnen; die allermeisten New Yorker wollen von der beschützenden Geste des Mannes aus Texas nichts wissen; und die Angehörigen der Opfer, die sich zu mittlerweile mächtigen Lobbygruppen zusammengeschlossen haben, gehören zu den schärfsten Kritikern der Regierung. Nur ihrer Hartnäckigkeit ist die Einsetzung jener Untersuchungskommission zu verdanken, die die verheerenden Versäumnisse der Behörden im Umfeld der Attentate zutage förderte.

Die Strategen gingen beide Risiken ein. Und als die Momente allerschlimmster Peinlichkeit vorbei waren, die Auftritte der Witwen vor schwarzem Hintergrund, die in blaues Licht getauchten Bilder weinender Delegierter, da war klar: Es geht in dieser Kampagne gar nicht um New York. Es geht bloß am Rande um den Irak-Krieg. Es geht nicht einmal so sehr um die islamistischen Terroristen, die angeblich größte Gefahr für die gegenwärtige Menschheit. So oft sie auch erwähnt wurden in den Parteitagsreden – sie dienten allenfalls als Stichwort für das höhere Prinzip, die eigentliche Botschaft: Führungsqualitäten, kurz „leadership“.
„Leadership“ im amerikanischen Sinn fehlt jemandem, der „einen gefühlvolleren Krieg gegen al-Qa’ida führen möchte“, wie sich Vizepräsident Dick Cheney über John Kerry lustig machte. „Die Welt ist kompliziert“, hatte Kerry bei seiner Nominierungsrede gesagt, und diese Einsicht wird ihm nun um die Ohren gehauen – ebenso wie die Tatsache, dass er im Lauf seines 40-jährigen Politikerlebens mehrmals seine Meinung geändert hat.
War er jetzt für oder gegen den Sturz Saddam Husseins? Will er die Truppen aus dem Irak abziehen oder nicht? Würde er ebenfalls einen Krieg gegen den Terror führen, denselben wie Bush oder einen anderen? Kerry hat es noch nicht geschafft, dem Wahlvolk, das immer nur mit einem Ohr zuhört, seine Antworten klar zu machen. Deswegen muss er jetzt mit ansehen, wie die Republikaner mit hämischer Freude allerorten Flip-Flops, billige Badeschlapfen, schwenken. Das Image des Zweiflers wird ein Mensch, der nachdenkt, nur schwer wieder los.

Patriotischer Mainstream. „Es gibt nichts Kompliziertes daran, unsere Truppen an der Front zu unterstützen“, kontert Bush mit schlichter Logik. „Wir brauchen einen Mann, der verständlich spricht und meint, was er sagt“, sekundiert Cheney, der in den vier Jahren seiner Amtszeit immer noch kein Sympathieträger geworden ist, wohl aber buchhalterische Strenge ausstrahlt.
Immer wieder werden von den beiden jene Augenblicke zelebriert, in denen alles klar und einfach war: Damals, drei Tage nach 9/11, als Bush vor den rauchenden Ruinen des World Trade Centers stand, einen Feuerwehrmann am Arm, und den Terroristen seine Nachricht ins Megafon rief: „Ihr werdet bald von uns hören!“ Oder wie er den damaligen Bürgermeister Rudy Giuliani an der Schulter packte und ihm versicherte: „Das machen wir schon. Verlass dich auf mich.“ Derartige beinahe mythischen Männermomente sind selten so passiert, wie sie überliefert werden. Doch wenn sie sich einmal als Image in den Köpfen verfestigt haben, sind sie mächtiger als jedes Wahlversprechen.

George W. Bush hat es mit diesem Parteitag geschafft, sich wieder im Zentrum der Gesellschaft zu platzieren, als Treuhänder des patriotischen Mainstreams. Mit allen Mitteln versuchen die Demokraten, dieses Spiel als Täuschung zu entlarven: Bush habe Amerika gespalten, sagt Kerry. Er sei ein „Extremist“, der nicht die Mitte, sondern eine radikale Minderheit der Gesellschaft vertrete, die Reichen, die Religiösen, die weißen alten Männer. „Alle vier Jahre setzen die Republikaner ihr mitfühlendes Gesicht auf“, ätzt Bill Clinton, „doch dann fahren sie heim nach Washington, und dann haben wieder die radikalen Rechten aus den Südstaaten und die Lobbyisten das Sagen.“

Die Fakten geben den Demokraten weit gehend Recht: Die breite Masse hat von Bushs Amtszeit tatsächlich nicht profitiert. Das durchschnittliche jährliche Familieneinkommen ist in den vergangenen vier Jahren um 1500 Dollar gesunken. Es gibt 1,2 Millionen weniger Arbeitsplätze als bei seinem Amtsantritt. Wer umgerechnet eine Million Euro im Jahr verdient, zahlt unter Bush nun 70.000 Euro weniger Steuern, ein Durchschnittsverdiener erspart sich bloß 900.

Die religiöse Rechte. Die Macht in der Partei ist fest in der Hand des Establishments – und meilenweit entfernt von der bunten Wirklichkeit Amerikas: 98,8 Prozent der republikanischen Abgeordneten in den einzelnen Bundesstaaten sind weiß, während landesweit 31 Prozent der Bevölkerung Minderheiten angehören. Im Kongress sitzt kein einziger schwarzer Republikaner, und alle drei lateinamerikanischer Abstammung sind Exilkubaner. Besonders extrem ist die Schieflage in Texas, wo die Weißen bloß noch 53 Prozent der Bevölkerung, aber sämtliche Abgeordnete stellen.

Auch das eben verabschiedete Parteiprogramm spricht nicht die Sprache des Mainstreams, sondern der religiösen Rechten: Es verlangt, das „fundamentale, individuelle Recht auf Leben“ auf ungeborene Kinder auszudehnen und in der Verfassung festzuschreiben, und erteilt allen homosexuellen Partnerschaften eine scharfe Absage. Die Partei sei „gekidnappt von den Konservativen“, warnen gemäßigte Republikaner in großflächigen Zeitungsinseraten die Öffentlichkeit, und Hillary Clinton wird deutlicher: Die Mainstream-Show am republikanischen Parteitag sei ein „potemkinsches Dorf“ Doch wer liest schon ein Parteiprogramm? Es ist schwer, gegen einen Mann anzurennen, der ganz selbstverständlich die Mitte des Spielfelds besetzt und seinen Herausforderer allenfalls vom Rand aus mitspielen lässt.

George W. Bushs Haar ist grauer geworden in den vier Jahren seit seiner Wahl, seine Falten sind ein bisschen tiefer. Er hat darüber gesprochen, wie schwer es ist, über Krieg und Frieden zu entscheiden und Mütter zu trösten, deren Söhne an der Front gefallen sind. Er hat erzählt von den irakischen Folteropfern, die ihn besuchten und mit den Prothesen ihrer amputierten Hände „Gott segne Amerika“ auf einen Dankesbrief schrieben. Er hat gelernt, ein ernstes Gesicht aufzusetzen, wenn es um solche ernsten Dinge geht.

Doch dann, während 150 Tonnen Konfetti niederregnen, holt er Papa und Mama auf die Bühne und ist wieder der verwöhnte Bub von nebenan, dem die große Party rundherum ganz selbstverständlich zusteht. „Es gab immer Zweifler“, sagt er, „aber ihr könnt mir vertrauen. Die amerikanische Nation ist ehrlich, idealistisch, stark.“ Dann fährt er auch schon wieder nach Hause. Es sieht aus, als wäre es ganz einfach, amerikanischer Präsident zu sein.