„Die Technologie ist reif für so eine Anlage“

Harald W. Weber*, Experte für Hochleistungsmagnete und Supraleiter, über den geplanten Bau des Fusionsreaktors ITER.

profil: Sie haben hier im Atominstitut im Wiener Prater einen kleinen Forschungsreaktor. Wieso gibt es keinen Fusionsforschungsreaktor?
Weber: Die Kosten für derartige Geräte, welche die tatsächliche Machbarkeit der Kernfusion zur Energiegewinnung im Labor zeigen sollen, sind so gewaltig, dass sie nur in Zusammenarbeit aller Industrieländer aufgebracht werden können.
profil: Jetzt soll die erste Großforschungsanlage ITER gebaut werden. Wo steht die Kernfusionsforschung heute?
Weber: In den letzten Jahren hat man riesige Fortschritte gemacht. Die physikalischen Grundlagen der Plasmaphysik und die technologischen Lösungen sind heute reif für so eine Anlage.
profil: In welchen Bereichen gab es die entscheidenden technologischen Fortschritte?
Weber: Beispielsweise in dem ursprünglich von russischen Physikern entwickelten Konzept „Tokamak“, das den Einschluss des ultraheißen Plasmas durch gigantische Magnetfelder bewirkt, die in dieser Dimension nur durch Supraleiter herstellbar sind ...
profil: ... und die Ultratieftemperaturen erfordern.
Weber: Der Supraleiter läuft auf vier Kelvin, das ist nahe dem absoluten Nullpunkt von minus 273 Grad Celsius. Unmittelbar daneben befindet sich ultraheißes Plasma mit mehr als 100 Millionen Grad.
profil: Ist das Plasma beherrschbar?
Weber: Handhabung, Diagnostik und Reinhaltung des Plasmas sind weit gehend gelöst. Verunreinigungen können den Prozess erheblich stören, daher ist das wichtig.
profil: Die Erzeugung von 100 Millionen Grad ist kein Problem?
Weber: Man kann wenige Teilchen beispielsweise durch Einstrahlung elektromagnetischer Wellen relativ leicht auf diese Temperatur bringen. Aber mit wenigen Teilchen erreiche ich nicht genügend Fusionsreaktionen. Wenn ich aber die Temperatur bei einer ausreichend hohen Dichte von Teilchen erreiche, und das über einen längeren Zeitraum, dann habe ich gewonnen. Und das ist am JET in England gelungen und soll mit ITER in einer für eine künftige Stromproduktion relevanten Großanlage demonstriert werden.
profil: Warum sollte ITER in Europa gebaut werden?
Weber: Weil Europa den Löwenanteil der technologischen Entwicklung beigetragen hat. Dennoch machen die USA, die nur zehn Prozent der Baukosten tragen wollen, enormen Druck, dass der Reaktor in Japan gebaut wird. Aber das ist vollkommen ungerechtfertigt.

*) Harald W. Weber, 59, ist Professor für Tieftemperaturphysik und Supraleitung am Atominstitut an der TU Wien.