Die Türken in Wien

Die Fußballeuropameisterschaft hat zur Verbesserung Österreichs beigetragen.

Ich möchte eine kleine persönliche Geschichte, die ich vor einigen Wochen hier erzählte, ergänzen. Zur Erinnerung: Mein patriotischer Sohn Leon wollte während der Europameisterschaft unseren Familien-Van beflaggen. Um nicht allzu dümmlich Nationalstolz zu demonstrieren, schlug ich ihm vor, nicht nur ein österreichisches Fahnderl zu hissen, sondern auch einen Wimpel eines anderen Landes am Auto anzubringen. Wir einigten uns – angesichts einiger Taxis, die bereits binational türkisch-österreichisch geschmückt durch Wien fuhren – darauf, links vorne Rot-Weiß-Rot und rechts vorne Halbmond und Stern auf rotem Grund flattern zu lassen. Es machte Spaß. Hier jetzt die Fortsetzung der Story: Die österreichische Fahne hatten wir schlecht montiert. Meine Frau fuhr also gemeinsam mit unseren drei kleinen Kindern – nur türkisch beflaggt – weiter. Und innerhalb von zwei Stunden wurde sie sage und schreibe dreimal Zielscheibe von Aggressionen. Einmal wurde sie in der Wiener Inneren Stadt von einer feinen älteren Dame aufs Wüsteste beschimpft. Dann schüttelte ein Junger mit rot-weiß-roter Gesichtsbemalung die Faust gegen die vermeintliche Türkin. Und schließlich, an einer Kreuzung, zeigten ihr gleich zwei Autofahrer den Stinkefinger. Am darauf folgenden Morgen war unser Wagen unbeflaggt: Die türkische Fahne hatte jemand über Nacht abgebrochen.
Dieses Erlebnis warf mich auf das zurück, was ich ohnehin wusste: Die Österreicher mögen die Türken nicht. 95 Prozent meiner Landsleute wollen den Türken den Weg nach Europa verweigern – das ist ein europäischer Spitzenwert in der Ablehnung eines EU-Beitritts der Türkei. Gleichzeitig gewinnt gerade die FPÖ mit Dummslogans wie „Daham statt Islam“ und „Pummerin statt Muezzin“ an Sympathien in der österreichischen Bevölkerung. Bei dieser Hetze sind ohne Zweifel vor allem die türkischstämmigen Mitbürger gemeint. In die gleiche Richtung gehen Verordnungen von Landesregierungen, die den Bau von Moscheen mit Minaretten unmöglich machen sollen. Und kaum jemand empört sich.

All das fiel mir wieder nach dem Vorfall mit der türkischen Flagge an unserem Wagen ein. Das war zu Beginn der EM. Dann aber wurde alles anders.
Meine ursprüngliche Ahnung, dass Wien in einem Meer von Rot-Weiß-Rot ertrinken würde, bewahrheitete sich nicht. Es wurde viel bunter. An allen Ecken und Enden tauchten türkische Wimpel und Leiberln auf, auch das Schachbrettmuster Kroatiens war überall präsent, deutsche Schlachtenbummler präsentierten ihr Schwarz-Rot-Gold, die Farben anderer Nationen mischten sich darein. Wien wurde multicolor. Vor allem aber die Türken Wiens erlebten ihr ­Coming-out. Jäh waren sie da. In Ottakring – in „Klein-­Istanbul“ um den Brunnenmarkt – feierten sie. Auch in der Innenstadt. Hupend fuhren sie durch die Straßen. Und es war alles heiter. Unter dem Zeichen des Halbmonds gab es keine Gewalt. Dem Alkohol sprachen – im Unterschied zu den Fans anderer Nationen – die jungen Türken auch nicht zu. Ihr Enthusiasmus war freundlich und friedlich. Auch noch als sie gegen Deutschland verloren hatten.
Das Wesentliche aber: Bisher waren die Türken, aber auch andere Österreicher mit Migrationshintergrund, in der Öffentlichkeit nicht wirklich sichtbar. In der Politik, in den Parlamenten, Regierungen und in der Verwaltung sind sie kaum vertreten, in den Medien tauchen sie meist nur als Kriminelle auf. Oder zumindest als Problem. Unsere Türken werden gemeinhin durch das Prisma der Angst vor dem Islam und einer geheimnisvollen Parallelgesellschaft gesehen. Plötzlich ergab sich ein ganz anderes Bild: Die jungen Türkinnen, die man nun zu Gesicht bekam, entsprachen so gar nicht dem Klischee von der verschleierten Moslemin, die patriarchalisch in die Wohnung verbannt ist. Massenhaft begeisterten sie sich auf den öffentlichen Plätzen – mit oder ohne Kopftuch – gemeinsam mit ihren männlichen Landsleuten für die EM, allen voran für die türkische Mannschaft.
Und die spielte ja wirklich bewundernswert: Sie kombinierte Energie, Kraft und Aufstiegswillen eines Schwellenlandes mit der technisch hoch entwickelten Modernität europäischen Fußballs.
Das musste auch das österreichische Publikum neidlos anerkennen. Als die Türken gegen die Deutschen spielten, schlug ihnen zusätzliche Sympathie entgegen. Da hielt gewiss eine Mehrheit der Österreicher die Daumen für sie. „Haydi Türkiye, ele bugün Almanya’yi!“, schlagzeilte sogar die Wiener Boulevardzeitung „Heute“ auf der ersten Seite: Hoppauf Türken, schmeißt heute die Deutschen raus!
Dass der eindeutig beste Spieler der schwachen österreichischen Nationalmannschaft, Ümit Korkmaz, ein Kind von türkischen Einwanderern ist, kommt noch dazu.

Ohne Zweifel hat die EURO der letzten Wochen die Beziehung der Österreicher zu den Türken im Land verbessert. Jetzt am Ende der EM wird wahrscheinlich viel weniger der Stinkefinger wider Mitbürger, die selbst oder deren Eltern aus Istanbul, Ankara oder Anatolien kommen, gereckt. Wie nachhaltig dieser Meinungsumschwung ist, wird sich erst erweisen müssen.
Wahrscheinlich aber hat sich auch der Blick auf die eigene Heimat verschoben. Wien hat sich in den vergangenen Wochen bis zur Kenntlichkeit verändert. Die österreichische Hauptstadt zeigte sich als das, was sie immer schon war: eine multikulturelle Metropole, die Feste zu feiern versteht. Und Österreich präsentierte sich der Welt als das, was im Land bisher immer wieder hartnäckig verleugnet wird: als klassisches Einwanderungsland. Es wurde klar: Fußball hat eine eminent zivilisierende und aufklärerische Wirkung.
So gesehen war die EM für Österreich ein durchschlagender Erfolg.