Die neuen TV-Heldinnen: Kaputt, untreu, verrückt und drogensüchtig

Verrückt, kaputt, notorisch untreu, kriminell und tablettensüchtig. Neue TV-Heldinnen lassen die „Sex and the City“-Frauen wie Musterschülerinnen wirken.

Bevor Jackie Peyton morgens ihre Familie verlässt, nimmt sie noch schnell den Ehering ab. Statt des Morgenkaffees gibt es eine Linie Kokain. Die Krankenschwester im Emergency Room eines New Yorker Spitals braucht mittags Sex. Und zwar jeden Mittag. Nach der „Freakshow“, wie sie ihre Patienten nennt, gibt es regelmäßig eine schnelle Nummer mit dem glatzköpfigen Spitalsapotheker Eddie – ohne Liebe und den ganzen Gefühls-Schmafu, versteht sich. Dafür ist in Jackies Leben nämlich keine Zeit. Eddie hat außerdem noch eine viel wichtigere Bedeutung in Jackies Leben: Er versorgt die von heftigen Rückenschmerzen geplagte zweifache Mutter heimlich mit einem Pillensortiment an Schmerzkillern. Denn ohne Psychopharmaka ist sie längst nicht mehr in der Lage, in diesem Irrsinn auch nur irgendwie zu funktionieren. Ihr persönlicher Drogendealer hat keine Ahnung davon, dass Jackie, grandios gespielt von Edie Falco, die schon als Mobster-Gattin in der revolutionären HBO-Serie „Sopranos“ brillierte, überhaupt eine Familie hat. Auch für Gewissensbisse ist in Jackies Leben gar kein Platz. „Hey, Leute, viele Menschen sind heute hier, weil sie beschlossen haben, den schlimmsten Tag ihres Lebens zu verbringen“, brüllt sie manchmal in das Gewimmel der Notaufnahme, um den Jung­ärzten das Schnöseltum auszutreiben. „Wir Krankenschwestern sind da, um euch wirklich zu heilen. Also behandelt uns gut. Die Ärzte stellen nur die Diagnosen!“ „Nurse Jackie“ (ab Herbst im ORF), vom US-Pay-Sender Showtime produziert, ist ein Symptomträger für eine neue Trendwelle.

„Borderline-Heldinnen“ nennt das Magazin „New York“ jene Riege von Serien-Protagonistinnen, die zurzeit in den USA das TV-Geschehen dominieren: „Die Ära der Outsiderinnen ist eingeläutet. Die Idyllen sind eingekracht, die Welt ist aus den Fugen geraten. Diese in so vieler Hinsicht kaputten Mittelstandsfrauen sind die Antwort auf den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand.“ Sie sind auch das Abbild einer auf stetiger Talfahrt befindlichen Mittelschicht, die wie in keiner anderen westlichen Industrienation durch das Platzen der Immobilienkrise, die Traumatisierung durch den Irak-Krieg und ein katastrophales Gesundheitssystem in Mitleidenschaft gezogen wurde. Um in diesem Katastrophengebiet von Alltag überleben zu können, bleiben den postfeministischen Protagonistinnen nur Tabletten, wahlloser Geschlechtsverkehr mit jungen Männern, die unwesentlich älter sind als der eigene Sohn („Cougar Town“ mit „Friends“-Darstellerin Courteney Cox), eine multiple Persönlichkeitsstörung („United States of Tara“ mit Toni Collette) oder das Dealen mit Kräutern aller Art („Weeds“ mit Mary-Louise Parker). Denn ohne ihren florierenden Drogenhandel würde die Witwe Nancy ihre zwei Söhne in der kalifornischen Suburbia-Hölle nicht über die Runden bringen. Der ORF zeigt ab Juli die dritte Staffel der preisgekrönten Showtime-Serie „Weeds“, in der Nancys unschuldiges, kleines Grasgeschäft plötzlich so boomt, dass die Söhne mithelfen müssen und die zweifache Mutter immer wieder kaltes Metall an ihrer Schläfe fühlt. „Hätte ich nur irgendwann eine Ausbildung gemacht“, seufzt sie einmal, doch die hätte ihr im krisengeschüttelten Amerika der Gegenwart auch nicht viel genutzt. Ohne den Handel mit verbotenen Substanzen wäre die finanziell unversorgte Nancy wie viele andere Amerikaner aus der Mittelschicht direkt in den Notstandshilfestatus geschlittert und mit ihren Söhnen allenfalls in einem Trailerpark gelandet.

„Die Suche nach dem Märchenprinzen ist eingestellt“, resümiert die Serieneinkaufs-Chefin des ORF, Andrea Bogad-Radatz, die die Formate „Cougar Town“ und „United States of Tara“ im Herbst und Winter auf Sendung setzt. „Die neuen TV-Frauen sind viel realistischer, desillusionierter und auch düsterer als ihre Vorgängerinnen.“

Dating-Desaster. Moral, vor allem solche zwischengeschlechtlicher Natur, ist dabei eine zu vernachlässigende Kategorie. Während die „Sex and the City“-Gören, die HBO 1998 erstmals auf Sendung schickte, noch bei vielen bunten Drinks verschämt Antworten auf die Frage „Sind wir Schlampen?“ (so lautete die Themenheadline der ersten Folge) suchten, macht sich „Cougar Town“-Bewohnerin Jules (Courteney Cox) keine Sorgenfalte wegen ihres promisken Lotterlebens. Die im Pensionisten-Eldo­rado Florida lebende Immobilienhändlerin, deren golfender Ex zur Kategorie der fröhlichen Leistungsverweigerer zählt und immer wieder Unterhalt von ihr fordert, beschließt nach der Scheidung, ihren Glauben an ein Leben vor dem Tod zu reaktivieren. Doch die ersten Dating-Versuche in der ­eigenen Alterszielgruppe geraten zum Desaster. Denn das männliche Marktangebot erweist sich als entweder komplett verkorkst, beziehungstraumatisiert, schwul, pervers oder – und das ist wahrscheinlich der schwerste Schlag – desinteressiert an geschiedenen, alleinerziehenden Frauen über 40, die noch dazu über das Handicap eines rebellierenden, störrischen Teenager-Sohns verfügen. „Ich wollte nie eine von denen sein“, seufzt Jules, als ihr Blick über eine Armada gebotoxter, Leoparden-Bikinis tragender Frauen ihres Alters in Liegestühlen schweift, „aber ich fürchte, ich bin längst eine von denen.“ Als einzige Option für irgendeine Form von Liebesleben bleibt Jules eine Existenz als „Cougar“. Seit Demi Moore unter Einsatz einer Komplettrenovierung sich den um ein halbes Menschenleben jüngeren Schauspieler Ashton Kutcher krallte und mit ihm als Ehemann ein im Boulevard genüsslich aufbereitetes Patchwork-Matriarchat führt, wurde der Begriff, der ursprünglich eine silbergraue Puma-Art bezeichnet, zum Fixinventar der US-Sprachkultur. „Cougar“ gilt inzwischen als Synonym für Frauen jenseits der Lebensmitte, die ungeniert Toyboys im Schlepptau haben und dem Lolita-Komplex des Mannes eine feministische Note verleihen. Die britische Starschauspielerin Tilda Swinton hat den „Cougarism“ sogar noch einen Tick weiter gedreht. „Poly Family“ nennt die britische Presse das inzwischen seit drei Jahren währende Konstrukt der Oscar-Preisträgerin, die mit ihrem 29-jährigen Lover durch die Welt reist, während Gatte John Byrne, 68, die Zwillinge in Schottland hütet.

Pionierarbeit.
Für den nationalen Sender ABC ist eine Serie wie „Cougar Town“, die der „Scrubs“-Erfinder Bill Lawrence konzipierte, durchaus eine Mutprobe. Dass eine Frau Männer, die nur unwesentlich älter sind als ihr Sohn, ohne jegliche moralische Skrupel und in Begleitung von erfrischend vulgärem Humor wie am Fließband vernascht, ist trotz der Pionierarbeit von Samantha, der Männerfresserin aus „Sex and the City“, und des inzwischen mit dem Serientod bestraften Vorgarten-Vamps Eddie aus „Desperate Housewives“ noch ideologisches Neuland. „Entsetzlich ordinär“, ekelte sich das Magazin „Entertainment Weekly“, doch das Publikum konnte Courteney Cox’ Schlampenfieber durchaus Sympathie abgewinnen. „Durch die Unterstützung von Sarkasmus verkraftet das amerikanische TV-Publikum viel mehr, als man ihm eigentlich zutrauen würde“, schreibt die „New York Times“. Dass sich in der Serienkultur in den USA im vergangenen Jahrzehnt jenseits des üblichen Mainstream-Trashs ein durchaus von Innovationsgeist und Qualitätsniveau getragenes Fernsehen etabliert hat, ist vor allem den Pay-Sendern HBO und Showtime zu verdanken. Die durch Abonnenten finanzierten Netzwerke schritten mit der Mafia­saga „Sopranos“, der schrägen Bestattungsserie „Six Feet Under“, „Sex and the City“, „Weeds“ oder der schrankenlosen Lesbensoap „L-Word“ in Tabuzonen, die bislang nur dem Kino vorbehalten waren. Die Breitenwirkung dieser Nischenprodukte ließ auch die Experimentierfreude bei den nationalen Sendern wachsen. Dass ABC 2004 ein von tiefschwarzem Humor und Subversivität geprägtes Projekt wie „Desperate Housewives“ auf Schiene setzte, wäre ohne die Pionierarbeit der Pay-Sender nicht denkbar gewesen. Bedingt durch diese Fernseh-Avantgarde, hat TV-Fiktion heute längst nicht mehr die Funktion, nur als „Medikation für eine glücklichere Welt“ herzuhalten, sondern gibt „Beschreibungen für gesellschaftliche Krankheitssymptome ab“, wie der US-Schriftsteller Jonathan Franzen schreibt. Vom charmanten Serienkiller Dexter bis zu dem menschenhassenden und tablettensüchtigen Medizingenie Dr. House und dem Zwängler-Detektiv Monk bevölkern zurzeit männliche Therapiefälle die Hauptsendezeit. Mit Zeitverzögerung machen sich als logische Konsequenz davon eben jetzt auch pathologisch veranlagte Frauen breit.

Herausragendstes Beispiel für das Lebenskonzept „Krankheit als Weg“ gibt Toni Collette in „United States of Tara“ (ORF-Start: Winter) als Mutter und Malerin, die ihre Familie mit einer „dissoziativen Identitätsstörung“ auf Trab hält. Manchmal bemächtigt sich ihrer Psyche die erzkonservative Wirtschaftswunder-Hausfrau Alice, dann wieder tritt T, eine kiffende Teenagerschlampe, auf den Plan, die wieder von ­einem Vietnam-traumatisierten Truck-Primitivling abgelöst wird. Die für ihr „Juno“-Drehbuch Oscar-prämierte Ex-Stripperin Diablo Cody schafft die Gratwanderung, Taras Krankheit schrägen Humor abzugewinnen, ohne ihre Würde zu verletzen und sie als Freak vorzuführen. Steven Spielberg fungierte als ausführender Produzent, was exemplarisch für eine allgemeine Entwicklung ist: Immer mehr Hollywood-Größen empfinden Fernsehen nicht mehr als Endstation, sondern als kreative Spielwiese. Auch in der Männerabteilung wird weiter an Tabuschranken gerüttelt. Die HBO-­Serie „Big Love“ zeigt, wie anstrengend ein polygames Mor­monenleben sein kann, indem sie einen Metallwarenhändler (Bill Paxton) an drei Frauen, sieben Kindern und drei Hauskredit-Rückzahlungen verzweifeln lässt. In „Hung“ wird der Branche des Callboys die sozialkritische Kante verpasst: Der arbeitslose Sportlehrer Ray, dem durch Alimente das Wasser über dem Hals steht, vermittelt alleinstehenden Frauen in Hotelzimmern gegen Bares die Illusion, begehrt zu werden. „Another hard day in the office“, seufzt Ray, bevor er in ein solches Boudoir schreitet. Feministisch höchst korrekt: Ray hat eine Zuhälterin, die im Hauptberuf Poetin ist. Die deutschsprachigen Sender scheinen für solche Bildstörungen noch nicht aufgeschlossen genug: Bislang haben sich noch keine Abnehmer gefunden. Arte bringt jedoch ab Herbst die Hardcore-Serie „Breaking Bad“: Unscheinbarer Chemielehrer mit unheilbarer Lungenkrebsdiagnose will seine schwangere Frau und seinen behinderten Sohn absichern. Mit der Produktion und dem Vertrieb der synthetischen Droge Crystal Meth. So bekommt auch ein drohender Tod durchaus vergnüglichen Unterhaltungswert.