Die üblichen Unverdächtigen

In seinem Programm „Unschuldsvermutung“ im Wiener Rabenhof führt der Kabarettist Florian Scheuba die Skandal-Elite der Republik mit ihren eigenen Worten vor. profil war bei den Proben dabei und bringt exklusiv Auszüge aus dem Stück.

Baustellenstimmung im Wiener Rabenhof. „Bringts dem Retter des ORF Hut und Mantel“, weist Regisseur und Hausherr Thomas Gratzer die Kostümbildnerin an, als Robert Palfrader in den Saal fegt. Auch die dem „Palf“ eilig verpasste Popper-Frisur hätte noch Gestaltungspotenzial. Aber egal, mit solchen Petitessen kann man sich jetzt nicht aufhalten. Das Licht geht aus. Palfrader verwandelt sich in den „Fünfer“, wie Julius Meinl unter seinesgleichen gerne genannt wird. Er nimmt an der vordersten Kante des Sofas Platz, versinkt in sich. „Du musst mehr die Augen aufreißen, diese aufgerissenen Glubscher sind die Trademark von dem Popper“, kommandiert Gratzer. „Für die Gage mach ich dir alles, was du willst, auch hundertmal“, schnurrt Palfrader und brüllt dann: „Aber in Wahrheit bin ich ganz andere Häuser gewohnt.“ Das Team kichert. Florian Scheuba mutiert zum klebrigsten und gleichzeitig verschlagensten Showmaster der österreichischen Fernsehgeschichte: Heinz Conrads. Der folgende Dialog ist insofern kein Witz, als die Antworten des wunderlichen Geldvermehrers authentisch sind und von Scheuba aus mehreren Interviews zusammenmontiert wurden.

Heinz Conrads: Lieber Meinl, bei Ihnen haben die Unannehmlichkeiten ja fast ein bissl lustig begonnen, mit einer polizeilichen Einvernahme, ausgerechnet am 1. April.

Julius Meinl: Da bin ich dorthin gegangen mit meinen Anwälten, plötzlich sagte der Staatsanwalt: „Es kommt jetzt zu der unangenehmen Nachricht dieses Abends, wir werden Sie festnehmen!“ Ich sagte: „Das ist wohl ein Aprilscherz, oder?“ Er sagte: „Nein, hier ist der Haftbefehl! Sie können eine Kaution bezahlen. Und zwar 100 Millionen Euro!“ Ich sagte: „Bitte entschuldigen Sie, ich habe keine 100 Millionen!“

Conrads: Stimmt, Sie haben nämlich ungefähr zwei Milliarden Euro. Die 100 Millionen haben Sie dann am nächsten Tag hinterlegen lassen, das war ja für Sie kein Problem. Aber die Nacht mussten Sie im Gefängnis verbringen. Wie war das?

Meinl: Man wird eingesperrt …

Conrads: Grad das ist ja das besonders Unangenehme an einem Gefängnis.

Meinl: … und es wird das Licht abgeschaltet.

Conrads: Also Dunkelhaft. Was war vorm Lichtabdrehen?

Meinl: Na ja, da müssen Sie sich mal ausziehen, völlig! Dann werden Sie untersucht, jedes Detail! Das ist eine Erfahrung, die muss man einmal gemacht haben. Immer wieder, wenn man zum Anwalt gerufen wird, kommt man in so eine Art Zwischenlager …

Conrads: Sie waren also in einem Lager interniert.

Meinl: Ich wurde in eine relativ kleine Zwischenstation gesperrt, mit relativ vielen Menschen drinnen. Ich glaube, dass es nur Schwarzafrikaner waren.

Conrads: Wahrscheinlich war wieder das Licht abgedreht.

Meinl: Das war eine positive Erfahrung, denn mit denen konnte man sich sehr fröhlich verständigen. Weil es fröhliche Menschen waren … Die haben sofort gegrüßt. Ich habe gesagt: „Where are you from?“ Der eine sagte: „I’m from Lagos“, und ich sagte: „I am from Austria“ … Und dann sagten die: „Oh, hi, welcome.“ Da war sofort eine freundliche Gemeinsamkeit da. Der eine hat gesagt, er hat ein Drogendelikt begangen und der andere irgendeinen Überfall. Das wäre jetzt besonders blöd, weil jetzt wäre er schon das zweite Mal dran, und es war, ich würde sagen „the normal course of business“.

Conrads: Man hat sich also international unter Kollegen ausgetauscht. War es mit allen so nett?

Meinl: Da waren so Rumänen und zum Teil auch Österreicher, die waren eher weniger freundlich.

Conrads: Oje, die haben wahrscheinlich gewusst, wer Sie sind.

Meinl: Aber furchtbar war für mich das Radio in der Zelle.

Conrads: Das ist auch wirklich ein Skandal. Ö3 in der Früh sollte im humanen Strafvollzug tabu sein.

Meinl: Da hat man alle fünf Minuten gehört, wie man selbst verhaftet wurde und was man zu essen kriegt.

Conrads: Was haben Sie denn zu essen bekommen?

Meinl: Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise.

Conrads: Kein Amuse-Gueule, kein kleiner Gruß aus der Küche?

Meinl: Es war okay, nicht ganz der normale Standard, es war nicht 5-Sterne.

Conrads: Eine entbehrungsreiche Erfahrung für Sie also, und das alles nur, weil man Ihnen ungeheuerliche Dinge vorwirft, nämlich Untreue und Betrug.

Meinl: Ich glaube, dass die Wurzel der Geschichte darin liegt, dass Österreich ein Land von Sparern ist. Die Menschen wollen nur sehen, dass ihr Erspartes immer mehr wird.

Conrads: Da muss man ein erzieherisch wertvolles Zeichen setzen, damit die Leute erkennen: Es kann auch einmal weniger werden.

Berlusconisierung. Monatelang durchforstete Florian Scheuba die Archive, um Material für „Unschuldsvermutung“ (Premiere am 17. November im Wiener Rabenhof) zu sammeln. Der Running Gag und das gleichzeitig Beklemmende der Produktion ist, dass die Wuchteln der zu Wort kommenden Skandal-Celebrities der vergangenen Jahre „original von denen auch so vermeldet wurden“. Acht Jahre nachdem Scheuba auf Anregung des Hausherrn Thomas Gratzer mit „Österreichs größte Entertainer“ von Jack Unterweger bis Helmut Frodl die berühmtesten Mörder der Republik nach demselben Prinzip am selben Ort versammelte, ist es höchste Zeit, „wieder eine kleine Bilanz zu ziehen“ – mit den Schwerpunktthemen Korruption, Untreue, Betrug, die mit „einer völligen Chuzpe und Coolness einhergeht“, so Scheuba. Dennoch soll der Abend zu „keiner Hinrichtung“ für die handelnden Protagonisten werden: „Das sind Charakterstudien, die gleichzeitig ein Abbild von Österreich und seiner fortschreitenden Berlusconisierung zeichnen.“

„Wenn man sich den einfachen Bauern so anschaut“, kommentiert Gregor Seberg seine Figur des Alfons Mensdorff-Pouilly, „macht sich in einem vor allem ein Gefühl der Ohnmacht breit. Der signalisiert einem ganz klar: Eure moralischen Ansprüche könnts euch am Griller hauen. Es war immer so, und es wird immer so sein.“ Bela Koreny, ansonsten begleitend am Piano, stößt ins Jagdhorn, als Seberg ganz in Loden mit einem über der Schulter baumelnden Gewehr auf die Bühne poltert und sich mit dem breiten Grinsen der Siegessicherheit in das Bühnensofa plumpsen lässt.

Heinz Conrads: Ich hoffe, es ist geziemend, wenn ich Sie so anrede, wie Sie auch von Ihren Angestellten auf Ihrem Schloss im Burgenland angesprochen werden wollen, nämlich als „Graf Mensdorff“.

Alfons Mensdorff-Pouilly: Ich bin nur ein einfacher Bauer. Und ich bin stolz darauf.

Conrads: Vorbildlich, diese Bescheidenheit. Ein Bauer, der mit Diplomatenpass durch die Welt reist. Also ein Diplom-Landwirt. Und Sie sind natürlich kein Waffenlobbyist, wie Ihnen immer unterstellt wird.

Mensdorff-Pouilly: Der Waffenlobbyist ist eine Legende. Ich habe mich nie als solcher gefühlt oder gesehen.

Conrads: Leider ist das mit den Waffen nicht die einzige Unterstellung, gegen die Sie sich wehren müssen. Es wurde sogar behauptet, dass Sie mit illegalem Geld aus einem Waffengeschäft ein Schloss in Schottland gekauft hätten. Gehört dieses Schloss wirklich Ihnen?

Mensdorff-Pouilly: Nein.

Conrads: Nein, es gehört ihm also nicht. Das hat er auch unter Wahrheitspflicht vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss klipp und klar gesagt. Kennen Sie das Schloss überhaupt?

Mensdorff-Pouilly: Ja, ich kenne es. Die Firma, der das Schloss gehört, gehört einer ungarischen Firma – und die gehört der MPA Wien.

Conrads: Und die MPA Wien gehört …

Mensdorff-Pouilly: … mir.

Conrads: Und da haben niederträchtige Verleumder die Frechheit zu behaupten, Ihnen gehört das Schloss.

Mensdorff-Pouilly: Eine ungeheuerliche Anschuldigung, die jeder Grundlage entbehrt.

An sich sollte jetzt Eva Marhold in der Rolle der Justizministerin Claudia Bandion-Ortner ein herzhaftes Liedchen zum Vortrag bringen, aber das Ensemble terminlich zu koordinieren ist fast so kompliziert wie die wirtschaftlichen Verflechtungen des einfachen Waffen-Bauern. Auch Adele Neuhauser, bekannt aus der Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“, wird ihre Annäherung an den Ex-Finanzminister an einem anderen Tag ausprobieren. „Das hat man von so einem Starensemble“, stöhnt Regisseur Thomas Gratzer über den Organisationsirrsinn. Das Eröffnungsstatement von Neuhausers Karl-Heinz Grasser ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Auf die Ansage von Scheuba-Conrads „Sie sind doch so ein fescher Kerl“ antwortet der Bühnen-Grasser originalgetreu: „Natürlich bin ich vom Schicksal begünstigt. Ich könnt Ihnen Bilder zeigen, wo ich studiert hab, da habe ich Haare gehabt bis daher. Wie ich bei uns im Autohaus meiner Eltern gearbeitet habe, haben mich dann manche verwechselt mit einer Frau.“ Stattdessen tritt noch einmal der Zeremonienmeister Heinz Conrads auf und bringt den Abend in einem Schlussstatement auf den Punkt: Von einer einsamen Insel für Entrückte sind wir also zu einer blühenden Landschaft geworden. Und bevor man uns wegen „Korruption“ vorverurteilt, sollte man sich das Wort einmal genau anschauen. Es kommt von „Cor“, das ist lateinisch und bedeutet das Herz. Und „ruptio“ ist das Reißen. Korruption ist also, wenn man sich von ganzem Herzen zusammenreißt, damit was weitergeht. Was soll daran schlecht sein, besonders wenn es sich um das goldene Wienerherz handelt. Wie hat es ein Leitartikler der „Kronen Zeitung“ unlängst formuliert: „Und wenn schon, ist ja nicht verboten, sich Geld schenken zu lassen.“

Fotos: Monika Saulich für profil