Die Verbrechen des Josef F. - 'profil' über die Anatomie des Unfassbaren

Wie ein siebenfacher Familienvater eine seiner Töchter ein Vierteljahrhundert lang in einen Keller sperrte, mit ihr sieben Kinder zeugte, von denen drei nie die Sonne sehen durften, und trotz seiner einschlägigen Vergangenheit unentdeckt blieb.

Am 19. April, gegen sieben Uhr morgens, wurde ein Team des Roten Kreuzes in eine Amstettener Siedlung gerufen. Ein Notruf, ein Routinefall. Ein braun gebrannter älterer Herr erwartete die Rettungsleute vor einem der Zinshäuser und führte sie in ein finsteres Zimmer im Erdgeschoß. Auf dem Bett lag ein Mädchen, ein schmaler Körper in schweren Krämpfen, der Mund voll Blut, die Zähne in die Zunge verbissen, nicht ansprechbar. Es war doch kein Routinefall. Arzt und Sanitäter begannen den Kampf um das Leben des Mädchens: eine krampflösende ­Injektion, eine Sauerstoffmaske, Vorbereitung für den Transport ins Krankenhaus. Ohne dass sie es ahnten, war es der Anfang vom Ende eines Kriminalfalls ohne Beispiel. Dem Sanitäter erzählte der Mann, der sich als Josef F. vorgestellt hatte, er habe die junge Frau vor dem Hintereingang des Hauses gefunden. Ein Zettel sei dabeigelegen von seiner Tochter, die vor vierundzwanzig Jahren von zu Hause davongelaufen sei. Aus diesem Schreiben gehe hervor: Die Kranke sei seine Enkelin, leide seit ein paar Tagen an schweren Hustenanfällen, Schwindel und Phasen der Bewusstseinseinschränkung. Behandelt worden sei sie mit Hustensaft und Aspirin, doch die Krämpfe seien stündlich stärker geworden, und sie habe viel Blut verloren. Im Amstettener Krankenhaus wurde das Mädchen am Samstagmorgen an die künstliche Beatmung angeschlossen und der Primararzt der Intensivstation, Albert Reiter, geholt. Die Sache war ihm unerklärlich. Er fand keine äußeren Anzeichen für den Zustand der abgemagerten jungen Frau. Es ging nicht in seinen Kopf, „wie jemand in einem solchen Zustand vor einem Haus abgelegt werden konnte“. Im Laufe des Vormittags wurde Josef F. dann persönlich auf der Intensivstation vorstellig. Abermals erzählte er den Hergang der Auffindung, „sachlich und knapp“, erinnert sich Reiter. Und übergab ihm den Brief der verschollenen Tochter.

Darin stand, in Schulschrift: „Bitte helfen Sie ihr. Sie war noch nie zuvor in einem Krankenhaus. Sie hat sehr, sehr große Angst vor fremden Menschen. Ich habe meinen Vater um Hilfe gebeten, weil er der Einzige ist, den sie kennt. Wenn wir kommen, werden wir alles Weitere erklären … Wir kommen bald. Halte durch, es dauert nicht mehr lange. Wir lieben dich sehr.“ Das Schreiben trug die Unterschrift einer Elisabeth F. Weitere Untersuchungen zeitigten alarmierende Ergebnisse. Alle Organfunktionen waren entgleist. Die Computertomografie des Gehirns zeigte massive Hirnschwellungen und ein Ödem aufgrund von Sauerstoffmangel. „Dazu zwei eigenartige Zonen, vielleicht etwas Angeborenes“, mutmaßte Reiter. Der Internist konnte sich keinen Reim darauf machen. Er brauchte weitere Informationen, die Mutter, die Krankengeschichte des jungen Mädchens. Reiter informierte Josef F., dass er die Polizei verständigen werde und ­löste damit eine große Suchaktion aus. Im ORF-Fernsehen und in Zeitungen wurde die verschollene Mutter aufgerufen, sich zu melden, um das Leben ihres Kindes zu retten.

Die Gesuchte saß zu diesem Zeitpunkt schon wieder im Keller jenes Hauses, an dessen Schwelle die todkranke Tochter abgelegt worden war. Gemeinsam mit ihrem Vater hatte sie, vermutlich im Dunkel der Nacht, das kranke Kind über die Kellerstiegen hinaufgetragen und den brieflichen Hilferuf dazugelegt. Es war nicht der erste Brief. All ihre Briefe, die in den vergangenen 24 Jahren, seit dem 28. August 1984, dem Tag ihres spurlosen Verschwindens, in der Oberwelt aufgetaucht waren, hatte Eli­sabeth F. – offenbar unter massiver Drohung und Gewalt – in diesem Keller mitten im Amstettner Wohngebiet geschrieben. Briefe, die ungeheuerliche Taten decken sollten.

Der 73-jährige Josef F., Vater von sieben Kindern, missbrauchte seine zweitjüngste Tochter, Elisabeth, seit ihrem elften Lebensjahr, sperrte sie im Alter von 18 Jahren in den Keller ihres Elternhauses und zeugte mit ihr dort sieben Kinder, brachte drei dieser Kinder in die Oberwelt zu seiner Ehefrau – unter dem Vorwand, die missratene Tochter hätte sie an der Schwelle abgelegt –, ließ drei weitere Kinder, die nie das Sonnenlicht sahen oder einen Windhauch spürten, im Keller vegetieren und verbrannte die ­Leiche eines Neugeborenen, das kurz nach der Geburt starb, im Heizkessel des Hauses. Aber das wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Elisabeth F. war nach dem Hinauftragen der Kranken wieder in den Keller gesperrt worden. Und jetzt sah sie im Fernsehen den Aufruf, sie möge sich dringend im Krankenhaus melden. Man brauche sie, um das Leben ihres Kindes zu retten. Man kann sich vorstellen, dass das ihre letzten Kräfte mobilisierte. Vierundzwanzig Jahre hatte sie ausgeharrt, unter körperlicher Gewalt, emotionaler Erpressung, Angst und Scham, nie Hand an sich gelegt, nie aufgegeben, weil ja drei Kinder mit ihr in diesem Keller saßen, und jetzt drohte das älteste Kind, die 19-jährige Tochter, zu sterben, weil die Mutter offiziell als verschollen galt. Vermutlich setzte sie Josef F. gehörig zu, und die Unterwelt drohte zu entgleisen.

Am Samstag, dem 26. April , eine Woche nachdem das Mädchen eingeliefert worden war, rief Josef F. den Leiter der Intensivstation an und sagte, die verschwundene Tochter sei aufgetaucht, er wolle heute noch mit ihr ins Spital kommen, unter einer Bedingung: Die Polizei dürfe nicht informiert werden. Das war ein Fehler. Die rätselhafte Erkrankung des Mädchens, ihre blasse Haut, ihre Auffindung an der Türschwelle, die hartnäckige Ablehnung des Josef F., einen Gentest vornehmen zu lassen, was die Ärzte in Erwägung gezogen hatten, um die Krankheit der angeblichen Enkelin zu diagnostizieren – all das hatte das Stationspersonal miss­trauisch gemacht. Und jetzt wollte er keine Polizei. Aus dem Umkreis der Mediziner ging ein Hinweis an das Kommissariat, Elisabeth F. komme am Abend ins Spital. Eine Gelegenheit, sie festzuhalten.

Geständnis. So geschah es auch. Josef F. wurde beim Verlassen des Krankenhauses ebenfalls in Gewahrsam genommen. Im Polizeiauto ließ er die Beamten wissen, er werde nur im Beisein eines Anwalts sprechen. Josef F. muss geglaubt haben, sein Konstrukt würde halten, seine Tochter und die gemeinsamen Kinder, die bis dahin im Keller gelebt hatten, würden nicht wagen, die Wahrheit zu sagen. Blanko-Meldezettel für die Kinder hatte er vorbereitet. Im Wohnzimmer seines Hauses kauerten zu diesem Zeitpunkt die beiden verschreckten Buben, ein 18-Jähriger und ein Fünfjähriger, die nach heutigem Informationsstand nie zuvor in ihrem Leben Tag und Nacht gesehen hatten. Die im Keller geboren und aufgewachsen waren. Elisabeth F. war im Krankenhaus bei der ihr ein­getrichterten Geschichte geblieben, sie sei bei einer Sekte, habe sich jetzt aber davon gelöst. Als sie mit den Polizisten allein war und man ihr zugesichert ­hatte, sie müsse nicht mehr zum Vater zurück, begann sie ihre Geschichte zu erzählen. Die Beamten hörten, aber sie konnten es nicht glauben. Sie glaubten ihr erst, als Josef F. ihnen das Unglaubliche spät in der Nacht bestätigte. Die beiden Buben wurden noch in dieser Nacht aus der ­Wohnung der Familie F. ins Krankenhaus gebracht. Einer der ­Beamten sagte, sie hätten ganz langsam fahren müssen, die Buben seien bei jedem entgegenkommenden Scheinwerfer panisch zusammengezuckt. Und die Ehefrau des Josef F. war zusammen­gebrochen.

Am darauf folgenden Tag, es war Sonntag, beging die Polizei zur Spurensicherung den Tatort. Trotz Angaben der Tochter ­hatten sie den Eingang zum Verlies zunächst nicht gefunden. Josef F. führte sie zu einer Stahltür, die hinter einer vollgeräumten Stel­lage in einem der vorderen Kellerräume verborgen war, und verriet den Code, mit dem das Verlies zu öffnen war. Als der Amstettener Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze um die Mittagszeit kurz danach auf den Posten kam, um nachzuschauen, wer dieser Josef F. sei, nach dem internationale Fernsehstationen schon gefragt hatten, sah er einen „zermürbten, nur mit einer Flanelldecke der Polizei zugedeckten, völlig fertigen“ Mann. Am Tag darauf, am Montag, gestand Josef F. Er soll unter anderem gesagt haben, er habe Elisabeth vor ihrem programmierten Absturz ins Drogenmilieu bewahrt und es habe sich dann eben so ergeben, dass eine Zweitfamilie entstanden sei. Von da an sagte Josef F. auf Anraten seines Anwalts gar nichts mehr. Am Montag war die kleine Gasse hinter dem Tatort bereits zu einem Ort des Spektakels geworden. Kamerateams aus aller Welt rauften um Plätze für einen so genannten Aufsager, von dem aus man das so genannte Horrorhaus im Blick hatte. Wer über einen günstig gelegenen Balkon verfügte, vermietete ihn stundenweise. Nachbar Walter W. hatte Fernsehkameras auf der Dachterrasse seines Hauses stehen und erläuterte das Idyll im verwachsenen Garten der Familie F.: „Dort hinter dem Nussbaum hat er ein Biotop gemacht. Und dort neben der Garage hat er vor drei, vier Jahren sogar ein Hallenbad gebaut. Mit Salzwasser, damit er nicht so viel Chlor braucht. Die grauen Jalousien und die vergilbten Vorhänge der F.s sind immer geschlossen gewesen.“

Bezirkshauptmann Lenze gab Interviews im Minutentakt, auf Deutsch und Englisch, und erzählte, was er vom Verlies gesehen hatte: „Ich habe von der Türe einen Blick hinein gemacht, es macht einen sehr gepflegten, sauberen Eindruck.“ Der Bäcker und Cafetier an der Ecke war abends im Fernsehen. Er sagte, Josef F. habe bei ihm jeden Morgen zehn Semmeln gekauft. Er mochte nicht spekulieren, ob F. das frische Gebäck seiner offiziellen Familie brachte oder der versteckten im Keller. Auch ehemalige Mieter des Hauses wurden in den Tagen danach zu begehrten Auskunftspersonen. Sie erzählten, dass es ihnen strengstens verboten war, Keller und Garten zu betreten. Viele Amstettener kamen, um etwas loszuwerden. Christian P. meint: „Der hat ka Recht mehr zum Leben. I mochat kurzen Prozess. Der Schwarzenegger hat a so entschieden, und der ist auch Österreicher.“ Die Fantasien gehen bis zu Steini­gungs­sze­nen: „Ich tät sie hinhauen. Mit Genuss.“ Polizei, Justiz und Bezirksverwaltung gaben täglich Pressekonferenzen, NÖ-Sicherheitsdirektor Franz Prucher leitete mit den Worten ein: „A very warm welcome to all our guests from all over the world.“ Die Botschaft von Niederösterreichs Chefkriminalis­ten Franz Polzer lautete von Beginn an: Es hätte nie eine Chance bestanden, das Verbrechen zu entdecken. „Josef F. hat mit Perfektion eine Abgängigkeit der 18-Jährigen vorgetäuscht und diese Linie bis zuletzt perfekt verfolgt.“ Nach dem Geständnis von Josef F. sei der Kriminalfall „längst geklärt“. Der körperliche Zustand der Gefangengehaltenen sei „relativ gut“, beruhigte Berthold Kepplinger, der Leiter des Landesklinikums Mauer. Als könne das Geschehene weichgezeichnet werden, versuchte Chefkriminalist Polzer dem „Horror-Keller“ den Schrecken zu nehmen: „Das war nicht nur ein Horror-Keller. F. hat auch Farbe in die Räume gebracht.“ Zum Beweis ließ Polzer Fotos aus dem Verlies an Journalisten verteilen. Fotos der Schlafräume wurden aus Pietätsgründen nicht gezeigt. Die wenig sensible Begründung: „In den Betten wurden Kinder geboren und Kinder gezeugt.“
Über den Charakter des Täters und sein Verständnis der Gewaltbeziehung sagte Polzer: „Dieser Mann hat nicht nur über eine höhere sexuelle Potenz verfügt, er war auch herrisch.“ Er habe „seiner Tochter und Geliebten immer wieder Nahrungsmittel und Kleidung in diesen Keller gebracht“. Er habe seine Tochter „als neue Partnerin ausgewählt und mit einer neuen Beziehung ein neues Leben begonnen“.

Der Beschuldigte selbst hätte es nicht harmloser formulieren können. Fragen nach seinem Strafregister wurden nicht beantwortet. Josef F. galt als „rechtschaffener Bürger mit ausgezeichnetem Leumund“, sagte der Bezirkshauptmann am Tag der Entdeckung des Verbrechens. Der Jugendwohlfahrt, die die Familie seit 1993 zu beurteilen hatte, war nichts Problematisches bekannt gewesen. Am vergangenen Mittwoch saß eine Runde älterer Amstettener ratlos und verstört beieinander. Karl Dunkl, Friedrich Leimlehner und Franz Cikanek. Sie waren in den Nachkriegsjahren 1947 bis 1951 mit Josef F. in die Hauptschule in Amstetten gegangen. Gemeinsam hatten die vier Freunde die „Dunkl-Bande“ gegeben, die am Waldrand Indianer spielte. „Der Pepperl war nie der Häuptling. Gar nicht der Typ dafür. Nie aggressiv oder irgendwie anders auffallend, obwohl er – zwei Jahre älter als wir – uns körperlich überlegen war“, sagen sie. „Wir hatten alle nichts, aber der Pepperl hatte noch weniger. Mein Vater hat öfter gesagt, wennst zum Essen kommst, nimm den Pepperl mit, weil der so arm ist“, erinnert sich Franz Cikanek. Zögernd kommt der Vorfall aus dem Jahr 1967 zur Sprache, als Josef F. in der Vöest Linz beschäftigt war. Am 27. Oktober 1967 hatten die „Oberösterreichischen Nachrichten“ unter dem Titel: „Mehrfacher Vater von Polizei als gemeiner Sittenstrolch entlarvt“ berichtet, dass F. eine junge Krankenschwester in ihrer eigenen Wohnung bedroht und vergewaltigt habe. Davor sei er wegen versuchter Notzucht und Exhibitionismus schon „polizeilich registriert“ gewesen.

„Er galt bisher als anständiger und rechtschaffener Mann. Nun brachte ihn seine Triebhaftigkeit ins Gefängnis“, kommentierte damals der Journalist. Die Freunde erinnern sich nun doch recht genau. Sie hätten sich damals schon gefragt: „Ist das unser Pepperl?“ „In den Zeitungen stand, dass er immer mit einem Fahrrad in Linz unterwegs gewesen sein soll auf Ausschau nach Frauen, die allein zu Hause waren. Das soll eine Zeit lang gut gegangen sein. Dann aber hat es ihn erwischt. Er hat sein Fahrrad an der Hausmauer angelehnt, ist so in die Küche im Parterre geklettert und hat angeblich in dieser Wohnung eine Frau vergewaltigt. Danach ist er ja gesessen“, sagt Franz Cikanek. Ihrer Erinnerung nach hatte Josef F. immer schon in dem Haus gelebt, in dem er noch immer wohnt. An einen Vater oder an Geschwister kann sich keiner der Männer erinnern. Die Mutter des Josef F. habe aus unerfindlichen Gründen mit dem Familiennamen anders geheißen als der Bub und sei „ein altes, gebücktes, allein­stehendes, schwer arbeitendes Weiberl mit Kittel gewesen, die immer im Garten herumhantierte“. Doch in der Pubertät sei Josef F. „der Knopf aufgegangen“, sagt Leimlehner. „Plötzlich richtete er sich fesch her, begann wie ein Wilder zu lernen. Er hatte wohl beschlossen, aus seinem bisherigen Leben auszutreten und Karriere zu machen.“ Von da an sei er ein „Feschak“ gewesen, sagen die Freunde.

Klassentreffen. Beim Klassentreffen im Herbst 2007 habe man sich lustig gemacht über ihn, weil er seine Stirnglatze durch eine Haartransplantation bekämpfte. „Doch er war weder ein Angeber noch präpotent. Er hat nicht einmal geprahlt, Häuser zu besitzen. Er hat allerdings von sich aus erzählt, dass ihm seine abgängige Tochter Kinder vor das Haus gelegt habe“, sagt Leimlehner. Dabei habe er ihm offen in die Augen gesehen. Seine Frau habe bei diesem Treffen erzählt, dass er, der Pepperl, sehr viel arbeite in seinem Arbeitsraum im Keller. Dorthin ziehe er sich immer zurück zum Plänezeichnen. Sie selbst sei mit den Kindern voll ausgelastet. 2006 feierte das Paar goldene Hochzeit. Als die Taten des ehemaligen Schulfreundes vergangene Woche publik wurden, hatten sie einander sofort angerufen und sich ­wieder einmal gefragt: „Is des wirklich unser Pepperl?“ Die Geschichte von der missratenen Tochter, die „bei einer indischen Guru-Sekte“ gelandet sei, hatte Josef F. auch seinen Bekanntschaften in den Urlauben in Thailand erzählt. Einer dieser Spezis, ein Münchner Frühpensionist, verdient derzeit viel Geld mit dem Verkauf von Urlaubsfotos von Josef F. Ein anderer Münchner, Reiner Wieczorek, derzeit in Pattaya, hat im thailändischen Fernsehen Josef F. wiedererkannt. Da-mals vor acht Jahren sei ihm nichts Besonderes aufgefallen. Eine thailändische Frau habe F. „schon gehabt, aber das war es auch schon“. Rückblickend frage er sich, warum Josef F. „immer allein war, abends nie mitkam in eine Bar“. Von seiner Tochter, die ihm „zwei Kinder vor die Tür gelegt hat“, habe F. mehrmals und ungefragt erzählt. Wirkliche Freunde hatte Josef F. wohl keine. Jeder kennt nur einen Ausschnitt aus seinem Leben. Josef F. hatte schon kurz nach seiner Haft 1969 bei einem Amstettener Bauunternehmer eine Arbeit gefunden. Der neue Arbeitgeber wusste davon. Der Ingenieur galt als tüchtig und erfinderisch, blieb jedoch nur zwei Jahre.

Nach einem kurzen Zwischenspiel in Deutschland erwarb er 1972 einen Bauernhof mit 2000 Quadratmeter Grund, den er zu einer Gaststätte mit Fremdenzimmern und einem kleinen Campingplatz umbaute. Das Wirtshaus lief auf den Namen der Gattin, doch die äußerst verwinkelten und verschachtelten Umbauten, unter denen der derzeitige Pächter heute noch stöhnt, hatte Josef F. im Alleingang bewerkstelligt. 1983 brannte ein Teil des Gebäudes ab. Ein Gerichtsverfahren ­gegen F. wegen Brandstiftung und Versicherungsbetrugs wurde eingestellt. In den achtziger Jahren mussten die Töchter in den Sommermonaten im Service mithelfen. Auch Elisabeth F. arbeitete dort. Josef F. verkaufte das Wirtshaus 1996, vermutlich mit hohem Gewinn. Dazwischen hatte er sich (1994–1996) als Pächter in einem Gasthaus in Aschbach versucht. Für ein Mietshaus mit Geschäftslokalen in St. Pölten legte er 2004 rund 600.000 Euro hin. Zuletzt nannte er fünf Immobilien sein Eigen. Darauf ließ die niederösterreichische Landes-Hypothekenbank im Jänner 2006 Pfand­rechte von fast 2,3 Millionen Euro eintragen.

Lieblingstochter. Elisabeth F. galt als seine Lieblingstochter. In den siebziger Jahren, als der Vater seine zweitjüngste Tochter schon mehrmals missbraucht hatte (der Missbrauch hatte nach Aussage der Tochter vor der Polizei 1977 begonnen), wenn die anderen Kinder und die Gattin nicht da waren, könnte der Plan mit dem Keller in ihm gereift sein. Mitte der siebziger Jahre begann Josef F. jedenfalls den Keller mithilfe jugoslawischer Gastarbeiter um- und auszubauen. 1978 bekam er die behördliche Genehmigung für die Benützung des Schutzraums mit Toiletten und Sanitäranlagen. Im selben Jahr ließ er Elisabeth F. in das Grundbuch des gesamten Anwesens als Nutzungsberechtigte auf Lebzeiten eintragen. 1983 machte die Baubehörde eine Begehung der Räume. Elisabeths Freundin aus Kindheitstagen, Christa Woldrich, mit 42 Jahren ebenso alt wie Elisabeth, ist nie im Haus ihrer Freundin ge­wesen und diese nicht bei ihr. „Das war tabu“, sagt sie. Von dem, was der Vater ihrer Freundin antat, wusste sie nichts. „Wir mussten nach der Schule immer sofort nach Hause. Wir haben auf dem Weg heimlich eine gestohlene Falk geraucht, über die Buben geredet und über zu Hause. Doch nie, niemals hat sie etwas von ihren Problemen erzählt.“ Ende der siebziger Jahre besuchten sie die Hauptschule in Amstetten, in den achtziger Jahren den Polytechnischen Lehrgang. Beide Mädchen stammten aus kinderreichen Familien mit autoritären Vätern. „Unsere Familien waren irgendwie abgekapselt von den anderen, die vielleicht ein, zwei Kinder hatten und daher nicht so arm waren. Wir wurden sehr, sehr streng gehalten, selbst um zum Spielplatz zu gehen, brauchten wir eine besondere Erlaubnis“, sagt Woldrich über das gemeinsame Schicksal. Fernsehen sei nur ausnahmsweise erlaubt gewesen, eine Lieblingsmusik konnten sie nicht entdecken, weil sie keinen Kassettenrekorder besaßen und zu Hause im Radio nur Volksmusik lief.

Doch sie hatten einen Lieblingsfilm: „Der Junge, der sein Lächeln verkaufte“. Das war eine Serie, die Ende der siebziger Jahre im Fernsehen lief: Die Geschichte eines Jungen, den jeder gern hat, bis er sein strahlendes Lächeln an einen teuflischen Baron verkauft, der ihm dafür die Gabe verleiht, jede Wette zu gewinnen. In einem abenteuerlichen Kampf gegen den Baron, der von einer geheimen Kommandozentrale aus die ganze Welt überwacht, gelingt es dem Jungen, sein Lächeln zurückzuholen. Nach dem Polytechnikum trennten sich ihre Wege. Elisabeth F. begann eine Lehre als Kellnerin auf der Autobahnraststätte Strengberg. Bei den sporadischen Klassentreffen wurde immer wieder Elisabeths Sektenschicksal erörtert. „Ich habe gesagt, seids net deppert, des macht die sicher nie“, sagt Woldrich.
Von August 1984 an, als Elisabeths Eltern – beide angeblich weinend – im Polizeikommissariat saßen und die Abgängigkeitsanzeige aufgaben, ist von Elisabeths Leben nichts bekannt. Nur die ungefähren Geburtstage ihrer Kinder und die Briefe, die zu den angeblichen Findelkindern gelegt wurden.
Vergangene Weihnachten war wieder ein Brief von Elisabeth F. gekommen. Darin hatte sie ihre baldige Rückkehr angekündigt. „Vielleicht komm ich bald nach Haus. Ich bete jeden Tag.“ Josef F. muss wirklich gedacht haben, er könne seine zweite Familie anstandslos in das normale Leben integrieren.

Von Emil Bobi, Marianne Enigl, Martina Lettner und Christa Zöchling